Alpha-Netzwerk

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    Pollert Achim H.
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    Achim H. Pollert: So wie ich sind alle...
    SO WIE ICH SIND ALLE

    Achim H. Pollert (*), Journalist und Ghostwriter, über eine weit verbreitete Unsitte


    Fritz war ein guter Freund. Ein sehr guter Freund.

    Dass er eine bestimmte Neigung hatte, die mir nicht gefällt, fiel mir zum ersten Mal auf, als wir von Hunden sprachen. Ich selbst habe Hunde ganz gern. Allerdings würde ich mir nie so ein Vieh anschaffen einfach nur, damit ich einen Hund habe. Einen Hund habe ich, wenn ich eine Aufgabe für ihn habe. Was immer das im Einzelfall sein mag. Wache. Jagd. Schutz.

    Und so sagte ich einst zu Fritz, ich hätte ein eher "sachliches" Verhältnis zu meinen Hunden. Mein Freund Fritz, selber närrischer Hundehalter, riss auf diese meine Aussage hin die Augen weit auf. Beinahe als hätte ich etwas besonders Schlimmes und Verwerfliches von mir gegeben.

    Wie ich denn so etwas sagen könnte, befand Fritz da. Das glaubte ich ja wohl selber nicht. Er hätte schliesslich in seinem Leben auch Hunde gehabt. Und er wisse wohl auch, was für ein Verhältnis man zu so einem Tier habe.

    Und so fand ich heraus, dass Fritz geradezu reflexartig hier von sich selbst auf mich schloss.

    Weil er ein besonders enges emotionales Verhältnis zu seinem Hund hatte, ging er ganz natürlich und unmittelbar davon aus, dass dies bei mir - und bei allen anderen Menschen - ebenso ist. Dabei handelte es sich bei Fritz, wie gesagt, um einen regelrechten Reflex, der keiner weiteren Hinterfragung unterzogen wurde. Das betraf bei ihm sämtliche Lebensbereiche. So hatte er volles Verständnis für alle Raucher - solange die schwerst suchtabhängig sind, nur unter grössten Mühen auch nur wenige Stunden ohne Glimmstengel sein können, fortwährend unter ihrer eigenen Not des Rauchens leiden und nur mit grössten klinischem Aufwand überhaupt aufhören können zu rauchen.

    Denn genau so hatte es sich bei Fritz selber abgespielt. Jahrelang hatte er gegen den eigenen Willen gepafft, schwer abhängig, dieses und jenes erfolglos versucht, ohne dass ihm das Aufhören je gelungen wäre. Dass jemand eher kontrolliert raucht, dass es Leute gibt, die auch über Tage hinweg nicht rauchen, die nur nach dem Essen und somit nicht mehr als fünf Zigaretten täglich konsumieren - diese Tatsachen nahm Fritz nur unwillig zur Kenntnis. Dass es Menschen gibt, die gerne rauchen, weil es ihnen schmeckt, das kam in der Vorstellungswelt von Fritz nicht vor.

    Wer behauptete, er rauche gerne, weil es ihm schmeckt, der tat in Fritz' Augen nichts weiter als seine Sucht schön zu reden. Alles Schutzbehauptungen! Alles Ausflüchte! Alles nicht wahr

    MENSCHLICH VERSTAENDLICH

    Unter menschlichen Gesichtspunkten ist dieses Verhalten durchaus verständlich. Es zeugt sogar grundsätzlich von einem hohen sozialen Verantwortungsbewusstsein des Menschen, der es an den Tag legt. Fritz wollte das Bestreben und die Empfindungen seiner Mitmenschen nachvollziehen. Und nichts ist einfacher nachzuvollziehen als das, was einen selber tief bewegt.

    Somit war Fritz durchaus vom Wunsch beseelt, seine Mitmenschen - seine Angehörigen, seine Untergebenen, seine Geschäftspartner, seine Freunde - zu verstehen. Er wollte ihnen wahrhaft mitmenschliches Interesse entgegenbringen. Und das glaubte er, auf diese Weise zu tun.

    Das zumindest ist die eine Seite.

    Natürlich gibt es da noch eine Kehrseite. Denn meist, wenn wir von diesem Phänomen sprechen, geht es auch um die menschliche Schwäche. Die kleine menschliche Schwäche - wie das Rauchen, die besondere Anhänglichkeit an ein Tier, die Faulheit u.s.w. Aber durchaus auch die grössere menschliche Schwäche.

    Und da ist dann dieses Verhalten, von sich nahtlos auf andere zu schliessen, eben auch der Versuch, sich selbst ein wenig zu entschuldigen. Denn wer die Schwäche - wie aus der Pistole geschossen - identifiziert, sagt damit ja nichts anderes als: "Ich stehe zu dieser Schwäche - aber die anderen sind ja alle ganz genau so".

    Und so ist jedes Mal, wenn man einem begegnet, dem man diese Schwäche zuschreiben kann, eine willkommene Gelegenheit, wieder von sich selbst auf andere zu schliessen. Denn es ist Bestätigung dafür, dass man ja selber gar nicht so schlimm mit seinem kleinen Malheur ist.

    Und sicher: Solange sich dies im Bereich der menschlich verständlichen Schwächen bewegt, ist das alles zum Schmunzeln. Und natürlich ist man selber auch von solchen Verhalten nicht frei. Wer sich selber kritisch prüft, muss wohl auch einräumen, dass er nicht jeden Mitmenschen als "Original" auffasst sondern ihn durchaus auch am eigenen Charakter misst.

    Problematisch, für die Unternehmensführung richtig gefährlich, wird diese menschliche Neigung, wenn es in den ernsthaften Bereich geht.

    Wenn man Menschen in ihren tatsächlichen Fähigkeiten, Absichten und Charaktereigenschaften beurteilen will, dann ist dieses Von-sich-auf-andere-Schliessen ein gewaltiges Problem. Dann nämlich entstehen massive Fehleinschätzungen und Situationsverkennungen. Und in der Folge entstehen auch ganz massive unternehmerische Fehlentscheidungen.

    BEISPIELSWEISE EHRGEIZ...

    Wie ist das nun?

    Wenn etwa ein Vorgesetzter grossen persönlichen Ehrgeiz hat und ganz natürlich davon ausgeht, dass dies bei den Untergebenen ebenso ist. Wird dem nicht ein Mitarbeiter einfach nur undankbar erscheinen, wenn er ihm besondere Aufstiegschancen in Aussicht stellt und der nicht weiter darauf reagiert?

    Wie soll ein Chef, der von dieser selbstverständlichen Ehrgeiz-Vermutung ausgeht, diejenigen seiner Leute motivieren, für die eben nicht der Ehrgeiz im Vordergrund ihres Antriebsprofils steht?

    Und wie soll er bei dieser Gemütslage eigentlich verhindern, dass er sich über die Jahre einen ganzen Stall von Ehrgeizlingen heranzüchtet, während solche Leute, die über den Ehrgeiz eben nicht motivierbar sind - das gibt es wirklich!-, schon vor langer Zeit ausgestiegen sind, obwohl sie vielleicht als gute Mitarbeiter einen wichtigen Beitrag hätten leisten können.

    BEISPIELSWEISE EIGNUNGSTESTS

    Dies auch die gewaltige Problematik bei alle den psychologischen Eignungstests.

    Nicht nur dass solche Test in der Regel wissenschaftlich stümperhaft konzipiert und ausgeführt werden. Daneben steht auch diese Gefahr, dass die Durchführenden solcher Test sehr bereitwillig von sich selbst auf andere schliessen.

    Und dann wird einem da dann auf Grund mangelhaftester Methodik - etwa weil man Violett als seine Lieblingsfarbe bezeichnet - als Ergebnis eine "homophile Neigung" oder "innere Unsicherheit" oder "starke emotionale Ansprechbarkeit" bescheinigt. Wer dann meint, gegen solche pseudowissenschaftlichen Erkenntnisse noch etwas ausrichten zu können, erlebt wahrscheinlich eine ziemliche Ueberraschung.

    Denn wenn so ein Urteil auf den Schluss zurückgeht, den der Urheber oder Auswerter des betreffenden Tests von sich auf den Probanden zieht, dann sind Einwände kaum noch möglich. Da ersteht dann so eine fest betonierte Wand, an die man rund um die Uhr reden könnte.

    Irgendeine Einsicht, eine Zugänglichkeit für Vernunftargumente, gibt es dann auf der Gegenseite nicht mehr. Wer von sich auf den Rest der Menschheit schliesst, dem kommt alles von seinen "Erkenntnissen" völlig normal, natürlich und selbstverständlich vor. Und da ist dann kein Platz mehr für anderslautende Erwägungen.

    Was immer dann noch vorgebracht wird gegen solche "Ich-Du-alles-eins"-Erkenntnisse, wird als Ausflucht wegdiskutiert. Da wird einem gesagt, man wolle sich ja nur nicht der einen oder anderen unbequemen Tatsache stellen. Da heisst es, man würde die eine oder andere Veranlagung besonders überspielen - eben gerade weil man sie hat.

    Und so weiter.

    Aus Deutschland ist in dieser Hinsicht ja der sogenannte "Idiotentest" der Strassenverkehrsbehörden bekannt, bei denen auf Grund der Antworten in einem psychologischen Fragebogen festgestellt werden soll, ob jemand das Zeug zum Verkehrsrowdy hat. Auch hier haben sämtliche vernunftbegründeten Einwände nichts gefruchtet. Die einmal gefasste Meinung, dass der Rest der Menschheit genauso wie man selber ist, lässt andere Ueberlegungen offenbar dahinschmelzen wie Schnee an der Sonne.

    Also auch hier grosse Vorsicht: Wer in gespiegelten Tintenklecksen eben nur Tintenkleckse sieht - und keine Tänzer, Schmetterlinge, Blumenfelder -, braucht deswegen weder abnormal noch minder begabt zu sein.

    Wie überhaupt jemand nicht abnormal zu sein braucht, der nicht so ist wie man selber.

    BEISPIELSWEISE EIFERSUCHT

    Ich bin nicht eifersüchtig.

    Wer glaubt es?

    Die Erfahrung zeigt, dass ein Mensch, der selber sehr eifersüchtig ist, sich nur unter grössten Mühen vorstellen kann, dass jemand anders von dieser Leidenschaft frei ist.

    Im Alltag führt dies bei vielen Menschen zu eher kontraproduktivem Werbungsverhalten.

    Wenn man nämlich besonders auffällig vor den Augen des Objekts der Begierde mit einem möglichen Konkurrenten flirtet, dann riskiert man den kompletten Verlust eines Menschen, der nicht eifersüchtig ist. Ganz entgegen der landläufigen Vorstellung (die ja auch in TV-Filmchen und beim Komödienstadel heftig gepflegt wird) wird ein Mensch, der selber nicht eifersüchtig ist, keineswegs dazu bewegt, sich nun heftig ins Zeug zu legen und den/die Nebenbuhler/in auszubooten.

    Ganz im Gegenteil ist viel wahrscheinlicher, dass sich der nicht-eifersüchtige Mensch "mit bestem Dank" abwendet und nicht die Absicht hat, sich hier in eine bestehende Beziehung zu drängen. Je nach grundlegender charakterlicher Veranlagung wird der Nicht-Eifersüchtige ob solcher "Fleischversteigerung an meistbietend" auch durchaus angeekelt abwenden

    Dahinter bleibt ein Mensch, der die eigene Eifersucht wie selbstverständlich allen anderen auch zuschreibt, ohne jede Spur von Verständnis zurück. Das kann hingehen bis zur festen Ueberzeugung, dass man vom Gegenüber nicht geliebt wird. Hier ist dann ein weiterer Punkt, wo dieses selbstverständliche Schliessen von sich selbst auf die anderen zum ernsthaften zwischenmenschlichen Problemkreis wird.

    UND WAS TUN?

    Bekanntlich ist es nicht so ohne weiteres möglich, einen mit dem Verstand erkannten Zusammenhang so ohne weiteres umzusetzen, wenn - über Jahrzehnte gepflegte - Bauchgefühle dem entgegenstehen. Sicher ist man generell gut beraten, sich von diesen kleinen, eigentlich menschenunwürdigen Eitelkeiten frei zu machen.

    Und es ist nun einmal so, dass derjenige, der nicht so ohne weiteres von sich auf den Rest der Welt schliesst, eben unter dem Strich als der "bessere Mensch" dazustehen scheint. Und das wiederum macht es für viele nicht einfach, dieses Verhaltensmuster aufzugeben.

    Sicher sind wir auch gut beraten, wenn wir uns von bestimmten Boulevard-Meinungen freimachen - in der Hoffnung, dass sie dann auch nicht mehr allzu sehr publiziert und strapaziert werden.

    Aber letztlich ändern kann man doch nur sich selbst.

    Nur wenn man selber den Weg weg von diesem Verhalten des Schliessens auf die anderen findet, wird man zum wirklich freien Menschen. Zu einem, der sich nicht selber mit Gemeinplätzen betrügt. Der seine Urteilsfähigkeit über die anderen behält. Der die Dinge unter Kontrolle behält.

    Möglicherweise fähiger zu einer reifen Beziehung als andere. Möglicherweise der bessere Unternehmer und Vorgesetzte als andere.

    IST ALLES LERNBAR?

    Ob man so etwas lernen und üben kann?

    Ich weiss es nicht.

    Man könnte es immerhin versuchen.

    Also fangen wir an.

    Machen Sie die folgenden Aussagen mit sich ganz alleine ab:

    "Mir ist egal, was die anderen Menschen über mich denken."

    "Mir ist egal, was die anderen Menschen über mich reden."

    "Frauen gehen nur fremd, wenn sie Beziehungsprobleme haben. Männer können auch fremdgehen, wenn sie glücklich verheiratet sind."

    "Alle Dicken sind unglücklich und wollen unbedingt abnehmen - sie wissen nur nicht wie."

    Und wenn Sie mit diesen Punkten durch sind, dann nehmen Sie sich einfach einige weitere vor.

    Vielleicht nützt es.


    (*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Fachautor und
    Ghostwriter mit Tätigkeitsschwerpunkt in
    der Schweiz
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    Pollert Achim H.
    (not a XING member)
    WIE KOMMT ES, DASS DAS KEINER LIEST?
    Nun mal ehrlich... seit Wochen (und Monaten?) stehen ein paar von meinen
    Texten hier und werden mit armseligen Leserzahlen (Zugriffen)
    ausgezeichnet.

    Aber jedes Mal, wenn ich "meine Kontaktseite" aufrufe, sehe ich da ein paar
    Leute, die angeblich auf einen Beitrag in einer Gruppe geklickt haben sollen.

    Irgendwie stimmt da etwas nicht...

    ... aber ist ja auch egal.
  • Franz Schnyder
    Franz Schnyder    Premium Member   Group moderator
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    Re: WIE KOMMT ES, DASS DAS KEINER LIEST?
    lieber achim,

    vielleicht liest das ja jemand oder mehrere jemänder - aber es geht denen wie mir: soll ich darauf antworten? wenn ja was? du gibst ja ratschläge in deinem text. möglich, dass diese vom einen oder anderen nun befolgt werden...

    wir sind jetzt 56 in diesem forum. das ist eine sehr bescheidene zahl. und über das forum stolpert man als nichtmitglied nur mittels einer suche, in der z.b. alpha oder netzwerk und ähnliches vorkommen.

    vielleicht - eine weitere überlegung - müssten unsere texte provokativer sein? oder sollen wir alle eitelkeit hintanstellen und gar nicht darnach fragen, wer das nun liest?

    versuchs doch mal. das eine oder das andere ;-)

    herzlich!
    franz

    ps: die programmierung von openBC ist auch nicht über jeden zweifel erhaben. da passieren immer noch fehler - denkbar, dass deine echostatistik nicht ganz stimmt.
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    Pollert Achim H.
    (not a XING member)
  • Niels Warnecke
    Niels Warnecke    Premium Member
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    Re: WIE KOMMT ES, DASS DAS KEINER LIEST?
    Pollert Achim H. schrieb:
    Nun mal ehrlich... seit Wochen (und Monaten?) stehen ein paar von meinen
    Texten hier und werden mit armseligen Leserzahlen (Zugriffen)
    ausgezeichnet.
     

    Natürlich schreibt man, um gelesen zu werden. Aber worum geht es Ihnen? Um rein quantitative Zugriffszahlen?

    Aber um Sie aufzubauen: Ich lese Ihre Artikel gern, weil Sie mich zunächst mal unterhalten und interessante Denkanstöße geben. Ich würde mich freuen, wenn Sie dies als Motivation verstehen könnten, auch nur für eine geringe Anzahl Leser weiterhin Ihre Artikel bereit zustellen.