Altenpflege

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  • Dagmar Lipper
    Dagmar Lipper    Premium Member
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    Pflegekräfte und Controlling
    Was genau läßt Mitarbeiter aus der Pflege vor dem Controlling zurückschrecken?
    Warum ist es so unbeliebt?
    Wie müßte Controlling sein, damit dies anders wird?

    Ich bin gespannt auf die Antworten.

    Herzliche Grüße
    Dagmar Lipper
  • Jens Jabusch
    Jens Jabusch    Premium Member
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    Re: Pflegekräfte und Controlling
    Sehr geehrte Frau Lipper,

    das ist ja traurig, dass sich hier ein Jahr lang niemand gemeldet hat.
    Liegt wohl am Thema !?

    Ich denke, allgemein ist der kaufmännische Aspekt Pflegekräften nicht vertraut.
    Solange die wirtschaftliche Situation den Pflegekräften aber nicht transparent gemacht wird,
    werden sie misstrauisch bleiben. Zudem ist speziell das Aufgabengebiet "Controlling" in der
    Altenpflege noch nicht einheitlich definiert. Die Pflege verbindet damit wohl zunächst Kontrolle.
    Neben dem MDK, der Heimaufsicht, der Wohnbereichsleitung, der Pflegedienstleitung, der
    Heimleitung also noch ein Kontrolleur mehr !

    Planung und Steuerung, Strategien, Sicherung der Finanzen für das mittelfristige Bestehen am Pflegemarkt, rationelle Verwaltung: Solche Aufgaben und Ziele werden weniger dem Controlling zugeschrieben. Unternehmensleitung und Controller müssen intern die planerischen betriebswirtschaftlichen Prozesse transparent machen und mögichst alle MitarbeiterInnen daran beteiligen. Dann wird auch das Misstrauen langsam weichen.

    MfG Jens Jabusch
  • Dagmar Lipper
    Dagmar Lipper    Premium Member
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    Re^2: Pflegekräfte und Controlling
    Guten Tag Herr Jabusch,

    das findeichaber schön, daß Sie nach einem Jahr dennoch antworten. Die nicht vorhandenen Antworten zeigen ja, daß da was im argen ist.
    Ich wäre sehr angetan, wenn es gelänge, den kaufmännische und den pflegerischen Teil einander näher zu bringen. Ich bin fest davon überzeugt, daß Controlling sehr nützlich und lebendig für die Pflege sein kann.

    Herzliche Grüße
    Dagmar Lipper
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    Thomas Dempwolf
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    Re^3: Pflegekräfte und Controlling
    Hallo Frau Lipper,

    die Frage warum ist Controlling in der Pflege unbeliebt ist, ist sicher eine interessante.

    Ein Ansatz ist aus meiner Sicht, dass Pflegekräfte und Controller eine völlig andere Sprache sprechen und völlig andere Wertesysteme haben. Wenn man Pflegekräfte befragt, was ihnen an ihrem Beruf Spass macht, aber auch, welche Erfolge sie erzielt haben, dann werden sicher viele Antworten kommen. Die meisten werden in die Bereiche Kommunikation, Zusammenarbeit mit anderen Menschen, hohe fachliche Qualität weisen. Selbstverständlich wird auch das klassische Helfersyndrom nicht fehlen.

    Was jedoch fehlen wird in der Liste der Erfolge sind effezientes Arbeiten, Sicherstellung der wirtschaftlichen Existenz des Arbeitgebers, gute Zahlen. Dies sind aus der Sicht von Pflegekräften oft keine positiven Ergebnisse ihres Handelns. Hier ist zu überlegen, woran das liegen kann.

    Aus meiner Sicht liegt es an den alten Strukturen der Gesundheitsversorgung. Gesundheitsversorgung und damit auch die Pflege, mussten sich auf dem Markt nicht behaupten. Einrichtungen bekamen ihre nachgewiesenen Kosten refinanziert. Die einzige Chance die eigene Existenz zu gefährden lag in qualitativen Problemen.

    Deshalb ist die Arbeit oft auf höchste Qualität ausgelegt, auch im Bereich der Kontrollorgane. Eine Qualität die ohne Zwänge zur Effizienz durchaus existenzgefährend werden kann, wenn Finanzierungsmuster verändert werden. Hier kommt dann das Controlling als Spielverderber ins Spiel. Hier wäre aus meiner Sicht die Entwicklung eines gemeinsamen Wertesystems wichtig. Konsenz muss in diesem Falle sein, dass wirschaftliche und qualitative Grundbedingungen zu Bestand moderner Pflegeeinrichtungen notwendig sind.

    Freundliche Grüße aus Köln
    T. Dempwolf
  • Carmen P. Baake
    Carmen P. Baake    Premium Member
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    Re^4: Pflegekräfte und Controlling
    Hallo Frau Lipper,
    hallo Herr Dempwolf,

    die Vorbehalte von Pflegekräften gegenüber Controllinginstrumenten resultieren auch nach meiner Wahrnehmung daraus, dass Controller eine andere Sprache sprechen als Pflegekräfte - und das im wahrsten Wortsinn. Wenn Pflegekräfte mit "Fachchinesischen" oder in diesem Fall besser "Fachenglischen" Begriffen wie ROI, Turn around, Break even point etc. "bombardiert" werden, haben Controller vielleicht die Auswertungen und Analysen erledigt, waren jedoch nicht in der Lage, die Ergebnisse der Pflegekraft adressatengerecht zu vermitteln. Logisch, dass die Pflegekräfte in diesen Fällen den Nutzen, den das Controlling auch für sie haben könnte, nicht nachvollziehen können.

    Hinzu kommt, dass Controlling von einigen Einrichtungsträgern in der Pflege dazu genutzt wird, Pflegekräfte zu kontrollieren und zu gängeln. Das spricht sich natürlich herum und trägt nicht zu einem positiven Eindruck des Controlling auf Pflegekräfte bei. Leider gibt es auch Unternehmensberater für Pflegeeinrichtungen, die von Lohn-Stück-Kosten sprechen (nur weil sie vielleicht selbst mal in einem Bereich gearbeitet haben, in dem diese Kennziffer relevant ist). Dieser Begriff widerspricht aber den Werten von Pflegekräften absolut. Gott sei Dank gibt es auch andere Unternehmensberater für Pflegeeinrichtungen.

    Aus meiner Sicht wären folgende Punkte wichtig, damit Pflegekräfte ein Controlling akzeptieren und sogar aktiv nutzen:

    -die Vorgehensweise zur Ermittlung der Kennzahlen muss für Pflegekräfte 1 zu 1 nachvollziehbar sein (Stichwort: adressatengerechte Vermittlung)
    - sie müssen wissen, zu welchem Zweck die jeweiligen Kennzahlen ermittelt werden
    (Geht es um die Kontrolle der eigenen Arbeit oder um die Steuerung des Unternehmens)
    - es muss transparent sein, welche Vorteile die Arbeit mit Controllinginstrumenten für sie persönlich haben
    - die Pflegekräfte müssen wissen, ob und in welchem Umfang evtl. zusätzliche Datenerfassungen auf sie zukommen und wie der dafür notwendige Zeitaufwand bei der Bemessung ihrer Arbeits- bzw. Einsatzzeiten berücksichtigt wird

    Verantworlich für die Erfüllung dieser Punkte ist aus meiner Sicht der Controller in Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeber.

    Da Controlling eine wichtige Grundlage für die wirtschaftliche Unternehmensführung ist, hoffe ich für die Pflege, dass sich künftig mehr Unternehmensberater als bisher dieser Verantwortung stellen.

    Hinzufügen möchte ich, dass nicht jede Auswertung, die man als Controller machen könnte, im Einzelfall sinnvoll ist.

    Viele Grüße
    Carmen P. Baake
  • User photo
    Thomas Dempwolf
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    Re^5: Pflegekräfte und Controlling
    Hallo Frau Baake,

    ich finde es schön, dass wir uns über die unterschiedlichen (Sprach-)Welten von Pflegekräften und Controllern einig sind. Sehr nett finde ich übrigens die Bemerkung mit den Lohn-Stück-Kosten, ich habe mich zuletzt mit jemandem unterhalten der den begriff in Bezug auf Ambulante Pflege nutzte.

    Gleichzeitig finde ich nicht, dass Pflegekräfte durch den Einsatz von Controllern gegängelt werden sollen. Wenn wir davon ausgehen, dass es einen Markt für Dienstlestungen, aslo auch für pflegerische Dienstleistungen gibt und zudem davon ausgehen, dass nnur Dienstleistungen bestehen werden, die qualitativ hochwertig und wirtschaftlich sind, dann muss es ein Miteinander von Pflege und Controlling geben. Beide Partner haben in diesem Zusammenhang ihre Bestandsberechtigung und sollten auf Augenhöhe kommunizieren.

    Hier steht Controlling vor der Aufgabe wirtschaftliche Notwendigkeiten zu vermitteln. Aufgabe der Pflege ist die Vermittlung des Wissens, dass in diesem personalintensiven Bereich Qualität nur über die Menschen umzusetzen ist. Für beide Seiten bedeutet dies, selbstbewußt voneinander zu lernen. Hier fehlt es jedoch Pflegekräften auch oft um Willen zu gestalten. Oft diskutiere ich mit Pflegenden deren Qualitätsbegriff auf die Formel: "Viel Pflegezeit=hohe Qualität" reduziert werden kann. Wenn diese Menschen auf den Controller treffen, für den die Formel "Zeit=Geld" gilt, gibt es Probleme.

    Eine Ansatzpunkt zur Lösung ist hier eine Diskussion auf Augenhöhe, wie Qualität auf wirtschaftliche Weise sicherzustellen ist. Getragen von dem gemeinsamen Wunsch Pflege aktiv zu gestalten und nicht durch äußere Instanzen gestalten zu lassen.

    Freundliche Grüße

    Thomas Dempwolf
  • Heiko Menken
    Heiko Menken
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    Re^5: Pflegekräfte und Controlling
    Hallo Frau Baake,
    vielen Dank für Ihren Beitrag. Da ich in naher Zukunft eine Betriebswirtarbeit zum Thema "Controllinggerechte Kostenrechnung" in einem Seniorencetrum schreibe, hat er mir einige beachtenswerte Hinweise, insbesondere im Umgang mit dem Pflegepersonal, gegeben.
    Über meine Erkenntnisse zu diesem Thema werde ich berichten.
    Freundliche Grüße

    Heiko Menken
  • Dagmar Lipper
    Dagmar Lipper    Premium Member
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    Re^6: Pflegekräfte und Controlling
    Hallo allen Diskutierenden,

    jetzt macht es Spaß. Genau diese Diskussion wünsche ich mir und möchte folgendes dazu beitragen:

    -Controlling darf keine Kontrolle sein, sondern ist ein Instrument zur Steuerung eines Unternehmens, wobei es erst einmal unerheblich ist, ob es um Industrie oder Sozialwirtschaft geht. Die Schwerpunkte sind andere.
    - die unterschiedlichen Sprachen: die Herausforderung für einen guten Controller ist es doch gerade, die Fachabteilungen verstehen zu können, mit ihnen zusammen Kennzahlen oder qualitätive Steuerungskriterien zu erarbeiten.
    - modernes Controlling im sozialen Bereich bedeutet für mich zum einen, wie in Punkt zwei gesagt, passende Steuerungselemente zu entwickeln, aber auch viel mehr auf das zu hören, was den Fachabteilungen wichtig ist. Als Controller verstehe ich mich da als Dienstleister und Berater für alle anderen Bereiche. Zeitgemäß und wirkungsvoll ist Controlling dann, wenn es gelingt, von der Vision über die STrategie und Planung bis zum operativen Controlling durchgängige Regelkreise zu etablieren.
    - spannend finde ich zudem die wirkungsorientierte Steuerung. Zu schauen, ob die Arbeit auch Erfolg hat und diesen Erfolg mess- und damit darstellbar zu machen.

    Ich für meinen Teil bin davon überzeugt, daß Pflege und Controlling einen gemeinsamen Weg gehen können und damit extrem erfolgreich sein können, weil dann auch offene Führungsstrukturen entstehen und der Kunde ganz anders wahrgenommen wird.

    herzliche Grüße
    Dagmar Lipper
  • Carmen P. Baake
    Carmen P. Baake    Premium Member
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    Re^7: Pflegekräfte und Controlling
    Hallo Frau Lipper,

    vielen Dank für Ihr Statement, dass Sie als Controller Dienstleister und Berater der anderen Bereiche sind.

    Controlling ist schließlich kein Selbstzweck, sondern eine unterstützende Dienstleistung und zwar – da stimme ich Ihnen zu – unabhängig von der Branche. Pflegekräfte pflegen ja nicht, um Zahlen für das Controlling zu liefern.

    Bei kontinuierlichem Controlling kann jeder Unternehmer durch die Ergebnisse des Controllings sehen

    - Wie hat sich das Unternehmen in der Vergangenheit entwickelt?

    - Wie haben sich unternehmerische Entscheidungen ausgewirkt?

    - Wie steht das Unternehmen im Moment da?

    - Welche Potentiale hat das Unternehmen?

    - Welche Strategie ist sinnvoll, um diese Potentiale zu erschließen?

    - Welche Maßnahmen müssen konkret geplant und umgesetzt werden, um die strategischen Ziele zu erreichen?

    - Werden diese Maßnahmen eingehalten und bringen sie tatsächlich die erwarteten Ergebnisse?

    - Welche Hemmnisse treten auf und wie können diese behoben werden?

    - Ist eventuell eine Korrektur der Ziele erforderlich und falls ja, welche?

    Das natürlich nur mal ganz grob geschnitzt, ohne auf die möglichen Auswertungen im Einzelnen eingehen zu wollen.

    Einige Punkte sehe ich jedoch etwas anders als Sie.

    Aus meiner Sicht hat Controlling natürlich auch mit Kontrolle zu tun, vielleicht zunächst nicht mit der Kontrolle der einzelnen Pflegekraft, sondern mit der Kontrolle, ob zum Beispiel die anvisierten Ziele erreicht wurden.

    Diese kann jedoch in der Endkonsequenz durchaus Auswirkungen auf die Tätigkeit der einzelnen Pflegekraft haben. Ob das dazu führt, dass die Pflegekraft gegängelt wird oder ob im Team gemeinsam an der Verbesserung der Ergebnisse gearbeitet wird, hängt vom Führungsverhalten des Vorgesetzten und den im Unternehmen geltenden Werten ab. Und da gibt es zum Teil sehr große Unterschiede.

    Die Herausforderung für den guten Controller sehe ich nicht darin, die Fachabteilung bzw. den Auftraggeber zu verstehen. Das ist für mich die Basis jeglichen Controllings. Oder, anders gesagt, wie wollen Sie wissen, was Sie als Controller tun sollen, wenn Sie die Fachabteilung bzw. den Auftraggeber nicht verstehen?

    Die Herausforderung für den Controller sehe ich vielmehr darin, dass er/sie in der Lage ist, seine Vorgehensweise und seine Ergebnisse der Fachabteilung bzw. dem Auftraggeber zu vermitteln, und zwar so, dass diese/r damit tatsächlich etwas anfangen kann, ohne selbst zum Controller werden zu müssen.

    Darüber hinaus sollte der Controller auf diesem Weg auch in der Lage sein, der Fachabteilung bzw. dem Auftraggeber Kennzahlen bzw. Auswertungen nahe zu bringen, die aus seiner Sicht für die Unternehmenssteuerung sinnvoll sind, an welche die Fachabteilung bzw. der Auftraggeber aber selbst noch nicht gedacht haben – eben weil sie keine Controller sind.

    Viele Grüße

    Carmen P. Baake
  • User photo
    Thomas Dempwolf
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    Re^8: Pflegekräfte und Controlling
    Hallo Frau Baake,

    wir sind uns völlig einig, dass Controlling auch etwas mit Kontrolle zu tun hat. Auch mir ging der Ansatz Controlling als reine beratende Dienstleistung ohne Kontrollfunktion zu definieren zu weit.

    Eine Gängelung von Pflegekräften über ein Primat der Zahlen über die Inhalte, ohne den Willen gemeinsam zu Gestalten ist genauso abzulehnen wie ein Controlling ohne Kontrollfunktion und die Fähigkeit Schwachpunkte aufzudecken.

    Freundliche Grüße
    T. Dempwolf