Die Mobbingattacken innerhalb des Finanzunternehmens hatten der 42-jährigen Marianne M. schon seit Monaten schwer zu schaffen gemacht. Ihr überkorrektes Verhalten angesichts „diverser Schlampereien, die ich nicht vertuschen wollte“, hatte Sticheleien, Gespött und „viel Gerede hinter meinem Rücken“ zur Folge. Massive Schlafstörungen, Gereiztheit und Angespanntheit wurden zu ihrem seelischen Alltag. Als sich die Situation zuspitzte, nahm sie im vergangenen April das Angebot zu einer einvernehmlichen Kündigung an. Die ersten arbeitslosen Wochen verbrachte sie „in einem regelrechten Schockzustand“.
(...) Die Untersuchung, für die 500 Österreicher im Alter von 14 bis 65 Jahren befragt wurden, setzte sich auch in Form von Tiefeninterviews mit den Befindlichkeitsveränderungen von Arbeitslosen und Kurzarbeitern auseinander. Die wichtigsten Ergebnisse der Studie, die als Basis für die Vortragsreihen anlässlich des Tags der Psychologie im Wiener Rathaus am kommenden Freitag (siehe Kasten „Der Kongress“) dient, im Überblick:
„Ängstliche“ und „Machtlose“. Stress (24 Prozent) und das Gefühl von Unzufriedenheit und Frustration (21 Prozent) machen sich auch in der nicht unmittelbar betroffenen Gesamtbevölkerung stärker bemerkbar als vor der Krise. Die Freizeitaktivitäten mit Freunden nahmen ab. Nur 41 Prozent der Österreicher ordnen sich dem Segment der durch die Krise „nicht Belasteten“ zu; der Großteil davon sind Angestellte und Beamte. 24 Prozent gaben an, „leicht betroffen“ zu sein.
Zwei neue soziologische Post-Crash-Typologien kristallisierten sich im Zuge der Umfrage heraus: die „Ängstlichen“ (17 Prozent) und die „Machtlosen“ (18 Prozent). Erstere sind vorrangig in der mittleren Altersklasse mit höherem Bildungsstatus zu finden. Am bedrohlichsten empfindet diese Gruppe den Gedanken, „ihren Lebensstandard nicht halten zu können“ (62 Prozent), gefolgt von den „Sorgen um die Familie“ (55 Prozent). Dass der Verlust des Lebensstandards in diesem Segment vor den Sorgen um die nächsten Angehörigen rangiert, lässt tief blicken. Innerhalb der Gesamtbevölkerung dominieren die „Sorgen um die Familie“ (24 Prozent), die Angst, „den Standard nicht mehr halten zu können“ (21 Prozent), gefolgt von Sorgen um die persönliche Zukunft sowie das Gefühl der Machtlosigkeit (je 19 Prozent).
Das Grundgefühl der Ängstlichkeit manifestiert sich in Schlafstörungen, Gereiztheit, Niedergeschlagenheit, Stimmungswechseln und Ruhelosigkeit. Das Arbeitsklima wird innerhalb dieser Gruppe als belastend, der Konkurrenzdruck am Arbeitsplatz als steigend empfunden. Die zweite Gruppe ist durch ein Gefühl der Ohnmacht charakterisiert, den wirtschaftlichen Turbulenzen etwas entgegensetzen zu können. Ihr soziologisches Profil weist häufig geringe Schulbildung und ein Durchschnittsalter über 50 auf. Häufig sind darunter Frauen, die berufliche Ausstiegsszenarien durch jahrelange Kinderbetreuung schon hinter sich gebracht haben. In allen abgefragten Aspekten wiesen Arbeitslose und Kurzarbeiter eine drastisch schlechtere Lebensqualität als die Durchschnittsbevölkerung auf. So gaben etwa 66 Prozent der Betroffenen an, dass ihr Selbstvertrauen seit Beginn der Krise gesunken ist; bei der Durchschnittsbevölkerung liegt der Wert bei neun Prozent. Für 42 Prozent stieg der subjektiv empfundene Stress; 53 Prozent fühlen sich frustriert.
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Dieser Artikel wurde am 14.10.2009 um 22:24 Uhr geändert.



