Bauhaus

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  • Christian Gremme
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    Fagus Werk - Arbeiten im Denkmal
    Das Fagus-Werk in Niedersachsen könnte demnächst zum Weltkulturerbe erklärt werden - die Unesco selbst wird dann über den Erhalt der Fabrik wachen. Was das für die Produktion bedeutet, weiß noch keiner so richtig. von Ulf Brychcy

    Nur 300 Meter Luftlinie und die viel befahrene Eisenbahnstrecke Hannover-Göttingen liegen zwischen den beiden Fabriken, die eine gemeinsame Geschichte verbindet. Und doch trennt die beiden eine Demarkationslinie, wie sie schärfer kaum sein könnte - die zwischen Zerfall und Beständigkeit, zwischen Abstieg und Fortgang, zwischen Bedeutungslosigkeit und Avantgarde.
    Alfeld an der Leine, die nächste große Stadt ist das 50 Kilometer entfernte Hannover. Das eine Gebäude, ein gedrungener, dunkelroter Ziegelbau aus der Kaiserzeit, steht leer und taugt nicht mal als Fußnote in der Architekturgeschichte. Das benachbarte Ensemble jedoch, gelbes Ziegelmauerwerk mit großer gläserner Fassade und bald 100 Jahre alt, stammt von Bauhaus-Pionier Walter Gropius - und dürfte ab nächstem Jahr zum Weltkulturerbe gehören. Zum ersten Mal in Europa wird dann ein Fabrikgebäude, in dem noch produziert wird, unter dem Schutz der Unesco stehen.
    "Wir arbeiten hier in einem Denkmal", sagt Ernst Greten und klingt fröhlich. Seinem Bruder, ihm und der Familie gehört das Fagus-Werk, in vierter und bald fünfter Generation. Der 65-Jährige sitzt an einem wuchtigen Schreibtisch und blickt durch jene Glasfassade, die seine Firma für die Unesco erst interessant gemacht hat.
    Auf dem Sprung zum Weltkulturerbe: Das Fagus-Werk in Alfeld Auf dem Sprung zum Weltkulturerbe: Das Fagus-Werk in Alfeld
    Wohl zum ersten Mal in der Baugeschichte wurden hier in Alfeld 1911 eine komplette Wand und die Gebäude-ecken aus Stahl und Glas konstruiert. Drei Jahrzehnte später prägten diese vorgehängten Fassaden den internationalen Architekturstil - seitdem werden weltweit die meisten Hochhäuser nach diesem Prinzip errichtet.
    Greten ist der Besitzerstolz anzumerken: Schließlich gilt die gesamte Fabrikanlage als "Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft", wie es im offiziellen deutschen Aufnahmeantrag für Fagus in die Welterbeliste der Unesco heißt. Und die oberste Denkmalpflegerin des Landes Nordrhein-Westfalen, Birgitta Ringbeck, schwärmt: "Das ist ganz frühes Bauhaus, alles ist bestens erhalten." Sie selbst hat das Antragsverfahren begleitet und zweifelt nicht daran, dass Fagus im nächsten Jahr Welterbestätte wird. Zumal das Unesco-Gremium nicht immer nur Schlösser, Kirchen und historische Innenstädte in seine Liste aufnehmen will - endlich soll auch das industrielle Kulturerbe geschützt werden.
    Jetzt also ist das Fagus-Werk an der Reihe, kein klassischer Kulturtempel, sondern eine Fabrik, in der 350 Menschen arbeiten. Holzverarbeitungsmaschinen und Präzisionsmessgeräte werden in Alfeld für den Weltmarkt hergestellt, diese allerdings in benachbarten, neuen Hallen. Im eigentlichen Gropius-Bau fertigen die Fagus-Mitarbeiter Schuhleisten aus Spezialkunststoff. 80 Mio. Euro Gesamtumsatz hat das Unternehmen im vergangenen Jahr gemacht.
    Bald also dürfte die Unesco über die Werksgebäude wachen: Dann wird jede Umbauaktion von der Weltöffentlichkeit kritisch beäugt. Was das bedeuten kann, musste kürzlich erst die Stadt Dresden erfahren, als sie unter großem öffentlichen Getöse den Brückenbau im Elbtal zuließ. Darauf strich die Unesco das Flusstal von der Welterbeliste - für Dresden ein großer Imageschaden.
    Greten macht sich darum keine großen Sorgen. Außen werde Fagus unverändert bleiben. Und innen seien wie schon in der Vergangenheit durchaus Veränderungen möglich, wenn es die Produktion verlange, versichert er. Da habe es mit dem Denkmalschutz noch nie Probleme gegeben. Es könnte gleichwohl eine Gratwanderung werden.
    Greten geht es um das Erbe von Carl Benscheidt, dem Urgroßvater und Fagus-Gründer. Der überwirft sich 1910 mit dem Eigentümer der Schuhleistenfabrik auf der anderen Seite der Bahnlinie, verschafft sich Kapital in den USA und beauftragt für die neue Produktionsstätte den Baumeister, der vorher schon den klobigen Ziegelbau nebenan errichtet hat.
    Da aber taucht in Alfeld ein ehrgeiziger Jungarchitekt aus Berlin auf, der bald weltbekannt sein wird: Walter Gropius, der spätere Bauhaus-Mitgründer, der ganze Architektengenerationen prägen wird. Benscheidt ist begeistert von seinem schnörkellosen Fabrikentwurf; die Fassade aus Stahl und Glas ist ihrer Zeit weit voraus. So kann sich der Unternehmer von seinem Alfelder Konkurrenten und allen anderen Schuhleistenfabrikanten in Deutschland abheben.
    Gropius errichtet sein Erstlingswerk in drei Etappen: Es entsteht ein geordnetes Ensemble, gemauert in warmgelben Ziegeln, mit Sägerei, mit Lager-, Trocken- und Maschinenhaus, mit Arbeitssaal, Pförtnerhäuschen, Stanzmesserwerkstatt - und mit dem transparenten Hauptgebäude, das als Ursprungsbau der Moderne gilt.
    Dass Fagus die Jahrzehnte übersteht, ist nicht nur Gropius und der Familie zu verdanken. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg etwa ließ ein britischer Besatzungsoffizier die Fabrik unter Denkmalschutz stellen - und schützte sie damit vor Demontage und Zerstörung. Als die Gebrüder Greten dann 1974 bei Fagus einstiegen, war die Fabrik in einem angegriffenen Zustand: die Dächer marode, die Fertigung veraltet. "Und hinter der Glasfassade des Hauptgebäudes hingen Gardinen", erinnert sich Greten.
    Bei der Gebäudesanierung half der Denkmalschutz. "Immer in kleinen Abschnitten, bei laufender Produktion", sagt Greten. In zwei Jahrzehnten flossen knapp 7 Mio. Euro in die Restaurierung, "die Hälfte kam von uns", rechnet er vor. "Ich kenne nun jeden einzelnen Stein und jedes Stahlprofil."
    All das will Greten bewahren. "Aber nicht als Museum", sagt er. Oder höchstens ein bisschen: Fagus in der Hannoverschen Straße 58 in Alfeld steht jedem Besucher offen. Auch am Samstag und Sonntag.

    Quelle:
    http://www.ftd.de/lifestyle/outofoffice/:out-of-office-arbei...
  • Dr. Ralf Dorn
    Dr. Ralf Dorn
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    Re: Fagus Werk - Arbeiten im Denkmal
    Der Artikel lässt sich an folgender Passage ein wenig ergänzen:

    Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg etwa ließ ein britischer Besatzungsoffizier die Fabrik unter Denkmalschutz stellen - und schützte sie damit vor Demontage und Zerstörung.
    Es ist richtig, daß ein britischer Besatzungsoffizier das Denkmal unter Schutz stellen ließ, aber auf den Trichter kam der Offizier erst durch den Hannoveraner Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht (1910-1999). Dieser hatte 1929/30 erstmals Kontakt mit Gropius aufgenommen und war 1934 bei dem berühmten Bauhaus-Gründer für einige Wochen beschäftigt. Nach dem Krieg nahm Hillebrecht wieder Kontakt zu seinem berühmten Mentor auf. Daraus resultierte eine lebenslange Freundschaft. Im November 1949 schreibt Hillebrecht in einem Brief an Gropius, daß er bei den entsprechenden Verwaltungsstellen eine Unterschutzstellung beantragt habe, die schließlich auch genehmigt worden sei.

    Ergänzend zu den FAGUS-Werken in Alfeld an der Leine ließe sich auch das Haus Stichweh in Hannover anführen (heute Sitz des BDA Niedersachsen), für dessen Errichtung ebenfalls Hillebrecht den Kontakt zwischen dem Bauherrn Stichweh und dem Architekten Gropius herstellte.

    Grüße!

    RED