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America's Cup Das Duell der Kohlekraken
Von Walter Wille
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17. November 2009 Nur schwer zu überbieten ist der Unterhaltungswert des Milliardärsspiels America's Cup. Das gilt auch dann, wenn gar nicht gesegelt wird und ergibt sich aus der Tatsache, dass für die beiden Hauptpersonen, die seit zwei Jahren das Showprogramm gestalten, alles Mögliche eine Rolle spielt, nur Geld anscheinend nicht.
Herausforderer Larry Ellison und sein Rennstall BMW Oracle Racing sowie Titelverteidiger Ernesto Bertarelli und sein Alinghi-Team haben sich juristisch effektvoll ineinander verkeilt. Sie ziehen Klageschriften aus dem Ärmel wie andere Leute die Herz-10 beim Doppelkopf, es geht um die Auslegung der alten Stiftungsurkunde des Pokals, um Vorwürfe der Regelverbiegung, des Gemauschels, des Strebens nach unanständigen Vorteilen. Sie feuern mit Pressemitteilungen um sich, in denen der eine dem anderen und der andere dem einen mehr oder weniger deutlich unterstellt, die ganze Sache - also den Cup-Wettbewerb Nummer 33 seit 1851 - hinauszuzögern, weil er sich nicht traue, die Angelegenheit unter Männern auf dem Wasser auszutragen.
BMW Oracle hat ein 57 Meter hohes Tragflächensegel auf seinen Trimaran gestellt
Schweizermonster am Haken eines Helikopters
Irgendwann reicht's zwar, aber immer wenn das listige Fintieren, die Streitereien vor Gericht das Publikum anzuöden beginnen, reißen der Amerikaner und der Schweizer die Stimmung herum, erzeugen aufs Neue Gänsehaut. Das Erscheinen des futuristischen 30-Meter-Trimarans von BMW Oracle vor gut einem Jahr für das Duell der Duelle war so ein elektrisierendes Spektakel. Dann präsentierte Alinghi seinen Gegenentwurf, einen gleichfalls krakenartigen Katamaran von schneidender Schärfe.
Die vermutlich schnellsten, empfindlichsten Segelmaschinen aller Zeiten waren geboren und werden seither stetig weiterfrisiert. Neulich gingen atemraubende Bilder herum, wie das Schweizermonster am Haken eines Helikopters über die Alpen transportiert wurde. Bald darauf sah man es auf einem rauchenden Frachter in Ras Al Khaimah eintreffen, einem bisher nicht als Segelhochburg bekannten Emirat am Persischen Golf, wo Bertarelli allen Ernstes im Februar 2010 den 33. America's Cup veranstalten wollte. Ellison ließ ihn gerichtlich auflaufen.
Und nun das: BMW Oracle zaubert in San Diego etwas noch nie Gesehenes hervor, ein gigantisches Tragflächensegel, dem Flügel eines Düsenjets ähnlich. Die filigrane Kohlefaser-Kevlar-Konstruktion hat Rippen wie eine Modellfliegertragfläche und ist mit einer verletzlichen Folie bespannt. Das Gebilde besteht aus zwei Hauptteilen: Der vordere ist auf seinem Fuß drehbar gelagert und somit zum Wind anstellbar, der hintere mit neun Gelenken am vorderen befestigt und ähnlich wie die Landeklappen eines Flugzeugs einzustellen. Dieser hintere Teil besteht aus acht Segmenten ("Flaps"), deren Winkel zum Wind separat per Seilzug veränderbar ist.
Den Nachteil des etwas höheren Gewichts nimmt man in Kauf
Das Tragflächensegel soll die Möglichkeiten des Trimmens verbessern. Während ein normales "weiches" Segel im Wesentlichen nur über drei Punkte (Segelkopf, -hals, Schothorn) zu kontrollieren ist, stellt nach den Worten des an der Entwicklung beteiligten BMW-Ingenieurs Thomas Hahn die feste Variante der Crew ganz andere Mittel für eine optimale Einstellung von Profil und Verwindung zur Verfügung. Auch sei das Verhältnis des erzeugten Auftriebs zum Widerstand besser als bei einem herkömmlichen Rigg. Mit anderen Worten: Der Antrieb arbeitet effizienter. Den Nachteil des etwas höheren Gewichts - der Flügel soll ungefähr 3500 Kilogramm wiegen - nimmt man in Kauf. Die Erfahrungen der ersten Testfahrten seien extrem positiv, sagt Hahn.
Ein angenehmer Nebeneffekt des Tragflächensegels soll sein, dass die über Mast und Stagen in das dreirümpfige Fahrgestell geleiteten Lasten nicht ganz so immens sind wie üblich. Wenn das zutrifft, könnte man spekulieren, ob es nicht sinnvoll wäre, für das neue Rigg gleich ein neues Boot zu bauen, das noch leichter konstruiert werden könnte, weil es weniger auszuhalten hätte. Die Zeit bis Februar jedoch dürfte dafür nicht reichen. Weitere Fragen wirft der neue Antrieb auf, zum Beispiel jene, wie bei zunehmendem Wind die Segelfläche verkleinert werden kann. Während des Segelns sei das Reffen überhaupt nicht möglich, erklärt Hahn, nur im Hafen ließen sich einzelne Elemente der "Flaps" wegnehmen.
Rund um die Uhr wird er bewacht
Niemals zuvor hat man auf einem Segelboot mit einem derart riesigen festen Segel experimentiert. Auf Vorwindkursen wird zusätzlich noch ein Vorsegel gesetzt, an der Kreuz wird wohl darauf verzichtet. Das in Anacortes (Bundesstaat Washington) in etwa 40.000 Arbeitsstunden gefertigte, 57 Meter hohe Teil ist dem Syndikat zufolge annähernd doppelt so groß wie die Tragfläche einer Boeing 747, mithin recht unhandlich. Man kann es nach einem Segeltag nicht einfach in einen Sack stecken und von Bord tragen. Wohin damit? Zurzeit bleibt es auch in den Nachtstunden stehen: Man lässt den Trimaran vor Anker schwojen, damit er sich in den Wind drehen kann und nicht beschädigt wird. Rund um die Uhr wird er bewacht.
Unter solchen Umständen sind präzise Wettervorhersagen nicht nur für die Segelstunden, sondern auch die Ruhephasen erforderlich. Montage und Demontage sind aufwendig: Vor dem ersten Probeschlag dauerten der Transport des "Wing Sail" aus der Halle und das Aufstellen an Bord zwölf Stunden; die Helfer begannen nachts um zwei, damit am folgenden Nachmittag gesegelt werden konnte. Man wolle versuchen, das in Zukunft ein wenig schneller hinzubekommen, heißt es.
Es bleibt unterhaltsam
Vor allem die Segler müssen lernen, mit dem Ding umzugehen. Sie zählen zu den besten der Welt, aber auch bei denen klappt nicht immer alles, wenn unentwegt Grenzbereiche zu ertasten sind. Vor anderthalb Wochen brach ihnen bei Testfahrten vor San Diego der kirchturmhohe (herkömmliche) Mast, krachte an Deck und ins Wasser. Dieses Missgeschick war allerdings nicht der Grund dafür, dass jetzt die Geheimwaffe gezückt wurde. Das war ohnehin geplant, denn die Zeit zum Ausprobieren ist knapp, wenn der Zweikampf tatsächlich, wie in der Diskussion, Anfang Februar stattfinden sollte. Und verstecken lässt sich so was nicht. Überdies verfügen die Amerikaner nach eigenen Angaben über zwei weitere intakte Normalmasten.
Ob nun tatsächlich der Flügelmast zum Einsatz kommt, ist keineswegs sicher. Das hängt unter anderem vom Segelrevier und von den zu erwartenden Wetterbedingungen ab. Ob wirklich in drei Monaten gesegelt wird, ob in Valencia, wonach es derzeit aussieht, oder doch vor Australien oder sonstwo, welche Überraschungen BMW Oracle und Alinghi noch im Köcher haben - wer weiß das schon. Es bleibt unterhaltsam.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, Gilles Martin-Raget/BMW Oracle Racing
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