Bergisches Land Network

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  • Reiner Angermeier
    Reiner Angermeier
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    Re^17: Aderlasstermine nach Hildegard von Bingen im März 2009
    Oha, da haben ja ein paar Mittelalterexperten spannende Diskussionen geführt.
    Da ja hier ein „Augenzwinkern“ eindeutig gewünscht ist, erlaube ich mir, mit einem solchen zu bemerken, dass es die Evolution menschlichen Bewusstseins bei manchen Zeitgenossen wohl nicht einmal bis ins Mittelalter geschafft hat...
    Eine besondere menschliche Qualität ist m. E. die Nutzung des Verstandes, die z.B. auch beinhaltet, sich erst einmal Wissen über eine Materie anzueignen, bevor man sich ein Urteil bildet und – was ja fast noch schlimmer ist – seinen Senf dazu loswird.
    Andere zutiefst menschliche Eigenschaften, die mir persönlich und in meiner Arbeit mit Menschen sehr wichtig sind, kennzeichnen den Menschen als soziales Wesen. Doch nicht jedem scheint hier die Fähigkeit gegeben, einander in einer wertschätzenden Haltung zu begegnen. Und dabei behaupten die meisten doch von sich, sich weiter entwickeln zu wollen – wie soll dies gehen, wenn man immer nur auf seinen eigenen Nabel schaut und sich selbst in einem etwas eingeschränkten Weltbild und fest gefahrenen Bahnen gefangen hält, statt sich die Offenheit zu bewahren, andere, fremde Horizonte zumindest einmal zu betrachten? – Ja, in mancherlei Hinsicht leben wir wohl wirklich noch im finsteren Mittelalter.... – einer Zeit im Übrigen, in der der Aderlass tatsächlich von den damaligen Schulmedizinern arg missbraucht wurde, die ihn grundsätzlich und vor allem dann exzessiv anwendeten, wenn ihnen sonst nichts mehr einfiel. Dass dabei der ein oder andere Patient seinem schweren Blutverlust erlag, wurde als gottgewollt hingenommen. Ein Glück, dass die Schulmedizin der heutigen Zeit gewissenhafter vorgeht.
    Zum Hildegard´schen Aderlass mag ich ja nun ungern was sagen, möchte ich mich doch weder den Eindruck erwecken, mich für das zu rechtfertigen, was ich aus voller Überzeugung und mit Erfolg praktiziere, noch möchte ich hier in irgendeiner Form Überzeugungsarbeit leisten. Wer glaubt, dass diese Therapieform „Schwachsinn“ sei, der braucht sie ja nicht in Anspruch nehmen, verschone mich aber bitte auch mit seinem eigenen Schwachsinn.
    Diejenigen aber, die an -sachlichen (!)- Informationen interessiert sind, die dürfen jetzt weiterlesen.
    Der Aderlass blickt auf eine Tradition zurück, die sich über mehrere tausend Jahre belegen lässt, spielte er doch bereits in der ayurvedischen Medizin, die als „Mutter“ der gesamten, auch unserer westlichen Medizin, angesehen wird, eine wichtige Rolle. Auch in der traditionellen abendländischen Medizin, wurden und werden Ausleitungsverfahren, zu denen auch der Aderlass gehört, über die Jahrhunderte hinweg praktiziert. Das Überdauern einer solchen Technik über so einen langen Zeitraum, würde jeder Evolutionstheorie widersprechen, die belegt, dass nur das fort besteht, was auch Sinn macht. Oder könnte es sein, dass Generationen von Menschen sich irren, während die vergleichsweise „junge“ allopathische Medizin in allem recht hat? Das Prädikat „unwissenschaftlich“ ist immer auch ein Ausdruck des jeweils herrschenden Wissenschaftsbegriffs – und der hat letztendlich einzig das Ziel, uns zu einer Orientierung in einer hochkomplexen Welt zu verhelfen, bedeutet also immer auch Reduktion, bedeutet Konstruktion. Diese Konstrukte machen Sinn, sollten aber nicht mit „Wirklichkeit“ verwechselt werden.
    Doch zurück zum Aderlass: Beim Aderlass nach Hildegard handelt es sich um einen Stoffwechsel-, nicht um einen Volumenaderlass. Dies hebt ihn in seiner Wirkungsweise somit auch deutlich von der einer Blutspende ab.
    Bei einer Blutspende werden 500 ml Blut abgenommen. Dies wiederum stellt eine erhebliche Belastung für den Körper dar und ist deshalb nicht zu empfehlen. Beim Aderlass nach Hildegard werden nur ca. 150 - 180 ml abgenommen und das höchstens alle 6 Monate.
    Aber warum wenden wir nun in unserer Praxis solche mittelalterliche Therapien an, wo doch jeder von uns, nicht nur die Mittelalterexperten, ganz genau wissen wohin dieses ganze blutegeln, schröpfen und zur Ader lassen geführt hat?
    Vielleicht zum Verständnis noch etwas zum Pathomechanismus:
    Durch falsche Ernährung / zuviel, wenig Bewegung, Stress, Umweltgifte etc. sind unsere Körper und die Entgiftungsorgane Leber, Niere, Lymphe, Lunge, Darm und Haut massiv überfordert. Schafft es der Körper nicht diese Stofwechselprodukte und Gifte auszuleiten, werden diese im Bindegewebe abgelagert. Sind diese Speicher irgendwann voll, wird der Mensch krank, chronisch krank. Unsere Wohstandserkrankungen: Rheuma, Allergien, Autoimmunerkrankungen, Diabetes, Hypertonie, erhöhte Blutfettwerte, erhöhter Hämatokrit, Übersäuerung etc. ( wers noch gerne etwas wissenschaftlicher mag, dem empfehle ich Pischinger: das System der Grundregulation). Und nun kommen die klassischen Ausleitungstherapien ins Spiel. Ausgeleitet werden kann über die oben genannte Entgiftungsorgane, z. B. durch Schröpfen, Schwitzen, Einlauf, Abführen, Baunscheidtieren, Rödern, Blutegel, Kantharidenpflaster, Fasten, Bürsten, Massagen und eben durch den Aderlass.
    Anerkannter Experte auf dem Gebiet der Hildegardmedizin ist Dr. Wighard Strehlow (kein Folterknecht , der im Mittelalter schon Bücher schrieb, sondern Arzt und Heilpraktiker der heutigen Zeit). Laut Strehlow kann der Aderlass bei folgenden Indikationen eingesetzt werden:
    - Verbesserung und Entgiftung des Gesamtstoffwechsels bei Fettstoffwechselstörungen, Diabetes, Gicht, Rheuma und Arthritis
    - entzündungshemmend und schmerzbeseitigend bei akuten und chronischen Entzündungen
    - bei Hormonregulationsstörungen ( Dysmennorrhoe, M. Basedow, im Klimakterium)
    - bei Stauungszuständen durch Blutfülle (Polyglobulie, Hämorrhoiden, Krampfadern, Stauungen im Pfortaderkreislauf)
    - neurologische und Erkrankungen und Psychiatrie (M. Meniere, Epilepsie, Migräne, Depressionen, Schwindel)
    - Hauterkrankungen ( Neurodermitis, Akne)
    - Herzinsuffizienz, Hypertonie
    und noch ein paar mehr (Quelle. Strehlow: Hildegard Heilkunde von A-Z
    Als Kontraindikationen nennt er Anämie, ausgeprägte Körperschwäche, akute Angina Pectoris Anfälle und akute Infektionskrankheiten.
    Laut Strehlow wirkt der "Aderlaßschock" auf Hypothalamus und Hypophyse, die wiederum auf Nebennierenrinde, Schilddrüse und Keimdrüsen wirkt, das ganze Hormonssystem wird aktiviert.
    Und was hat das mit dem Vollmond auf sich?
    Tja, es gibt auch Menschen, die glauben, dass der Menstruationszyklus ganz zufällig alle 28 Tage von statten geht und gar nichts mit dem Mond zu tun hat. Wieso soll eine so starke Energie, die Gezeiten bewegt, nicht auch anderweitig auf unseren Körper einwirken?
    Ob die vorgebrachten Argumente nun die Mittelalterexperten überzeugen, ist mir eigentlich völlig egal. Ich möchte nur nicht dass ich mit einem bewährten Therapieverfahren in Misskredit gebracht werde.
    Bei den oben genannten Erkrankungen kann man natürlich statt der Naturheilkunde auch der chemisch pharmazeutischen Industrie sein Vertrauen schenken und bis zu seinem Lebensende ACE-Hemmer, Lipidsenker,Cortison, Psychopharmaka oder Schmerzmitel schlucken und Hormone substitieren, meins ist das eben nicht!
  • Magdalena Salvato
    Magdalena Salvato
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    Re^18: Aderlasstermine nach Hildegard von Bingen im März 2009
    Lieber Kollege,

    danke für langen Beitrag. Immerhin kann sich bringt es etwas mehr Licht in die Sache und jeder kann sich überlegen, ob das stimmig erscheint oder nicht.

    Wir sind uns einig, dass viele Krankheiten durch Überlastung des Organismus zu stande kommen und auch in dem Punkt, dass es in vielen Fällen sinnvolle Alternativen und Ergänzungen zur sogenannten Schulmedizin gibt.

    Ich kann mir auch vorstellen, dass durch Blutentnahme die Blutbildung angeregt wird. Und die neu gebildeteten roten Blutkörperchen sind ja bekannterweise mobiler und kleiner und versorgen daher die Zellen besonders gut mit Sauerstoff. Das mag in manchen Fällen sinnvoll und hilfreich sein.

    Wo ich aber schon wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen muss, ist der Hinweis auf psychatrische und neurologische Krankheiten, wie z.B. Epilepsie, welche mit Aderlässen zu behandeln wäre!!!

    Tut mir leid, aber das finde ich einfach unverantwortlich!!

    Schön wäre doch, wenn die Mediziner aller Fachrichtungen auch ihre Grenzen sehen würden und damit sorgsam mit den Hoffnungen und Ängsten der Patienten umgehen würden!!


    Magdalena Salvato
  • Christa Beckers
    Christa Beckers    Premium Member   Group moderator
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    Re^19: Aderlasstermine nach Hildegard von Bingen im März 2009
    Vielen Dank für den ausführlichen Artikel Herr Angermeier, ich habe dazugelernt!

    Ich freue mich, wenn Sie weiterhin über Ihr Angebot in diesem Forum berichten.

    Die "augenzwinkernden" Anmerkungen anderer Teilnehmer und Versuche, eine fachliche Diskussion über Kleinigkeiten vom Zaun zu brechen, überlese ich zukünftig einfach - im Sinne eines toleranten Miteinander.

    Viel Erfolg weiterhin.
    Christa Beckers
  • Reiner Angermeier
    Reiner Angermeier
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    Re^19: Aderlasstermine nach Hildegard von Bingen im März 2009
     
    Wo ich aber schon wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen muss, ist der Hinweis auf psychatrische und neurologische Krankheiten, wie z.B. Epilepsie, welche mit Aderlässen zu behandeln wäre!!!

    Liebe Kollegin,
    ich habe nun erst einmal wiedergegeben, welche Indikationen in der Literatur genannt werden. Das bedeutet nicht, dass ich oben genannte Erkrankungen mit dem Aderlass behandele. Allerdings gibt es natürlich diese Zusammenhänge zwischen Stoffwechselgeschehen und neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen. Neuere Erkenntnisse belegen diese Zusammenhänge. Laktoseintoleranzen, Darmdysbiosen tangieren ganz häufig diese Bereiche. Nicht gebundenes Ammoniak als Abbauprodukt der proteolytischen Darmflora passiert die Blut-Hirnschranke, Fußelalkohole als Resultat eines gestörten Kohlehydratstoffwechsels belasten massiv die Leber und und machen uns permanent "betrunken". Warum verschwinden eigentlich Depressionen, wenn der Darm saniert wird?
    Dies ist ein spannendes Feld, das meines Erachtens noch viel zu wenig Beachtung findet!
    Viele Grüße
    Reiner Angermeier