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  • Das Urteil zurückstellen - Ja! Aber auch die eigenen Werte und die Moral draußen lassen? 06 Nov 2009, 12:14 am

    Hallo zusammen

    gestern war ich bei einem Coaching-Treffen und wir haben darüber diskutiert, dass man sein eigenes Urteil über eine Person (z.B. den Klienten) oder eine Situation beim Coaching zurückstellen sollte. Eine Teilnehmerin schlug vor, das Urteil bewusst durch Mitgefühl zu ersetzen.

    Es kam dann zu einer Diskussion über Werte und Überzeugungen. Zuerst ist es immer hilfreich, sich darüber klar zu sein, dass wir alle voll von solchen Werten sind und meistens davon ausgehen, dass auch unser Gegenüber unsere Werte teilt. Zum Beispiel hatte ich interessante Begegnungen in Trailer-Parks im Süden der USA, wo alle Leute, mit denen ich sprach, ganz fest davon ausgingen, dass ich ihren Rassismus teilte.

    Streng genommen: Sollte ich dazu in der Lage sein, einen Rassisten zu coachen? Dafür müsste ich meine Werte eventuell zurückstellen, wie einen Regenschirm an der Tür zur Sitzung abgeben. Verschiedene Teilnehmer waren der Auffassung, wir könnten unsere Werte nicht zurückstellen. Sogar die Leiterin des Kurses schieß sich letztlich darauf ein, dass man das auch aus Authentizitäts- und Integritätsgründen nicht tun sollte, was ich verstehen kann. Ich denke jedoch, dass wir sehr wohl unsere Werte zurückstellen können, z.B. wenn wir an einem Spiel teilnehmen, uns von einem Kriminal-Roman fesseln lassen oder sogar mal einen Stift aus dem Büro mitgehen lassen.

    Was denkt ihr dazu?

    Mehr auf meinem Blog zum Thema: http://coaching-logbuch.blogspot.com/search/label/%C3%9Cbung...
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  • Re^2: Das Urteil zurückstellen - Ja! Aber auch die eigenen Werte und die Moral draußen lassen? 06 Nov 2009, 12:08 pm

    Hallo Zusammen!

    Interessante Frageformulierung.
    Meine persönliche Antwort: Ich nutze ein unverbindliches Erstgespräch, um mich für oder gegen einen Auftrag zu entscheiden. wenn mir ein Klient zuwider wäre, würde ich ihn ablehnen.
    Im darauf folgenden Coaching selbst, haben meine eigenen Wert- und Moralvorstellungen allerdings nichts zu suchen. Ich bin der Überzeugung, dass ich deshalb zu schnellen und nachhaltigen Ergebnissen gelange, weil es mir gelingt ohne Mitgefühl in den Klienten zu schlüpfen und seine Situation mit meinen Ressourcen wahrnehmen kann.

    Ich schreibe bewußt "ohne Mitgefühl"! Ich nehme die Gefühle des Klienten wahr, aber es bleiben seine Gefühle.

    Mit besten Wünschen,

    Olaf Dreier
  • Re^3: Das Urteil zurückstellen - Ja! Aber auch die eigenen Werte und die Moral draußen lassen? 07 Nov 2009, 12:25 am

    Vielen Dank für eure Antworten! Interessante Standpunkte und beide sehr nachvollziehbar.

    Ich würde wohl eher Olafs "Ohne-Mitgefül-Ansatz" nachvollziehen. Obwohl das gegen alles geht, was man so landläufig beim Coaching lernt: Empathie, "unconditional Regard", Support etc.

    Ich kann mir auch vorstellen, dass mich gerade das Fremde im Klienten reizt, dass es meine Neugier stimuliert. Oder - um mal beim Rassisten zu bleiben - sich mir die Frage aufdrängt: "Wie kommt ein gesunder Mensch dazu, so etwas zu vertreten oder zu gleuben?" Solche Fragen wecken Neugier, Interesse und den Willen, dem andern dabei zu helfen, über sich hinauszuwachsen.

    Was Sabine sagt, klingt jedoch vernünftiger und gesünder: Wenn man jemanden nicht ausstehen kann oder seine Werte so abwegig sind, dass gar keine Identifikation möglich ist, dann sollte man vielleicht nicht zusammen arbeiten. Auch die eigene Authentizität kann eben darunter leiden, was zu einem weniger erfolgreichen Ergebnis führen würde.

    Ich werde an der Idee mal dran bleiben... scheint mir nicht ganz trivial zu sein.

    Danke noch einmal und ein schönes Wochenende,

    Gilbert
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  • Re^8: Das Urteil zurückstellen - Ja! Aber auch die eigenen Werte und die Moral draußen lassen? 08 Nov 2009, 1:02 pm

    Emphatisch und empathisch! Das ist ein gutes Begriffspaar. Und ich denke auch, dass darin eben die Kunst besteht: Empathie aufbringen, selbst wenn das Gegenüber in allerlei Hinsichten von den eigenen angestrebten Werten abweicht, indem man zeitweise "von der eigenen Lebenswelt Abstand" nimmt. Emphase... nun ja - das ist vielleicht eher der eigene Stil. Ich bin da weniger emphatisch.

    Als Coach würde ich jedoch idealerweise mit Leuten arbeiten, die aus eigenem Antrieb kommen und nicht "geschickt" werden. Wie gehen Sie damit um, wenn Klienten gar nicht mit eigenem Veränderungswillen an Sie herantreten, sondern im ungünstigsten Fall auch noch defensiv sind, weil sie zu etwas geschickt wurden, auf dass sie keinen Bock haben?
  • Re^9: Das Urteil zurückstellen - Ja! Aber auch die eigenen Werte und die Moral draußen lassen? 08 Nov 2009, 1:51 pm

    Hallo Herr Dietrich!

    Ich selbst bin ebenfalls als Personalvermittler bei einem Bildungsträger tätig und kenne das Problem. Wenn Menschen sich und/oder ihre Situation nicht ändern wollen bleibt nur eins: es so hinnehmen! Ebenso wenig, wie man Menschen von außen sinnvoll motivieren kann, kann man Menschen nachhaltig und sinnvoll zu einer ungewollten Veränderung bewegen.
    Sicherlich gibt es Mittel und Wege dies kurzfristig zu erreichen. Das kostet allerdings viel Kraft. Wozu viel Kraft investieren in eine Aktion, die nicht zu einem dauerhaft positiven Ergebnis führt?

    Da bleibe ich lieber bei mir selbst und unterhalte mich nett mit den Zwangsanwesenden. Oder entlasse sie mit einem neuen Termin.
    In seltenen Fällen entsteht daraus dann doch der eigene Wunsch nach Veränderung der Sitauation. Dann, erst dann, beginne ich mit meiner Arbeit...

    Einen schönen Sonntag noch,

    Olaf Dreier
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