Confare - Meetingpoint

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  • Gudrun Ghezzo
    Gudrun Ghezzo    Premium Member   Group moderator
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    Kopieren und Erfinden - Confare in China Teil 4
    Heute möchte ich mit Ihnen gerne meine Sichtweise auf das Klischee teilen „Chinesen können nicht selbst erfinden, aber perfekt kopieren“. Ich denke dabei gerade an eine Anekdote, die mir ein Bekannter erzählt hat: Nachdem er in einem Besprechungsraum mehrfärbige Folienstifte vermisst hat, hat er darum gebeten, bis zum nächsten Mal solche zu organisieren, und hat sogar Muster dagelassen. Als er das nächste Mal wieder kam, fand er prompt völlig gleichartige Stifte vor, sogar die Etikette zeigte denselben Aufdruck. Verschiedene Farben in Beschriftung und in den Kappen waren perfekt umgesetzt – nur leider nicht in der Mine…
    Ich nehme es gleich vorweg: derartige Anekdoten halte ich für Extrembeispiele, die auch bei uns nicht ausgeschlossen sind. Auch wir finden bei uns (selbst) Begebenheiten, die das Gegenteil vom Mitdenkerpreis verdienen.
    Was mir hier begegnet, ist eine für meine Maßstäbe grwöhnungsbedürftige Mischung aus Regelkonformität und genialem Einfallsreichtum. (Gewöhnungsbedürftig ist sie für mich insofern, als dass ich schon immer ein eigensinniger Charakter war, und bei jeder Gelegenheit nach dem Warum gefragt habe. Selbst wenn die Regel ein mathematischer Algorithmus war, habe ich sie erst dann befolgt, wenn ich das Warum verstanden hatte.)
    Hier kann man ohne weiteres eine 10-Schritte Regel zum richtigen Händewaschen aufhängen, und jeder wird sie befolgen. (Dort wo sie ausgehängt ist). Während des Trainings führt diese Gelehrigkeit manchmal zu eigenen Stilblüten, die mich dann herausgefordert haben, sehr präzise in meiner Ausdrucksweise zu werden. Als ich im Training den Bogen zu den Erkenntnissen des Vortages schaffen wollte und gefragt habe, ob jemand wiedergeben kann, was wir über den Regressionskoeffizienten gehört hatten, haben sich ungewohnt viele Stimmen zu Wort gemeldet: „Yes it was 96,5%“. …
    Es gibt aber noch ganz andere Gebiete, wo die Chinesen Meister im Auffassen und Wiedergeben sind. Eines dieser Themen ist meinem Erachten nach Weihnachten. Im traditionellen Leben der Chinesen spielt Weihnachten eine sehr untergeordnete Rolle, es ist eben ein westlicher Brauch, der mit der eigenen Kultur nichts zu tun hat. Ein vergleichbares Fest hier ist das „Chinese New Year“, an dem vor lauter Feierlichkeiten Ausnahmezustand herrscht.
    Dennoch gehen hier viele Betriebe mit internationalen Kontakten sehr stark auf das Thema Weihnachten ein. Hotels, Einkaufszentren, MacDonalds und Starbucks, Restaurants und Bars mit internationalen Gästen nehmen Rücksicht auf alle, die sich in weihnachtlicher Stimmung fühlen wollen. Ich bin sehr bewegt von der kreativen Vielfalt und der Liebe zum Detail bei den Weihnachtsarrangements in „meinem“ Hotel. Weihnachtsmann hin oder her (ich glaube ja ans Christkind) befinden sich überall kleine Filzstiefelchen, kommt einmal in der Woche der „echte“ Weihnachtsmann, stehen Rentierschlitten, Rentiere, Geschenke und Christbäume überall. Die Dekoration an allen Wänden leuchtet weihnachtlich, und auch überdimensionale Schneekristalle dürfen nicht fehlen. Die vermeintliche Krippe gleicht zwar eher dem Lebkuchenhaus aus Hänsel und Gretel, und sie steht im Schnee. Und nicht nur, dass hier mit weißem Sand der Schnee tatsächlich nachempfunden wird, das ist derart bis ins Detail gestaltet, dass sogar die Schlitten- und Fußspuren zu sehen sind. Mir gefällt das hier, so hab auch ich etwas von weihnachtlicher Stimmung am dritten Adventsonntag genießen können, und ich ziehe auch das zehnte Stille Nacht noch dem dritten Last Christmas vor. Auch das Service steht der Umsetzung der weihnachtlichen Stimmung um nichts nach: Bereits in der Früh wird man im Restaurant mit Weihnachtsmütze begrüßt, gibt es ein ausgefeiltes Programm für die Weihnachtsfeiertage, kommt in jeder Zone des Hotels ein anderes Weihnachtslied aus dem Lautsprecher, und gibt es „traditional German Gluhwein“. Frag ich mich nur: WER hat‘s erfunden?

    Apropos Erfinden: Wer sagt, dass die Chinesen nicht auch geniale Erfinder sind? Da gibt es zum Beispiel die vielen Elektro-Mofas, die hier durch die Straßen ziehen: die Besitzer hätten jetzt angesichts der kalten Jahreszeit so gar keine Freude, und der Umstieg ins Auto ist keine Alternative ob des dichten Verkehrs und der limitierten Autozulassung. So gibt es hier statt Winterreifen den Wintermantel fürs Mofa: dicke Handschuhe, die derart um die Griffe gebaut sind, dass man darunter wunderbar schalten und Gas geben (und vor allem huuuuupen) kann, sowie ein extra Regenmantel, der über Fahrer und Lenkstange gespannt werden kann und somit gleich als Windschutz dient. Oder ein Taxi-Fahrtenschreiber, der an Uhr und Kilometerzähler gekoppelt ist und so gleich alle Informationen ausdruckt, um als Quittung zu dienen.
    Oder - meine Straßenverkehrsfavourites hier: Die Ampeln: WER sagt, dass man für eine 8spurige Straße auch 8 Ampeln braucht?? Die Chinesen jedenfalls nicht: Hier kann ein einziges Ampellicht verschiedene Farben und verschiedene Richtungen anzeigen - Das wäre doch mal was für den Wiener Schwarzenbergplatz und Co!

    Mit vorweihnachtlichen Grüßen aus dem Reich der Mitte!
    Gudrun Fischer-Colbrie

    PS: Fotos wie gewohnt auf der Facebook Seite - werden von Österreich aus Online gestellt