Hallo an alle Neuankömmlinge - und schön, dass ihr hier seid!
Guten Abend.
Einige Mitglieder haben mich gebeten, noch einmal - vielleicht auch zum ersten Mal - zu erklären, was es mit dem Galizien-Projekt auf sich hat, und nach Bozena Meskes Eintrag im Forum heute bleibt mir eigentlich auch gar nichts anderes mehr übrig, als einige Erläuterungen zu diesem Thema zu geben.
1. Im Zuge der Polnischen Teilungen im ausgehenden 18. Jahrhundert wurden einige Regionen des Landes dem Habsburger Königreich zugeordnet, andere zwischen Russland und Österreich verteilt. Die Region Galizien bildete seitdem und bis 1918 den östlichsten Zipfel der späteren KuK-Monarchie Österreich-Ungarn.
2. Die Region Galizien wurde von Ruthenen (Ukrainern) bevölkert, die Oberschicht war polnisch geprägt. Politisch gehörte sie zum Kaiserreich Österreich-Ungarn (s.o.), kulturell spielte nicht zuletzt auch das Ostjudentum eine prägende Rolle. Die Beziehungen zwischen den Ethnien waren alles andere als friedlich-freundschaftlich, der Einfluss der österreichisch-ungarischen Behörden wurde von den "unterdrückten" Ethnien keineswegs nur negativ angesehen.
3. Wie in anderen Regionen des ehemaligen Vielvölkerstaates fand auch und besonders in Galizien (und der benachbarten Bukowina) eine Durchdringung der Kulturen statt, die sich belebend auf die gesamteuropäische Literatur und Kunst ausgewirkt hat. Folgende Schriftsteller, Künstler, Schauspieler, Regisseure stammen aus Galizien (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Joseph Roth, Manés Sperber, Stanislaw Lem, Joseph Conrad, Billy Wilder, Soma Morgenstern, Elisabeth Bergner, Alexander Granach, Karl Emil Franzos und und und ...
4. Entsprechend könnte man eine Liste mit Namen von Schriftstellern usw. erstellen, die ebenfalls aus dem Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn stammen, entscheidende Beiträge zur deutschsprachigen Kultur des letzten Jahrhunderts geliefert haben und deren Wurzeln nicht weniger multikulturell sind als bei den o. g. : Franz Kafka, Egon-Erwin Kisch, Milena Jenskaja, Paul Celan ... Die Auswahl ist ebenso assoziativ wie zufällig, ich denke, man könnte die Namensliste beliebig erweitern.
5. Spätestens 1938/39 brach diese gesamteuropäische Kultur zusammen - Deutschland und Russland sorgten in einer unheiligen Allianz für das Ende des gemeinsamen Erbes. Weitere 50 Jahre danach brachen die Grenzen wieder auf, ohne dass unser gemeinsames Erbe gleichermaßen wieder auferstehen konnte. Aber die Euro 2012 bietet eine Chance zur Rückbesinnung - und u. a. diese Chance soll in unserem Galizien-Projekt aufgegriffen werden, auch wenn die Austragungsorte Krakau und Lemberg keineswegs gesichert sind. Dennoch werden auch diese beiden Städte verstärkt ins Blickfeld des europäischen Interesses treten.
6. Die Idee, die einige Mitglieder dieser Gruppe und ich als ihr Gründer verfolgen, besteht darin, die Fußball-Euro 2012 zu nutzen, um in einer TV-Dokumentation und einem Buch unsere gemeinsame Geschichte zu rekapitulieren und zugleich Perspektiven für die Zukunft zu eröffnen. Mir persönlich liegt sehr daran, dass möglichst viele Polen und Ukrainer, aber auch Angehörige der anderen ehemaligen Ostblockstaaten sich hier engagieren und wir gemeinsam ein Projekt zum Leben erwecken, das ich die WIEDERKEHR DES ALTEN EUROPA nennen möchte. Dass ich als Germanist mich leidlich in der deutschsprachigen Literatur- und Kulturgeschichte auskenne, behaupte ich einfach mal - aber ich bin mit Gewissheit kein Spezialist hinsichtlich der polnischen und ukrainischen Literatur und Kunst, und deshalb freue ich mich sehr auf eure Beiträge.
So, das sollte für den Anfang genügen, ich bin gespannt auf eure Rückmeldungen und Anregungen!
2 Comments
Re: Neuer Stadtfuehrer: "Warschau. Der thematische Fuehrer durch Polens Hauptstadt"
Barbara Diduszko, 21 Nov 2009, 2:21 pm
Gruss aus Prag
Kristina Vankova, 19 Nov 2009, 8:23 pm
Stadtführerin in Warschau
Barbara Diduszko, 19 Nov 2009, 12:48 pm
Re^3: Gruppen-Newsletter: 21.11 - ein Denknessabend für alle Galizienfans
Jerzy Czopik, 17 Nov 2009, 12:21 pm
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