Entwicklungszusammenarbeit

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  • Dr. Ruediger Huelsen
    Dr. Ruediger Huelsen
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    Re^12: EZ in Afrrika
    Sehr geehrter Herr Boehnert,
    ich gestehe, dass ich mich erst jetzt in die Diskussion eingeklingt habe, ohne den "Spiegel-Artikel" gelesen zu haben, aber gerade den "Bonner Aufruf". Seine beiden Annahmen halte ich nur sehr bedingt für sachgerecht.

    Die Annahme, die Entwicklung Afrikas kann man "den Afrikanern" überlassen ist nur sehr bedingt vernünftig: Nicht Entwicklungshelfer haben zu viel Kompetenz an sich gerissen, sondern ein Großteil der afrikanischen Eltiten hat versagt. Viele von ihnen haben im Ausland studiert, leben in der Hauptstadt und interessieren sich für die Entwicklung des Landes nur soweit es ihnen und ihrem Clan/Familie zugute kommt. Dementsprechend findet sich diese Einstellung bis in die untersten Ränge des Staatsapparates. Dass ein Polizist, der 20 - 30 €/Monat verdient seine Aufgaben nicht "ordnungsgemäß" erledigen kann, dürfte einsichtig sein - so geht es aber auf alle Ebenen. Wir haben in fast allen afrikanischen Staaten das Problem des Staatsversagens. Der Staat muß aber die Rahmenbedingungen verläßlich setzen, z.B. auch, dass man einen Kredit zurückzahlen muss oder Eigentum auch dann einem gehört, wenn ein Angehöriger des Präsidenten-Clans das gerne hätte. Daher ist die Annahme des "Bonner Aufrufs", man könne erfolgreiche Entwicklungshilfe in Afrika, oder woanders, durchführen, ohne einen funktionierenden Staat, völlig illusionär. Wer Uganda, Kenia oder Zimbabwe noch aus früheren Zeiten kennt, weiss, was afrikanische "Eliten" aus ihren einst prosperierenden Ländern machen können. Diese Länder waren damals in etwa vergleichbar den Balkanstaaten der 90-iger Jahre.
    Der zweiten Annahme kann man sicher weitgehend zustimmen: solange ich keinen funktionierenden Staat habe, bringen mehr Entwicklungshilfegelder nichts und mehr Budgethilfe ist m.E. sehr schädlich. Durch die meisten dieser Staaten kann man nur Budgermittel mit ganz strengen Kontrollmechanismen kanalisieren.

    Ihren Forderungen kann ich auch nur bedingt folgen. Welchen Afrikanern soll ich die Verantwortung für die Entwicklung in ihren Ländern überlassen? den korupten Eliten? oder den "einfachen Leuten"? beides ist wenig erfolgversprechend.
    Mehr Kompetenz für Entwicklungsvorhaben an die Botschaften zu verlagern hieße BMZ und GTZ in das AA einzugliedern. Aus guten Gründen ist das in Deutschland anders als in vielen anderen "Geber"-Ländern. Theoretisch istdie enge Abstimmung vor Ort und in der Projektvorbereitungsphase ja auch gegeben, ob sie immer optimal genutzt wird, ist eine andere Sache.
    Die Vorschläge für die Konzentration der Entwicklungshilfe halte ich für viel zu eng und es würden dazu noch mehr führen, dass der "ländliche Raum" noch mehr vernachlässigt wird. Landwirtschaft ist eine der Lebensgrudlagen für die Masse der Afrikaner und da ist in vielen Ländern auch noch ein großes Entwicklungspotential, sowohl direkt wie auch in den vor- und nachgelagerten Bereichen. Die letzten 2 Jahrzehnte haben fast alle _ Schweizer ausgenommen - Geber einen großen Bogen um diesen Bereich gemacht. Natürlich ist das fachlich ein sehr schwieriger Bereich und man benötigt da sehr gute Fachkompetenz und kann nicht mit Allgemeinplätzen agieren. Auf diesem Gebiet haben wir übrigens sehr viele sehr gute Experten aus nicht "Nordländern". Ihre derzeitigen Vorschläge führen dazu, dass die Entwicklungsexperten weiterhin vorwiegend in der Hauptstadt und den größeren Regionalstädten arbeiten und einen großen Bogen um die ländlichen Gebiet machen, dort wo m.E. der Schlüsssel für die Entwicklung großer Teile Afrikas liegt.

    Beste Grüße

    R. Hülsen
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  • Kristian Brakel
    Kristian Brakel    Group moderator
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    Re^13: EZ in Afrrika
    zu der Frage, ob die Entscheidungskompetenz in die Auslandsvertretungen verlagert werden sollten:

    Die Annahme, dass die AVen vom Personalschlüssel dafür gut aufgestellt wären, wie im Aufruf formuliert halte ich für falsch. Immer noch gibt es wenige AVen, die eigene WZ Referenten haben. Grade in größeren Partnerländern wäre es schwierig für einen Referenten alleine, jetzt auch noch alle Projektentscheidungen zu treffen.
    Allerdings: dort wo es vom BMZ entsandte WZler gibt, könnte man ihnen schon mehr Kompetenzen übertragen. Wobei ich nicht glaube, dass dies eines der zentralen Probleme ist: zu jeder Projektentscheidung der BMZ Zentrale, die das Land betrifft gibt der WZ Referent ja ohnehin seine Stellungnahme ab, die iR auch nicht ohne Einfluss auf die Entscheidung ist.
    WZ Referenten haben allerdings iR. schon etwas mehr Kontakt mit den Zielgruppen als die Leute in der Zentrale, allein dadurch, dass sie vor Ort sind, auch in ländliche Regionen zur Projekten fahren etc. Trotzdem hält sich das natürlich auch in Grenzen.
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  • Kristian Brakel
    Kristian Brakel    Group moderator
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    Re^15: EZ in Afrrika
    Ich habe nirgendwo dafür plädiert eine Eingliederung ins AA gutzuheißen. In der vorhandenen Expertise sehe ich aber weniger das Problem, die ist auch im BMZ - genau wie in jedem Ministerium - relativ wenig oder viel vorhanden bzw. oft schnell anlesbar.So komplex sind die meisten Aufgabenstellungen nicht.

    Allerdings kann ich dem BA auch nicht entnehmen, dass eine völlige Eingliederung beabsichtigt wird. Es ist viel mehr von einer sinnvollen Koordinierung der AKteure vor Ort die Rede. Diese erfolgt zum großen Teilen schon durch die WZ Referenten. Und das muss man auch nochmal betonen, diese kommen iR. schon jetzt aus dem BMZ, nicht aus dem AA.

    M.E. fordetr der BA damit etwas, was schon längst in großen Teilen Realität ist.
  • Joaquin Boehnert
    Joaquin Boehnert    Group moderator
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    Re^13: EZ in Afrrika
    Vielen Dank Herr Dr. Hülsen für Ihren sehr kostruktiven Beitrag!

    Ich gehöhre noch zu diesen alten EZ - Hasen die Länder wie Kenia, Sambia und Zimbabwe vor 30 Jahren kennen. Wenn man heute Länder wie Zimbabwe heute sieht ,daß von dem Diktator Robert Mugabe und seiner Klique total zerstört wurde, kann einen nun wirklich jede Hoffnung für Afrika vergehen.

    Trotzdem stimme ich mit Ihnen überein das die EZ einen Schwerpunkt im ländlichen Raum und in der Landwirtschaft haben sollte. Diese breiten und tiefgreifenden Bereiche werden oft übersehen oder / und deren Programme von urbanen Zentren aus gelenkt, fast ohne Kontakt und Zuzsammenarbeit mit der ländlichen Bevölkerung vor Ort.

    Zu BMZ und AA: Da kommen einen als EZ - Praktiker oft Zweifen ob die Damen und Herren dieser Abteilungen da überhaupt wissen was sie entscheiden. In den letzten Jahren wurde z. B. ein gut aufgebautes ländliches Enwicklungsprogramm des Deutschen Entwichlungsdienstes (DED) im Amazonas Bereich von Bolivien, Ecuador und Peru von Seiten des BMZ eingestellt , unter anderen mit dem Argument: "Warum arbeitet man in diesen Anden Länder überhaupt im Amazonas?"

    Was den Damen und Herren vom BMZ wohl nicht bewusst oder bekannt war, ist das all diese Länder große Amazonas Regionen besitzen und gemeinsamme Grenzen mit Brasilien haben. Möfglicherweise werde dann bedingt durch den Klimawandel, der Regenwald Zertörung, etc... so ein Programm in den den nächsten Jahren wieder eingerichtet. Also wie üblich: "Mal raus aus den Kartoffeln, mal rein in die Kartoffeln."

    Mit den besten Grüßen,

    Joachim Böhnert
    IINCAGRO-Pozuzo-Peru - http://www.zonasdeamortiguamiento.org
  • Dr. Ruediger Huelsen
    Dr. Ruediger Huelsen
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    Re^14: EZ in Afrrika
    Sehr geehrter Herr Boehnert,

    Auch ich bin alter EZ-Praktiker und teile Ihre Skepsis bezüglich der Fach- und Sachkompetenz im BMZ z.T. auch. Allerdings muss man diese Skepsis auch z.T. auf die Entscheider in den Durchführungsorganisationen mit ausdehnen, denn diese bereiten die Entscheidungen im BMZ ja oft vor, so dass sich bei denen aus den ihnen zugänglichen Informationen gar keine andere Entscheidungsalternative ergibt. Eigene Fachkompetenz ist im BMZ praktisch nicht mehr vorhanden, so dass man sich, wie in einem der vorstehenden Beiträgen richtig gesagt, "schnell mal etwas anliest". Allerdings bin ich nicht der Ansicht, dass die meisten Fragestellungen in der praktischen EZ so einfach sind, dass sich Nicht-Fachleute durch anlesen ausreichende Entscheidungskompetenz kurzfristig verschaffen können. Da ich auch viel als Gutachter gearbeitet habe, kann ich Ihnen viele Beispiele nennen, wo erfolgversprechnde Projekte beendet wurden, weil die Durchführungsorganisation in dem Land/Region etwas anderes machen wollte und das "Landesbudget" sonst kein Neuvorhaben erlaubt hätte. Da spielte Zielgruppenorientierung nur eine untergeordnete Rolle, wenn überhaupt.

    Beste Grüße

    R. Hülsen
  • Kristian Brakel
    Kristian Brakel    Group moderator
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    Re^15: EZ in Afrrika
    Sehr geehrter Herr Dr. Huelsen,
    es ist sicher richtig, dass man sich nicht jegliche tiefere Fachkenntniss in kurzer Zeit anlesen kann. Möglich ist es aber innerhalb kurzer Zeit ein allgemeines Verständnis eines Bereichs aufzubauen, wenn allg. Vorwissen im Bereich Entwicklungstheorie/-politik vorhanden ist. Beamte im BMZ sind ja i.R. keine völlig Unwissenden in der EZ, trotzdem kann es natürlich nicht ihre Aufgabe sein, Experten für ein bestimmtes Fachgebiet zu werden, dafür sind die Aufgaben i.R. zu breit. Gerade hierzu ist ja das Fachwissen der DOs notwendig und dieses wird i.R. auch eingeholt.
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  • Kristian Brakel
    Kristian Brakel    Group moderator
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    Re^17: EZ in Afrrika
    Ich sprach ja auch nicht davon, dass BMZler frei jeglichen Fachwissens sein sollten. Es gibt nur einen Unterschied zwischen einem für das politisch-bürokratische Tagesgeschäft notwendigen Fachwissen über einen Sektor und dem Fachwissen im operativen Geschäft der DOs. Ersteres muss ein Beamter haben, letzteres kann er iR nicht haben (und benötigt es auch zumeist nicht).
    Er muss aber natürlich genug Wissen mitbringen, um die Situation unabhängig von den Eigeninteressen der DOs bewerten zu können. Im BMZ gibt es ja zum Glück den Trend seit einiger Zeit vermehrt Personen einzustellen, die auf einige Jahre Felderfahrung zurückblicken können. Dies ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung.
    Ich kann nur aus meinem Arbeitsalltag sagen, dass ich bei solchen Entscheidungen sicher nicht nur die Meinung einer DO einhole, sondern gleichzeitig noch die von Partnerregierung, NGOs, anderen Gebern, anderen DOs. Erst so entsteht ein komplexes Bild.

    Die EZ ist so oder so Spielball politischer Interessen, wenn nicht durch den Einfluss der DOs, dann durch parteipolitische Interessen. Dies ist ein Grundmuster jeglichen Politikfeldes.
    This post was modified on 18 May 2009 at 10:35 am.