Entwicklungszusammenarbeit
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Andreas KopfThe company name is only visible to registered members.Umweltsoziologie in der EZ
Hallo liebe Forumsmitglieder,
ich beschäftige mich bereits seit einigen Monaten mit dem Thema EZ und umweltsoziologischen Fragestellungen auf theoretischer und empirischer Basis, z.B. durch welche Anreize/Verstärker das Umweltbewusstsein und Umweltverhalten von Menschen verbessert werden kann. Meiner Meinung nach bietet die Umwelsoziologie jede Menge interessanter und praktisch nutzbarer Ansätze für die EZ in Umweltfragen, vor allem was die Nachhaltigkeit von Maßnahmen angeht (Evaluation).
Ich möchte mich beruflich in diese Richtung bewegen und würde zu diesem Anliegen gerne eure Meinungen und Anregungen hören. Ist es überhaupt realistisch, als Umweltsoziologe in der EZ tätig zu sein? In den gängigen EZ-Jobbörsen finde ich leider recht selten "passende" Stellenangebote hierfür, wird der Umweltbereich doch recht stark von den Naturwissenschaften beherrscht. Da ich in der EZ noch keine relevanten praktischen Erfahrungen habe, bin ich über Tipps und Erfahrungen äußerst dankbar.
Liebe Grüße,
Andreas
- 10 Dec 2010, 4:29 pm
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Elfi Littmann-KabaThe company name is only visible to registered members.Re: Umweltsoziologie in der EZ
Lieber Andreas,
ich lebe seit fast 7 Jahren in Madagaskar und habe hier eine kleine Firma mit drei Mitarbeitern. Wir sind spezialisiert auf Solarsysteme - auch Solarkocher - und Videodokus und hier als sehr engagierte Umweltakteure und Organisator von Aufklaerungsaktionen im Umweltbereich bekannt.
Von daher habe ich einen stark praxisorientierten Ansatz und haette mir ohne Deine kurze Erlaeuterung gar nicht vorstellen koennen, was man mit Umweltsoziologie ueberhaupt macht - dabei ist es offenbar genau das, was man z.B. hier braeuchte.
Beispiel: Das groesste Problem hier - wie in vielen anderen afrikanischen Laendern - sind Deforestierung, Erosion, zunehmend Desertifikation und (inzwischen daraus resultierend) Wassermangel. Die Ursachen: Brandrodung aus diversen Gruenden und Produktion von Holzkohle zum Kochen. In der Stadt wird fast zu
100 % mit Holzkohle gekocht.
Das Problem ist also sehr komplex, laesst sich aber auf einen einzigen Nenner reduzieren: Fehlende Einnahmequellen ! Auf dem Land produzieren die Leute Holzkohle, weil sie das nichts kostet, aber sofortige und sichere Einnahmen generiert. In der Stadt kochen die Leute damit, weil jede andere Energieform zu teuer ist.
Jeder Ansatz von "Umweltsoziologie" scheitert (seit Jahrzehnten beissen sich alle moeglichen EZ-Initiativen und NGOs die Zaehne daran aus), wenn man nicht fuer alternative bzw. ueberhaupt vorhandene Einnahmequellen sorgt ! Leider wurde und wird die Foerderung der Privatwirtschaft von der EZ und vor allem auch den lokalen Politikern straeflich vernachlaessigt. Es gibt eine winzige, extrem reiche Oberschicht, der Rest der Bevoelkerung arbeitet im informellen Sektor, dazwischen ist nicht viel.
Die Angebote in den EZ-Boersen sind m.E. sehr akademisch und "unidirektional" auf das Verfassen von wissenschaftlichen Reports und Feasability Studies hin orientiert.
Wenn Du in diesem Bereich taetig sein willst, geht das nur vor Ort und in enger Kooperation mit engagierten Einheimischen, die mit den Verhaeltnissen (und den fuer uns teilweise skurrilen Traditionen) bestens vertraut sind, z.B. in einer internationalen oder binationalen NGO.
Ich halte die Thematik fuer sehr, sehr wichtig, aber die Frage ist, in welcher Form das in ein Projekt eingebunden wird, ob es gelingt, die Bruecke zur Privatwirtschaft zu schlagen - und last but not least - dass Du auch dafuer bezahlt wirst.
Ich an Deiner Stelle wuerde mal das Internet nach grossen und mittleren NGOs durchkaemmen und Ihnen ein auf die lokalen Probleme zugeschnittes Projekt vorschlagen, ggfs. als Praktikum, um Erfahrungen vor Ort sammeln zu koennen.
Ich wuensche Dir viel Erfolg !
Mit sonnigen Gruessen aus Madagaskar
Elfi
- 21 Dec 2010, 05:46 am
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Andreas KopfThe company name is only visible to registered members.Re^2: Umweltsoziologie in der EZ
Liebe Elfi,
vielen Dank für deinen anschaulichen Beitrag. Du hast da ein -nicht nur auf Madagaskar beschränktes- sehr großes Problem angesprochen. Bricht man das Problem "runter", landet man immer wieder bei wirtschaftlichen Problemlagen. Leider ist es v.a. in fast allen afrikanischen Staaten zu beobachten, dass die soziale Ungleichheiten (also die ungleiche Verteilung von Einkommen, Macht, Produktionsmitteln usw.) ursächlich für umweltschädigendes und nicht nachhaltiges Verhalten ist. Dies ist von der individuellen Ebene bis hin zur politische-ökonomischen Ebene zu beobachten.
Klar ist, jeder Mensch muss von etwas Leben. Daher ist ein Schritt -in deinem Beispiel die ländliche Bevölkerung, die Holzkohle als Einnahmequelle für sich beanspruchen- die Schaffung von alternativen Einnahmequellen. Beispielsweise können gesunde Wälder durchaus Einnahmequellen darstellen, z.B. in dem die natürlichen Ressourcen eines Waldes wie z.B. wilder Kaffee, Gewürze usw. sammelt und vermarktet, Ökotourismus in enger Zusammenarbeit mit den Einheimsischen anbietet oder eine nachhaltige Abholzung mit paralleler Aufforstung betreibt um veredelte Holzprodukte wie Möbel herzustellen. Dafür sind natürlich Strukturen gefragt, die erstmal aufgebaut werden müssen.
Aber ich sehe eine Verantwortung auch beim Konsumenten -in deinem Beispiel also die Stadtbevölkerung, die die Nachfrage nach Holzkohle schafft. Auch dieser sollte nachhaltig agieren. An dieser Schnittstelle ist also ebenfalls viel zu tun: Aufklärung, Bildung, Erziehung sowie die Schaffung von alternativen (bezahlbaren), nachhaltigeren Energiequellen, also ein Anreizsystem für nachhaltiges Handeln.
Es ist ein sehr schwieriges Thema mit dem wir uns beschäftigen aber und v.a. deshalb sehe ich auch die Notwendigkeit.
Danke übrigens für deinen Tip!
Liebe Grüße aus Mannheim,
Andreas
- 02 Jan 2011, 5:12 pm
