Theodor Fontane

Theodor Fontane

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  • Dr. Berit Dirscherl
    Dr. Berit Dirscherl
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    Fontanes Kritik am "Gesellschafts-Etwas"
    „Liebesgeschichten, in ihrer schaudersöen Ähnlichkeit, haben was Langweiliges –, aber der Gesellschaftszustand, das Sittenbildliche, das versteckt und gefährlich Politische, das diese Dinge haben (…), das ist es, was mich so sehr daran interessiert“, schreibt Fontane am 2. Juli 1894 – also während der Entstehungszeit der „Effi Briest“ – an Friedrich Stephany.

    Zwei Dinge werden hier deutlich: eine Skepsis gegenüber der menschlichen Leidenschaft auf der einen Seite, der Blick über das Allgemeine, das Politische im Einzelnen – in diesem Fall dem einzelnen Liebesabenteuer – andererseits. Fontane ist kein Dichter von großen Liebesszenen. Das Verhalten seiner Figuren ist reduziert; er hält nichts von „aufgesteiften Individuen“. Pikante Situationen werden – wie z.B. die erotische Begegnung zwischen Crampas und Effi Briest – der Phantasie des Lesers bzw. einer Symbolsprache überlassen. (Bei „Effi Briest“ ist das sprachliche Zeichen das Gespräch über den Schloon, von dem Sidonie sagt: „(…) Und das ist das Schlimmste von der Sache, darin steckt die eigentliche Gefahr. Alles geht nämlich unterirdisch vor sich, und der ganze Strandsand ist dann bis tief hinunter mit Wasser durchsetzt und gefüllt. Und wenn man dann über solche Sandstelle weg will, die keine mehr ist, dann sinkt man ein, als ob es ein Sumpf oder ein Moor wäre.“ Die unterirdische Kraft des Wassers, des Elementaren also, steht zeichenhaft für die unbewusste erotische Kraft.)

    Das „gefährlich Politische“ dieser „Dinge“, der Liebesbeziehungen zwischen Menschen also, ist im Fall von „Effi Briest“ das starre Festhalten an einer fragwürdig gewordenen Gesellschaftsordnung. Der „Prinzipienreiter“ Innstetten gehorcht einem „uns tyrannisierenden Gesellschafts-Etwas“ wider besseres Wissen. Als sozusagen „Privatmann“ hat er seiner Frau Effi den Seitensprung mit Crampas längst verziehen; als Angehöriger seiner Gesellschaft aber sieht er sich genötigt, den „Rivalen“, der schon lange keiner mehr ist, zum Duell zu fordern: „Ich muss“, lässt Innstetten Wüllersdorf wissen. Denn „man ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an, und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen, wir sind durchaus abhängig von ihm.“

    Fontane lässt Innstetten weiter ausführen: „im Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas gebildet, das nun mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben, alles zu beurteilen, die andern und uns selbst. Und dagegen zu verstoßen geht nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf.“

    Solch eine Gesellschaftsordnung unterwirft – wie jede Ordnung – das Individuum einem Normsystem. Die Kritik Fontanes entzündet sich nicht an der Ordnung an sich – sie entzündet sich daran, dass die Gesellschaft die individuelle Not, die aus der geforderten Unterwerfung entsteht, nicht wahrzunehmen vermag.

    In der Figur des Innstetten, die selbst diesen Vorgang zu reflektieren imstande ist, wird deutlich, wie sehr sich die Gesellschaftsordnung des ausgehenden 19. Jahrhunderts bereits selbst pervertiert hat.
    This post was modified on 12 Oct 2010 at 10:44 pm.