Freunde des Futurismus
Futurismus bezeichnet die von Italien ausgehende Kunstrichtung, die sich seit 1909, teils mit pol. Engagement, gegen jede kulturelle und intellektuelle Tradition stellte und viele Kunstgattungen erfasste. Das Gründungsmanifest des Futurismus stammt von Filippo Tommaso Marinetti und wurde 1909 im Pariser »Figaro« veröffentlicht. In diesem, elf Punkte umfassenden, furiosen Auftaktprogramm verherrlichte er den Krieg als »einzige Hygiene der Welt«, beschwor Geschwindigkeit und Dynamik und rief zur anarchistischen Tat auf. Es sollte eine neue, alle Lebensbereiche umfassende, Kultur ins Leben gerufen werden. Kulturelle Werte vergangener Zeiten wurden abgelehnt und als Belastung angesehen; akademische Restriktionen sollten beseitigt werden. In vielerlei Veranstaltungen und in zahlreichen Manifesten wurden die Ziele des Futurismus in ganz Europa, größtenteils in provokativen und Aufsehen erregenden Aktionen propagiert.
v.l.n.r: Russolo, Carrà, Marinetti, Boccioni und Severini, 1912
Beweglichkeit hieß das Zauberwort der Zeit. Der Futurismus wollte das moderne Leben, die Welt der Maschinen und der Technik sowie das Pulsieren der großen Städte, als Bewegung und Dynamik wiedergeben, als »allgegenwärtige Geschwindigkeit, die die Kategorien von Raum und Zeit aufhebt«. Ziel der Futuristen war es, die Kunst von ihren historischen Fesseln zu befreien und die neu entdeckte Schönheit des modernen Zeitalters zu verherrlichen. Zentren des Futurismus waren Paris und Berlin. Nach dem 1. Weltkrieg entstand in Italien der so genannte zweite oder Neo-Futurismus, der die Gedanken dieser Avantgardeströmung zu erneuern suchte.
In der Politik nahm der Futurismus Mussolinis Faschismus quasi vorweg und war später auf dessen modernistischem Flügel eine der bedeutendsten Stilrichtungen jener Jahre in Italien. Im Manifest »Futurismus und Faschismus«, das der Protagonist Marinetti 1924 seinem Freund Benito Mussolini widmete, erklärt er den Rückzug des Futurismus aus der Politik und stellte den Führungsanspruch in der Kultur, der ihm dann mit Einschränkungen auch zugestanden wurde.
Mussolini-Portrait Gustinus Ambrosis 1930 – „Der Mann der Vorsehung“
Wirkungen des Futurismus
Malerei
Der Futurismus präsentierte sich besonders in der Malerei. Zur Avantgarde des Futurismus in der Malerei gehörten Umberto Boccioni, Gino Severini, Carlo Carrà, Luigi Russolo und Giacomo Balla. Ihr »Manifest der futur. Malerei« und das »Techn. Manifest der futur. Malerei« gaben sie mit zusammen mit Marinetti 1910 in Turin heraus. Es wendet sich als »Schrei der Auflehnung« gegen den »fanatischen, unverantwortlichen und snobistischen Kult der Vergangenheit« an die jungen Künstler des Landes.
In ihren Werken versuchen sie Bewegung und Energie durch das sich ständige Durchdringen, Ergänzen und ineinanderschieben von Formen und Farben darzustellen. Bewegung wurde in Einzelphasen aufgelöst und auf der Fläche komponiert. Die Stofflichkeit der Körper sollte durch solche simultane Darstellung von Licht- und Bewegungsimpulsen aufgelöst und zerstört werden. Es sollte eine »universelle Kraft« als dynamisches Gefühl sichtbar werden. Boccioni, der Kopf der Gruppe, hatte 1911 gefordert, dass futuristische Künstler nicht die Natur, sondern die Vibrationen und die Geschwindigkeit der Formen, nicht den Gegenstand sondern den Rhythmus des in Bewegung befindlichen Gegenstandes malen sollten.
In Russland wurde 1912 aus der Verbindung des Futurismus und der russ. Volkskunst entstandene Richtung als »Kubo-Futurismus« bekannt die auch kubistische Elemente enthielt. Hauptvertreter waren hier Kasimir Malewitsch und El Lissitzky, die dann daraus den Suprematismus entwickelten. 1915/16 fand in St. Petersburg die »Letzte futuristische Ausstellung, ‹0,10›« statt.
Literatur
Im Jahr 1908 beschloss Filippo Tommaso Marinetti eine »literarisch-weltanschauliche Erneuerungsbewegung« zu gründen und veröffentlichte 1909 sein erstes »Manifest des Futurismus«. Schon dort hieß es:
»Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein. Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag. Der Dichter muss sich glühend, glanzvoll und freigebig verschwenden, um die leidenschaftliche Inbrunst der Urelemente zu vermehren. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muss aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor den Menschen zu beugen«.
Mit dem »Techn, Manifest der futuristischen Literatur« gab 1912 Marinetti selbst den entscheidenden Impuls für den Futurismus in der Lit. In »befreiten Worten« hat er versucht, eine eigene Sprache, Syntax und Grammatik zu schaffen und sich über alle herkömmlichen Regeln der Sprache hinwegzusetzen. Es entstanden Wort-Bilder in welchen die Form der Textdarstellung über den Inhalt dominierte.
Sein erstes Buch erschien unter dem Titel »Die Eroberung der Sterne« bereits 1902. In seinem 1909 erschienen afrikanischen Roman »Mafarka le futuriste. Roman africain« hat er seine eigenen Vorstellungen einer dynamischen Dichtersprache radikal umgesetzt. Auch der moderne Roman wurde vom Futurismus beeinflusst. Simultaneität und Montage die Gestaltungsprinzipien und Stilmittel des Futurismus finden sich in den Romanen Ulysses von James Joyce, Manhatten Transfer von John Dos Passos und Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin. Ausgestrahlt und eingewirkt haben Marinettis Ideen auch auf Guillaume Apollinaire, Gottfried Benn, Herwarth Walden, Hugo Ball und Manuel Maples Arce. Bekannte russische Literaten des Futurismus waren Wassilij Kamenskij, Welemir Chlebnikow, Alexej Krutschonych und Wladimir Majakowskij.
Architektur
Die Architektur des Futurismus wird lediglich von einem Mann vertreten, von Antonio Sant’Elia (1888-1916). Er war einer der großen Visionäre der Architektur des 20. Jh. Seine eindrucksvollen und kühnen Entwürfe für die Mailänder Ausstellung »Città Nuova« 1914 konnte er nicht mehr verwirklichen. Sant’Elia ist im 1. Weltkrieg am 10. Okt. 1916 gefallen.
Bildhauerei
Der Ital. Maler, Bildhauer und Schriftsteller Umberto Boccioni (1882-1916) der zu den führenden Theoretikern des Futurismus gehörte, verfasste 1912 sein »Technisches Manifest der futuristischen Bildhauerei« in dem er die Forderungen der futuristischen Malerei von 1910 auf die Skulptur übertrug. Seine Urformen der Bewegung im Raum gelten heute als Ikonen des Futurismus. Die Bronzeplastiken wie etwa »Entwicklung einer Flasche im Raum« (1912) und »Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum« (1913), beide im Museum of Modern Art, New York, geben einen Eindruck seines Bemühens Bewegungsabläufe darzustellen.
Musik
Die Musik im Futurismus wird von Francesco Balilla Pratella und Luigi Russolo vertreten. Pratella verfasste mehrere Manifeste: «Manifest der futuristischen Musiker» und «Manifest der futuristischen Musik» (1911) sowie das Manifest «Die Zerstörung der Quadratur» (1912) in denen er seine Ideen einer neuen Musik darlegte. Russolo betätigte sich zunächst als Maler.1913 verfasste er das Manifestes »L’arte di rumori«, in dem er den Ersatz der Musik durch die Geräuschkunst ankündigte. Er baute die Lärmquellen, sogenannte »Intonarumori« für sein Geräuschorchester und seine elektronischen »Musikkisten« und »Geräuschtöner« selbst und bestritt zahlreiche Konzerte. Dabei hielt Russolo nach C. Baumgarth an traditionellen Prinzipien von Kunst fest: Er schuf »Kompositionen«, z. B. »Das Erwachen der Stadt«, systematisierte die Geräusche, unterschied zwischen denen der Fabrik, des Verkehrs usw., wollte sie aufeinander abstimmen und harmonisch anordnen. Nach dem Krieg baute er ein Rumorharmonium, in das er mehrere Geräuschquellen integrierte. 1927 wandte er sich als Antifaschist von Italien ab, gab 1929 sein letztes öffentliches Konzert in Paris und widmete sich schließlich wieder der Malerei. Russolo ist Verfasser des Buches »Die Kunst der Geräusche« und gilt heute als einer der Väter der synthetischen Musik. Bald darauf kamen die ersten käuflich erwerbbaren elektronischen Instrumente auf den Markt. Ein bekannter russische Musiker des Futurismus war Michail Matjuschin.
Luigi Russolo baute 1913 Lärmmaschinen, „Intona Rumori“ genannt. Diese Maschinen benutzte er in seinen Musikstücken
Theater
Das futuristische oder synthetische Theater ist neben dem Namen Marinetti mit den Namen Giacomo Balla und Fortunato Depero verbunden. In Rußland, wo der Futurismus für die jungen modernen Künstler aller Sparten Programm war, plante man 1913 auf dem »Ersten allrussischen Futuristenkongress« ein futuristisches Theater mit dem Namen »Zukunft«. Ende 1913 wurde dann ein Theaterstück von Wladimir Majakowsky und die futuristische Oper »Sieg über die Sonne« aufgeführt. Die Musik stammte von dem Komponisten und Maler Michail Matjuschin, der Text von Alexej Krutschonych, die Ausstattung besorgte Kasimir Malewitsch.
Film
Die Gattung Film im Futurismus wird von dem ital. Fotografen Anton Giulio Bragalia repräsentiert. Ein »Manifest der futuristischen Kinematographie« aus 1915 widmet sich Bewegungsdarstellungen in Fotografie und Film. Er war fasziniert von den Überlegungen, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Seine Bewegungsverschiebungen nannte er »Trajektorien« und wollte mit seiner Fotografie die »intermomentanen« Sekunden sichtbar machen und damit neue Horizonte der Fotografie eröffnen.
Weitere Informationen:
Neuigkeiten
-
Es gibt keine aktuellen News-Einträge für diese Gruppe. Ältere Einträge finden Sie im News-Archiv.
Über das Business-Netzwerk XING
Willkommen bei der Gruppe Freunde des Futurismus auf XING, dem Business Netzwerk für Geschäftsleute. Freunde des Futurismus ist eine von tausenden Fachgruppen und Gemeinschaften auf XING, die Fachwissen und Know-how von Millionen Mitgliedern aus über 200 Ländern weltweit verbinden. Treten Sie jetzt der Gruppe Freunde des Futurismus bei und tauschen Sie sich mit Experten und Gleichgesinnten in anregenden Diskussionen aus.
Daten
- Gruppe besteht seit: 07.12.2009
- Mitglieder in dieser Gruppe:23
- Beiträge in dieser Gruppe: 19
- Sprachen:Deutsch
