Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde

Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde

Posts 1-2 of 2
  • Susanne Krejsa
    Susanne Krejsa    Premium Member
    The company name is only visible to registered members.
    Zugang zu Archiven
    Liebe KollegInnen,



    ich komme gerade wahnsinnig frustriert aus Kopenhagen zurück, wo ich am elektronischen Archivsystem Daisy http://www.sa.dk/daisy erbärmlich gescheitert bin :-( Seit kurzem gibt es nämlich keine 'Extrawürste' für Forscher aus dem Ausland mehr: Entweder man kann Dänisch, dann kommt man (wahrscheinlich) zurecht, oder man kann kein Dänisch, dann soll man besser zu Hause bleiben.

    Das war besonders frustrierend, weil ich innerhalb der letzten zwei Jahre mehrere Male im Rigsarkivet gearbeitet habe und mit Englisch ganz erfolgreich war. Ich arbeite über die deustche Besatzung während des 2. Weltkrieges, sodass die Dokumente, die ich suche, meistens auf Deutsch sind. Ich kann auch die wichtigsten Suchwörter auf Dänisch lesen und klicke meistens auf den richtigen Button. Das Personal war bisher kooperativ und hat mich unterstützt, sodass es einigermassen ging.

    Aber nun ist alles anders. Obwohl ich 14 Tage im Vorhinein meine Bestellung losgeschickt hatte (aber eben per email und nicht über Daisy), hat überhaupt nichts geklappt. Ich bekam nach einer Woche eine Antwort - auf Dänisch! - mit einer Reihe von Formalismen, die ich zu erfüllen hatte. Daisy hat ein paar Erklärungstexte auf Deutsch und Englisch, aber damit kommt man nicht weit. Ich könnte hier noch mehr Schwierigkeiten aufzählen, die ich hatte, aber ich will es abkürzen: Ich bin mit leeren Händen zurückgefahren.

    Dieses Erlebnis veranlaßt mich zur Überlegung, ob es sein soll, dass man in unserer computerisierten und vernetzten Zeit aus Sprachgründen(!) am Zugang zu Archiven scheitern muß. Ich meine, es ist frustran genug nach Dokumenten zu graben, die nicht da sind oder sich nicht auffinden lassen, aber es kann doch nicht sein, dass in jedem Archiv nur Muttersprachler forschen können. Für mein aktuelles Projekt brauche ich Archive in Deutschland, Polen, Dänemark, Kroatien und Russland. Muß ich da jedesmal zuerst die Sprache lernen? Oder muß ich mir um teures Geld einen 'einhemischen' Forscher mieten? Das kann ich mir nicht leisten.

    Sind Forschungsthemen also auf soiche Länder zu beschränken, in denen man sprachlich zurecht kommt? Das halte ich für eine willkürliche Beschränkung der Informationsfreiheit, die es zumindest innerhalb von Europa nicht mehr geben sollte.

    Es würde mich sehr interessieren, was Ihr darüber denkt.
    Liebe Grüße aus Wien

    Susanne Krejsa
  • Stefan Jentsch
    Stefan Jentsch
    The company name is only visible to registered members.
    Re: Zugang zu Archiven
    Hallo Frau Krejsa,

    die sprachliche Barriere ist und bleibt die größte Hürde in unserer Zunft.
    Das geht schon bei der Erschließung der Unterlagen los (kann der entsprechende Archivar die Sprache der Dokumente, um deren Archivwürdigkeit überhaupt zu beurteilen?).
    Die Erschließung selbst erfolgt dann meist in der Muttersprache, da nunmal die meisten Forscher aus dem eigenen Land kommen (Stichwort Zielgruppe), für eine Parallelerfassung steht meist weder die Zeit, das Geld, noch die Kompetenz zur Verfügung.

    In Online-Portalen zur Recherche sollte es natürlich schon möglich sein, zumindest die Online-Umgebung multilingual bereitzustellen.

    Generell ist das Sprachproblem aber genau das, woran auch das geplante europäische Archivportal kranken wird, da damit die von Ihnen beschriebene Situation auf die Spitze getrieben wird.
    Es gibt ja nicht ohne Grund Anbieter und Dienstleister, die für (teures) Geld Recherchen in fremdsprachigen Archiven anbieten.

    Eine Einschränkung der Informationsfreiheit kann ich darin aber nicht erkennen, da die Informationsfreiheit als solche nur die Bereitstellung von Informationen meint. Unsere persönlichen Defizite sind dabei nicht von Interesse...

    mit besten Grüßen


    Stefan Jentsch