Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde

Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde

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  • Rayna Mircheva
    Rayna Mircheva    Premium Member   Group moderator
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    Anfänger
    " Wir müssen uns bescheiden lernen, nur soweit und in solchen Bereichen als Historiker arbeiten zu wollen, mit denen wir uns sachlich völlig vertraut gemacht haben".
    J. G. Droysen


    Liebe Gruppenmitglieder,

    hier werde ich nach und nach für diejenigen, die sich bis jetzt mit "Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde" noch nicht beschäftigt haben, einige Leitfaden zu den einzelnen Hilfswissenschaften zusammenstellen. Wer möchte, kann auch mitmachen!!! Ich stelle mir das so vor:

    - die einzelnen Hilfswissenschaften werden kurz vorgestellt, nach Möglichkeit mit Beispielen, und falls vorhanden auch mit Bildern, und zu jeder Hilfswissenschaft werden einige wichtige Literaturen angegeben!

    Beste Grüße,
    Reni
    This post was modified on 03 Sep 2008 at 09:02 pm.
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  • Peter Hense
    Peter Hense    Premium Member   Group moderator
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    Re^4: Anfänger
    Vielen Dank für Ihren nützlichen Beitrag,
    man kann nicht genug betonen, wieviel Planung ein Archivbesuch z.B. im europäischen Ausland erfordert. Hier empfielht es sich in jedem Fall, ein Empfehlungsschreiben in Englisch oder der Landessprache bei sich zu führen, damit man unter Umständen an ältere Bestände herangelassen wird.
  • Steffen Schwalm
    Steffen Schwalm    Premium Member
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    Re^5: Anfänger
    Zunächst würde ich eine Trennung vornehmen:

    Historische Hilfwissenschaften und Archivwissenschaft

    Archivkunde ist hier der weniger passende Terminus, zumal die Archivwissenschaft als Studienfach etabliert ist. Archivkunde ist mehr die praktische Umsetzung, und hat mit der Archivwissenschaften einen fachlichen Hintergrund. Beide Wissenschaften berühren einander, sind jedoch getrennt zu betrachten, insbesondere vor dem Hintergrund des zunehmenden Blickwinkels Archivwissenschaft als Informationswissenschaft zu betrachten,

    Bezgl. Arbeit von und in Archiven zwei Literaturempfehlungen:

    Norbert Reimann: Praktische Archivkunde
    Enders: Archivverwaltungslehre

    Zum Provenienzprinzip: Archive arbeiten zunächst grundsätzlich (von wenigen Ausnahmen abgesehen) nach dem Provenienzprinzip, d.h. ein Bestand wird bezogen auf den Registraturbildner (wo sind die Archivalien entstanden) gebildet. Das Pertinenzprinzip gilt vereinfacht für Sammlungsgut. Als Nutzer sind Kenntnisse in Verwaltungs- und Territorialgeschichte unabdingbar. Allerdings bieten viele Archive mittlerweile die Möglichkeit mind. im Lesesaal in der Archivverwaltungssoftware des Archivs zu recherchieren, teilweise stehen die Lösungen auch online zur Verfügung. Die Lösungen bieten eine gut Volltextrecherche.

    Archive verwahren grundsätzlich Unterlagen von bleibendem Wert, wobei die Bewertung dem Archiv "im Benehmen mit der anbietenden Stelle" obliegt. Anbietepflichtige Stellen (zumind. in der öV) sind dem jeweiligen Archivgesetz resp. der Archivsatzung zu entnehmen.

    Gern stelle ich auch eine Linkliste zur Verfügung.
  • Christopher Henkel
    Christopher Henkel    Premium Member   Group moderator
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    Re^6: Anfänger
    Ich wäre hinsichtlicht des Begriffes Archivwissenschaft ein wenig vorsichtig. Das Wesen von Wissenschaft ist die Heuristik. Also der.Versuch aus dem untersuchten Gegenstand mit Hilfe einer überprüfbaren Methodik sowie durch Abstraktion Erkenntnisse zu gewinnen. Das Wesen des Archivs ist hingegen die sachgerechte Aufbewahrung und systematische Aufbereitung und Einordnung der von ihm verwalteten Archivalien. Ziel der Archivwissenschaft wäre demnach die Erforschung des Archivwesens - ein schon aus der Definition des Forschungsansatz nur schwer einzugrenzendes und möglicherweise in hohem Maße redundantes Aufgabengebiet.

    Grundlage des Archivwesens bleibt meiner Ansicht nach die quellenorientierte und damit auch die quellenkritische Sichtung des vorhandenen Bestands. Die Bewertung der Archivalien nach Herkunft, Authentizität und Archivwürdigkeit stehen hierbei im Vordergrund. Streng genommen beginnt bereits bei der inhaltlichen Erschließung der Archivalien die Arbeit des Historikers, weswegen Archivare oftmals gleichzeitig über ein geschichtswissenschaftliches Studium verfügen.

    Ähnlich wie im Bibliotheswesen kann man natürlich auch im Archivwesen praktische Unterscheidungen bei der Ausbildung vornehmen. Ein Beispiel: Der Diplom-Bibliothekar studiert an einer Universität, beschäftigt sich in dieser Zeit mit Klassifikationsmodellen und Verzeichnisregeln, lernt Organisationsstrukturen und Managementaufgaben kennen. Kurz er arbeitet sich in die Verwaltung einer Bibliothek ein. Er erhält mit dieser Ausbildung grundsätzlich aber nicht die Kompetenz zum inhaltsbezogenen, wissenschaftlichen Arbeiten. Dies ist die Aufgabe der ebenfalls in der Bibliothek arbeitenden und für einzelne Fachbereiche zuständigen Referendare. Diese haben nämlich zusätzlich ein Fachstudium (Chemie, Jura, Geschichte etc.) vorzuweisen. Ähnliches gilt für das Archivwesen (wenn auch hierarchisch vielleicht nicht ganz so präzise getrennt).

    Angesichts meiner täglichen Archivarbeit tendiere ich daher zu einem eher praktischen Verständnis des Archivwesen, das vor allem bestandsorientiert sein sollte. Der Versuch einer wissenschaftlichen Abstraktion dieser Arbeit mag für den theoretisch Interessierten reizvoll sein, birgt allerdings die die Gefahr sich in informationswissenschaftlichen Teilaspekten zu verzetteln und - mittlerweile sehr beliebt - Standards an die Stelle von Erfahrungswissen zu setzen.

    Archivkunde als Oberbegriff für die bestandsbezogene und damit zweckorientierte Arbeit eines Archivars ist so gesehen die richtige Bezeichnung für ein vor allem praktisch definiertes Arbeitsgebiet.

    Mit freundlichen Grüßen
    Christopher Henkel
  • Steffen Schwalm
    Steffen Schwalm    Premium Member
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    Re^7: Anfänger
    Das Archiv verwahrt nicht nur und stellt auch nicht nur bereit. Für beide Aufgaben sind die Bewertung und die Erschließung notwendig. Für beide sind die notwendigen Methoden zu entwickeln, die Theorien zu entwickeln und zu analysieren und schließlich anzuwenden.

    Die Bewertung erfolgt nicht am Bestand, sondern den von den anbietungspflichtigen Stellen angebotenen Unterlagen. Erst aus den archivwürdig bewerteten Unterlagen werden die Bestände gebildet oder die übernommenen Unterlagen bestehenden zugeordnet. Daher: Die Bewertung ist faktisch der "Scharfrichter" vor Zugang ins Archiv. Es erfolgt zwar in der Erschließung teilweise noch eine Nachbewertung, doch der grundlegende und entscheidende Teil erfolgt vor der Übernahme. In der elektronischen Welt und zunehmend in der Papierwelt entfällt allein aufgrund der schieren Masse die Nachbewertung.

    Für die grundlegenden archiv. Aufgaben bitte im Bundesarchivgesetz nachschauen resp. des Landesarchivgesetzen!

    Insofern erfüllt die Archivwissenschaft Ihre Definition.

    Zur Terminologie: http://www.staff.uni-marburg.de/~mennehar/datiii/germanterms...

    --> Dictionary of Archival Terminology (der Begriff "Archivkunde" existiert fachlich gar nicht...)

    Kleiner Literaturhinweis:

    Papritz: Archivwissenschaft (3 Bände)

    Erschließung bildet ein Teilgebiet der Archivwissenschaften, als Teil der Informationswissenschaften, wobei es hier um der Erforschung, Entwicklung von Methoden und Werkzeugen zur Aufbereitung von Informationen und der Schaffung der Grundlagen für ein gezieltes Retrieval geht. Letzteres ist schlicht die Grundlage zur Wiederauffindung durch Historiker. Gerade bei der Erschließung, die nebenbei gesagt in den meisten Fällen durch Diplom-Archivare erfolgt, ist es notwendig sich nicht tiefgründig inhaltlich, sondern eher abstrakt mit den Archivalien auseinanderzusetzen, um eine möglichst breiten Zugriffsinteressen gerecht werdende Erschließung zu gewährleisten. Denn in den meisten Fällen greifen nicht nur Historiker, sondern auch andere Nutzergruppen zu und die jeweiligen Wünsche sind extrem diffizil. Hierzu kann auch in den OVG oder den Standards des ICA nachgelesen werden.

    Archivalien sind nichts anderes als dokumentierte Informationen für weitere Informationen vgl.:

    Gernot Wersig: Information, Kommunikation, Dokumentation

    Ggf. auch unter: http://www.archivschule.de oder http://informationswissenschaften.fh-potsdam.de nachlesen.

    Zur Ausbildung:

    Als Diplom-Bibliothekar studieren Sie an einer FH oder Uni, als Diplom-Archivar an einer FH. Als Wiss. Bibliothekar bzw. Archivar an einer Universität, wobei für beide noch ein Vorbereitungsdienst notwendig ist. Letzteres fällt nebenbei gesagt gerade, als dass der Bologna-Prozess die Master-Studiengänge durchsetzt, sowohl für Bibliothekare wie Archivare bspw. Marburg, HU Berlin oder international bspw. Unviersity of Dundee für Archivare und Records Manager. Mit dem Master ist auch die Befähigung für den Wiss. Bbiliothekar oder Archivar gegeben und zwar ohne eine Fachstudium wie Geschichte, Chemie etc. gegeben. Abgesehen davon, dass die Praxis zunehmend informationsfachliche Anforderungen stellt, die mit einem zweijährigen Vorbereitungsdienst nicht zu erfüllen sind, sondern ein informationsfachliches Studium benötigen.

    Insofern ist Archivkunde der verkürzte Begriff und in der Fachwelt eher belächelt bzw. s. die Fachterminologie nicht wirklich existent - da nicht die fachliche Realität der ArchivarInnen widerspiegelnd oder warum sonst heißt es auch in der englischsprachigen Welt: archival science?

    Nebenbei: Erfahrungswissen schafft Standards - die letztlich für die praktische Arbeit benötigt werden. Oder wie soll sonst ein archivübergreifender Zugriff ermöglicht werden, wie von Historikern gefordert, wenn weder ein einheitlicher Aufbau wie bspw. mit ISAD (G) noch ein einheitliches Austauschformat wie bspw. EAD bestehen?
    This post was modified on 30 Mar 2009 at 10:07 am.
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  • Christopher Henkel
    Christopher Henkel    Premium Member   Group moderator
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    Re^8: Anfänger
    Das Problem der Archivwissenschaft ist, dass sie im Hinblick auf die praktische Arbeit und die methodische Herangehensweise bislang nur wenig tatsächlich neues zu Tage gefördert hat.

    Dazu gehört leider auch das Kreiren von Standards wie ISAD(G), die hinsichtlich der inhaltlichen Erschließung kaum wirklich neue Erkenntnisse liefern. Das Festlegen von genormten Datenfeldern mag für den Datenaustausch bzw. für die Recherche in Fremddatenbanken ein Vorteil sein. Für den Bewertungsvorgang selbst, der immer noch (trotz oder gerade wegen der fehlenden Zeit) ein fundiertes historisches Wissen voraussetzt, fördert es kaum neue Maßstäbe zu Tage. Hinzu kommt, dass vor allem in historischen Archiven ein großer Teil des Bestandes weder nach ISAD (G) beschrieben worden ist noch in absehbarer Zeit beschrieben werden wird.

    Auch der Hinweis auf Frau Papritz und die Archigesetze birgt kaum etwas Neues, sondern reflekriert nur gängige Praxis. Klassifikationen, Thesauri oder das Entwickeln anderer Ordnungskriterien gehören seit Jahrzehnten zu dem Kernbereich des Archiv- und Dokumentationswesens und bedürfen jenseits der seminaristischen Betrachtung kaum noch einer weiteren theoretische Begründung. Abgesehen davon, das die meisten Archive bereits über solche Ordnungskriterien verfügen und im Sinne der Bestandkontinuität weiterführen.

    Wirklich Neues und damit theoriebildendes ist eigentlich nur im Hinblick auf die elektronische Archivierung - hier vor allen Dingen im Bereich der automatischen Indexierung (von Texten und wenn möglich von Audio und Viedeo-Files) und der Internet-Archivierung zu erwarten. Gleiches gilt auch für die Digitalisierung von Archivbeständen und deren Konvertierung in unterschiedliche Formate (Stichwort: Autentizität). Es gibt zweifelsohne weitere, nicht weniger technikoriente Aufgabengebiete. Ihnen allen ist aber gemein, dass sie der Archivwissenschaft eine hohe technische Affinität abverlangen und die Mitwirkung von Software-Spezialisten und Informatikern erfordern .

    Hinsichtlich der Forderung nach transparenten Bestandübersichten, die dem Forscher einen Überblick über das zur verfügungstehende Aktenmaterial ermöglichen, ist abschließen auf das obligatorische Beratungsgespräch mit dem zuständigen Archivar zu verweisen. Sicher ist eine elektronische Vorabrechersche via Internet etc. hilfreich und wünschenswert, tatsächlich ist sie aber immer noch und das wohl auch lange Zeit (und vor allem im Bereich der kommunalen Archive) Zukunftsmusik.

    Mit freundlichen Grüßen
    Christopher Henkel