Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde
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Rayna Mircheva Premium Member Group moderatorThe company name is only visible to registered members.Zur Entwicklung der "Historischen Hilfswissenschaften"
Definition der "Historischen Hilfswissenschaften" bei Ernst Bernheim: Lehrbuch der historischen Methode, 3. Auflage, Leipzig 1903:
"Hilfswissenschaften sind diejenigen anderen Wissenschaften, welche die methodischen Aufgaben jener erfüllen helfen. Jede Wissenschaft kann Hilfswissenschaft der Geschichtswissenschaft sein, einige sind es aber in besonderem Maße".
Die Disziplinen unterstützen die Geschichtswissenschaft in der ihr eigenen Methodik. Sie leisten aber in unterschiedlicher Intensität Hilfsdienste.
Der erste Beleg für den Begriff der Historischen Hilfswissenschaften findet sich 1776 bei Johann Christoph Gatterer (1727-1799), Göttingen: Heraldik, Geographie, Chronologie, Diplomatik, Numismatik, Genealogie.
Die Sache unter noch anderer Bezeichnung ist aber schon in der ersten Hälfte des 18. Jhs. bekannt, wie Johann Michael Hallwachs (1691-1738), Tübingen: De elementis et adiuventis historicis zeigt.
B. Hederich: Anleitung zu den vornehmsten historischen Wissenschaften (1711). Der erste Teil behandelt einige Hilfswissenschaften. Zu Hederich: ADB XI, S. 221 ff.
Die Bennenung der Diplomatik und der Paläographie gehen auf zwei richtungweisende Publikationen zurück:
Jean Mabillon: De re diplomatica libri VI. Paris 1681.
Bernard de Montfaucon: Palaeographia Graeca. Paris 1708.
Daniel Papebroch (Papenbroek) S. J.: Propylaeum antiquarium circa veri ac falci discrimen in vetustus membranis (AA SS Apr. II, 1675).
Papebroch stand vor der Aufgabe, eine Urkunde König Dagoberts (D Merov. gest. 52) für Kloster Oeren/ Trier, in der die heilige Irmina als dessen Tochter bezeichnet wird, zu beurteilen. Als Vergleichsmaterial zog er Urkunden des Trierer Klosters St. Maximin heran und kam zu dem (richtigen) Schluss, dass die Urkunde gefälscht sei. Er wusste nicht, dass die St. Maximiner Urkunden ebenfalls gefälscht waren.
Jean Bolland (gest. 1665), Acta Sanctorum: Bollandisten
Vor allem die Benediktiner machten sich eine kritische Durchleuchtung der Heiligenviten, an ihre Reinigung von allen nicht historisch fassbaren Elementen, um Kritik abzuwehren. Sie taten dies so gründlich, dass die Acta Sanctorum Gefahr liefen, auf den Index gesetzt zu werden. Der erste Band der Acta Sanctorum erschien 1643.
Jean Mabillon war zu dieser Aufgabe von seinem Orden abgestellt. Er korrespondierte mit vielen Leuten, die ihm Abschriften von Urkunden zusandten. Sein Vergleichsmaterial war sehr umfangreicher als das Papebrochs.
Congrégation de St. Maur (St.-Germain-des-Prés: Bestattungsort Mabillons).
Johann Hert (gest. 1710), Jurist in Gießen: Th. Kölzer, in: FS H. Jakobs, 1995, S. 619-628.
Hert war der erste Rezipient von Mabillons Werk in Deutschland.
Bis zur Französischen Revolution war die Diplomatik eine Hilfswissenschaften der Juristen, da die Urkunden gültige Rechtstitel beinhalteten. Die Urkunden wurden aus rechtlichen Gründen einer Kritik unterzogen, nicht aus historischem Interesse. Diesen historischen Impetus findet man vor der Säkularisierung der Klöster nur im Ausnahmefall, z. B. bei Papebroch.
Zur Institutionalisierung der Geschichtswissenschaft:
J. Engl, Die deutschen Universitäten und die Geschichtswissenschaft, in: HZ 189 (1959) S. 223-378.
Im weiteren Sinne kann jede Wissenschaft für eine andere Hilfswissenschaft werden.
Im engeren Sinne gibt es einige Hilfswissenschaften, auf die der Historiker grundsätzlich und dauernd angewiesen ist.
Verbunden mit der Paläographie ist die Kodikologie. Rück, Peter (Hg.): Pergament. Sigmaringen 1991.
Die Mittelalterarchäologie ist inzwischen eine eigenständige Disziplin, die sich mit mittelalterlichen Quellen jenseits der Texte beschäftigt.
Die Philologen wie Latein etc. sind keine Hilfswissenschaften, sondern Grundlagen der Quellenkunde. Karl Lachmann (gest. 1851): Lachmann' sche Methode.
Neben dem Begriff der Hilfswissenschaften gibt es auch den Begriff Grundwissenschaften. Heinz Quirin und Leo Santifaller bevorzugten den Begriff Grundwissenschaften, ebenso P. Herde, der im Lexikon des MA für die Hilfswissenschaften zuständig war, während Herder Lehrer, der Münchener Historiker P. Acht den Begriff Hilfswissenschaften benutzt.
Geprägt wurde der Begriff Grundwissenschaften von der Göttinger Schule und wiederbelebt von Karl Brandi in den 30 Jahren. Brandi, Karl: Die Pflege der historischen Hilfswissenschaften in Deutschland, in: Geistige Arbeit 6 (1932) Nr. 2.
Quirin, Heinz: Einführung in das Studium der Mittelalterlichen Geschichte, 1. Auflage 1949, 3. Auflage 1964.
Santifaller, Leo: Gedanken und Anregungen über technische Probleme der Historischen Grundwissenschaften, in: X Congresso internazionale di scienze storiche. Roma 1955.
Relazioni. Bd. 1. S. 445-447.
Entnommen aus der V. des Prof. Dr. Theo Kölzer
This post was modified on 03 Sep 2008 at 11:07 pm.- 03 Sep 2008, 9:47 pm
