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Carsten Hennig Premium Member Group moderator Xpert AmbassadorThe company name is only visible to registered members.Ägypten mit Tourismusknick
Ägypten mit Tourismusknick
Investitionen haben Perspektive / 2010 mit Besucherrekord / Von Michael Marks
Kairo (gtai) - Das sonnenverwöhnte Ägypten hat ein wolkenverhangenes Tourismusjahr 2011 vor sich. Die Nachwehen der Revolution sollen zwar im Jahresverlauf abnehmen, dürften aber bis in die Wintersaison fortbestehen. Damit wird ein bedeutendes Standbein der ägyptischen Leistungsbilanz Schwächen zeigen. Auch Einkommen und Beschäftigung sind betroffen. Die Investitionen dürften gleichfalls flacher verlaufen. Die Perspektiven über 2011 hinaus bleiben von den Basisdaten her durchaus sonnig.
Ägyptens 18-Tage-Revolution vom 25.1. bis 11.2.2011 hat nicht nur zum verhältnismäßig friedvollen Sturz des Mubarak-Regimes geführt. Während und im Gefolge der Ereignisse zeigten sich Ferienanlagen, Hotels, Oasen, archäologische Stätten und zugehörige Dörfer und Städte von ausländischen Reisenden nahezu verwaist. Die Belegungsraten bewegten sich weitgehend im einstelligen Bereich in einer Zeit, die auf den touristischen Frühjahres- und Saisonhöhepunkt hinausläuft. So sollen Einnahmeverluste bis Ende Februar in einer Größenordnung von 1,3 Mrd. US$ aufgelaufen sein. Die ägyptische Zivilluftfahrt soll Pressemeldungen zufolge rund 170 Mio. US$ verloren haben. Davon betrafen über 60% die nationale Fluggesellschaft EgyptAir, der Rest die diversen inländischen Flughäfen.
Der März zeigt zwar eine gewisse Belebung mit Belegungsraten bereits deutlich über 20%, aber es wird noch dauern, bis von Normalität wieder gesprochen werden kann. Dennoch deutet der Trend darauf hin, dass der Sommer und insbesondere die Herbst-/Wintersaison günstiger abschneiden. Die Tourismusbranche versucht unterdessen, durch Sparen bei Einrichtungen, Dienstleistungen und teilweise auch Personal die Krise zu überstehen. Der Preisdruck auf das touristische Produkt, vor allem durch die ausländischen Reiseveranstalter, reicht dem Vernehmen nach bereits bis in die nächste Wintersaison hinein. Preisabschläge werden von der Branche jedoch nur als vorübergehende Belebungsmaßnahme angesehen.
Die vor allem zu Beginn der Revolution weltweit übermittelten Bilder von Gewalt, Brandschatzungen und Plünderungen sind einer relativen Alltagsnormalität gewichen. Die Sicherheitslage in den Ferienanlagen, insbesondere am Roten Meer, ist entspannt. In den Großstädten gibt es noch nächtliche Ausgangssperren. Die Sicherheit auf den Straßen von Kairo hat sich leicht verschlechtert, sollte sich aber mit Konsolidierung der Polizei wieder verbessern. Für die politische Entwicklung ist nach dem Verfassungsreferendum ein weitgehend konkreter Zeitablauf vorgezeichnet. Die derzeitigen Ereignisse in Libyen gelten jedoch als zusätzliche Belastung.
Insbesondere Touristen, die die Sicherheitslage eher unter regionalen Aspekten betrachten, so vor allem Besucher aus Amerika, Asien und Australien, könnten abgeschreckt werden. Die westliche Mittelmeerküste Ägyptens und die Richtung Libyen gelegenen Oasen könnten hier in erster Linie betroffen sein. Zudem kommen üblicherweise fast eine halbe Million libyscher Besucher in das Land am Nil.
Das Jahr 2010 brachte Rekordbesucherzahlen. Die Zahl der ausländischen Touristen legte um 17,5% zu, die der Übernachtungen um 16,5%. Der Übernachtungsdurchschnitt betrug zehn Tage. Deutsche Urlauber, an dritter Stelle hinter Russen und Briten, lagen mit 11,2 Übernachtungen über dem Durchschnitt. Die für 2011 angestrebten Besucherzahlen von 16 Mio. dürften wie auch das Ergebnis aus 2010 nach den Ereignissen klar verfehlt werden. Dies gilt gleichermaßen für die Deviseneinnahmen aus dem Tourismus. Die Erlöse erreichten 2010 etwa 13,7 Mrd. US$. Sie sollten 2011 auf 15 Mrd. bis 16 Mrd. US$ zulegen.
Tabellen:
https://www.gtai.de/DE/Content/__SharedDocs/Links-Einzeldoku...
Auslandstourismus (Besucherzahl und Übernachtungen in Mio.)
Region/Land Besucher 2009 Besucher 2010 Übern. 2009 Übern. 2010
Mittlerer Osten 1,57 1,76 20,83 24,31
Afrika 0,46 0,49 5,36 5,96
Amerika 0,49 0,56 5,81 6,62
.USA 0,32 0,36 3,96 4,47
Asien/Pazifik 0,57 0,70 4,83 5,90
Europa 9,42 11,18 89,33 104,26
.Russische Föderation 2,04 2,86 17,92 25,04
.Vereinigtes Königreich 1,35 1,46 13,79 14,90
.Deutschland 1,20 1,33 13,58 14,92
.Italien 1,05 1,14 9,30 9,97
.Frankreich 0,55 0,60 5,60 5,25
.Polen 0,45 0,59 3,72 4,55
.Ukraine 0,31 0,41 2,10 2,62
Sonstige 0,04 0,04 0,37 0,33
Insgesamt *) 12,54 14,73 126,53 147,39
*) Abweichungen rundungsbedingt
Quelle: Ministry of Tourism
Wenn die politische Übergangsphase bis zum Herbst 2011 gelingt und die nachfolgende gesellschaftliche Transformation erfolgreich eingeläutet wird, steht aus ägyptischer Sicht einer dynamischen Entwicklung des Tourismus nichts mehr im Wege. Dies wird dann auch den Investitionen zugutekommen, die derzeit eher in Richtung Verschiebung und Abflachung tendieren. Neben der Wiederherstellung der allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Stabilität und der Verbesserung der Infrastruktur soll auch das touristische Produkt gestärkt werden.
Hierbei geht es zum einen um den Ausbau der touristischen Kapazitäten selbst. Die mittel- bis langfristigen Erwartungen an die Entwicklung des Tourismus sind hoch. Bis 2020 würde man die Zahl der Touristen gerne auf 25 Mio. bis 30 Mio. zumindest verdoppelt sehen. Die Nutzung der Mittelmeerküste, die sich bislang auf Inlandstouristen beschränkte, soll ausgeweitet werden. An der weitgehend winterresistenten Küste des Roten Meeres, Direktziel von Millionen ausländischen Reisenden, sind eigenständige neue Küstenorte mit kompletter, meist gehobener bis luxuriöser Infrastruktur geplant oder in der Entstehung. Sie integrieren zugleich den Trend hin zum Zweitwohnungsmarkt unter ewiger Sonne. Denn bei den Großprojekten handelt es sich meist um gemischte touristische und Wohn-Siedlungen in Form abgeschlossener Anlagen. Hinzu kommt ein Ausbau der städtischen Hotelkapazitäten.
Derzeit befinden sich die Vorhaben in der Schwebe beziehungsweise werden nicht mit gleichem Nachdruck weiterverfolgt wie zuvor. Dies liegt neben den noch bestehenden politischen Unsicherheiten auch an zu erwartenden gesetzlichen und praktischen Veränderungen bei der Vergabe von Land. Die Tourism Development Authority (TDA) ist die einzige Behörde mit Verantwortlichkeit für die Förderung der Tourismusentwicklung und Landzuteilung am Roten Meer und Mittelmeer sowie dem Golf von Aqaba. Die touristischen Grunddaten deuten auf eine rasche Belebung der Investitionstätigkeit, sobald die bestehenden Ungewissheiten ausgeräumt sind.
Wirtschaftsbeitrag Reiseverkehr und Tourismus 1)
Wert 2011 2) Anteil 2011 3) Wert 2021 2) Anteil 2021 3) Wachstum 4)
Direkt zum BIP 101,7 7,3 174,8 7,5 5,6
Gesamt zum BIP 220,3 15,8 389,8 16,7 5,9
Direkte Beschäftigung 5) 1.508 6,3 1.990 6,5 2,8
Gesamte Beschäftigung 5) 3.351 13,9 4.519 14,8 3,0
Auslandsbesucher 6) 12,77 - 16,73 - 2,7
Ausgaben Ausländer 7) 70,6 20,5 128,5 18,3 6,2
Ausgaben Inländer 8) 71,1 5,1 115,5 4,9 5,0
Investitionen 29,6 11,3 62,9 13,3 7,8
1) 2011: Schätzung; 2021: Prognose; 2) feste Preise, in Mrd. ägypt £; 3) Anteil am Gesamtwert in %; 4) durchschnittliches reales Wachstum p.a. in %; 5) Wert: in 1.000 Beschäftigten; 6) Wert: in Mio.; 7) Anteil: in % der Deviseneinnahmen; 8) Anteil: in % des Gesamtkonsums
Quelle: World Travel & Tourism Council WTTC
Zudem sollen die Museen attraktiver werden. An der Spitze steht der Bau des "Grand Egyptian Museum"nahe der Pyramiden von Giza. Aber auch regionale Museen und Kulturzentren warten auf Erweiterung und Modernisierung. Chancen werden im Ausbau des Kongress- und Messe- sowie Sporttourismus gesehen. Bestimmte Segmente wie Öko-,Wellness- und Wüsten- beziehungsweise Safaritourismus gelten als gezielt ausbaufähig. Ägypten als offizielles Partnerland der Messe "ITB 2012" hat alle Chancen, für sich eine neue dynamische Phase einzuläuten.
- 11 Apr 2011, 10:59 am
