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  • Carsten Hennig
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    Japan will Medizintourismus zum Wachstumssektor machen
    Großes Geschäftspotenzial sorgt für Bewegung / Neues Visum ermöglicht sechsmonatigen Aufenthalt / Von Detlef Rehn, gtai

    Tokio - Angesichts sehr guter geschäftlicher Aussichten will sich Japan im Medizintourismus profilieren. Tokushima und andere Städte werben vor allem um wohlhabende chinesische Patienten. Die Regierung in Tokio hat in ihre Wachstumsstrategie von Juni 2010 den Medizintourismus als wichtigen Sektor aufgenommen. Ab Januar 2011 können sich ausländische Patienten für Behandlungen länger aufhalten. Allerdings steht Japan noch vor Herausforderungen wie der hohen Sprachbarriere und der harten internationalen Konkurrenz.

    Die japanische Regierung hat angesichts hervorragender wirtschaftlicher Aussichten den Medizintourismus zu einem der Schwerpunkte ihrer Wachstumsstrategie von Juni 2010 erklärt. Allein in Japan seien mit der Kombination von medizinischen und touristischen Dienstleistungen 2020 Einnahmen von bis zu 550 Mrd. Yen (rund 5,0 Mrd. Euro; 1 Euro = 110,4 Yen) möglich, schreibt die Development Bank of Japan (DBJ) in einem im Mai 2010 veröffentlichten Bericht.

    Um dieses Potenzial systematisch zu entfalten, will die Regierung in den kommenden Jahren verschiedene Deregulierungsmaßnahmen durchführen. Als ein erster Schritt wurden neue Visabedingungen verabschiedet. Ab Januar 2011 können sich Ausländer bei medizinischen Behandlungen bis zu sechs Monate in Japan aufhalten; bislang waren nur drei Monate möglich. Durch die Lockerung der strikten Visabestimmungen soll das Land für Medizintouristen attraktiver werden.

    In Zukunft will beispielsweise Tokushima um ausländische Patienten werben und sich einen Namen auf medizinischem Gebiet machen. Bisher ist die mittelgroße Stadt im Osten der japanischen Insel Shikoku vor allem für den Awa-Odori-Tanz bekannt. Wie der Gouverneur der gleichnamigen Präfektur Tokushima, Iizumi Kamon, vor ausländischen Journalisten erläuterte, ist die Stadt dabei, einen Cluster für Gesundheit und Medizin aufzubauen. Das Projekt wird vom Wissenschaftsministerium (MEXT) mit insgesamt 280 Mio. Yen unterstützt und läuft von 2009 bis 2013.

    Diabetes-Therapien werden im Mittelpunkt der Clustertätigkeiten stehen. Grund hierfür ist, dass die Präfektur schon seit etwa Mitte der 90er-Jahre landesweit die Region mit den meisten Diabetes-Sterbefällen ist. Dabei will sich Tokushima allerdings nicht auf die Behandlung einheimischer Patienten beschränken, sondern ihre Dienstleistungen besonders auch wohlhabenden Chinesen anbieten. Gerade in der VR China nehmen die Diabetes-Erkrankungen mit dem wachsenden Wohlstand rasch zu, so die Analyse in Japan.

    Tokushima steht in seinen Bemühungen, Ausländer für medizinische Behandlungen nach Japan zu bringen, nicht allein. Kobe zum Beispiel untersucht schon seit 2009 die Möglichkeiten des Medizintourismus. Aber auch Krankenhäuser, so etwa das private Kameda General Hospital in der Präfektur Chiba oder Tourismus-Organisationen wie das Japan Tourist Bureau (JTB) und Kinki Nippon Tourist (KNT), sehen hierin ein wichtiges neues Geschäftsfeld. Pressemeldungen zufolge bietet KNT seit Mitte 2009 wohlhabenden Privatleuten aus China, Russland oder dem Nahen und Mittleren Osten medizintouristische Pakete an. Bisher kommen ausländische Patienten zumeist zu Krebsuntersuchungen oder zu kompletten Gesundheits-Checks nach Japan.
    Problematisch dürfte derzeit aber sein, inwieweit japanische Krankenhäuser überhaupt in der Lage sind, ausländische Patienten anzunehmen. Eine der höchsten Hürden ist die Sprachbarriere. Zum einen sind in Japan kaum ausländische Ärzte tätig, und auch unter ihren einheimischen Kollegen ist die Zahl derjenigen, die fließend Englisch oder Chinesisch sprechen, wahrscheinlich nicht sehr hoch. Ferner ist ausländisches Pflege- und anderes Krankenhauspersonal nur beschränkt vorhanden. All dies hat zur Folge, dass die Zahl der für Medizintourismus geeigneten Einrichtungen derzeit noch sehr begrenzt ist.

    Die Sprachproblematik versucht Tokushima unter anderem dadurch zu lösen, dass chinesische Ärzte als Berater eingesetzt werden. In anderen Fällen übertragen japanische Krankenhäuser etwa Reisebüros wie JTB die Aufgabe, für adäquate sprachliche Begleitung der Patienten zu sorgen. Auch Sprachschulen entdecken neue geschäftliche Möglichkeiten.

    Allgemein sieht sich Japan trotz mancher Schwierigkeiten gerüstet, im Medizintourismus international eine gute Rolle zu spielen. Denn die Qualität der medizinischen Versorgung sei hoch und technologisch Spitze, heißt es in dem Bericht der DBJ. Auch im Hinblick auf die Kosten sei Japan in vielen Punkten sehr viel billiger als die USA, die von der DBJ als Vergleichsmaßstab herangezogen wurden. So müssten dort beispielsweise für eine Herz-Bypass-Operation 170.000 US$ bezahlt werden; in Japan würde der Eingriff nur ein Viertel kosten.

    Japans Medizintourismus-Konkurrenten befinden sich vor allem in Asien. Thailand etwa erwirtschaftete bereits 2008 rund 850 Mio. $ unter anderem mit plastischer Chirurgie, Organtransplantationen und Zahnbehandlungen. Auch in Singapur oder in Indien werden hohe Umsätze erzielt. Diese Länder sind vielfach noch sehr viel preiswerter als Japan, jedoch damit qualitativ nicht unbedingt schlechter.

    Japans medizintouristische Aktivitäten sind im eigenen Land nicht unumstritten. Vor allem die Japan Medical Association lehnt den auf Gewinnerzielung ausgerichteten Medizintourismus ab. Der heimische Ärzteverband befürchtet, dass besonders die medizinische Versorgung in großstadtferneren Gebieten leiden könnte, da die auf den Medizintourismus spezialisierten Einrichtungen Ärzte anziehen würden. Angesichts all der Probleme ist der Weg wahrscheinlich noch weit, bis ausländische Patienten in Scharen nach Tokio, Osaka oder Tokushima kommen.