Journalismus 2.0

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  • Anton Simons
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    Chancen im Hyperlokalen
    Welche Chancen haben klassische Regionalverlage und Unternehmens-Neugründungen im Hyperlokalen? Die Beantwortung dieser Frage ist ein Schwerpunktthema des Medium-Magazins (http://www.mediummagazin.de) vom Dezember 2009. „Ganz nah am Nutzer“ ist dort ein Beitrag überschrieben, in dem es der Autorin Ulrike Langer (https://www.xing.com/profile/Ulrike_Langer2) darum geht, „wie Regionalzeitungen mit hyperlokalen Projekten Bürger aktivieren und neue Werbemärkte erschließen“ können.

    Insbesondere für lokale Medien liege in solchen Angeboten „eine große Chance, Onlinenutzer und Leser stärker an das eigene Medium zu binden“, schreibt Langer, „denn immer wieder zeigt sich, dass Bürger und Mediennutzer trotz Surfen im weltweiten Netz sich mit ihren unmittelbaren Lebensräumen, ihrer Straße oder ihrem Stadtteil am stärksten identifizieren.“ Dies gelte umso mehr „wenn sie dazu aufgefordert werden, eigene kreative Beiträge zu leisten, die über die üblichen Kommentare und Bewertungen hinausgehen.“

    Martin Huber (https://www.xing.com/profile/Martin_Huber), Geschäftsführer der Augsburger Firma Gogol Medien (http://www.gogol-medien.de), sieht das ähnlich: "Hyperlokale Inhalte und tief in der Region verortete Geschichten bieten enormes Potenzial“, zitiert die Autorin. Lokalzeitungen hätten „eine gute Startposition, um dieses Potenzial zu erschließen."

    Eine Möglichkeit: Stadt- und Regionalwikis. Nürnberger Zeitung, Göttinger Tageblatt, Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) und einige andere Regionalzeitungen haben inzwischen derartige Portale eröffnet. Die Entwicklung dieser kollektiven Datenbanken verläuft allerdings eher schleppend.

    Vielleicht ist das für die HNA der Grund dafür, parallel zum Kassel-Wiki mit dem Aufbau einer hyperlokalen Fotochronik zu beginnen. Eine Dokumentation der Kasseler Bombennacht am 22. Oktober 1943 machte den Auftakt. Das Kasseler Stadtarchiv werde 5000 Fotos für das Portal zur Verfügung stellen, schreibt Ulrike Langer im Medium Magazin.

    Mit ihrer Fotocommunity nahraum.de hat die Lensing Medien GmbH & Co. KG einen ähnlichen Weg beschritten. Das Portal gibt Nutzern die Möglichkeit, „ihre historischen und aktuellen Fotos aus dem lokalen Raum zu teilen und eine kollektive visuelle Stadtgeschichte aufbauen“, schreibt Ulrike Langer und zitiert Carsten Kaiser, den Bereichsleiter Online/Multimedia des Medienhauses Lensing: "Wir wollen die Zeitungstradition, das Leben in der Region zu begleiten und damit Zeitgeschichte zu dokumentieren, ins 21. Jahrhundert übertragen und mit den Möglichkeiten des Internets zeitgerecht erweitern." Auf dem Portal selbst ist zu lesen: „Um die Geschichte von Westfalen neu zu erleben, werden die alten und jungen Bilderwelten von Hintergrundinformationen und Übersichtsartikeln ergänzt. Diese liefern wichtige Zusammenhänge und zeichnen gemeinsam mit den Fotos ein lebendiges Zeitkolorit.“

    Die Nutzung dieses Foto-Portals ist kostenlos. Bevor es freigeschaltet wurde, sei es von der Redaktion mit mehr als 37.000 Fotos befüllt worden. In den drei ersten Tagen nach der Freischaltung hätten sich bereits mehrere hundert Nutzer angemeldet, sorgten für täglich rund 15.000 Seitenzugriffe und stellten rund 500 Bilder ein. „Nutzer boten Schuhkartons voller Aufnahmen an und der Heimatverein in Greven fragte nach, ob er Tausende von Bildern ins Portal stellen kann, um alte Aufnahmen zu identifizieren."

    Die Strukturierung des Portals ist plausibel: Nutzer können sich jeweils die neuesten Bilder anzeigen lassen, die hochgeladen wurden, sie können sich die Bilder aber auch entlang einer Zeitleiste betrachten oder sie nach Orte und Themen aufschlüsseln lassen. Community-Elemente – beispielsweise die Möglichkeit, Kommentare und Bewertungen zu Fotos und Artikeln abzugeben – sollen für Dynamik auf dem Portal sorgen. Bei der Refinanzierung des Fotoportals denkt Kaiser an „lokale Werbekunden, die nicht unbedingt in der Zeitung oder auf Ruhrnachrichten.de werben würden“, berichtet Ulrike Langer. Neben Nikon oder Canon als Sponsoren könne auch der örtliche Fotohändler eingebunden werden.

    Ganz ähnlich aufgebaut wie nahraum.de ist die im September 2008 eröffnete Geschichts-Werkstatt "von Zeit zu Zeit" (http://www.von-zeit-zu-zeit.de) der "Stuttgarter Zeitung". Für dieses Online-Projekt gewann die StZ das Stuttgarter Stadtarchiv und die Volkshochschule als Partner, schreibt Langer und weist darauf hin, dass es für dieses "Geschichtsportal zum Mitmachen" in diesem Jahr sowohl den Konrad Adenauer- Lokaljournalistenpreis als auch eine Nominierung für den Grimme Online Award gab.

    Beachtlichen Zuspruch von Regionalverlagen erfährt inzwischen das von der Firma Gogol Medien in Augsburg entwickelte hyperlokale myheimat-Portal (http://www.myheimat.de). „Mehr als ein Dutzend Tages-, Wochen- und Anzeigenblätter bedienen sich inzwischen aus dem Pool örtlich relevanter Beiträge für Online, die Zeitung und neue Printprodukte“, schreibt Ulrike Langer. Die Beiträge, Magazine oder Broschüren würden dabei mit jeweils einem "MyHeimat"-Logo gekennzeichnet.

    Um die Motivation der Nutzer zu fördern, sei es wichtig, Internet-Portal so transparent und nachvollziehbar wie möglich zu gestalten. Bei myheimat etwa sehen angemeldete „welche Beiträge in ihrer Region am häufigsten gelesen, kommentiert, empfohlen oder abgedruckt werden.“ Außerdem wird angezeigt, welche Beiträge am häufigsten über externe Links oder Suchmaschinen abgerufen werden.

    Hyperlokale Medien haben aber nicht nur den Zweck, junge Nutzer zu erreichen und die Nutzer zu bespaßen, sondern es gehe auch darum, „von verschiedenen Seiten her die Weisheit der Vielen anzuzapfen", so Gogol-Geschäftsführer Martin Huber. Außerdem gehe es darum, „lokale Werbemärkte besser auszuschöpfen und eine Anbindung zu potenziellen Werbekunden zu bekommen, die in kleinsten Zusammenhängen denken."

    Sublokale Werbemärkte zu erschließen und bei Nutzern und Anzeigenkunden wirtschaftlich tragfähige Angebote im hyperlokalen Raum zu etablieren, das sei allerdings nicht einfach, schreibt Langer. Dazu seien eine Menge Zeit und Überzeugungsarbeit notwendig, aber auch Fantasie, Engagement und Durchhaltevermögen. Ob Werbekunden tatsächlich auf neue Onlinemodelle anspringen, sei „auch eine Generationenfrage“, weiß Martin Huber: „Der Metzgermeister kurz vor der Pensionierung hinterfragt in der Regel nicht die Angebote seines vertrauten Mediaberaters, im traditionellem Print-Umfeld zu schalten.“

    Wenn’s um Gegenwart und Zukunft der Zeitungen geht, sollte ein Blick über den „großen Teich“ nicht fehlen. Während der Lokaljournalismus in Deutschland noch weitgehend in Verlagshand ist, werden in den USA inzwischen ganze Ballungsräume von Blogs und Blogger-Netzwerken überzogen, wie Ulrike Langer schreibt. In Nordamerika seien „viele kleine Medien mit weniger hohen Gewinnerwartungen entstanden, die kleinräumig Zielgruppen gut bedienen“, wird die Medienberaterin Katja Riefler zitiert.

    Allein in Seattle konkurrieren zwölf Stadtteilportale und -blogs mit der angestammten ‚Seattle Times‘ um die Aufmerksamkeit der Nutzer. Das habe die Zeitung im August 2009 dazu bewogen, mit den sublokalen und teilweise preisgekrönten Wettbewerbern zu kooperieren. Diese Kooperation – ebenso wie vier weitere Projekte in anderen US-Metropolen - werde von der Knight Foundation (http://www.knightfoundation.org ) unterstützt. Diese Stiftung habe die Aufgabe, zu erforschen, welche Journalismus-Modelle im Post-Print-Zeitalter Erfolg versprechen.

    Anfang 2008 sei in Chicago das hyperlokale Projekt „Everyblock“ (http://www.everyblock.com) gestartet worden, das heute in 15 US-Städten zur Verfügung steht. Auch dieses Projekt wurde zunächst mit 1,1 Millionen Dollar von der Knight-Stiftung gefördert, inzwischen jedoch für einen mehrfachen Betrag an MSNBC verkauft.

    Andere hyperlokale Modelle in den USA würden von Verlagen unterstützt. Die Chicago Tribune beispielsweise fördere die Plattform Triblocal (http://www.triblocal.com), die sechs Landkreise im Großraum Chicago mit nutzergenerierter sublokaler Berichterstattung bediene. Wöchentlich werde eine Auswahl von Texten gedruckt.

    Bürgermedien und andere verlagsfremde Angebote seien in den USA auch auf dem besten Weg, den (sub)lokalen Anzeigenmarkt von unten aufzurollen. Das habe Justin Carder, den Gründer des Stadtteilblogs CapitolHillSeattle.com und der hyperlokalen Publishing-Lösung Neighborlogs, ermutigt, ein automatisiertes Anzeigenbuchungssystem mit dem Namen InstiAds (instiads.com) zu entwickeln, wie Ulrike Langer schreibt. Diesen Trend hat wohl auch Google erkannt: Seit Anfang Oktober werde Werbung von kleinen Geschäften und Unternehmen auf sublokalen Websites mit dem vereinfachten Anzeigensystem „Listing Ads“ unterstützt.

    Ist für Deutschland eine ähnliche Entwicklung zu erwarten? Sollte sich das Modell der hyperlokalen Plattform altona.info erfolgreich sein, dann ist davon auszugehen. Der Hamburger Journalist und Medienunternehmer Christoph Zeuch (https://www.xing.com/profile/Christoph_Zeuch), Betreiber dieser Plattform, signalisiert jedenfalls Kampfbereitschaft: Er will „einen kompletten Angriff auf die Zeitungslandschaft starten“, sagte er in einem Interview mit dem Medium Magazin.

    Fürs nächste Jahr setze Zeuch auf fünf Sponsoren, die sein Projekt finanzieren. Um die Finanzierung auch über das Jahr 2010 hinaus zu sichern, will er in den nächsten Monaten Werbeformate für Einzelhändler, Gastronomen und andere Kleingewerbetreibende entwickeln. „Über ein eigenes Backend sollen Werbekunden ihre Inhalte selbst pflegen können“, heißt’s im Medium Magazin, „das heißt zum Beispiel, sie können täglich neue Videos in ihren Platz einstellen oder ihn mit Social Media Plattformen vernetzen.“

    Daneben möchte Zeuch einen Kleinanzeigenmarkt aufbauen – mit Hilfe von Google Adwords, das er auf seiner Plattform allerdings „regional und lokal abschotten“ möchte: „Es soll keiner von außen reinkommen können“, zitiert das Medium Magazin, „wir wollen nicht zulassen, dass eine Firma wie Amazon beispielsweise einem lokalen Buchhändler in die Parade fahren kann.“ Dazu solle „der lokale Kunde das Vorrecht vor dem nationalen oder global tätigen Werbetreibenden“ bekommen.

    Nach "Spiegel"-Vorbild will Zeuch eine mitarbeitergeführte Betriebsgesellschaft gründen, an der sich Journalisten mit Kapitalanteilen von je 500 Euro beteiligen können. „Die unternehmerisch tätigen Journalisten erhalten Honorare, die in der Investitionsphase sicher geringer ausfallen, aber dafür profitieren sie auch von dem Wertzuwachs ihrer Gesellschafteranteile“, heißt es dazu im Medium Magazin. Im nächsten Schritt will er expandieren und sein Know-how exportieren: „Wenn jemand in einer anderen deutschen Region ein vergleichbares Lokalmedium aufbauen möchte, gibt es den kompletten Support plus Anteile an der kompletten Betriebsgesellschaft.“ Damit habe man, heißt es ein wenig vollmundig weiter, „als Journalist die Chance, ein Vielfaches mehr zu verdienen als über einen Standard-Angestelltenvertrag oder über freie Honorare.“
    Altona.info und seine Ableger sollen auch gedruckt erhältlich sein. Da verfolgt Zeuch ein ähnliches Community-to-Print-Konzept wie myheimat.de. Im Medium Magazin heißt es dazu:

    „Wenn ein Kunde bereit ist, dafür zu bezahlen, bekommt er so viele Exemplare, wie er haben möchte. Derzeit testen wir Kooperationen mit Copyshops, Apotheken und Ärzten - Stichwort Lesezirkel. Sie sollen die Möglichkeit haben, die gedruckte Ausgabe ihrem Kundenkreis zur Verfügung zu stellen. Und unsere Sponsoren sollen auch das Recht erhalten, unsere Inhalte komplett in eigenen Mitgliederzeitschriften zweitzuverwerten.“

    Man darf also gespannt sein.