Journalismus 2.0

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  • Anton Simons
    Anton Simons    Premium Member   Group moderator
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    Der Twitter-Hype - Oder: Wie viel Selbstbespiegelung darf's sein?
    Wie viel wollen wir eigentlich wissen von dem Bäcker, dessen Brötchen wir zum Frühstück essen? Und was interessiert uns der Metzger, dessen Kräuterleberwurst wir uns aufs Brötchen streichen? Mit einer ähnlichen Frage, bloß nicht auf Fleischer und Bäcker, sondern auf Redaktionen und Journalisten bezogen, beschäftigt sich Sebastian Feuß ( http://www.journalismusforschung.de/leute/feuss.html ) in seinem Beitrag „Gezwitscher im Minutentakt“ in der neuen Ausgabe der „Message“ ( http://de.wikipedia.org/wiki/Message_(Zeitschrift) ).

    Viele Menschen mögen an einer gut gemachten Zeitungs- oder Fernsehreportage über einen typischen Landbäcker interessiert sein – oder über den Alltag in einer Wurstfabrik im Thüringer Wald. Den Tweeds aus deutschen Redaktionen jedoch attestiert Feuß „Banalitäten-Beschuss“, „peinliche Selbstbespiegelung“ und „unzusammenhängende Momentaufnahmen“. Kostprobe dazu aus dem Tweed von Welt kompakt: „schweinsbraten, backobst - wir kullern mit dicken bäuchen unter dem schreibtisch rum“. Feuß übersetzt: „Die Redaktion war zu Tisch und ist nun satt.“ Das also sind die Nachrichten, nach denen die Welt dürstet?

    Zunächst aber liefert Feuß einen kritischen Sachstandsbericht zu den Social-Media-Aktivitäten der deutschen Verlage. Seine Sichtung der Nachrichtenportale Yigg und Webnews - beide verstehen sich als „Nachrichten-Webseiten ohne Nachrichten-Redaktion“ - ergab, dass sie im Wesentlichen „Tummelplätze von Hanf-Aktivisten und Nachrichten-Fakes“ sind. Nicht selten würden User beliebige Texte und PR-Meldungen als Top-Meldungen ganz nach oben katapultieren. Umso drängender deshalb die Frage: Warum interessieren sich Deutschlands Medienmacher derzeit so intensiv für dieses Umfeld?

    „Die Redaktionen verschwenden derzeit viel Energie auf Dinge, die nicht originär den Journalismus betreffen, ihn jedenfalls nicht verbessern“, zitiert Feuß den Münsterschen Medienwissenschaftler Christoph Neuberger ( https://www.xing.com/profile/Christoph_Neuberger ). Das gelte für Social-News-Sites genauso wie für die Präsenzen von Medienunternehmen in Social-Networks, zum Beispiel Facebook, und den Twitter-Hype. Wie diese Portale funktionieren, die keine eigenen Nachrichten generieren und die von den Anbietern „Mitmach-Nachrichten“ genannt werden, beschreibt Feuß so: „User stellen Informationen Dritter ein: Blog-Texte stehen unmittelbar neben Beiträgen der Mainstream-Medien und PR-Texten.“ Die Relevanz der Beiträge auf den Portalen werde von den Usern bestimmt, indem sie die Texte bewerten.

    „Bei Yigg funktioniert das über einen Klick auf den Stimmenzähler-Button neben der jeweiligen Nachricht. Je beliebter ein Beitrag, desto weiter oben ist er auf der Homepage platziert. Durch die Stimmen der User kann somit ein beliebiger Artikel zur Top-Meldung mutieren.“ Auf den Newsportalen finde aber „keine Differenzierung statt, der Journalismus kann sich hier nur schwer als Marke etablieren“, wird Neuberger zitiert, eine solche Differenzierung sei aber „notwendig, um den Mehrwert, die besondere Qualität des Journalismus deutlich zu machen.“ Während Social-News-Seiten wie Digg in den USA „enorm erfolgreich“ seien, falle die Bilanz in Deutschland „nach anfänglichem Hype eher mäßig“ aus.

    Vermutete Ursache: Die Mehrzahl der deutschen Nutzer hält nicht viel vom Yigg-Grundgedanken, dass nicht professionelle Journalisten, sondern die Nutzer über Relevanz und Nachrichten von Beiträgen entscheiden. Darauf deute auch „die Beerdigung des ambitioniert gestarteten Holtzbrinck-Projekts Zoomer“ hin, dem ebenfalls ein solches Konzept zugrunde lag. Feuß schreibt - Profi-Journalisten werdens gerne lesen: „Das Vertrauen in professionelle Journalisten klassischer Medien bei der Informationsbeschaffung, -selektion und -bewertung scheint bei den meisten deutschen Internetnutzern noch immer größer zu sein als in die Nutzer von Yigg.“

    Trotzdem, stellt Feuß fest, setzen deutsche Mainstream-Medien auf Social-Media-Strategien, um mit ihren Nachrichten in den Mitmach-Nachrichtenportalen zu sein. Weil Social-News-Seiten stets auf die Originalquellen zurück verlinken, stehe dahinter vermutlich der Wunsch, den Traffic auf der eigenen Website und damit die Werbeeinnahmen zu erhöhen. Eine Möglichkeit, die Präsenz der eigenen Medienmarke auf Seiten wie Yigg zu erhöhen, ist Social Bookmarking. Spiegel online zum Beispiel platziert dazu über jedem seiner Beiträge ein kleines Pull-down-Menü, über das Nutzer die Artikel bei Webnews, Yigg, folkd, Mister Wong, Linkarena und De.licio.us bookmarken können. Angemeldete Nutzer haben dann die Möglichkeit, die Artikel per Mausklick bei diesen Diensten einzustellen, zu bewerten und zu diskutieren.

    „Auch über die Präsenz in Social Networks wollen Nachrichtensites Leser gewinnen“, weiß Feuß. Spiegel online bietet dazu Facebook und MySpace an. Einer Auflistung unseres Comoderators Leander Wattig zufolge (http://leanderwatt.ig. de) gibt es derzeit etwa 40 solcher Social-Network-Accounts deutschsprachiger Nachrichtenmedien, schreibt Feuß und erklärt, wie virales News-Marketing funktioniert: „Bei Facebook kann jeder Nutzer eine eigene Profilseite einrichten, Texte, Fotos und Videos hochladen, chatten und Mitteilungen an seine Facebook-Freunde versenden. Nachrichtenredaktionen präsentieren sich auf Facebook mit multimedialen News-Angeboten und hoffen, dass sich möglichst viele andere User mit ihnen vernetzen, »Fans« werden und ihre Freunde auf Meldungen oder Videos hinweisen.“ Das Nutzerinteresse an diesem Angebot sei jedoch „vergleichsweise gering.“ Meist seien es bloß wenige Tausend Mitglieder, die sich in den Networks auf den Seiten der Nachrichtenmedien registriert haben.

    Als „das Social-Media-Tool schlechthin“ gelte derzeit Twitter, „eine Vielzahl deutschsprachiger Nachrichtenmedien macht diesen Hype mit.“ Während früher galt, dass jede Nachricht in drei Sätze passt, müsse heute alles in 140 Zeichen passen. Soviel Raum nämlich bieten SMS und der Mikroblogdienst Twitter. Der Wert der Twitter-Aktivitäten von Medienunternehmen für den Leser „ergibt sich aus dem Gesamtklang der Tweets über Tage und Wochen“, zitiert Feuß den stellvertretenden Chefredakteur von Welt Kompakt, Frank Schmiechen, „die Follower bekommen ein Gefühl dafür, wie eine Zeitung entsteht. Dazu gehört auch das Wissen, dass Journalisten ganz normale Menschen sind, die mal Schweinsbraten zu Mittag essen.“ Dank Twitter verliere die Zeitung ihren abstrakten Charakter. Feuß zweifelt: „Fraglich ist, ob Leser nicht vielmehr am journalistischen Produkt interessiert sind - mithin an verlässlichen Nachrichten, die ihnen Orientierung bieten - als an den Menschen, die dieses Produkt erstellen. Und ob diese Menschen ihre Bedeutung nicht überschätzen.“

    Sein Einwand: Die wenigsten Leser seien bereit, einzelne Informationen selbst zu einem Gesamtbild zusammenzufügen; genau diese Leistung erwarten sie vielmehr von den journalistischen Profis. „Twitter steht diesem Leserwunsch mit Content-Beschuss in Form von unzusammenhängenden Momentaufnahmen und banalen Informationen über die Essgewohnheiten von Redakteuren diametral gegenüber.“ Feuß belegt seine These mit den niedrigen Follower-Zahlen deutschsprachiger Twitter-Accounts von Nachrichtenmedien. Die Medienunternehmen erreichen über Twitter zwar junge Leser, die nicht täglich in die Zeitung gucken - zweifelhaft sei aber, ob es den Medienhäusern gelingt, diese Follower in Leser zu verwandeln.

    Feuß spitzt seine Bedenken zu folgender Frage zu: „Ist Twitter am Ende nicht mehr als eine selbstverliebte Bespiegelung der vermuteten Wichtigkeit des Journalisten?“ Vieles deute darauf hin, dass es vor allem Journalisten sind, die das Getwitter ihrer Kollegen verfolgen. „Twitter verdeutlicht ganz klar die Selbstreferenzialität im Journalismus. Ich vermute, dass das Publikum dort nicht reinschaut und gar nicht so sehr an einer Beschleunigung in Textform interessiert ist“, vermutet auch Medienwissenschaftler Christoph Neuberger, wie Feuß schreibt. Der Amoklauf von Winnenden habe gezeigt, wie weit diese Selbstbezüglichkeit gehen kann: „Dass an jenem Vormittag 15 Menschen und der Täter starben, war offenbar fast schon eine Nebensache für die Twitter-Journaille; wichtiger schien, wie die Reporter selbst bei der Berichterstattung vorgingen.“
    This post was modified on 17 Apr 2009 at 05:56 pm.
  • Dirk Weber
    Dirk Weber
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    Re: Der Twitter-Hype - Oder: Wie weit darf journalistische Selbstbespiegelung gehen?
    Hallo Herr Simons,

    eine sehr interessante Auseinandersetzung mit dem Thema.

    Abgesehen davon, dass ich den Artikel gleich mal getwittert habe ;) habe ich seinerzeit in Eichstätt auch unter Herrn Neuberger studiert und habe nicht nur seine sympathische Art, sondern auch seine didaktische und journalistische Kompetenz stets zu schätzen gewusst.

    Zugegebenermaßen mag das Konzept der aktuell beliebten 2.0-Medien und Netzwerke anfangs für Journalisten unfassbar banal klingen - auch ich habe mich zuerst mal gefragt: "Wen interessiert das, was XY zu Mittag isst?"

    Mittlerweile möchte ich diese Medien, v.a. Twitter, sozusagen probeweise als soziologisch-journalisitisches Experiment sehen, mitverfolgen und selbst gestalten. Beispielsweise sind wir dabei, bei unserem regionalen Funkhaus Microblogging als zusätzlichen Kanal zu nutzen. Ob es "gelingt, diese Follower in Leser zu verwandeln" (Feuß), werden und wollen wir sehen. Followerzahlen von 100 oder 500 mögen zunächst nicht wirklich interessant für Medienhäuser sein, aber vielleicht erfolgt eine zuerst regional, später international übergreifende Multiplikation?

    Neuberger vermutet, "dass das Publikum dort nicht reinschaut und gar nicht so sehr an einer Beschleunigung in Textform interessiert ist". Meine Meinung: Oh doch, das ist es... vielleicht (noch) nicht für deutsche Medien, wohl aber für amerikanische Medien und Einzelpersonen. Nicht nur Personen wie Obama und Britney Spears haben bei Twitter Followerzahlen von 1/2 bis 1 Million. So gelingt es auch zunächst in der Medienbranche unpopulären (Privat-)Personen, vielleicht auch unerwartet? eine eigene weltweite Interessensgemeinschaft aufzubauen - Beispiel Justine Ezarik (http://www.twitter.com/ijustine), die mit Spaßvideos über Ketchup und Ostereier mehr Leser hat als so manche Tageszeitung.

    Feuß: "Weil Social-News-Seiten stets auf die Originalquellen zurückverlinken, stehe dahinter vermutlich der Wunsch, den Traffic auf der eigenen Website und damit die Werbeeinnahmen zu erhöhen.". Hmm... primär definitiv JA. Später kann ggf. mehr dahinterstecken? Warum nicht ausprobieren. Gut, wir vom Radio fassen uns (wenn wir nicht grad bloggen oder XINGen ;)) sowieso kürzer, aber mir scheint es durchaus interessant, Nachrichten auch mal in der 140-Zeichen-Version zu publizieren.

    Die Ansichten Neubergers und Feuß' sind natürlich aus journalistischer Sicht absolut nachzuvollziehen. Ich bin trotzdem gespannt, wie sich die Situation weiterentwickeln wird, und ob es ggf. gelingen kann, in diesen (nun wirklich "neuen") Medien ebenfalls eine Leser-/Hörer-Follwerschaft aufzubauen.

    Und für einen netten Schweinsbraten zwischendurch sind ja viele zu haben :)

    Danke für den Artikel und VG
    Dirk Weber
    http://www.twitter.com/RadioGalaxy_IN
    This post was modified on 15 Apr 2009 at 04:02 pm.
  • Boris Borchert
    Boris Borchert    Premium Member
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    Re^2: Der Twitter-Hype - Oder: Wie weit darf journalistische Selbstbespiegelung gehen?
    Das ist mir definitiv zu undifferenziert. Die Probleme, die Yigg derzeit in Deutschland hat, sind teils hausgemacht (fataler Relaunch). Das Zoomer gescheitert ist, kann viele Gründe haben. Aus meiner Sicht war es die mangelnde Usability, insbesondere die fehlende Navigation. Die Twitter-Diskussion zu Winnenden ist unehrlich, wenn man den Artikel des W&V Redakteurs gelesen hat, der vor Ort war und von ganz anderen journalistischen Problemen berichtete( Geld für Schülerstatements und Tränen vor der Kamera). Hat der Autor vielleicht wirklich nicht verstanden, dass es bei Social Media letztendlich zu mind. 50% um SEO geht und wenn ja, was ist daran falsch? Die Welt macht da gerade wohl nicht allzu viel falsch, wenn man sich Google News ansieht.

    Woher weis eigentlich ein Verfasser solcher Kritik immer so genau, dass die Leser nach Qualitätsjournalismus gieren und warum hat dann die Zeitung mit den großen Lettern die höchste Auflage? Ist das nicht vielmehr Wunschdenken?

    Twitter-Nutzerzahlen aus Deutschland mit denen der USA zu vergleichen ist natürlich auch ein Taschenspielertrick. Andererseits hat dieser Hype derzeitige Steigerungsraten, die man sonst erst einmal irgendwo jenseits der Abwrackindustrie entdecken muss. Wie Twitter oder Microblogging insgesamt funktioniert, sollte man meiner Ansicht nach ruhig ausprobieren, ohne es zu verteufeln oder in den Himmel zu loben.
    Es bietet gerade für Journalisten interessante Möglichkeiten. Dazu gab es beispielsweise einen guten Beitrag bei der re-publica09 von einem Journalisten aus Amsterdam.

    Aber auch für Unternehmen hat es meiner Auffassung nach aus unterschiedlichen Gründen ( Von Kundensupport über PM bis Krisen-PR) Vorteile, Twitter bereits zu nutzen.
    This post was modified on 16 Apr 2009 at 08:25 am.
  • Anton Simons
    Anton Simons    Premium Member   Group moderator
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    Re^3: Der Twitter-Hype - Oder: Wie weit darf journalistische Selbstbespiegelung gehen?
    Liebe Kollegen,

    freut mich, dass es noch Menschen auf diesem Planeten gibt, die in der Lage sind, mehr als 140 Zeichen am Stück zu texten!

    Ich denke, niemand von uns fühlt sich derzeit in der Lage, mit Bestimmtheit zu sagen, welche Bedeutung Mikroblogging in fünf oder zehn Jahren für Medienunternehmen haben wird. Und niemand behauptet, dass Twitter & Co. rundweg Quatsch sind und eingestellt gehören.

    Wir dürfen uns allesamt freuen, dass wir in einer höchst aufregenden Zeit leben, in der irgendwie die Karten neu gemischt werden. Hoffen wir nur, dass wir selbst dabei in der Lage bleiben, die Köpfe über Wasser zu halten.

    Gruß in die Runde,


    Anton Simons
  • Dirk Weber
    Dirk Weber
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    Re^4: Der Twitter-Hype - Oder: Wie weit darf journalistische Selbstbespiegelung gehen?
    Recht haben sie, Herr Simons! Und vielen Dank fürs Followen! ;)

    Das folgende Zitat fasst übrigens ganz nett zusammen, was ich gestern damit sagen wollte:

    „Ich finde es unglaublich, dass ein einziger Mensch online eine genauso große Macht haben kann wie ein gesamtes Medienunternehmen“.

    (US-Schauspieler Ashton Kutcher zu seinem Wettlauf gegen CNN. Quelle: http://www.bild.de/BILD/news/telegramm/news-ticker,rendertex...)
  • Dirk Weber
    Dirk Weber
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    Re^5: Der Twitter-Hype // Beispiel Schweinegrippe
    Hier noch die Ansicht eines Medien-/Marktforschungsinstitutes zu Twitter, aufbereitet an einem aktuellen Beispiel:

    http://pressetext.at/news/090427016/schweinegrippe-verursach...