Journalismus 2.0

Journalismus 2.0

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  • Anton Simons
    Anton Simons    Premium Member   Group moderator
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    Wer möchte schon mit einem Bürgerpiloten fliegen?
    Beim Nachdenken über die Zukunft der Zeitung und der Zeitschrift, des Hörfunks und des Fernsehens, des Journalismus überhaupt, sollte man die (Gegen-)Argumente der Kritiker all der Applikationen mit ins Kalkül ziehen, die das Web 2.0 hervorbringt. Einer davon ist Andrew Keen ( http://de.wikipedia.org/wiki/Andrew_Keen ), der Autor des Buchs „The cult of the amateur" (deutsch: „Die Stunde der Stümper"). Darin geißelt er das Web 2.0 als Kulturzerstörer. „Warum der ehemalige Internet-Pionier gegen eine überbordende Demokratisierung der Medien und Bürgerjournalismus ist“, darüber hat Annette Milz, Chefredakteurin des mediummagazin ( http://www.mediummagazin.de ), mit dem einstigen Pionier des Silikon Valley gesprochen (Ausgabe 1+2/2009, S. 30 f.).

    Keen kritisiert die Internet-Idealisten, die im neuen Web ein Universalheilrnittel sehen, das sozioökonomische Ungleichheit heilt. Gerechtigkeit herzustellen sei nicht das Wesen der Medien und des Journalismus; dieses Wesen sei vielmehr der „Zugang zu verlässlicher Information.“ Der Wert des neuen Internets liege darin, dass nun jeder die Möglichkeit hat „etwas zu sagen und so die Engpässe der klassischen Gatekeeper in den Medien zu überwinden.“

    Wer Medien jedoch mit jedweder Information gleichsetzt, der „zerstört das Verständnis für verlässliche, glaubwürdige Informationen.“ Internet-Idealisten gäben „jedermann das Gefühl, eine Stimme zu haben, doch tatsächlich ergibt das eine Art Kakophonie, in der niemand dem anderen mehr zuhört“, schreibt Milz. So werde „der Wert der herkömmlichen Medien kaputt gemacht.“ Dann nähmen die Kräfte der Überdemokratisierung Talent und Expertise unter Beschuss. Im Gespräch mit der mediummagazin-Chefredakteurin gibt Keen ein Beispiel dafür:

    Internetnutzer sehr viel emotionaler mit Nachrichten und Informationen um als Journalisten. So hätten die BBC-Moderatoren Jonathan Ross und Russell Brand in einer Call-in-Show einen geschmacklosen Witz gemacht. „Als es daraufhin via Internet eine Flut von über 37.000 Beschwerden gegen die BBC gab, feuerte sie diese zwei Journalisten - wegen eines Witzes.“

    An dieser Stelle zeige sich das „grundlegende Problem, das durch das Internet entsteht: Wenn man in den Medien anfällig wird für die öffentliche Meinung, kann der Mob alles machen, was er will.“ In einer überdemokratisierten Kultur, in der das Publikum mehr und mehr Macht erlangt, könne es die Inhalte wählen, die es will. Und es werde nur hören, was es hören will – „und den Überbringer von unpopulären Nachrichten richten.“ Das sei „eine ziemlich schlechte Ausgangssi¬tuation für Medien, die doch Nachrichten liefern, liefern müssen, die die Leute nicht auf Anhieb gerne hören wollen.“

    Interaktivität sei zwar „prinzipiell eine gute Sache“, ohne sie gehe nicht mehr. „Aber Medien müssen sich davor hüten, sich von der öffentlichen Meinung leiten zu lassen. Denn dann werden sie durch den Mob drangsaliert. Eine Herrschaft des Pöbels ( http://de.wikipedia.org/wiki/P%C3%B6belherrschaft ) war immer gefährlich. Heute wird sie wieder durch die elektronischen Medien und das Internet ermöglicht“, meint Keen.

    Aus dem gleichen Grund sei der Journalist kein Community Manager. „Ist er erst einmal das geworden, ist er als Journalist gestorben“, zitiert Milz, „ein Community Manager ist nämlich auf seine Gemeinde fokussiert und darauf bedacht, sie glücklich zu machen.“ Aufgabe des Journalisten sei es im Unterschied dazu, „die Wahrheit über die Welt zu sagen - im Irak, in Washington, Berlin, wo auch immer. Er muss hinschauen, was passiert, in Politik, Wirtschaft, Kultur, und den Mut haben, die Wahrheit zu sagen.“ Und für diese Dienstleistung müsse es „eine klare Entlohnung geben“.

    Die Herausforderung im Zeitalter des Web 2.0 bestehe darin, „Nachrichten von hoher Qualität zu bekommen und die Mitwirkenden dafür entsprechend zu entlohnen.“ Das tue im Augenblick kaum ein Medium - am ehesten vielleicht noch die „New York Times" ( http://de.wikipedia.org/wiki/New_York_Times ) und der „Guardian" ( http://de.wikipedia.org/wiki/The_Guardian ), wie Keen meint. Aber selbst die hätten es schwer. Die „Huffington Post" ( http://de.wikipedia.org/wiki/Huffington_Post ) sei zwar derzeit die erfolgreichste Online-Zeitung, zahle aber nichts an ihre Mitarbeiter: Das seien allesamt Prominente aus Hollywood oder Washington.

    Der traditionelle Rhythmus der Nachrichtenbündelung, der Rhythmus der Zeitung, sei allerdings „langfristig tot“: Die Zeitungen würden ihre „anfassbare Form verlassen“ und „fließend werden“. Ob man Nachrichten auf Papier, im Fernsehen, im Internet oder auf dem Mobiltelefon bekommt, sei nicht wesentlich – der Leser müssten sich bloß darauf verlassen können, „dass sie verlässlich und glaubwürdig sind.“

    Keen argumentiert gegen das Konzept des Bürgerjournalismus ( http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgerjournalismus ): Ein guter Bürger will und solle „über die Welt Bescheid wissen, um gute Entscheidungen treffen zu können bei Wahlen und seiner Mitwirkung in der Gemeinschaft.“ Ein guter Journalist hingegen müsse sein Handwerk professionell beherrschen. Journalismus sei mehr als „nur auf die Straße gehen und berichten, was passiert.“ - „Bürger und Journalismus in einem Begriff zu vereinen und damit gleichzusetzen, ist sehr gefährlich, weil es den Journalismus nicht als Beruf anerkennt und suggeriert, dass jeder zum Journalisten werden kann.“

    Annette Milz zitiert: „Ich rede ja auch nicht von einem Bürgerkoch oder von einem Bürgerpiloten. Ich würde jedenfalls nicht in ein Flugzeug steigen, das von einem Bürgerpiloten geflogen würde und ich würde auch keine Zeitung lesen, die ein Bürgerjournalist geschrieben hat. Für mich steht das Wesen des professionellen Journalisten obenan.“
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  • Jan Eggers
    Jan Eggers    Premium Member
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    Re^2: Wer möchte schon mit einem Bürgerpiloten fliegen?
    ...schon, weil er das übliche Gegensatzspiel nicht mitmacht: hier der verlässliche Profi, dort der dilettierende, meinungsgeleitete Amateur. Lesenswert: Was Stefan Niggemeier uns heute via FAZ ins Stammbuch schreibt.

    "[Miriam] Meckel, [die neulich gegen Blogger und für Journalisten argumentiert hat], fordert zu Recht, dass die Journalisten rausgehen in die Welt, um zu berichten, was dort passiert. Aber sie vergisst, dass die vielen bloggenden Amateure, die angeblich keine Neuigkeiten zu erzählen haben, schon dort sind, draußen, in der Welt, wo die Journalisten erst hingehen sollen. „Wir brauchen Menschen“, schreibt Meckel, „die unter Recherche mehr als die Eingabe eines Begriffs in eine Suchmaschine verstehen.“ Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn mehr Journalisten unter Recherche überhaupt die Eingabe eines Begriffs in eine Suchmaschine verstünden."

    Mehr: http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc...