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  • Supply Chain Risk Management - Glaskugel auf hohem Niveau? 08/11/2009, 09h57

    Hallo allerseits,

    SCRM (Supply Chain Risk Management) gibt es bereits länger - hat aber seit dem Platzen des Finanzballons eine neue Aktualität erreicht.

    Das Management von Risiken in der Versorgungskette hat Logistiker früher in der Hinsicht bewegt, dass Lieferanten in Fernost nicht, nicht rechtzeitig oder nicht in guter Qualität liefern, Schiffe oder Flugzeuge durch Unfälle oder Katastrophen untergehen, dass bei Sturm Container über Bord gehen, dass kriegerische Auseinandersetzungen die Verkehrswege blockieren und so lange Umwege notwendig machen, die sich natürlich auf den Zeitplan auswirken. Weiter nahm das Risiko von Piratenüberfällen mit Lösegeldforderungen, Entwenden oder Verderben der Ware etc. zu und muss ebenfalls in SCRM berücksichtigt werden.

    Seit der Wirtschaftskrise kommt verstärkt das Insolvenzrisiko von Zulieferern und Dienstleistern hinzu. Das bewegt die Gemüter. Was tun, wenn der Zulieferer aufgrund von Insolvenz ausfällt? Welche Alternativen können gewählt werden?

    Die LOG.punkt (Magazin der BVL, http://www.logpunkt.de ) hat in der letzten Ausgabe das Thema aufgegriffen. Sie schreibt unter dem Titel "Schutz vor Ausfall", Seite 16ff:
    Kein Industrie- und Handelsunternehmen sollte sich momentan darauf verlassen, dass sein Transport- oder Logistikpartner nicht zu den Verlierern der Krise gehört
    Sie zitiert Uwe Hermann von Logistik 21, der zu einer Risikoanalyse rate.

    Es heisst weiter, im normalen Sammelgutverkehr gebe es viele Anbieter, so dass eine mögliche Insolvenz eines Dienstleisters nicht so stark treffe. Daher wird dieses Risiko eher gering bewertet. Weiter heisst es, ein Unternehmen, das seine Waren nur mit einem spezialisierten Transportdienstleister ausliefern kann, müsse das Risiko allerdings höher bewerten, da der Dienstleister nicht von heute auf morgen austauschbar sei.

    Diese Aussage kann ich nur unterstreichen. Auch auf dem AKJ Automotive Kongress, den Prof. Dr. Klaus-J. Schmidt in Saarbrücken regelmässig organisiert, ging es dieses Jahr u.a. um SCRM. Ein Anhängerhersteller beschrieb sein Problem, dass er sehr eng verzahnt just in time mit einem Partnerbetrieb zusammenarbeite und ein Ausfall dieses Zulieferbetriebs bzw. "verlängerte Werkbank" desolate Auswirkungen hätte. Wegen der engen Verzahnung sei eine Zusammenarbeit mit einem weiteren Zulieferer auf diesem Gebiet praktisch ausgeschlossen. Also ein echtes Dilemma.

    Natürlich wird allgemein empfohlen, Multi-Level-Sourcing zu machen, also immer mehrere mögliche Partner "in Petto" zu haben. Aber wie obiges Beispiel zeigt, geht das eben nicht immer.

    Also soll dann zur "Frühwarnung" regelmässig, wie jetzt die LOG.punkt schreibt, 4x im Jahr, die Schufa angefragt werden, weiter sollen Fahrer des Lieferanten oder Dienstleisters gefragt werden, ob sie ihren Lohn pünktlich bekommen haben etc. Wenn da was "klemmt", sei höchste Alarmstufe angesagt.

    Einige junge Doktoranden haben an komplexen wahrscheinlichkeitsbasierten Modellen gearbeitet, um das "Frühwarnsystem" möglichst systematisch zu betreiben und Massnahmen zu koordinieren, um das Risiko gering zu halten.

    Nun denke ich, dass ein von Insolvenz bedrohtes Unternehmen bis zuletzt verhindern will, dass etwas von der prekären Lage publik wird, weil die Auftraggeber sonst möglicherweise "vorbeugend" ihre Aufträge oder Abrufe stornieren und die Lage so endgültig zum Kippen kommt. Wenn die Schufa was erfährt, ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.

    Ich könnte mir auch vorstellen, dass Mitarbeiter eines gefährdeten Unternehmens nicht gerade den Kunden auf die Nase binden, dass der Lohn nicht pünktlich kam. Das wäre ja ein sofortiger Kündigungsgrund, und wer möchte schon von heute auf morgen gefeuert werden. Aus meiner Sicht sind die "Frühwarnsysteme" evtl. nicht sonderlich wirksam.

    Was also wird sonst noch gemacht? Es werden Krisenstäbe oder Task-Forces gebildet, die im Fall des Falles umgehend zusammengerufen werden und dann beraten, was am besten zu tun sei. Das hat aus meiner Sicht den Nachteil, dass Rettungsmassnahmen erst beratschlagt werden, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Vorbeugen wäre besser.

    Ob nun nur in der Task-Force beraten wird oder ob man sophistische Softwarelösungen einsetzt, um das Risiko zu behandeln, ist es nicht dennoch "Schauen in die Glaskugel" - ob nun am Konferenztisch oder auf hohem technischen Niveau?

    Tatsache ist, dass z.B. die Automobilhersteller bisweilen schon in guten Zeiten von ihren Zulieferern und Dienstleistern verlangten, jedes Jahr um x Prozentpunkte billiger zu werden. Jetzt, in der Krise, fehlt da vielen auch die Reserve, um noch irgendwie über Wasser zu bleiben. Und dann ist das Erstaunen gross, wenn der Dienstleister auf einmal ausfällt. Dann wird konferiert, beratschlagt, task-geforced.

    Was aus meiner Sicht viel mehr helfen könnte, wäre eine direkte finanzielle Unterstützung des Dienstleisters oder Zulieferers, oder eine Beteiligung an seinem Unternehmen. Das "Wasch mich, aber mach mich nicht nass" funktioniert eben nicht bzw. nicht mehr.

    VW hat begonnen, durch Insourcing wieder unabhängiger zu werden - auch eine Methode
    http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/autoindustrie/:insou...

    Was also kann man tun? Der immer wieder gern beschworene Paradigmenwechsel ist eher ein Lippenbekenntnis, das nicht wirklich umgesetzt wird.

    Frühwarnsysteme zu nutzen, auch bei bedingter Brauchbarkeit, ist sicher nicht falsch, ebensowenig wie Task-Forces. Aber: wichtiger sind vorbeugende Massnahmen.

    Meine Empfehlung ist, im Rahmen einer FMEA (failure mode and effects analysis - in der Automobilidustrie wohl bekannt), die bekannten Risiken zu gewichten und zu bewerten und zumindest für die Risiken mit hohem Potential vorbeugende Massnahmen zu ergreifen. Welche das im Einzelfall sind, ist sicher fallweise unterschiedlich. Aber tun sollte man es. Ich kann Sie dabei unterstützen.

    Beste Grüsse
    Guenter Nolte
  • Re: Supply Chain Risk Management - Glaskugel auf hohem Niveau? 08/11/2009, 13h59

    Guten Tag Herr Nolte
    Risk Management ist überall bekannt, alle wissen was zu tun ist, es werden Arbeitsgruppen gebildet, Workshops abgehalten, Papiere geschrieben und was bleibt? Nichts, weil wir es nicht umsetzen und wir vor lauter Papier, Vorschriften, Reglementen, Empfehlungen usw vergessen haben oder schlicht nicht mehr finden, was eigentlich im Eintrittsfall zu tun ist.

    1992 hat der Bundsverband Spediton und Logistik BSL ein Handbuch "Qualitätssicherung in der Spedition" herausgegeben inkl. FMEA- Empfehlungen und Vorlagen. Ich kenne keine Spedition, die das noch systematisch betreibt. Es wird dann wieder diskutiert, wenn ein Problem entstanden ist. Man müsste und wir hätten.......

    Jüngstes Beispiel in der Schweiz ist die Impfung gegen die Schweinegrippe. Was gab es da nicht bereits vor Jahren an Arbeitsgruppen zum Thema Pandemie schon bevor diese Grippe gekommen ist. Und der Ernstfall?

    1. Die Impfstoffzulassung dauerte über 20 Tage länger als in der EU
    2. Chaotische Zustände bei der Distribution des Impfstoffs in die Kantone.
    -Keine Koordination zwischen Bund und Kantonen
    -Zu wenig Impfstoff für Kleinkinder bestellt
    -falsche Verpackungsgrössen macht Umpackung notwendig (obwohl bereits seit Monaten bekannt)
    -Fehlende Priorisierung
    -Einige Kantone haben bereits mit der Impfung gestartet; andere warten immer noch auf die Ware.
    usw.

    Natürlich fühlt sich wieder einmal niemand dafür verantwortlich und bitte nicht die Frage stellen, was all diese Leute über Jahre hinweg gemacht haben.

    Der BVL hat in seiner Schriftenreihe Wirtschaft & Logistik ein Buch mit Gestaltungsansätzemn und praktischer Umsetzung zum Thema "Sicherheit und Risikomanagement in der Supply Chain" herausgegeben. Auch das bleibt Papier und Empfehlung wenn wir uns nicht hinsetzen und....MACHEN.

    Beat Schlumpf
  • Re^2: Supply Chain Risk Management - Glaskugel auf hohem Niveau? 08/11/2009, 14h13

    Guten Tag, die Herren,

    vielen Dank, Herr Nolte, dass Sie dieses Thema ansprechen. Und, ja, Herr Schlumpf, genau das ist der Punkt: Machen, machen, machen.

    Aber: Risikomanagement wird doch, machen wir uns nichts vor, in den meisten Unternehmen zunächst nur als Kostenblock wahrgenommen. Risikomanagement wird (mehr oder weniger gut) eingericht, um das Testat der Wirtschaftsprüfer zu erlangen oder um im Rahmen einer Ausschreibung zu zeigen: "Sehr her, wir setzen RM um."

    Risikomanagement muss nicht viel kosten, Risikomanagement bindet keine Unmengen von Mitarbeitern, man braucht - auf keinen Fall zu Beginn - teure Spezialsoftware. All das ist sogar einigermaßen einfach umzusetzen. Nur (nochmal Zitat Herr Schlumpf): "Machen!"

    In diesem Sinne einen schönen Sonntag,
    Michael Huth

    PS: Wenn Unternehmen ein Risikomanagement so intensiv betreiben würden, wie jeder von uns das normalerweise im privaten Bereich tut, wäre schon sehr viel gewonnen.
  • Re^2: Supply Chain Risk Management - Glaskugel auf hohem Niveau? 08/11/2009, 14h22

    Hallo Herr Schlumpf,

    ja, es scheint, die Notfallpläne erleiden das gleiche Schicksal wie diverse Qualitätshandbücher - das Jahr über verstauben sie im obersten Regal, und 1 Woche vor einem Audit werden sie schnell hervorgeholt, damit sich die Verantwortlichen nochmal einlesen können und das Audit gut "überstehen".

    Ich finde jedoch auch noch, dass vor der Anwendung von Katastrophenplänen besser die Vermeidung von Katastrophen anzustreben wäre.

    Was die "Schweinegrippe" angeht, haben wir ja bislang das Glück, dass sie bisher bei weitem nicht so gefährlich ist, wie ursprünglich angenommen. Auch in Deutschland ist es ähnlich, zu Beginn hat man den Leuten gepredigt wie Sauer Bier, dass sie sich impfen lassen sollten, hatte Befürchtungen, dass das Geld für den Impfstoff nutzlos ausgegeben sei, und nun auf einmal ist der Impfstoff knapp - wobei pikanterweise hinzu kommt, dass man für Regierung und Staatsbeamte einen anderen Impfstoff bestellt hat als für das "gemeine Volk" - letzteres dient als Versuchskaninchen für die sog. "Wirkverstärker" - die nach Meinung mancher Mediziner nicht hinreichend ausgetestet sind. Aber das ist ein anderes Kapitel.

    Ich hatte anhand der Diskussionen in letzter Zeit den Eindruck gewonnen, dass man dem Vorbeugen, und vielleicht auch dem Umdenken - der Zulieferer oder Dienstleister sollte Partner sein und nich nur Objekt der Margenmaximierung - zu wenig Platz einräumte gegenüber dem Vorbeugen oder Verhindern.

    Beste Grüsse
    Guenter Nolte

    PS: Herr Prof. Huth, wie recht Sie haben
    Cet article a été modifié le 08/11/2009 à 14:24.
  • Re^3: Supply Chain Risk Management - Glaskugel auf hohem Niveau? 11/11/2009, 10h53

    Guten Morgen allerseits,

    ich würde dieses Thema gern noch mal weiter führen. Sicher gibt es noch interessante Aspekte dazu. Sagen Sie Ihre Meinung.

    Beste Grüsse
    Guenter Nolte

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