SCRM (Supply Chain Risk Management) gibt es bereits länger - hat aber seit dem Platzen des Finanzballons eine neue Aktualität erreicht.
Das Management von Risiken in der Versorgungskette hat Logistiker früher in der Hinsicht bewegt, dass Lieferanten in Fernost nicht, nicht rechtzeitig oder nicht in guter Qualität liefern, Schiffe oder Flugzeuge durch Unfälle oder Katastrophen untergehen, dass bei Sturm Container über Bord gehen, dass kriegerische Auseinandersetzungen die Verkehrswege blockieren und so lange Umwege notwendig machen, die sich natürlich auf den Zeitplan auswirken. Weiter nahm das Risiko von Piratenüberfällen mit Lösegeldforderungen, Entwenden oder Verderben der Ware etc. zu und muss ebenfalls in SCRM berücksichtigt werden.
Seit der Wirtschaftskrise kommt verstärkt das Insolvenzrisiko von Zulieferern und Dienstleistern hinzu. Das bewegt die Gemüter. Was tun, wenn der Zulieferer aufgrund von Insolvenz ausfällt? Welche Alternativen können gewählt werden?
Die LOG.punkt (Magazin der BVL,
Kein Industrie- und Handelsunternehmen sollte sich momentan darauf verlassen, dass sein Transport- oder Logistikpartner nicht zu den Verlierern der Krise gehört
Sie zitiert Uwe Hermann von Logistik 21, der zu einer Risikoanalyse rate.
Es heisst weiter, im normalen Sammelgutverkehr gebe es viele Anbieter, so dass eine mögliche Insolvenz eines Dienstleisters nicht so stark treffe. Daher wird dieses Risiko eher gering bewertet. Weiter heisst es, ein Unternehmen, das seine Waren nur mit einem spezialisierten Transportdienstleister ausliefern kann, müsse das Risiko allerdings höher bewerten, da der Dienstleister nicht von heute auf morgen austauschbar sei.
Diese Aussage kann ich nur unterstreichen. Auch auf dem AKJ Automotive Kongress, den Prof. Dr. Klaus-J. Schmidt in Saarbrücken regelmässig organisiert, ging es dieses Jahr u.a. um SCRM. Ein Anhängerhersteller beschrieb sein Problem, dass er sehr eng verzahnt just in time mit einem Partnerbetrieb zusammenarbeite und ein Ausfall dieses Zulieferbetriebs bzw. "verlängerte Werkbank" desolate Auswirkungen hätte. Wegen der engen Verzahnung sei eine Zusammenarbeit mit einem weiteren Zulieferer auf diesem Gebiet praktisch ausgeschlossen. Also ein echtes Dilemma.
Natürlich wird allgemein empfohlen, Multi-Level-Sourcing zu machen, also immer mehrere mögliche Partner "in Petto" zu haben. Aber wie obiges Beispiel zeigt, geht das eben nicht immer.
Also soll dann zur "Frühwarnung" regelmässig, wie jetzt die LOG.punkt schreibt, 4x im Jahr, die Schufa angefragt werden, weiter sollen Fahrer des Lieferanten oder Dienstleisters gefragt werden, ob sie ihren Lohn pünktlich bekommen haben etc. Wenn da was "klemmt", sei höchste Alarmstufe angesagt.
Einige junge Doktoranden haben an komplexen wahrscheinlichkeitsbasierten Modellen gearbeitet, um das "Frühwarnsystem" möglichst systematisch zu betreiben und Massnahmen zu koordinieren, um das Risiko gering zu halten.
Nun denke ich, dass ein von Insolvenz bedrohtes Unternehmen bis zuletzt verhindern will, dass etwas von der prekären Lage publik wird, weil die Auftraggeber sonst möglicherweise "vorbeugend" ihre Aufträge oder Abrufe stornieren und die Lage so endgültig zum Kippen kommt. Wenn die Schufa was erfährt, ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.
Ich könnte mir auch vorstellen, dass Mitarbeiter eines gefährdeten Unternehmens nicht gerade den Kunden auf die Nase binden, dass der Lohn nicht pünktlich kam. Das wäre ja ein sofortiger Kündigungsgrund, und wer möchte schon von heute auf morgen gefeuert werden. Aus meiner Sicht sind die "Frühwarnsysteme" evtl. nicht sonderlich wirksam.
Was also wird sonst noch gemacht? Es werden Krisenstäbe oder Task-Forces gebildet, die im Fall des Falles umgehend zusammengerufen werden und dann beraten, was am besten zu tun sei. Das hat aus meiner Sicht den Nachteil, dass Rettungsmassnahmen erst beratschlagt werden, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Vorbeugen wäre besser.
Ob nun nur in der Task-Force beraten wird oder ob man sophistische Softwarelösungen einsetzt, um das Risiko zu behandeln, ist es nicht dennoch "Schauen in die Glaskugel" - ob nun am Konferenztisch oder auf hohem technischen Niveau?
Tatsache ist, dass z.B. die Automobilhersteller bisweilen schon in guten Zeiten von ihren Zulieferern und Dienstleistern verlangten, jedes Jahr um x Prozentpunkte billiger zu werden. Jetzt, in der Krise, fehlt da vielen auch die Reserve, um noch irgendwie über Wasser zu bleiben. Und dann ist das Erstaunen gross, wenn der Dienstleister auf einmal ausfällt. Dann wird konferiert, beratschlagt, task-geforced.
Was aus meiner Sicht viel mehr helfen könnte, wäre eine direkte finanzielle Unterstützung des Dienstleisters oder Zulieferers, oder eine Beteiligung an seinem Unternehmen. Das "Wasch mich, aber mach mich nicht nass" funktioniert eben nicht bzw. nicht mehr.
VW hat begonnen, durch Insourcing wieder unabhängiger zu werden - auch eine Methode
Was also kann man tun? Der immer wieder gern beschworene Paradigmenwechsel ist eher ein Lippenbekenntnis, das nicht wirklich umgesetzt wird.
Frühwarnsysteme zu nutzen, auch bei bedingter Brauchbarkeit, ist sicher nicht falsch, ebensowenig wie Task-Forces. Aber: wichtiger sind vorbeugende Massnahmen.
Meine Empfehlung ist, im Rahmen einer FMEA (failure mode and effects analysis - in der Automobilidustrie wohl bekannt), die bekannten Risiken zu gewichten und zu bewerten und zumindest für die Risiken mit hohem Potential vorbeugende Massnahmen zu ergreifen. Welche das im Einzelfall sind, ist sicher fallweise unterschiedlich. Aber tun sollte man es. Ich kann Sie dabei unterstützen.
Beste Grüsse
Guenter Nolte



