Allgemein Medizin

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  • Dr. Torsten Buchheit
    Dr. Torsten Buchheit    Group moderator
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    Die Pharmaindustrie
    Freuen Sie sich über Besuche von Pharmareferenten? Ärgern Sie sich über Pharmamarketing? Wollen Sie keine Werbebriefe mehr sehen? Oder vielleicht viel mehr Werbung?

    In diesem Brett können Sie sich austauschen. Vorsicht: eventuell liest die Pharmaindustrie mit. Bei Interesse kann ein geschlossenes Forum nur für Ärzte angeboten werden.

    Mit freundlichen kollegialen Grüßen

    Dr. Torsten Buchheit
  • Dr. Elke Ruchalla
    Dr. Elke Ruchalla    Premium Member
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    Re: Die Pharmaindustrie
    Hallo Herr Buchheit ,

    ich gehöre weder zu den Hausärzten noch zur Pharmaindustrie, sondern bemühe mich darum, einigermaßen ausgewogene Informationen zu liefern -- an wen auch immer. Jedenfalls sind diese Informationen nicht von meinem jeweiligen Kunden beeinflusst.
    Ich bin Medizinerin (Anästhesistin) mit langjähriger klinischer Erfahrung und würde mich freuen, hier mitreden zu dürfen.
    Und damit Sie abchecken können, wer sich hier zu Wort melden will: http://www.medizin-recherchen.de

    Viele Grüße

    Elke Ruchalla
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  • Klaus Düll
    Klaus Düll    Premium Member   Group moderator
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    Re: Die Pharmaindustrie
    Guten Tag!

    Meine Meinung zur Pharmaindustrie und zu den Pharmareferenten ist sehr eindeutig. Hinsichtlich der Pharmareferenten habe ich mir während vieler Aufenthalte bei unseren Kunden (Ärzten) eine abschließende Meinung gebildet. Sie sind völlig überflüssig und schlimmer als eine Landplage, einer meiner Lieblingskunden sagt immer:

    Pharmareferenten sind schlimmer als Scheißhausfliegen, denn die sterben wenigstens im Winter.

    Das deutsche Gesundheitssystem hat viele Probleme und Mängel, in meinen Augen einer der größten ist zweifelsfrei die Macht der Pharmaindustrie und die völlig überflüssige Apothekenstruktur.

    Beispiele gefällig?

    Es gibt in Deutschland ein Medikament gegen Schuppen, Terzolin Lösung in den Größen N1 (60 ml) und N2 (105 ml). 60 ml kosten in der deutschen Apotheke 14,80 €, 105 ml kosten 22,98 € (Preis für 100 ml 21,89 €). Nun kann ich mir dasselbe Medikament auch in Neuseeland bestellen, dort wird es in identischer Zusammensetzung unter dem Markennamen Nizoral 2% vertrieben. Der entscheidende Unterschied ist allerdings, das dort ein Gebinde mit 100 ml 12,23 € kostet - dieser Preis beinhaltet schon die Fracht per Fedex-Luftfracht (bei Bestellung von 3x 3) einmal rund um die Welt! Wer sich informieren möchte, hier ist ein möglicher Link:

    http://www.netpharmacy.co.nz

    Doch es geht noch besser: Wenn man die Größe N1 in der Türkei erwirbt, zahlt man für die identische Arznei, dort auch unter der Marke Nizoral vertrieben, 5,82 TLY (Neue Türkische Lira), was 3,52 € entspricht! Wer sich über türkische Preise für Arzneimittel informieren möchte, wird hier fündig:

    http://www.hayatecza.com/ilac.asp?gag=Ilaclar&shf=22

    Fassen wir zusammen: Das identische Medikament kostet in Deutschland 79 % mehr als in Neuseeland (trotz Fracht!) und 320 % mehr als in der Türkei!!!

    Doch es gibt noch bessere Beispiele.

    Aspirin 500mg kostet mit 20 Tabletten in der deutschen Apotheke 4,45 €. Die identische Packung - grün-weiß und mit BAYER-Logo - kostet in der Türkei 1,12 TLY (Neue Türkische Lira), was 0,68 € entspricht! Hier beträgt der Preisunterschied 554 % Aufschlag in Deutschland!!!

    Wer jetzt entgegnet: Ja, aber wir haben ja hierzulande die Generika, wird auch enttäuscht, denn die gibt es auch in der Türkei und der Unterschied der Generika in Deutschland zum Markenartikel in der Türkei ist schon erstaunlich. Nehmen wir doch einfach einmal die Produkte der kürzlich im manager-magazin wegen ihrer ethischen Prinzipien hochgelobten Unternehmerfamilie Merckle (ratiopharm). Ratiopharm ASS 500 kostet mit 30 Tabletten in der deutschen Apotheke 2,30 €, was für 20 Tabletten 1,53 € bedeutet und somit exakt 125 % teurer als der Markenartikel Aspirin in der Türkei ist!

    Einzelfälle? Nein. Der Pharmalobby ist es gelungen, sich in Deutschland ein Biotop zu schaffen, wo sie in aller Seelenruhe die Kassen des Gesundheitssystems ausräumen können, so daß für die eigentlichen Leistungserbringer (Ärzte, Physiotherapeuten usw.) immer weniger übrig bleibt.

    Pharmareferenten erbringen eine Dienstleistung, die in Zeiten moderner Kommunikation und des Internet wirklich niemand mehr braucht, nein, die Tätigkeit ist geradezu moralisch verwerflich, denn warum müssen die Werbeträger der Pharmaindustrie mittlerweile fast regelmäßig größere Autos fahren als ihre Kunden? Die Welt hat sich auf den Kopf gestellt und niemand stellt sie wieder gerade, denn die Politiker, die die Gesundheitspolitik gestalten, blicken längst nicht mehr durch.

    Wer braucht über 21000 Apotheken in Deutschland? Niemand.

    http://www.abda-online.org/module/zdf/images/72dpi/Entwicklu...

    Die deutlich geringere Apothekendichte in den neuen Ländern beweist: Es geht auch mit deutlich weniger Apotheken. Die Klagen der Apotheker über die Ertragssituation (so unglaubwürdig diese auch sind) legen ja geradezu nahe, das System zu ändern. Link zur Ertragssituation:

    http://www.abda-online.org/module/zdf/images/72dpi/Handelssp...

    Haben Sie schon einmal von einem Massensterben in den USA wegen falscher Arzneimittelabgabe gehört? Nein? Dann scheint das dortige System ja gar nicht so schlecht zu sein! Dort ist in jedem größeren Supermarkt eine Apotheke - mit hervoragendem Service, stets besseren Öffnungszeiten als in Deutschland und kompetenten Mitarbeitern. Das Modell würde auch bei uns zu rasch fallenden Medikamentenpreisen führen, da die Pharmaindustrie nicht mehr ihren hilflosen Partnern aus Pharma-Großhandel und Apothekensystem gegenüberstünde, sondern mit den Großen des Handels verhandeln dürfte: Metro, Lidl und Rossmann würden schnell für fallende Preise sorgen!

    Was fehlt also unserem System? Deregulierung und Wettbewerb!

    Her damit, damit die dann wenigen noch erforderlichen Pharmaberater auf das klassische Auto des Außendiesntes umsteigen können - den VW Golf!

    Herzliche Grüße

    Klaus Düll
    This post was modified on 30 Aug 2005 at 05:16 pm.
  • Dr. Torsten Buchheit
    Dr. Torsten Buchheit    Group moderator
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    Re^2: Die Pharmaindustrie
    Klaus Düll schrieb:

    Einzelfälle? Nein. Der Pharmalobby ist es gelungen, sich in Deutschland ein Biotop zu schaffen, wo sie in aller Seelenruhe die Kassen des Gesundheitssystems ausräumen können, so daß für die eigentlichen Leistungserbringer (Ärzte, Physiotherapeuten usw.) immer weniger übrig bleibt.
    Leider haben sowohl die Pharmafirmen als auch die Apotheker einen traditionell besseren Draht in die Politik (früher Bonn, heute Berlin) als andere Beteiligte im Gesundheitswesen. Nur so läßt sich das hohe Preisniveau halten.

    Da hat man dann mal in Berlin versucht, mitzudenken: Wenn die Arzneimittel im Ausland so billig sind, muß man ja nur auf Reimporte zurückgreifen! Gesagt, getan, Reimportquote gesetzlich festgelegt. Das Ergebnis: Die Reimportpräparate sind im Preis so angestiegen, daß sie fast genauso teuer sind wie die deutschen Präparate. Nahezu die gesamte Preisdifferenz landet in den Taschen der Importeure.

    Hier zeigt sich: Veränderungen im Gesundheitswesen sind gar nicht so einfach, wie es scheinen mag. Mancher ursprünglich gutgemeinte Schuß geht nach hinten los. Verschwörungstheoretiker allerdings könnten meinen, daß hier so mancher Pharmalobbyist an den Fäden zieht...

    Viele Grüße

    Dr. Buchheit
  • Dr. Torsten Buchheit
    Dr. Torsten Buchheit    Group moderator
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    Re^2: Die Pharmaindustrie
    Zitat:

    Demnaechst publiziert das House of Commons hier Regulationen die dass ganze stark eindaemmen werden. Das heisst jedes Dinner muss in einem abgeschotteten Raum gehalten werden mit vierzig-minuetiger "educational Agenda", dass heisst ein Arzt/ Spezialist muss zu einem bestimten Thema reden und es darf nicht ausschliesslich ueber das Produkt des Pharma-repraesentanten geredet werden. Zudem duerfen die "Reps" pro Arzt nur noch £50 sterling ausgeben, was vorher oft deutlich ueberschritten wurde (Londoner Aerzte gingen oft ins "Ivy" oder ins Ritz!!).

    Meiner Meinung nach eine gute Neueinfuehrung.

    Zitat Ende

    Das denke ich auch. Ist in Deutschland allmählich ähnlich geregelt. Irgendwo muß eine Relation zwischen Fortbildungsangebot und Kosten des Rahmenprogramms bestehen. Wenn der Rahmen teurer ist als die Fortbildung, sollte man nachdenklich werden.

    Problematisch ist allerdings, daß es mittlerweile eine Fortbildungspflicht gibt, aber die meisten Fortbildungsveranstaltungen pharmadominiert sind. Ob das ein wirkungsvoller Beitrag zur Kostendämpfung ist?

    Viele Grüße

    Dr. Buchheit
  • Klaus Düll
    Klaus Düll    Premium Member   Group moderator
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    Re^3: Die Pharmaindustrie
    Da hat man dann mal in Berlin versucht, mitzudenken: Wenn die Arzneimittel im Ausland so billig sind, muß man ja nur auf Reimporte zurückgreifen! Gesagt, getan, Reimportquote gesetzlich festgelegt. Das Ergebnis: Die Reimportpräparate sind im Preis so angestiegen, daß sie fast genauso teuer sind wie die deutschen Präparate. Nahezu die gesamte Preisdifferenz landet in den Taschen der Importeure.
    Deswegen spreche ich von Biotop. Nehmen Sie die Drogerielandschaft - die war auch geschütztes Land bis Schlecker und Rossmann kamen. Aber dann ... Kein Stein blieb auf dem anderen!

    Der Gesundheitsmarkt braucht genauso Deregulierung wie Telefon, Post, Strom usw. Wenn man es so gut wie beim Telefon machen wird, wird man Erfolg haben. Wenn man es so dilettantisch wie bei der Energie macht, wird es scheitern. Wie immer im Leben gibt es beide Optionen.

    Herzliche Grüße

    Klaus Düll