Regionalgruppe Wiener Neustadt / NÖ süd

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  • Luda Adele Liebe
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    Der Segen der Verschlafenheit - Reichenau an der Rax
    Reichenau an der Rax war einst ein Pionier des Alpentourismus. Dann geriet der Ort in Vergessenheit. Jetzt gehört er zu den siebzehn österreichischen Bergsteigerdörfern und erlebt eine wundersame Renaissance. Von Stephanie Geiger

    Wer es schlecht meint mit Reichenau an der Rax, der nennt den Ort ein verschlafenes Nest. Es gibt keine schicken Hotels, kein Nachtleben, keine Hightech-Liftanlagen. Wer es gut meint mit Reichenau, der nennt den Ort ein Bergsteigerdorf - eben weil es das alles nicht gibt. Der Oesterreichische Alpenverein meint es gut mit Reichenau und hat den Ort eine Stunde Autofahrt südlich von Wien am Fuße des Rax-Plateaus zum Bergsteigerdorf ernannt.

    Bergsteigerdörfer sind ein überschaubarer Kreis von siebzehn über ganz Österreich verteilten Ortschaften. Vent im Tiroler Ötztal gehört dazu oder Kals am Großglockner. Sie eint, dass sie einstmals ein gewichtiges Wort bei der bergsteigerischen Erschließung des Alpenraums mitzureden hatten. Doch irgendwann haben sie den Anschluss verloren und sind - meist unfreiwillig - vom touristischen Halligalli-Kommerz verschont geblieben. Genau deshalb stehen sie heute prototypisch für einen behutsamen Tourismus.

    Bergtouristen aus den Städten in die Alpen zu holen war einst eine Grundidee der Alpenvereine. Franz Senn, der Pfarrer von Vent und 1869 Mitbegründer des Deutschen Alpenvereins, verband damit auch das Ziel, den armen Bergbauern eine zusätzliche Einnahmequelle zu verschaffen. Erste Kritik daran wurde laut, als für die Bergsteiger immer mehr Klettersteige gebaut wurden. Die Berge würden durch die technischen Hilfsmittel, bildlich gesprochen, in Ketten gelegt, hieß es. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg entglitt den Alpenvereinen die Deutungshoheit über Wohl und Wehe im Alpenraum. Die Geister, die sie gerufen hatten, machten sich selbständig. Der Boom von Attraktionen, Anglizismen und Adrenalin im Bergtourismus stürzte die Alpenvereine in eine Krise. Vom Befürworter und Vorreiter wurden sie zum Mahner und zur Spaßbremse. Ein halbes Jahrhundert lang spielten sie den ewigen Nörgler und missgönnten den Bergdörfern ihre touristischen Ambitionen. Doch mit den Bergsteigerdörfern soll jetzt alles anders werden. Das Ziel ist ganz ähnlich wie das von Franz Senn: Man will in Vergessenheit geratene Bergdörfer, die einen wichtigen Einfluss auf das Bergsteigen hatten, wieder zu touristischen Einnahmen verhelfen und vor allem im Sommer mehr Gäste in die Alpen locken.

    Die Anforderungen, die der Oesterreichische Alpenverein an ein Bergsteigerdorf stellt, sind beachtlich: keine Industrie, keine Autobahn oder gar ein Flugplatz, und wenn schon Seilbahn, dann soll die wenigstens nicht auf einen markanten Gipfel führen. Wasserkraftwerke sowie Wind- und Solarparks sind zukünftig tabu. Und zwischen Dorfplatz und Gipfelkreuz sollen mindestens zwölfhundert Höhenmeter liegen. Akribisch hat der Alpenverein Ortschaften ausfindig gemacht, die das bieten, was der Begriff Bergsteigerdorf suggeriert: ein kleiner Ort umgeben von hohen Bergen mit viel Alpinismusgeschichte.

    Davon hat Reichenau wahrscheinlich mehr als alle Dörfer tiefer im Hochgebirge. Denn die ersten Mitglieder des Oesterreichischen Alpenvereins, der 1862 in Wien gegründet wurde, zog es zum Wandern ganz selbstverständlich an die Rax. Ihnen folgten Literaten wie Franz Werfel und Heimito von Doderer, die ihre Erlebnisse auf der Rax in ihren Texten verarbeiteten und um die neuesten psychologischen Erkenntnisse von Sigmund Freud und Viktor Frankl anreicherten, die natürlich auch an der Rax unterwegs waren. Fritz Benesch unternahm in seinem Rax-Führer 1894 zum ersten Mal den Versuch, Steige nach ihrer Schwierigkeit zu bewerten, und beschrieb sie in sieben Graden. Ein Lawinenunglück zwei Jahre später, bei dem drei Wiener Bergsteiger an der Rax verschüttet wurden, gab den Anstoß für die Gründung des Alpinen Rettungsausschusses Wien, des ersten Bergrettungsdienstes der Welt. Und 1926 wurde hier die erste Drahtseilschwebebahn Österreichs gebaut, um die Städter bequem auf das Hochplateau zu bringen.

    Dass Reichenau trotz seiner frühen Popularität nicht zugebaut wurde, hatte einen guten Grund: Die Rax sichert seit jeher Wiens Trinkwasserversorgung. Schon die Römer leiteten von hier aus Wasser in ihr Legionslager Vindobona. Zwischen 1869 und 1873 baute man eine neunzig Kilometer lange Leitung von Kaiserbrunn am Fuß der Rax in die Hauptstadt. Die Rax wurde zum Schutz- und Schongebiet, von Wien gehütet wie ein Augapfel. Der Tourismus in Reichenau war zur Bescheidenheit verdammt. Mehr als eine Seilbahn wurde nicht erlaubt, und was andernorts nicht einmal mehr zu Diskussionen am Stammtisch führt, ist an der Rax noch immer ein Verwaltungsakt. Hubschrauberflüge zur Versorgung der Schutzhütten müssen langwierig genehmigt, Fahrwege auf die Hütten dürfen nicht gebaut und jeder Tropfen Abwasser muss in Vakuumfässern ins Tal transportiert werden.

    Kaum irgendwo sonst in den Alpen gibt es auf so wenigen Quadratkilometern so viele Schutzhütten von so vielen verschiedenen Bergsteigervereinen. Um ihren Mitgliedern eine günstige Unterkunft zu bieten, errichteten an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert der Alpenverein das Otto-Haus, das Habsburghaus und die Gloggnitzer Hütte, der Touristenklub die Seehütte, das Karl-Ludwig-Haus, die Kienthaler Hütte, die Fischerhütte und das Damböckhaus und die Naturfreunde das Waxriegelhaus, das Weichtalhaus und das Friedrich-Haller-Haus. Die Vereine markierten Wege, bauten mit viel Eisen Klettersteige in den schroffen Wänden und organisierten das Wandern. War Bergsteigen vorher Individualisten vorbehalten, wurde es an den steilen Felsabstürzen der Rax mit Routen bis in den zehnten Schwierigkeitsgrad oder auf dem Kalkfels-Plateau mit seinen kaum spürbaren Höhenunterschieden zu einem Massenphänomen und breitete sich von hier über den Ostalpenraum aus.

    Während in den fünfziger Jahren andernorts der Bergtourismus Fahrt aufnahm, geriet die Rax in Vergessenheit. Heute ist Reichenau der Gegenentwurf zu Ischgl und Sölden. Es kommen diejenigen, denen die Natur Event genug ist. Und das werden immer mehr. Vom Frühjahr bis in den November fahren die Wiener wieder hordenweise zum Wandern und Felsklettern nach Reichenau. Denn wenn in den höheren Lagen mit den namhafteren Gipfeln schon Schnee liegt, lassen sich an der Rax im Herbst noch anspruchsvolle und sichere Touren unternehmen. Doch nicht mehr nur aus Wien finden Touristen den Weg hierher. An den Wochenenden wimmelt es von Bergsteigern aus Tschechien, der Slowakei, Polen und Ungarn. Und gar nicht so selten bilden sich an den Einstiegen zu den Klettersteigen lange Schlangen, wenn eine ganze Busladung Bergsteiger sich einen Steig vorgenommen hat.

    Abends tauscht man dann die Funktionsbekleidung gegen den Anzug und besucht Konzerte. Oder man geht in den Thalhof, einstmals das erste Haus am Platz, das heute aber mehr einem verwunschenen, von wildem Wein umrankten Märchenschloss gleicht und eine Fastenkuranstalt beherbergt. Hier werden regelmäßig Thomas Bernhard und Arthur Schnitzler aufgeführt, der über viele Jahre selbst Gast im Thalhof war. Oder man besucht die Aufführungen des Burgtheater-Ensembles, das seit vielen Jahren jeden Sommer an der Rax gastiert.

    In Reichenau freut man sich über die vielen neuen Gäste. Nur mit dem Namen Bergsteigerdorf mag man sich nicht anfreunden. Von wegen Dorf, heißt es in Reichenau. Immerhin gebe es drei Schlösser: eines, das in das Mittelalter zurückreicht, eines, das die Habsburger Ende des neunzehnten Jahrhunderts gebaut haben, und dann noch das Schloss des Barons Rothschild. Und rechne man zu den zweitausendsiebenhundert Einwohnern die zweitausend Wiener hinzu, die im Sommer regelmäßig ihre Villen und Häuschen in Reichenau bewohnen, dann sei man doch schon allein wegen der Einwohnerzahl größer als ein Dorf.

    Informationen: Reichenau erreicht man von Wien aus mit der S-Bahn und der ÖBB (Haltestelle Payerbach-Reichenau), mit dem Auto auf der A2 bis zum Knoten Seebenstein und über Gloggnitz weiter nach Reichenau. Auskünfte über die Bergsteigerdörfer auf der Website http://www.bergsteigerdoerfer.at. Als Lektüre empfiehlt sich Markus Riegers und Yvonne Oswalds "Semmering, Reichenau & Rax: Eine literarische Rundreise durch die Wiener Alpen" (Verlag Lesethek). Allgemeine touristische Informationen bei der Österreich Werbung, Telefon: 0180/2101818, Internet: http://www.austria.info/de.


    Quellet: F.A.Z., 21.10.2010, Nr. 245 / Seite R5