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Steffen Karl Premium Member Group moderatorThe company name is only visible to registered members.Ein Kult-Klassiker wird 40..Mit dem Opel Ascona unterwegs im schöne Tessin.
Der Opel Ascona – Inbegriff der deutschen Mittelklasse – wird 40. Ein Ausflug an den Ort, der seinen Namen prägte: Ascona am Lago Maggiore
Es gab mal eine Zeit, in der war vieles anders. Möbel hießen noch nicht Loftahammar, Västervik oder Björnsholm, sie mussten auch nicht in Kartons nach Hause geschleppt und zusammengebastelt werden. Die bundesdeutsche Sitzgruppe hieß Helga und war solide verzapft. Aus dem Radio tönten Stimmen von Leuten, die noch eine Sprecherausbildung genossen hatten und sich mitteilen konnten, statt in irgendeiner Morning-Show durchzudrehen. In dieser Zeit präsentierte die Adam Opel AG ihren Ascona – damals, am 28. Oktober 1970. Das neue Mittelklasseauto sortierte sich fein säuberlich zwischen dem Kadett B und dem Rekord C ein und war der Inbegriff der westdeutschen Mitte. Nicht zu groß, nicht zu klein, nicht protzig oder ärmlich. Der Ascona, laut Opel „das Auto der technischen Vernunft“, war geradlinig, berechenbar, zuverlässig. Eine Art Karl-Heinz Köpcke auf Rädern sozusagen. Für die Jüngeren: Köpcke war 28 Jahre lang Herr der TV-,,Tagesschau“ und die personifi zierte Glaubwürdigkeit. Die Erde wäre eine Scheibe gewesen, wenn Köpcke es gemeldet hätte.
AB DURCH DEN TUNNEL
Ich bin unterwegs ins schöne Tessin. Wer heute in den kleinen Kurort am Nordufer des Lago Maggiore fährt, nachdem der kantige Opel benannt wurde, hat es gut. Fast 17 Kilometer lang haben sich die Schweizer zwischen 1970 und 1980 durch das Gotthard-Massiv gesprengt und einen Tunnel hinterlassen, der den weiter oben laufenden, bis zu 2106 Meter hohen Gotthardpass überflüssig macht. Der hält zwar phantastische Aussichten bereit, ist aber im Winter meist unpassierbar. Die Zahl der Ascona, die sich irgendwo auf Höhe der Schöllenenschlucht bis zur Hinterachse eingegraben haben, ist nicht überliefert. Es werden viele gewesen sein. Wie trällerte der stets braungebrannte Vico Torriani so schön? „Im Sommer scheint d’Sonne, im Winter da schneit‘s – in der Schweiz, in der Schweiz, in der Schweiz.“
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Plötzlich gleißend helles Licht. Der Tunnel spuckt mich aus und der Zielanlauf auf den Lago Maggiore beginnt. Es ist zehn Grad wärmer als auf der Nordseite des Gotthard. Ab hier wird italienisch gesprochen. Der Monte Verità – Hausberg der Asconeser – müsste bald in Sicht kommen. Wie werden die Eingeborenen reagieren, wenn ein besonders gut erhaltenes Exemplar des 690.000 mal gebauten Opel Ascona A auftaucht?
Den letzten Kreisverkehr kurz vorm Ortseingang geht man am besten italienisch an: mit Schmackes. Der 1.6 S hat 80 PS unter der waagerecht verlaufenden Haube und wiegt keine Tonne. Der Vierzylinder gibt alles. Jetzt auf Höhe „drei Uhr“ die Zahnstangenlenkung zum Rechtsabbiegen animieren und dem Fiat Grande Punto weiter hinten den Weg abschneiden. Schwupp, der Ascona ist in Ascona – einem typischen Einbahnstraßenörtchen am „Lagensee“ mit rauschenden Hanfpalmen, üppig blühenden Oleanderhainen und knappem Parkraum. Auf der Piazza Giuseppe Motta, nahe dem Schiffsanleger, lokalisiert ein Enddreißiger, den seine Begleiterin Ruedi ruft, den 1974er Ascona: „Jedes Mal wenn ich auf YouTube Ascona eingebe, kommt zuerst dieser Scheiß-Opel“, lässt Ruedi wissen. Hat man Töne? Unverschämter frecher Schnodder. Ab mit ihm in den kalten See! Die Stimmung klart schlagartig auf, weil sich Ruedi als begeisterter Signum- Fahrer outet, der mir bereitwillig seinen Parkplatz räumt. Guter Mann, mir war doch gleich so. Der bei der Internet-Recherche so vorwitzige Ascona, der in drei Modellgenerationen vom Band lief und erst 1988 vom Vectra abgelöst wurde, ist quasi der Urahn von Ruedis Signum. Interessant: Der mit besonders langem Radstand gesegnete Signum war ursprünglich als Vectra Kombi geplant. Das Modell, das letztlich unter dieser Bezeichnung auf die Straße rollte, sollte eigentlich als Omega-Nachfolger dienen. Ein etwas zu hoch gehängtes Ziel. Der Omega in spe wurde noch in der Entwicklungsphase zum Vectra Caravan herabgestuft und der übriggebliebene „Vectra Caravan“ zum Signum ernannt.
ALLES SCHÖN AKKURAT
Der Ascona stammt aus Bochum und ist Botschafter einer Zeit, in der alles ordentlich geregelt war. Motor vorne, Antrieb hinten. Kein Firlefanz, keine Experimente. Eine wirtschaftlich sichere Epoche. Freitags gedünsteter Kabeljau in Dillsoße, Heiligabend Ragout Fin und der Käse-Igel zu Silvester waren zwar nicht die Wucht, doch immerhin sorgte die stets gleiche kulinarische Fruchtfolge für Verlässlichkeit.
Ich kurve durch den kleinen Ort, in dem hier und dort der Caffè Latte für selbstbewusste neun Franken oder das Gebinde italienischen Edel-Mineralwassers für sechs angeboten werden und genieße die kraftvollen Farben, die von den sonnenbeschienenen Hauswänden herablachen. Sie harmonieren perfekt mit dem knalligen Rot des Ascona, der sich dank seiner kompakten Abmessungen und der hervorragend einsehbaren Frontpartie als Meister der Gässchen entpuppt. Mit seinen 4,18 Metern ist der Oldie, auf dessen Technik auch der Opel Manta A fußte, glatte 24 Zentimeter kürzer als der aktuelle Astra und mit 1,62 Metern Breite fast 20 Zentimeter schmaler. Der kurzhubig ausgelegte Sechzehnhunderter (Bohrung/Hub 85,0 / 69,8 mm) ist ein wackeres Kerlchen. Binnen 14,5 Sekunden kann er mit Tempo 100 unterwegs sein und eine Weile später mit vollgasfesten 155 km/h. Genügsamere griffen zum Ascona 16 mit 68 Pferdestärken.
Ich zuckele am Seeufer entlang. Bis nach Italien sind es nur wenige Kilometer. Schade aber, dass die Via Cantonale das Los der meisten Küstenstraßen teilt, auf der die Touristen gemütlich dahinkullern und die Einheimischen eilig nach Hause wollen. Sie ist brechend voll. Ein Zementmischer auf Iveco-Basis kriecht langsam, aber sicher in den 560 Liter fassenden Kofferraum meines Opel. Genug. Scharf rechts ab und die Serpentinen hinauf, um von ganz oben einen Blick aufs Gewässer zu werfen.
Opel-Jubiläum, Teil 2: 40 Jahre Opel Manta
ES LEBE DAS RENTNERAUTO
Die Sonne lacht, der See schimmert blau, und der vinylbedachte Ascona darf abkühlen. Oft wurde der Mittelklässler als Rentnerauto bespöttelt. Aus heutiger Sicht ein kolossales Lob, blicken doch Pensionäre auf eine lange Autofahrerkarriere zurück und wissen, worauf es ankommt. Überhaupt: Glückwunsch demjenigen, der noch eine Rente erwarten darf.
Mein 36 Jahre alter Ascona hat erst knapp 20 000 Kilometer auf der Uhr. Das Original-Serviceheft liegt noch an seinem Platz im Fußraum des Beifahrers. Unten pflügt die „Milano“ durch den See, ein 1952 in Dienst gestellter Liniendampfer. Der dürfte etliche Betriebsstunden mehr haben, denke ich, und blättere im Inspektionsplan. Sechs Monate Garantie oder 10.000 Kilometer galten für den Oldie. Mal rechnen: Angenommen, die jüngst ausgerufene lebenslange Opel-Garantie – die bis zu einer Laufleistung von 50 000 Kilometern nahezu alles abdeckt und bis 160.000 Kilometer die Lohnkosten – wäre schon 1974 eingeführt worden und der Ascona-Zähler würde sich auch weiterhin so langsam drehen wie bislang, dann könnte ich noch bis August 2262 beim Opel-Händler auftauchen: „Das Lenkungsmuffensausen ist in den letzten 125 Jahren nicht besser geworden. Nu‘ macht mal.“ Bleibt zu hoffen, dass er die Muffe auf Lager hat.
Zeit für die Heimreise. Mit einem Kofferraum im S-Klasse-Format sollte man nicht unbeladen aus dem Tessin nach Hause kommen. Ein paar Kisten Merlot del Ticino müssen mit. Als Vorrat. Denn im Sommer scheint d’Sonne, und im Winter, da schneit‘s – nicht nur in der schönen Schweiz.
von Stefan Miete
- 19 Oct 2010, 11:07 am
