Krankenpflege
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Paul MörwaldThe company name is only visible to registered members.Sprache in der Pflege
Hallo zusammen!
Ich denke, dass es in manchen Spitälern möglich ist, folgende Sätze zu hören: "Der Blinddarm auf 17 darf nachmittags Tee trinken." Oder: "Morgen wird die Alte vom Eckzimmer aufgelegt". Oder die Kollegin, die in der Ambulanzwartezone neben 30 anderen Leidensgenossen die junge Frau fragt, "sind sie auch zur Chemo da"? Oder morgens beim Mobilisieren zum betagten Patienten: "Jetzt stehen WIR auf, dann..."
Jemand sagte einmal, Sprache schafft Wirklichkeit.
Und Sprache ist tatsächlich ein sensibler Bereich des Menschseins - nicht nur im Spital.
Doch warum ist das so, dass sich Sprache, vielleicht auch mit den absolvierten Berufsjahren, so verändert und alles andere als wertschätzend ist?
Meine Frage: gibt es wissenschaftliche Arbeiten zum Thema "Sprache in der Pflege"
Wie entsteht so ein Sprachbild, dessen Dimension die betroffenen Kolleginnen nicht mehr wahrnehmen (können)?
Woran hakt es?
Beschäftigt sich jemand mit diesem Thema?
Beste Grüße,
Paul Mörwald
- 09 Nov 2011, 8:10 pm
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Carmen P. Baake Premium MemberThe company name is only visible to registered members.Re^2: Sprache in der Pflege
Hallo Herr Mörwald,
wissenschaftliche Auswertungen, die sich ausschließlich mit der Sprache in der Pflege und in der Medizin befassen, habe ich nicht parat.
Allerdings befassen sich Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement auch mit dem Thema der kundenorientierten Sprache und der Diskretion. Hieran müssen Pflegerinnen und Pfleger immer mal wieder erinnert werden, aber natürlich auch die in den Kliniken oder Praxen tätigen Ärzte.
Ich selbst handhabe es bei meinen eher seltenen Arztbesuchen so, dass ich auf die Frage "Was fehlt uns denn?" antworte "Ich weiß nicht was Ihnen fehlt, aber ich bin heute zur Vorsorge hier!" oder auf irgendwelche Erläuterungen auf Latein "Das hört sich spektakulär an. Und, was bedeutet das nun?" Hört sich ziemlich dreist an und mancher Arzt mußte erstmal seine Verärgerung runterschlucken. Letzten Endes haben aber alle eingesehen, dass Ansprachen mit wir, uns etc. nicht angemessen sind, wenn es um mündige Patienten geht und vom Patienten nicht erwartet werden kann, dass er alle medizinischen Fachbegriffe kennt, die der Arzt in jahrelangem Studium erlernt hat.
Die eigene Fachsprache für den Patienten verständlich zu übersetzen und wertschätzend mit ihm umzugehen, ist mühevoll. Diese Mühe aber machen sich nicht alle. Das führt dann zu den von Ihnen beispielhaft genannten Situationen.
Viele Grüße
Carmen P. Baake
- 10 Nov 2011, 09:02 am
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Paul MörwaldThe company name is only visible to registered members.Re^3: Sprache in der Pflege
Hallo Frau Baake!
Ein Phänomen das ich immer wieder beobachtet habe ist, dass Auszubildende ein feines Senorium für wertschätzenden Kontakt mit Patienten und Bewohnern haben und sofort registrieren, wenn "gegen die Regeln" verstossen wird.
Auch im Bereich der Intimsphäre / Diskretion.
Einige Jahre später sind es dann genau diese Kolleg/inn/en,
die dieses feine Sensorium verloren haben.
Aber warum? Woran liegt das?
Hat es mit der Größe bzw. Bettenanzahl eines Krankenhauses zu tun?
Spielt Qualitätsmanagement eine Rolle?
Fehlt ein maßgeschneidertes Fortbildungsangebot?
Beonders interessant wäre natürlich, wie oft wirklich Patienten und Bewohner einen nicht wertschätzenden Kontakt oder das Missachten ihrer Intimsphäre erleben.
MfG
Paul Mörwald
- 10 Nov 2011, 8:49 pm
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Carmen P. Baake Premium MemberThe company name is only visible to registered members.Re^4: Sprache in der Pflege
Hallo Herr Mörwald,
daran, dass gerade junge Pflegekräfte nach ihrer Ausbildung wertschätzend mit Patienten umgehen, kann man glaube ich, gut ablesen, dass in der Ausbildung schon die richtigen Inhalte vermittelt werden.
Dann kommen sie in ein Team von "gestandenen" Krankenschwestern u.ä. und versuchen wahrscheinlich zunächst genaus das umzusetzen, was sie gelernt haben. Aber spätestens, wenn sie eine der erfahrenen Schwestern fragen "Darf Frau XYZ aus Zimmer .. heute morgen wieder Tee trinken?" und die erfahrene Schwester fragt "Wer?" und vielleicht hinzufügt "Meinst Du die Gallenblase von gestern?" werden sie sicher damit beginnen, ihre Kommunikation den Gepflogenheiten auf der Station anzupassen.
Ob es an der Größe eines Krankenhauses liegt, kann ich nicht einschätzen. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass patientenorientierte Kommunikation erlernbar ist. Allerdings ist es meiner Meinung nach mit einer einmaligen Fortbildung nicht getan, sondern erfordert kontinuierliche Arbeit.
Wie ich schon geschrieben habe, ist es mühevoll, das eigene "Fach-Chinesisch" oder im Fall der Krankenpflege besser das "Fach-Latein" immer und immer wieder für den Patienten verständlich zu übersetzen und ihn nicht nur als zu behandelnde Krankheit wahrzunehmen, sondern als Mensch.
Das geht übrigens auch anderen Berufsgruppen so, die eine eigene und für Laien unverständliche Sprache entwickelt haben. Ich denke da zum Beispiel an Informatiker, Juristen, Wirtschaftswissenschaftler (bin ich ja selber) und Verwaltungsangestellte. Wichtig ist, dass jede/r sich Mühe gibt und mit Aussenstehenden kein "Fach-Chinesisch" spricht. Ich zum Beispiel mache das als Unternehmensberaterin im eigenen Interesse. Denn wenn ich meinen Kunden betriebswirtschaftliche Grundlagen nicht adressatengerecht übersetze, können sie diese Grundlagen nicht für sich nutzen und werden darum kein Geld in eine entsprechende Schulung investieren.
Es wäre natürlich sicher interessant, zu erfahren, wie viele Patienten sich nicht wertschätzend behandelt fühlen. Eine solche Studie bedarf einer umfangreichen Vorbereitung, da u.a. die Kriterien festgelegt werden müssen, anhand derer ein wertschätzender Umgang zu messen ist. Falls Sie so eine Studie durchführen wollen, wünsche ich Ihnen viel Erfolg.
Viele Grüße
Carmen P. Baake
- 11 Nov 2011, 08:47 am
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Paul MörwaldThe company name is only visible to registered members.Re^5: Sprache in der Pflege
Hallo Frau Baake,
so wie Sie, bin auch ich der Meinung, dass der Bereich Kommunikation curricular in der Ausbildung zum Krankenpflegefachdienst sehr gut verankert ist.
Daran kann es also nicht liegen.
Meine Vermutung geht dahin, dass es bei den Kolleg/inn/en im Laufe der Jahre zu einer Haltungsänderung kommt, die sie selber nicht wahrnehmen.
Das heißt, sie beherrschen die Werkzeuge patientenorientierter Kommunikation, können sie aber nicht (immer) einsetzen.
Deshalb kann wahrscheinlich auch keine Kommunikations - Fortbildung die Situation verändern.
Interessant wäre, welche Bedingungen ein Verändern der Haltung fördern, ermöglichen.
Ich interessiere mich für dieses Thema, weil ich dazu eine Fortbildung entwickeln möchte.
Beste Grüsse,
Paul Mörwald
- 12 Nov 2011, 11:18 am
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Carmen P. Baake Premium MemberThe company name is only visible to registered members.Re^6: Sprache in der Pflege
Hallo Herr Mörwald,
ein ambitioniertes Vorhaben planen Sie da!
Dazu ist es natürlich wichtig, zu wissen, welche Rahmenbedingungen die Haltungsänderung fördern, damit Sie wissen, wo Sie ansetzen können.
Aus meiner Sicht wäre es auch interessant, zu erfahren, welche Erwartungen Patienten hinsichtlich der patientenorientierten Kommunikation an die im Krankenhaus Tätigen haben. Gehen die Patienten dann lieber ins Krankenhaus? Geht überhaupt jemand gern in's Krankenhaus?
Ausserdem müßte man recherchieren, ob Krankenhäuser überhaupt die Notwendigkeit sehen, etwas zu ändern und in Ihre Fortbildung zu investieren. Ich meine, die Patienten sind dem Krankenhaus doch relativ sicher - oder - ist das schon eine Rahmenbedingung?
Wie gesagt, ein ambitioniertes Vorhaben, zu dem ich Ihnen viel Erfolg wünsche!
Viele Grüße
Carmen P. Baake
- 12 Nov 2011, 1:39 pm
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Ulrich FürstThe company name is only visible to registered members.Re: Sprache in der Pflege
Paul Mörwald schrieb:
Meine Frage: gibt es wissenschaftliche Arbeiten zum Thema "Sprache in der Pflege"
Wie entsteht so ein Sprachbild, dessen Dimension die betroffenen Kolleginnen nicht mehr wahrnehmen (können)?
Woran hakt es?
Beschäftigt sich jemand mit diesem Thema?
Zumindest als Auch-Thema gibt es dieses Thema bei Schulz v. Thun
Es geht in dem Kapitel um Kommunikationsstile und da speziell um den "helfenden Stil". Dabei entsteht der von Ihnen aufgezeigte Sprachstil durch mangelnde innere Abgrenzung. Damit der Helfende nicht überfordert wird muss er äußere Grenzen setzen, so dass er weiter arbeiten und (über-) leben kann. Auf diese Weise würden viele professionelle Helfer "herzlos" und zynisch und degradieren den Klienten vom Menschen zum "Fall". ¹
"Was so inhuman aussieht (und ist), erweist sich als innere Not-Wehr gegen all das Elend, das man an sich heranlassen müsste, würde man dem Menschen ins Auge sehen und sich von ihm betreffen lassen. Wo seelische Kraft zur inneren Abgrenzung fehlt bzw. keine kraftspendende Insitution geschaffen ist, wo der Helfer (zum Beispiel Arzt) seine innere Situation regelmäßg bearbeiten kann [...] dort muss er eben die fehlende innere Abgrenzung durch äußere Abwehr ersetzt werden -- eine verbreitete Notlösung, verbunden mit innerer Abstumpfung und Aggression gegen die Klientel." ¹
Ulrich Fürst
¹ Schulz v. Thun, Miteinander reden 2, 2011, Seite 106ff.
- 12 Nov 2011, 8:05 pm
