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Sibylle Barden-Fuerchtenicht Premium Member Group moderatorThe company name is only visible to registered members.Die Schönheit von Büchern
Die Financial Times befragte heute sechs Buchautoren nach ihrer Liebe zu Büchern und ihrer Gewohnheit, diesen in der eigenen Sammlung den richtigen Platz zu geben. James Wood, Autor von „How Fiction Works“, erzählte, “Die wichtigsten Bücher in meiner Sammlung sind die, die einen entscheidenen Einfluss auf meine Entwicklung hatten. Bei denen ich mich genau erinnere, wann und wo ich sie gelesen habe, mit Freude und Entdecker-Geist.“ Gary Shteyngart, Autor von ‘Super Sad True Love Story”, möchte überrascht werden, “Wer weiss schon, wo was steht?“’ Und Philip Pullman, Autor von ‘His Dark Materials’ trilogy”, minimiert seinen Bestand, indem er oft einen Stapel herausgreift und ihn in den nächsten Charityladen bringt. Dort werden sie dann für ein, zwei Pfund verkauft. Wie schön.
Ich denke, ein bisschen von diesen Angewohnheiten steckt in jedem von uns. Ich erinnere mich, als ich das erste Mal meine Freundin Steffi in Köln besuchte und in ihrer Bibliothek übernachtete. Ich dachte damals, das ist der friedlichste Ort der Welt. Ich weiss nicht, ob sie die Tausende von Bücher geordnet hat nach Alphabet oder Thema, Genre oder weiss ich was. Es spielt auch keine Rolle. Auf jeden Fall wusste ich in der ersten Nacht, dass ich für mich auch so einen Ort der Stille und der Schönheit kreieren wollte. Und ich wusste, unsere Freundschaft würde eine sehr tiefe und lange werden. Durch ihre Bücher war sie mir vertraut, fast so, als gäbe es keine Geheimnisse mehr zwischen uns.
In der Regel komme ich an Bücherläden nicht vorbei. Etwas traurig verliess ich vor ein paar Wochen Waterstones, den kleinen Buchladen in der Londoner King’s Road – ohne Neuanschaffung! Ich hatte mich bei meinem letzten Besuch eingedeckt mit Naomi Klein, Noam Chomsky, Robert Fisk und anderen. Und heute gab es nichts neues, nichts, dass mein Herz erwärmte. Es fühlte sich an, als hätte mich ein guter Freund versetzt.
Emotional wurde es das erste Mal, als mein Mann und ich in Chelsea in unser erstes richtiges gemeinsames Zuhause zogen. In der kurzen Zeit in Hamburg zuvor hatte ich, glaube ich, meine Bücher bei meinen Eltern geparkt. Mein Mann verfügt, ähnlich wie Steffi, auch über Unmengen an Büchern. Wir wollten einen Neustart, also brachte er nur die neusten Käufe mit und vermischte sie mit meinen. Ich hatte mir vorher keine Gedanken darüber gemacht – bis zu dem Moment, als die Regale gefüllt waren. Ich hatte Schwierigkeiten, meine Tränen zurückzuhalten. Es fühlte sich an, wie eine Art Identitätsverlust. Das waren nun ‚unsere’ Bücher. Nicht mehr seine und meine – unsere. Plötzlich standen meine Lenin-Bände irgendwo, nicht mehr auffindbar. Nicht, dass ich ein grosser Fan von Lenin war, aber er gehörte neunzehn Jahre zu meinem Leben. Und nun war er unter all den anderen. Meine deutsche Vergangenheit, vermischt mit der aufregenden Vergangenheit meines Mannes in Ost- und Südafrika, Grossbritannien und Amerika.
Gesagt habe ich nichts. Erinnere mich aber an ein Telefonat. „Steffi, ich muss Dich etwas fragen...“ Und dann erzählte ich ihr meine Unruhe. Ihre Antwort:„...ich weiss ganz genau, wovon Du sprichst. Ich habe das genauso empfunden.“ Oh, war ich froh, nicht allein zu sein mit meinen Allüren.
Inzwischen leben wir in Berlin und weil mein Mann zusätzliche Regale für seine Universitätsbücher braucht, habe ich die Gunst der Stunde genutzt. „Was meinst Du, sollte vielleicht jeder seine eigene Wand haben?“ Ihm gefiel das gut. Ob er sich zehn Jahre lang die gleichen Gedanken machte?
Neulich wollte der Nebel nicht verschwinden und ein paar Dinge liefen nicht so, wie ich mir das vorstellte; also fuhr ich zu Dussmann, dem Buchladen in der Friedrichstrasse. Und da erblickte ich Dale Carnegies „Sorge dich nicht, lebe“. Ich hatte es mir Anfang der 90er Jahre gekauft, als ich bei der Bildzeitung über die Affären der Stars schrieb. Ich empfand das nicht so erfüllend und fand Halt in dem Buch. Mein Freund Maximilian meinte damals, „Du musst immer deinem Herzen folgen.“ Später habe ich ihm das Buch geschenkt, als das mit seinem eigenen Herzen nicht so funktionieren wollte. Naja, und nun steht das Buch, dank Dussmann, wieder in meinem Buchregal. Sehr beruhigend zu wissen, dass in der westlichen Welt, sich die Menschen alle mit ähnlichen Problemen herumplagen.
Manchmal, wenn ich Freunde oder Bekannte besuche, bin ich oft überrascht. Wir waren vor kurzem in Wien, bei einem Diplomaten, mit dem ich schon in London gearbeitet hatte. Als ich in seiner Bibliothek meinen Kaffee trank, wanderten meine Augen durch seine Bücher. Die Hälfte davon steht auch in meinem Buchregal. Unter anderem „Die Irren von Zion“ von Henryk M. Broder – ein Buch, das ich bisher bei niemanden gesehen habe. Eine interessante Entdeckung. Gefolgt von einem wunderbaren Wochenende.
Es gibt aber auch andere Besuche. Eine Fernsehmoderatorin, mit der ich gearbeitet habe, gefiel mir anfangs gut, weil sie etwas unnahbar war. Ich besuchte sie und erkannte, dass sie ein riesiges Problem mit sich herumtrug. Im ganzen Haus gab es kein einziges Buch, dass sich nicht mit Kindheit und der psycholgischen Aufarbeitung beschäftigte. Sie versteckte sich hinter einem Mantel der Unnahbarkeit, obwohl ihr wahrscheinlich ganz anders zumute war.
Ein paar Bücher haben mich sehr bewegt und meine Entwicklung befördert. Zum Beispiel schenkte mein Mann mir vor vielen Jahren Sebastian Mallabys „The World’s Banker“. Hier wird in erster Linie das Leben von James Wolfensohn und in zweiter Linie die Arbeit der Weltbank beschrieben. Noch während der Lektüre wollte ich zur Weltbank. Sofort. Ich brauchte allerdings einen Universitätsabschluss dafür. Also habe ich mich mit 36 Jahren, als Pressesprecher an der Deutschen Botschaft, noch einmal in den Lernmodus begeben und an der Business School in London meinen MBA absoliviert. Jahrelang. Zur Weltbank wollte ich allerdings 2009, nach meinem Abschluss, nicht mehr. Da hatte ich inzwischen zwei noch beeindruckendere Bücher gelesen - Barack Obamas “Dreams from my Father” und “The Audacity of Hope”. Es kostete viel Geld und Überredung, mich von einem Umzug nach Washington abzuhalten.....
Mehr:
http://sibyllebarden.blog.de
This post was modified on 16 Nov 2011 at 09:21 pm.- 16 Nov 2011, 9:20 pm
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