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  • Christine Reimann
    Christine Reimann    Premium Member   Group moderator
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    Wie kriegen wir das öffentliche Bildungswesen kaputt?
    Es scheint fast so, als sei dies die zentrale Fragestellung, die sich private Bildungsanbieter (kommerzielle, aber auch NGO) als Projekt auf die Fahnen geschrieben haben. Anders vermag ich mir das langsam nicht mehr zu erklären.

    Zwei aktuelle Beispiele aus der Grundschule meiner Tochter:
    Mir fiel am WE ein Schreibheft in die Hände, das innen und außen mit Werbung bedruckt war. Auf die Frage, woher das käme, meinte meine Tochter, sie hätten das von der Lehrerin erhalten, um sich zu einem Buch Notizen machen zu können....
    Vorab, nach den Sommerferien hat es auf Nachfrage geheißen, nein, die Eltern müssten in diesem Schuljahr keine Schreibhefte kaufen, man habe selbst welche. Ok, dachte ich damals, fein.

    Jetzt springt mir als der "Fruchttiger- Fruchtsnack", das ("grosse Klasse"): "Neue Pausenobst" mit einem Grinsetiger auf der Frontseite entgegen. "Hey, der zaubert den kleinen Hunger weg: FruchtTiger, Frucht Snack, das superleckere Pausenobst - fein püriert! Damit geht's tigerstark in die nächste Stunde!"

    Auf der Rückseite findet sich der Toggo-Cleverclub.de (nur mind. 5,75 EUR/Monat)....
    Innenseite hinten: "Brandnew! Das lustigste Taschenbuch der Welt erscheint in englischer Sprache!" ("übrigens: Auch als Klassensatz zu Sonderkonditionen erhältlich!")

    Ich hatte die Klassenelternvertreter darauf aufmerksam gemacht und erhielt zur Antwort: "Ist doch nicht so schlimm, oder?"

    ... Ist es schlimm, wenn ich das DOCH schlimm finde?????
    ************************************************************************************************************************
    Zweites Beispiel:
    Heute kam ein Zettel über die Schule (aber nicht von der Schule, die sehen anders aus). Den Text will ich Ihnen nicht vorenthalten:

    "Liebe Eltern,
    eine der wichtigsten Aufgaben, die die Schule zu vermitteln hat, ist das Lesen. Es schafft die Grundlage, um berufliche Ziele und Wünsche zu erreichen und um sich aktiv am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen.

    Allerdings ist auch bekannt, dass die Lesefreude im Laufe der Schulzeit stetig abnimmt. Wenn man davon ausgeht, dass Kinder im Kindergartenalter Geschichten geradezu verschlingen, zeigt sich von dieser Begeisterung bei Jugendlichen nur noch wenig.

    Welche Wege gibt es, das Lesen bei Kindern und Jugendlichen wieder zu einer Leidenschaft zu machen? Gute Erfolge hat das Internetprogramm "Antolin" zu verzeichnen: Es motiviert Schülerinnen und Schüler nachhaltig zum Lesen. Und das funktioniert so:
    Ein Kind liest ein Buch und beantwortet anschließend im Internet dazu Fragen. Für jede richtige Anwort bekommt es auf einem persönlichen Lesekonto Punkte gutgeschrieben. Die Internetadresse dieses Programms lautet: http://www.antolin.de

    Liebe Eltern, auch unsere Klasse wird sich künftig an diesem Programm beteiligen - und möglichst viele Punkte sammeln - zum Wohle Ihrer Kinder.

    Jedes Kind bekommt ein passwortgeschütztes Lesekonto. Dafür geben wir den Vornamen, Spitznamen oder den vollständigen Namen Ihres Kindes an. Es erleichtert unsere Arbeit, den vollständigen Namen des Kindes zu verwenden. Möchten Sie nicht, dass der Vor- und der Nachname Ihres Kindes elektronisch gespeichert wird, so teilen Sie uns dies bitte mit.
    Da "Antolin" im Internet zu Hause ist, können auch Sie von zu Hause aus die Lese-Entwicklung Ihres Kindes mitverfolgen. Voraussetzung ist nur ein Internet-Anschluss. Fragen Sie bei Ihrem Kind nach, lassen Sie sich im Lesekonto die erreichten Punkte zeigen, loben Sie und ermuntern Sie. Nicht allein die Schule, auch Sie können viel für die Lesemotivation Ihres Kindes tun. Der Lese-Erfolg Ihres Kindes wird Ihnen Recht geben.

    Mit freundlichen Grüßen"
    (Anmerkung: keine Unterschrift)

    http://www.antolin.de/all/lizenzen.jsp;jsessionid=abcNZ6mWqi...

    ...bin ICH verkehrt, wenn ich das zum K*tzen finde?

    Ich bitte um Ihre Meinung, vielen Dank!
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  • Christine Reimann
    Christine Reimann    Premium Member   Group moderator
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    Re^2: Wie kriegen wir das öffentliche Bildungswesen kaputt?
    Und die gleichen Eltern/Lehrer regen sich darüber auf, daß die Ü-Eier in Kinderhöhe an der Kasse liegen. Neeneenee, der Vergleich hinkt, sorry;) Die Ü-Eier liegen in einem Privatunternehmen an der Kasse - das ist was anderes......ah, verstehe, Sie meinten die Eltern, die "ist doch nicht schlimm" sagen, oder?

    In einigen Gegenden greift gerade eine andere Unsitte mit "Sehtests" um sich. Der Test ist Grottenschlecht und entbehrt jeden Kommentars. Anschließend werden die Eltern "verfolgt" und genötigt.
    Das kenne ich auch! Eltern rasen besorgt mit ihren Erstklässlern zu diversen Ärzten (Ohrenarzt z.B. - die Mutter war so besorgt, dass quais SIE diejenige war, die taub wurde gegenüber meinen beruhigenden Worten "Hey, sie ist doch im Kindergarten, schon seit ihrem 3. Lebensjahr! Meinste nicht, die hätten was bemerkt, wenn wirklich was wäre?" Kein Durchkommen!

    "Lobbyarbeit in Schulen
    Firmen bieten kostenloses Unterrichtsmaterial an
    Lobbyarbeit im Klassenzimmer oder PR-Arbeit im Bildungwesen: Unternehmen bieten Schulen immer öfter Unterrichtsmaterialien an. Unternehmen denken, was die Beeinflussung in Politik und Gesellschaft anbelangt, zunehmend mittel- und langfristig", sagt Dr. Dieter Plehwe vom Verein "LobbyControl". "Die Schüler von heute sind die Staatsbürger von morgen."

    Von einer Win-Win-Situation spricht Prof. Klaus Müller-Neuhof von der "Complan Medien GmbH". "Sie geben dem Lehrer etwas, womit er etwas anfangen kann, das haben Forschungen gezeigt. Sie profitieren davon, dass sie sich schon in den Kreisen der Schüler bekannt machen."

    Kritischer sieht das Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes: "Nun will ich nicht allen Vertretern der Wirtschaft ein gesamtgesellschaftliches Engagement absprechen, aber es sind natürlich auch konkrete Interessen dahinter. Mir gefällt nicht, dass es nicht ausgewogen ist, was den Schulen übermittelt und zugestellt wird."

    Da immer mehr Schulen sparen müssen, greifen Lehrer oft auf die gesponserten Materialien zurück. "Die alte Schule war für alle möglichen Interessengruppen stärker verschlossen und die neue Schule unter der Bedingung der Finanznotstände der Kommunen und der öffentlichen Hand werden zu porösen Gebilden in denen Unternehmen und Wirtschaftsverbände einen erweiterten Zugang suchen und auch finden können", sagt Plehwe."
    http://www.3sat.de/page/?source=/nano/gesellschaft/142838/in...

    Hier das Video dazu: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=17475

    Eine Lehrerin meinte letztens: "Du bist viel zu idealistisch".... Langsam denk ich, sie hat recht - wenn selbst Lehrer und Eltern darin kein Problem sehen....aber auf der anderen Seite blöken gegenüber der Politik alle nach "besserer" Bildung...während die Kinder schulorganisierte Nachhilfe schon in der 2. Klasse haben, weil didaktisch auch alles drunter und drüber geht. Menno:(

    P.S. das Kind konnte bestens hören
    This post was modified on 28 Sep 2010 at 07:36 pm.
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  • Ronald Wernecke
    Ronald Wernecke    Premium Member
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    Re^4: Wie kriegen wir das öffentliche Bildungswesen kaputt?
    Die Vorsilbe Fort- bedeutet meist von etwas weg.
    Ich fürchte, dass dies für manche Fortbildung auch gilt.
  • Christine Reimann
    Christine Reimann    Premium Member   Group moderator
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    Re^4: Wie kriegen wir das öffentliche Bildungswesen kaputt?
    Hallo Andreas,

    Eine wahre Begebenheit aus den USA: Eine Schule, die von Coca Cola gesponsert wurde, veranstaltete ihr alljährliches Schulfest. Zu diesem erschien ein pubertierender Schüler dieser Schule in einem Pepsi-Shirt. Was glauben Sie, ist mit diesem Schüler passiert? Er flog.
    Nee, ernsthaft jetzt? So "anti" ich auch diesem Privatisierungsdruck gegenüberstehe...fällt mir das doch schwer zu glauben. Aber Idealismus paart sich ja i.d.R. meist mit Naivität, lach;) Hast Du einen Link dazu?

    Müssen wir denn den Amis alles nachmachen, menno? Und WAS hat das dann noch mit "Qualität" zu tun?? btw...Wie schneiden die Amis eigentlich bei "PISA" & Co ab?

    Welche "Lobbyisten" beraten eigentlich das Bildungsministerium/die KMK (wertfreie Frage, wirklich, gegen Lobbyisten wettert man nur, wenn man keine hat *g*)?

    Und wer gibt eigentlich die "Didaktik" vor? Ich meine, wer bestimmt, dass "Diktate" nicht lernfördernd sind? Wer stellt sicher, dass geschriebenes Englisch zu Beginn der 4. Klasse, in Kombination mit wissentlich falsch geschriebenen Texten in Deutsch in denen die Fehler entdeckt werden sollen, nicht für weitaus mehr und dauerhafteren Schaden (insbesondere bei Kindern, die noch eine weitere Sprache aus dem Elternhaus mitbringen) in Bezug auf Inhalt und Motivation mit sich bringen als das "gute alte Diktat"?

    ...Sprich, auf wen hören die Ministerien, die KMK und jene, die die Bildungspläne vorgeben, eigentlich in diesem Bereich?

    Würde mich wirklich interessieren.

    Lieber Gruß,
    Christin
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  • Thomas Eck
    Thomas Eck
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    Re: Wie kriegen wir das öffentliche Bildungswesen kaputt?
    Christine Reimann schrieb:

    Jetzt springt mir als der "Fruchttiger- Fruchtsnack", das ("grosse Klasse"): "Neue Pausenobst" mit einem Grinsetiger auf der Frontseite entgegen. "Hey, der zaubert den kleinen Hunger weg: FruchtTiger, Frucht Snack, das superleckere Pausenobst - fein püriert! Damit geht's tigerstark in die nächste Stunde!"
    penetranter geht`s kaum noch...


    Zweites Beispiel:
    ......... Nicht allein die Schule, auch Sie können viel für die Lesemotivation Ihres Kindes tun. Der Lese-Erfolg Ihres Kindes wird Ihnen Recht geben.
    Antolin fand ich persönlich für einen meiner 4 Söhne sehr hilfreich. Den Jahresbeitrag für die ganze Klasse hat damals ein Vater aus eigener Tasche bezahlt. Keiner der anderen Eltern wusste, daß die Aktion Geld kostet. Die Lehrerin fand damals nur, es sei eine gute Idee. Da geb ich Ihr auch heut noch recht.

    Es gibt andere Möglichkeiten, einer Schule finanziell unter die Arme zu greifen. In der Grundschule meines Ältesten waren damals die Regenrinnen und Fallrohre kaputt. Einige Eltern der Grundschüler waren selbstständig mit kleinen Handwerksbetrieben. Allerdings durften die nicht einmal kostenlos die Probleme beheben. Am Jahresende war dann die Rinne voll Laub und ein Reinigungsunternehmen kam im Auftrag der Verwaltung mit einer Hebebühne. Die besagten Eltern mit Baufirmen haben dem Chef der Firma nachmittags die Fallrohre und Rinnen gebracht und Ihm ein paar Scheine in die Hand gedrückt. Am nächsten Tag war alles neu.

    Kaputte Stühle hab ich mit in meine Werkstatt genommen und repariert.

    Im Gymnasium nun, sind die Klassenräume malermäßig zwar noch brauchbar, aber nicht mehr schön. Nun liegt die Sanierung aber erst 4 Jahre zurück. Also werden von der Verwaltung für die Erneuerung keine Mittel zur Verfügung gestellt. Die Klassen dürfen aber ihre Räume im Rahmen von Projekttagen Kunst selbst zu eigenen Themen gestalten. Die Arbeitsmaterialien werden allerdings nicht bezahlt. Es war bisher in keiner Klasse ein Problem, ein paar Töpfe Farbe über die Eltern zu organisieren und die Kinder waren bei der Gestaltung wirklich kreativ! In einige Räume kommen Sie rein und alles was Sie dann noch sagen werden, ist "wow".

    Nur, es steht nirgends drauf "gesponsort von...". Und das ist gut so!


    Grüße
    Thomas Eck

    Edit: Inhalt verständlicher formuliert
    This post was modified on 28 Sep 2010 at 09:43 pm.
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