Pop Culture
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Sonja Lehnert Group moderatorThe company name is only visible to registered members.Wir nennen es Arbeit
"Wir nennen es Arbeit - Die digitale Bohème oder intelligentes Lebens jenseits der Festanstellung"
von Holm Friebe und Sascha Lobo
Gekauft hatte ich mich das Buch insbesondere da ich gerade erst "selbständig" geworden bin - jenseits der Festanstellung - und mich über identitätsstiftende Literatur freute.
"Etwas besseres als die Festanstellung finden wir allemal!" versicherte doch vollmundig eine der Überschriften der Kapitel.
Der Klappentext verrät: "Die digitale Bohème verzichtet dankend auf einen Anstellungsvertrag und verwirklicht mittels neuer Technologien den alten Traum vom selbstbestimmten Arbeiten - ein zeitgemäßer Lebensstil, der sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt."
Das Buch hat feine und genaue Beobachtungen über eine "Kultur", eine Gruppierung, die zwar keine realen Treffpunkte hat, wie es für andere Gruppen Konzerten oder Festivals sind, die dennoch von ihrer Größe und Mannigfaltigkeit weiß: Die digitale Popkultur.
Sie ist, bzw. will eine Art Gegenkultur zum Neoliberalismus von Festanstellung, Rückbesinnung auf Familie, "alte Werte und die gute deutsche Küche" sein. Die digitale Kultur wird anhand des Begriffspaares Bourgeoisie und Bohème erklärt. Das Prinzip Boheme wird diskutiert und die Definitionen aus dem Paris und London der 1920er Jahre in die digitalvernetzte Jugend - oder auch nicht mehr Jugend von heute übertragen. Der Laptop tragende, Moleskinekalender bekritzelnde und Latte Macchiato trinkende digitale Freelancer ist als der Teilnehmer der digitalen Popkultur karikiert. - Eine sympathische, selbstironische und wunderbar genau beobachtete Typisierung, wie ich finde.
Was diese "Netzarbyter" antreibt, sind unter anderem Fragen, wie Arbeit in Glück und Selbstverwirklichung zu verwandeln sei oder wie die Bohème und das Big Business sinnvoll verbunden werden können.
Das Buch bietet also eine Analyse einer jungen Lebensform - und eines jungen Wirtschaftszweiges - die sich aus einer digitalen Subkultur entwickelt und mittlerweile - wie in der Popkultur schon so manches Mal zu beobachten war - zum Wegbereiter bestimmter Arbeits- / Wirtschaftsbereiche hochschraubt. Diese Bohème hat Google geschaffen, Ebay, YouTube, MySpace oder Second Life.
Am interessantesten ist aber vielleicht die Erkenntnis, wie oft diese digitale Popkultur schon wieder im Maintream aufpopt und dort für neue soziale Vernetzungsmöglichkeiten sorgt. Seien es digital vernetzte Computerspiele, die sich um den ganzen Globus spannen, neue Vermarktungsmöglichkeiten für junge Bands, die ihre Musikvideos in YouTube stellen oder sich per Podcasts in die Öffentlichkeit bringen.
OpenBC wird übrigens auch zitiert. Dabei fällt mir auf: Hurra! Endlich Teil einer (Jugend-?)Bewegung!!!
Dass aber diese digitale Bohème tatsächlich eine international verbreitete Gegenbewegung zur "neoliberalistischen" (Naja!) Festanstellung ist - wie es Anfang des Buches entworfen wird, dürfte bezweifelt werden... :-)
Eine sehr lohnenswerte, intelligente Beobachtung von zeitgenössische Bewegungen, Entwicklungen und "Typen" - das allein ist ja selten genug!
Natürlich sind die Autoren auch mit ihrem Buch im Netz:
http://wirnennenesarbeit.de/
- 16 Jan 2007, 7:44 pm
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Carsten Marmulla Premium Member Group moderatorThe company name is only visible to registered members.Re: Wir nennen es Arbeit
Erstmal herzlichen Dank für diese Rezension! ;-)
Gekauft hatte ich mich das Buch insbesondere da ich gerade erst "selbständig" geworden bin - jenseits der Festanstellung - und mich über identitätsstiftende Literatur freute.
Eine kleine Randbemerkung vorab: wie "wird" man denn selbständig? Bislang kannte ich nur den Weg sich selbständig zu machen...
Sie ist, bzw. will eine Art Gegenkultur zum Neoliberalismus von Festanstellung, Rückbesinnung auf Familie, "alte Werte und die gute deutsche Küche" sein.
Genau daran scheiden sich die Geister, denn letztlich wird die "Digitale Bohème" ja selbst Teil einer neoliberalen Einstellung - es ist also keine echte Protest- sondern eher eine Integrationsbewegung. Und inwieweit es deren Vertretern/Mitgliedern gelingt, ein glückliches oder wenigstens funktionierenden Familienleben zu erreichen, bleibt noch abzuwarten.
Die digitale Kultur wird anhand des Begriffspaares Bourgeoisie und Bohème erklärt. Das Prinzip Boheme wird diskutiert und die Definitionen aus dem Paris und London der 1920er Jahre in die digitalvernetzte Jugend - oder auch nicht mehr Jugend von heute übertragen. Der Laptop tragende, Moleskinekalender bekritzelnde und Latte Macchiato trinkende digitale Freelancer ist als der Teilnehmer der digitalen Popkultur karikiert. - Eine sympathische, selbstironische und wunderbar genau beobachtete Typisierung, wie ich finde.
... die derzeit in dieser Form wohl nur innerhalb der Stadtgrenzen von Berlin zu beobachten ist. Es gibt zwar in Ansätzen vergleichbare Ausprägungen einzelner Spezifika auch in anderen Großstädten zu entdecken, jedoch läßt sich hieraus (noch) keine bundesweite Tendenz ableiten.
Das Buch bietet also eine Analyse einer jungen Lebensform - und eines jungen Wirtschaftszweiges - die sich aus einer digitalen Subkultur entwickelt und mittlerweile - wie in der Popkultur schon so manches Mal zu beobachten war - zum Wegbereiter bestimmter Arbeits- / Wirtschaftsbereiche hochschraubt. Diese Bohème hat Google geschaffen, Ebay, YouTube, MySpace oder Second Life.
Klingt auch alles toll. Allerdings wirkt es aus meiner bisherigen Unkenntnis des Buches doch ein wenig romantisch verklärt - man stilisiert einzelne Erfolgsfälle zum Massenphänomen und das paßt so gar nicht zur Hartz-IV-Realität und zahlreichen Scheinselbständigen, die nichtmals ihre Berufsunfähigkeitsversicherungsprämien (welch ein Wort!) zahlen können. Nicht, daß ich jetzt das Angestelltenleben in den Himmel loben will oder jeglichen (Zweck-)Optimismus für Existenzgründungen ausradieren möchte, aber mir erscheint es ein wenig subjektiv, einseitig und undifferenziert.
Am interessantesten ist aber vielleicht die Erkenntnis, wie oft diese digitale Popkultur schon wieder im Maintream aufpopt und dort für neue soziale Vernetzungsmöglichkeiten sorgt. Seien es digital vernetzte Computerspiele, die sich um den ganzen Globus spannen, neue Vermarktungsmöglichkeiten für junge Bands, die ihre Musikvideos in YouTube stellen oder sich per Podcasts in die Öffentlichkeit bringen.
Das ist ganz zweifellos bereits im Mainstream angekommen und nutzt viele Facetten der Popkultur. Natürlich ergibt es völlig neue Möglichkeiten und Herausforderungen - mit allen damit verbunden Chancen und Risiken.
OpenBC wird übrigens auch zitiert. Dabei fällt mir auf: Hurra! Endlich Teil einer (Jugend-?)Bewegung!!!
Wobei ich weder openBC/XING noch "Second Life" zur Jugendkultur zählen würde - ersteres ist ja eher auf's geschäftliche Kontakte fokussiert, und das Durchschnittsalter bei SL beträgt 30-35 Jahre (was ich aus eigener Erfahrung anhand von Stichproben weitgehend bestätigen kann).
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Nachtrag [vergessener Link] Kritik zur "Digitalen Bohème" findet sich auch hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Boheme#Digitale_Boh.C3.A8me
This post was modified on 17 Jan 2007 at 08:58 pm.- 17 Jan 2007, 8:57 pm
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Carsten Marmulla Premium Member Group moderatorThe company name is only visible to registered members.Re^3: Wir nennen es Arbeit
Ich bin immer ein bissel vorsichtig, wenn man aus Nöten (man muss sich einfach was einfallen lassen, sonst landet man auf Hartz4) eine Tugend zu machen versucht...
Eben, genau das meinte ich mit Romantisierung... ;-)
...viele Kids wollen zuerst mal "nix arbeiten und viel Geld haben"...
Welche Generation wollte das nicht? ;-) Letztlich nur ein Revival des "No-Future"-Gedankens - wobei es damals im Desinteresse und Protest begründet war und heute in der Erkenntnis schlichtweg "überflüssig" zu sein.
...und landen dann quasi automatisch irgendwo im Netzbetrieb, weil man IT inzwischen längst lernt wie früher das Radfahren oder das Skaten. Wenn sie dann gross genug sind, dass sie mitkriegen: Geld fällt nicht vom Himmel - dann bietet sich sowas nachgerade an....
Wobei sich das negativ auf die Bezahlung auswirkt, denn das Angebot an entsprechend "geskillten" Arbeitskräften übersteigt ja die Nachfrage bei weitem.
Ich bin aber nicht der Ansicht, Carsten, dass das ein Berlin-Phänomen ist: die "macchiato-lederaktentasche-Typen", die sehe ich in fast allen Grossstädten, blasiert und getrieben, eben "Beifahrer der Belanglosigkeit" (siehe
http://www.wortfront.com ;-))
Natürlich gibt es auch in München, Köln und Hamburg solche Ausprägungen zu beobachten, aber weitaus schwächer als in Berlin, weil die Rahmenbedingungen gänzlich andere sind. Das fängt beim öffentlich zugänglichen WLAN-Zugang an und hört bei den potentiellen Auftraggebern auf.
- 18 Jan 2007, 1:21 pm
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Volker Tzschucke Premium MemberThe company name is only visible to registered members.Re^4: Wir nennen es Arbeit
naja, vielleicht ist die "digitale boheme" auch nix anderes als ein grosses pr-gerede von zwei drei einzelnen leuten, die den begriff erfunden haben und damit jetzt (nach gewonnenen bachmann-preisen) auch noch buecher verkaufen wollen? im selbstmarketing sind sie jedenfalls fantastisch, aber als generationenspezifikum wuerde ich das nicht betrachten...
insgesamt scheint mir doch alles ziemlich bemueht, wenn ich nur den begriff "arbyter" lese, dreht sich dem sprachwissenschaftlichen teil in mir beinahe alles um. das ist nicht mehr als wiglaf droste fuer arme...
- 31 Jan 2007, 01:24 am
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