Pressearbeit, PR und Medienkommunikation
Posts 1-3 of 3
-
Jean-Jacques Picard Premium Member Group moderatorThe company name is only visible to registered members.Die hohe Kunst des Storytelling: So biegen Sie Sich Fakten zurecht
Sie haben eine aufregende Story, von der sie unbedingt den Rest der Welt überzeugen wollen, aber die Fakten wollen Ihre Geschichte nicht so recht belegen? Kein Problem: Mit etwas Phantasie und einer Portion Unverfrorenheit lässt sich da so einiges machen. Wie das geht, veranschaulicht der jüngste “Report” Financial Secrecy Index des Netzwerkes Tax Justice Network.
Die Story lautet in diesem Fall: Luxemburg ist eine der “top secrecy jurisdictions”, also eines der Länder, das die höchste Geheimhaltung von Finanzinformationen aller Art garantiert, und ein Steuerparadies.
Um diese Geschichte möglichst glaubhaft rüberzubringen, zitieren Sie erst mal Auszüge aus Zeitungsartikeln, die in mehr oder weniger dramatischen Worten vermeintliche Skandale anprangern. Ob diese Artikel professionell recherchiert und mit Fakten belegt sind, ist dabei zweitrangig, Hauptsache sie klingen gut und stützen Ihre Story.
Schmücken Sie ihren “Report” dann mit Aussagen, die Sie irgendwo aufgeschnappt haben, oder mit Vermutungen, die Sie selber anstellen, wie etwa “in Luxemburg lagern groβe Summen an Schwarzgeld und an Geldern kriminellen Ursprungs aus aller Welt”. Schlieβlich ist Ihr “Report” keine Gerichtsverhandlung, wo derartige “Argumente” als Hörensagen abgeschmettert werden.
Nach diesem Warmlaufen folgt die Kür der Stimmungsmache. Dazu nehmen Sie sich beispielweise die europäische Richtlinie zur Zinsbesteuerung vor und erklären dreist, Luxemburg beteilige sich nicht am automatischen Informationsaustausch. Dass Luxemburg im Gegenzug mit einer Quellensteuer die automatische Besteuerung der von der Richtlinie visierten Erträge praktiziert, erwähnen Sie tunlichst mit keinem Wort.
Um Ihr Argument zu untermauern, Luxemburg habe nur sehr wenige Doppelbesteuerungsabkommen nach OECD-Standard abgeschlossen, greifen Sie auf Daten vom 30. Juni 2010 zurück. Wenn Sie jedoch anführen, Luxemburg biete mit seinem ausgedehnten Netz an Doppelbesteuerungsabkommen einen besseren Zugang zu internationalen Märkten als traditionelle Steuerparadiese, belegen Sie dies mit einem Link auf die Webseite der luxemburgischen Bankenvereinigung, auf der die aktuellen Doppelbesteuerungsabkommen (64 an der Zahl) aufgelistet sind. Sie widerlegen mit diesem Hinweis zwar gleichzeitig Ihre These vom Steuerparadies Luxemburg, weil Abkommen zur Vermeidung von Doppelbesteuerungen nur zwischen Staaten geschlossen werden, in denen effektiv eine Besteuerung von Erträgen stattfindet und damit das Risko einer Doppelbesteuerung besteht, aber das wird kaum jemandem auffallen.
Beanstanden Sie auch, dass es in Luxemburg kein öffentlich zugängliches Register mit detaillierten Informationen über die dort domizilierten Trusts gibt. Vertrauen Sie dabei darauf, dass der Leser bereits vergessen hat, dass Sie einige Seiten zuvor der Bankenvereinigung vorwerfen, sie mache Lobbying dafür, dass der Gesetzgeber endlich die Gründung von Trusts in Luxemburg erlaubt, was bisher noch gar nicht möglich ist.
Sie sind eher sportlich veranlagt und finden ein Siegerpodest eine tolle Sache? Dann bietet sich ein Ranking der von Ihnen untersuchten Objekte an. Sollte die von Ihnen erstellte Rangliste in einem ersten Anlauf nicht die gewünschten Ergebnisse bringen, verzagen Sie nicht. Gewichten Sie einfach die Ergebnisse Ihrer Untersuchung. Ihrem Einfallsreichtum bei der Auswahl der dabei angewandten Kriterien sind dabei keine Grenzen gesetzt. Experimentieren Sie einfach mit unterschiedlichen Ansätzen herum, bis das Ranking Ihren Vorstellungen entspricht. Wenn Ihnen gerade nichts Passendes einfällt oder wenn es einmal schnell gehen soll, greifen Sie einfach auf die bewährte Faustregel zurück: Wirtschaftlicher Erfolg steht in einem direkten Verhältnis zur Gröβe eines Landes. Hat ein kleines Land in einem Bereich groβen Erfolg, ist von vorneherein etwas faul.
Ansonsten bleiben Sie möglichst vage in Ihren Aussagen, verwenden Sie Begriffe wie “teilweise” oder “nicht in angemessener Weise”, wenn Sie beispielsweise nicht umhin können zu erwähnen, welche Standards ein Land in welchem Maβe einhält. Der Leser wird sich so schon sein eigenes, negatives Bild zusammensetzen können, und Sie haben Ihr Ziel erreicht.
- 05 Oct 2011, 12:05 pm
-
Edgar Kube Premium MemberThe company name is only visible to registered members.Re: Die hohe Kunst des Storytelling: So biegen Sie Sich Fakten zurecht
Köstliche Satire! Hoffentlich merken es alle.
This post was modified on 05 Oct 2011 at 02:35 pm.- 05 Oct 2011, 2:35 pm
-
Post visible to registered members
