Projekte oder das Management von Vorhaben

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  • Andreas Heilwagen
    Andreas Heilwagen    Premium Member
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    Professionelles Chancenmanagement
    Derzeit führe ich Projektmanagement als Methodik bei einem großen internationalen Handelskonzern ein. Natürlich steht in diesem Zusammenhang auch Risikomanagement auf der Tagesordnung. Allerdings gehört zu einem modernen Risikomanagement auch Chancenmanagement. Nur scheint Letzteres lediglich ein Stiefkind zu sein, zumindest wenn man sich PMBOK, ICB, NCB, DIN etc. ansieht.

    Vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftskrise stellt sich verstärkt die Frage, welchen neuen Mehrwert Projektmanagement bieten kann. Chancenmanagement ist aus meiner Sicht hier ein Kandidat mit hohem Potential.

    Meine Erfahrungen beim DIN im Rahmen der Weiterentwicklung der Projektmanagement-Norm DIN 69901:2007 zeigen, dass manche Themen noch keine Normungsreife erreicht haben. Dazu gehört u.a. Chancenmanagement. D.h. in den Standards werden die etablierten Elemente von Projektmanagement kodifiziert und keine neuen Anstöße gegeben.
    In den Berufsverbänden wird zwar an verschiedenen Themen gearbeitet, allerdings stehen die Ergebnisse meist im Kontext eines bestimmten Standards und bringen politische Irritationen zwischen Berufsverbänden mit sich.

    Deshalb möchte ich standardübergreifend über die Diskussion von Projektmanagern zu Themen wie Chancenmanagement den Stand der Technik und weitergehende Entwicklungen sammeln und auswerten. Konkret möchte ich zum Chancenmanagement hier eine Grundlage liefern, auf der eine hoffentlich spannende Diskussion beginnt. Die Ergebnisse würde ich am Ende zusammenfassen.
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    CHANCENMANAGEMENT: DER AKTUELLE STAND (nach meinem Kenntnisstand)
    Sowohl im PMBOK-Standard des PMI, als auch der International Competency Baseline (ICB) der IPMA und der National Competency Baseline (NCB) der GPM wird Chancenmanagement lediglich als Notwendigkeit genannt. Allerdings werden, im Gegensatz zu vielen anderen Themen, keine konkreten Hinweise für die Praxis gegeben. Frei verfügbare Literatur schweigt sich ebenfalls zum Chancenmanagement in Projekten aus.

    Hinweis: Die weiteren Ausführungen gehen von der Kenntnis eines gängigen Projektmanagement-Standards, insbesondere der jeweiligen Auffassung von Risiko- und Chancenmanagement aus.

    WARUM UNTERSCHEIDEN SICH RISIKO- UND CHANCENMANAGEMENT?
    Das PMBOK beschreibt Chancen lediglich als positive Risiken. Allerdings unterscheiden sich beide grundsätzlich:

    * Risiken werden vor dem Hintergrund des erwarteten Leidensdrucks bei ihrem Eintreten identifiziert und gemanaged. Chancen dagegen können ignoriert werden, da man im Allgemeinen keine Konsequenzen zu befürchten hat. Bestenfalls sind Ruhm und Ehre der Lohn, seltener wirtschaftliche Vorteile.

    * Chancen müssen gezielt gesucht werden. Die Mittel entsprechen nur teilweise denen der Risikoidentifikation. Es muss über den berühmten Tellerrand geblickt und Potentiale identifiziert werden, um das Gleichgewicht der Projektrandbedingungen (triple constraint oder weiterentwickelt Pentagon) positiv zu beeinflussen

    Weitere Faktoren für Chancenmanagement sind:

    * Chancen müssen angenommen werden, d.h. die durch ihre Nutzung verursachte Mehrarbeit muss ins Verhältnis zum Nutzen gestellt und eine Entscheidung getroffen werden.

    * Für die gezielte Suche nach Chancen können
    o Experten befragt werden und
    o mit best practices und
    o Benchmarks verglichen werden.
    * Letztlich ist immer die Grundfrage zu stellen: „Wie können wir es einfacher, schneller und besser machen?“
    * Eine Herausforderung wird immer sein, gesunden Menschenverstand einzusetzen trotz der unvermeidlichen „Betriebsblindheit“.

    Am Ende werden dem Auftraggeber mit Chancen Angebote unterbreitet. D.h. sie müssen nach dem Durchlaufen der Risiko- und Chancenmanagementprozesse als Change Request formuliert werden. Eine positive Entscheidung auf der zugehörigen Ebene führt dann zum weiteren Management einer Chance gemäß den definierten Prozessen.

    WIE GEHT ES WEITER?
    Ich würde mich freuen wenn Sie bei XING über Ihre Erfahrungen berichten und an der inhaltlichen Weiterentwicklung des Themas mitzuwirken. Es wird unvermeidlich Metadiskussionen zu diesem Posting geben. Diese bitte ich, um diesen Thread inhaltlich fokussiert zu halten, in meinem Blog im Zusammenhang mit der erweiterten Version dieses Postings unter http://pjmb.wordpress.com/2008/10/28/pladoyer-fur-profession... unterzubringen oder ggf. in einem getrennten Thread.

    Erste Anregungen kann die XING-Diskussion Chancen-Management vom Oktober 2007 liefern, vgl. https://www.xing.com/app/forum?op=showarticles;id=5902559;ar...
  • Martin Foerster
    Martin Foerster
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    Re: Professionelles Chancenmanagement
    Hallo Unzitierbarer, (welches Risiko sehen Sie in der Zitierbarkeit?)

    Sie bemängeln eine stiefmüttlerliche Behandlung des Chancenmanagements in PMBoK u.a.
    Anscheinend scheitert dies bei Ihnen aber schon an der Definition.
    PMBoK (für andere kann ich nicht sprechen) definiert ein Risiko als eine Unwägbarkeit die einen Effekt auf die Ziele des Projektes haben kann. Dieser "Effekt" kann sowohl negativ, als auch positiv sein.
    Unser allseits geschätzter "Risk-Doctor", David Hillson, spricht hierbei von Bedrohung (negativer Effekt, "threat") und Gelegenheit (positiver Effekt, "opportunity"). siehe http://www.risk-doctor.com/pdf-files/silver-linings.pdf

    Somit ist Chancenmanagement ein Teil des Risikomanagements, das zugegebenermaßen in der Praxis eher stiefmütterlich behandelt wird. Die Identifikation und Behandlung von Chancen unterliegt dabei den allg. Regeln für Risikomanagement, nur halt im positiven Sinne.

    Häufig verwechselt wird dies allerdings mit dem "Opportunity-Management" im Bereich Vertrieb / Service und dem "kontinuierlichen Verbesserungsprozess" im Bereich Produktentwicklung / Produktion. Diese Art "Chancen" sind keine "Unwägbarkeiten", und unterliegen daher nicht den Risikomanagement-Regeln.
    Die "Verbesserungen" können und sollten dem Auftraggeber als "Änderungsvorschlag" (Change Proposal) vorgelegt werden. Sie stellen keine Unwägbarkeit dar, sondern können kontrolliert beieinflusst werden.

    Grüsse
    Martin Förster
  • Andreas Heilwagen
    Andreas Heilwagen    Premium Member
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    Re^2: Professionelles Chancenmanagement
    Hallo Herr Förster,

    wenn Sie wissen, wo ich die Zitierbarkeit von Forenbeiträgen aktivieren kann, würde ich mich über eine PN freuen. Eine bewusste Deaktivierung der Funktion habe ich nicht vorgenommen.

    Hinsichtlich der Abtrennung des Themas "business opportunities" stimme ich Ihnen zu. Die Chancen, denen ich derzeit nachgehe, sind Unwägbarkeiten, die verstärkt werden sollten um positiven Einfluss auf ein Projekt zu haben. Die enge Zusammenfassung mit Risiken, wie sie derzeit propagiert wird, greift aus meiner Sicht zu kurz. Insbesondere die Identifikation von Chancen unterliegt anderen Gesetzmäßigkeiten, da Chancen im Gegensatz zu Risiken "ignoriert" werden können.

    Gruß,

    Andreas Heilwagen
  • Martin Foerster
    Martin Foerster
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    Re^3: Professionelles Chancenmanagement
    Hallo Herr Heilwagen,
    die "Unzitierbarkeit" hängt mit Ihren Einstellungen zur Sichtbarkeit von Gruppenbeiträgen für Suchmaschinen zusammen. Ich kann Sie aber auch durch "copy & paste" zitieren.

    Andreas Heilwagen wrote:
    Insbesondere die Identifikation von Chancen unterliegt anderen Gesetzmäßigkeiten, da Chancen im Gegensatz > zu Risiken "ignoriert" werden können.
    Dem kann ich so nicht ganz zustimmen!
    Im Rahmen von technischen Risiken werden zwar oft FMEA, FTA, Hazard Annalysis etc. angewandt, die sich nur zur Identifikation von Fehlern als negativer Effekt eignen.
    Wenn es aber um Methoden zur Identifikation von Projektrisiken handelt z.B. Interview, brainstorming, Delphi Methode treten neben negativen (Bedrohungen) auch immer positive Risken (Chancen) auf.
    Die Ursache, daß Chancen meist nicht erwähnt werden sehe ich eher darin, daß die pro-aktiven Maßnahmen für Chancen deutlich schwerer zu finden sind, als Gegenmaßnahmen für Bedrohungen.
    An der Börse fällt es leichter das Verlustrisiko durch z.B. Anlagenstreuung zu minimieren, als die Gewinnchance durch z.B. Informationsbeschaffung ("Insiderhandel") zu maximieren.

    Hier spielt auch die menschliche Psyche eine große Rolle. Risiken, sowohl Bedrohungen als auch Chancen, bedeuten immer eine Abweichung vom Plan. Es fällt uns nun leichter eine Gegenmaßnahme zu entwickeln, um möglichst im Plan zu bleiben, als eine Maßnahme zu entwickeln, die uns aus dem Plan wirft (auch wenn dies einen positiven Effekt beinhaltet).
    Hierin liegt auch schon das Paradoxon des Chancenmanagements. Es wird ein Plan erstellt, um eine Planung zu zerstören. Dies führt bei den "Planern" (Projektleiter, etc.) häufig dazu, diese Chancen zu ignorieren, da sie keinen persönlichen Benefit bringen.

    Und bei Chancen geht es so wie im richtigen Leben, wo Licht ist ist auch immer Schatten.
    Die Chance das Projektziel früher zu erreichen und dadurch Kosten zu sparen kann für die "gemietete" Projektmannschaft frühere Arbeitslosigkeit bedeuten. Dies wiederum führt dazu, daß diese Chance vom Team möglichst garnicht erst identifiziert wird!

    Wenn Sie die Erfassung von Chancen vorantreiben wollen, müssen Sie die Beteiligten dazu "zwingen" nicht nur Bedrohungen, sondern auch Chancen im Risikomanagement aufzulisten. Dies erreichen Sie nur über definierte Prozesse und Templates.

    Grüsse
    Martin Förster
  • Andreas Heilwagen
    Andreas Heilwagen    Premium Member
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    Re^4: Professionelles Chancenmanagement
    Hallo Herr Förster,

    Dem kann ich so nicht ganz zustimmen!
    [...]
    Die Ursache, daß Chancen meist nicht erwähnt werden sehe ich eher darin, daß die pro-aktiven Maßnahmen für Chancen deutlich schwerer zu finden sind, als Gegenmaßnahmen für Bedrohungen.

    Stimmt. Deshalb möchte ich quasi eine Liste von Empfehlungen zusammenstellen, auf deren Basis Projektleiter einfacher den Prozess der Identifikation von (Risiken und) Chancen steuert können. Hier kommt der Praxisanteil...

    Hierin liegt auch schon das Paradoxon des Chancenmanagements. Es wird ein Plan erstellt, um eine Planung zu zerstören. Dies führt bei den "Planern" (Projektleiter, etc.) häufig dazu, diese Chancen zu ignorieren, da sie keinen persönlichen Benefit bringen.
    Daraus folgt: die Identifikation von Chancen muss sehr früh erfolgen, analog Risiken. Der mangelnde persönliche Benefit (Thema Ruhm und Ehre) ist ein grundlegendes Problem. Hier muss eine Lösung gefunden werden, denn nicht jeder identifiziert sich im Sinne einer Gesamtverantwortung für das Wohlergehen des Unternehmens mit seinen Aufgaben.

    Der Klassiker wären Incentives verschiedenster Art. Für deren Zuteilung müssen messbare Vorteile durch Chancenmanagement vorliegen. Hier könnte die Nutzung der einzelnen identifizierten Chancen incentiviert werden. Beispielsweise auf könnte ein Bonustopf pro Projekt nach festgelegten Regeln aufgeteilt werden. Die Details wird man im Detail ausarbeiten können.

    Mein Favorit wäre: aufgrund der Projektkultur erwartet der Auftrageber bereits ein nachhaltiges Chancenmanagement.

    Die Chance das Projektziel früher zu erreichen und dadurch Kosten zu sparen kann für die "gemietete" Projektmannschaft frühere Arbeitslosigkeit bedeuten. Dies wiederum führt dazu, daß diese Chance vom Team möglichst garnicht erst identifiziert wird!
    Das Problem existierte schon vor dem Chancenmanagement. Und ja, es trifft auch das Chancenmanagement. Lösungsansatz kurzfristig: Incentivierung (s.o.), Lösungsansatz langfristig: Projektkultur.

    Wenn Sie die Erfassung von Chancen vorantreiben wollen, müssen Sie die Beteiligten dazu "zwingen" nicht nur Bedrohungen, sondern auch Chancen im Risikomanagement aufzulisten. Dies erreichen Sie nur über definierte Prozesse und Templates.
    Da bin ich bei Ihnen. Genauso führe ich es derzeit für meinen Kunden ein. Während eines Vertiefungsworkshops ging es speziell um die Besonderheiten im Chancenmanagement. Gemeinsam im Workshop wurde die Erwartungshaltung aufgebaut, dass im Projektreporting in Zukunft Chancen genauso wie Risiken reported werden. In den Review-Sessions wird dies immer wieder thematisiert werden.

    Zusammengefasst waren dies folgende Punkte:
    a) Praxis: Erfolgsfaktoren für Chancenidentifizierung festlegen
    b) Motivation: z.B. durch Incentivierung oder Projektkultur
    c) Theorie: Prozesse und Templates auf Chancenmanagement ausrichten


    Gruß,

    Andreas Heilwagen
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