WE - Regionalforum Weimar
Posts 1-1 of 1
-
Ronny Fieber Premium Member Group moderator AmbassadorThe company name is only visible to registered members.In der Fürstengruft lag ein präparierter Doppelgänger
Die Fachleute sind sich ziemlich sicher: Alles deutet darauf hin, dass der Schädel Friedrich Schillers (1759-1805) gestohlen wurde. Dieser Verdacht erhärtete sich am Montag, 5. Mai 2008, bei der Präsentation der Ergebnisse aus dem Projekt "Der Friedrich-Schiller-Code", das MDR und Klassik-Stiftung gemeinsam angestrengt hatten.
Demnach ist das echte Hirngebein des Dichters vermutlich zwischen 1805 und 1814 aus dem Kassengewölbe auf dem Jakobsfriedhof entfernt und durch den präparierten Schädel eines unbekannten Toten ersetzt worden. Daraus ergibt sich Stoff für eine neue Legende - oder für einen historischen Krimi.
Hier ist ein echter Doppelgänger im Spiel. Das kann kein Zufall sein, wundert sich Professorin Ursula Wittwer-Backofen. Die erfahrene Anthropologin von der Universität Freiburg hat den vermeintlichen Schiller-Schädel, der seit der Exhumierung Schillers 1826 durch Karl Leberecht Schwabe in der Fürstengruft lag, nach modernsten Verfahren untersucht und anhand von Röntgen- und computertomografischen Daten eine Weichteilrekonstruktion des Gesichts angestellt. Das Ergebnis war verblüffend: Der Tote muss Schiller bis in morphologische Details sehr ähnlich gesehen haben.
Fürstengruft-Schädel trug falsche Zähne:
*********************************************
Zahnprobenentnahme für den DNA-Test: Dafür war Elisabeth Christophine Friedrike Reinwald, geb. Schiller (1757-1847), das älteste Kind der Familie Schiller, exhumiert worden. Foto: MDR
Indes konnten Professor Walther Parsons, Gerichtsmediziner aus Innsbruck, und seine Kollegin Odile Loreille vom Armed Forces DNA Identification Laboratory in Rockville/USA zweifelsfrei ausschließen, dass dieser Tote in einem Verwandtschaftsverhältnis zu Schillers Söhnen Carl und Ernst oder seinen Schwestern Christophine und Louise stand. Sogar die haarsträubende Theorie, dass sowohl Schiller selbst als auch seine beiden Söhne Kuckuckskinder gewesen sein könnten, wurde kurzzeitig angestrengt und sofort wieder ad acta gelegt. Denn die Tanten und ihre beiden Neffen tragen identische genetische Merkmale.
Stutzig wurden die Forscher durch zwei Merkwürdigkeiten: Der Fürstengruft-Schädel hatte die fast identische anormale Größe wie der Schillers, und er besaß sieben falsche Zähne. Letzteres wurde erst auf dem Röntgenbild sichtbar: Die kunstfertig präparierten Zähne waren so in das Gebiss eingesetzt, dass sogar anatomische Fachleute des 19. Jahrhunderts den Betrug nicht merkten; sie füllten allerdings den Zahnwurzelbereich nicht vollständig aus. Die auffällige Schädelgröße Schillers besaßen laut Wittwer-Backofen nur 1,5 Prozent seiner Zeitgenossen. Und niemand, auf den dies zuträfe, ist - zumal im Sterbealter von etwa 45 Jahren - je in der Gruft des Kassengewölbes beigesetzt worden.
Eine zufällige Verwechslung ist auszuschließen, folgert der Genealoge und Historiker Ralf Jahn. Jahn, ebenfalls Mitglied im interdisziplinären Forscherteam, hat daraufhin die historischen Umstände der Schiller-Grablege untersucht. Bereits 1814, so fand er heraus, habe ein Totengräber behauptet, der Schillersche Eichensarg sei im Kassengewölbe nicht mehr auffindbar.
Frorieps Sammlung ist verschollen:
***************************************
Es gibt eine ganze Reihe von Indizien, so Jahn, die alle in dieselbe Richtung deuten. Demnach geraten als potenzielle Schädeldiebe der Wiener Arzt Franz Josef Gall und der Weimarer großherzogliche Medizinalrat Ludwig Friedrich von Froriep in Verdacht. Gall begründete im 18. Jahrhundert eine Hirn- und Schädellehre, wonach geistige und psychische Eigenschaften jedes Menschen an der Formung seines Kopfes ablesbar seien. Mit nachvollziehbarer Leidenschaft sammelten also er und seine Anhänger die Totenköpfe wirklicher wie vermeintlicher Genies nicht immer mit einwandfreien Mitteln. Das Haupt Joseph Haydns (1732-1809) zum Beispiel stahl ein Gall-Anhänger vom Hundsturmer Friedhof in Wien.
Auch in Weimar, wo Gall im Rahmen einer Vortragstournee 1805-1807 zehn spektakuläre Auftritte vor Hof und feiner Gesellschaft hatte, besaß er glühende Adepten. Einer von ihnen war Ludwig Friedrich von Froriep, Großvater jenes Anatomen, der 1911 aus dem Kassengewölbe den ominösen zweiten Schiller-Schädel barg, welcher nun aber der Hofdame Louise von Göchhausen zugeordnet wird.
Jener Froriep senior war, wie der Historiker Jahn bemerkt, immer zugegen, wenn mit dem exhumierten Schädel umgegangen wurde. Er hätte auch die anatomischen Kenntnisse und Fertigkeiten besessen, um Goethe, Schwabe und die anderen mit einem authentisch wirkenden Schädel-Fake 1826 zu täuschen.
Außerdem nannte der an der Universität Jena promovierte Mediziner Froriep eine laut Jahn mindestens 1500 Exponate umfassende Knochensammlung sein Eigen darunter auch zahllose Schädel. Der Verbleib dieses makaberen Kabinetts ließ sich nicht mehr ermitteln, erklärt Jahn. Der Historiker ist jedoch davon überzeugt, dass Schillers wirklicher Schädel noch in irgendeiner anatomischen Sammlung auffindbar ist.
Mich interessiert's schon, an dieser Hypothese weiter zu arbeiten, sagt auch Ursula Wittwer-Backofen. Hingegen hält Klassik-Präsident Hellmut Seemann seine Schiller-Code-Mission für beendet: Alles, was weiter folgt, ist rezente Kulturgeschichte.
Quelle: TLZ, Weimar
- 09 May 2008, 07:56 am
