vielen Dank für die prompte XING-Bestätigung und das Angebot, Fragen zu beantworten.
Hier mein Fall: Ich bin ein relativ junger (37 Jahre) Geschäftsführer meiner kleinen Firma (7 Mitarbeiter). Nach einer Motivationsrede mit dem Inhalt, dass alle Mitarbeiter an einem Strang ziehen müssen und wir alle zu einem Team zusammenwachsen müssen, damit wir auch in der Zukunft erfolgreich sein werden, kommt ein Mitarbeiter (25 Jahre) mit folgendem Anliegen auf mich zu: „Also Chef, das war eine tolle Ansprache und ich bin auch gerne bereit Teil dieses Teams zu werden. Wäre es nicht ein angemessenes Zeichen, wenn wir uns einfach duzen?“
Ich war auf dieses Angebot nicht vorbereitet und lehnte auch ab mit der Begründung, dass ich es für nicht angebracht hielte. Ich bezog mich dabei auf erlebte Erfahrungen aus früheren Tätigkeiten.
Nun meine Frage: Habe ich richtig gehandelt, darf man ein Duz-Angebot überhaupt ablehnen? Auf jeden Fall möchte ich alle Mitarbeiter siezen und auch gesiezt werden.
Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.
Mit freundlichen Grüßen
M. G.
P.S.: Wir sind ein tolles Team und im Moment sehr erfolgreich - trotz siezen.
Meine Antwort
Sehr geehrter Herr G.,
den Mitarbeiter sollten Sie nochmal beiseite nehmen. Noch besser wäre es gewesen, Sie hätten sofort entsprechend geantwortet: „Lieber Herr Soundso (oder lieber Paul, falls Sie ihn beim Vornamen zu nennen pflegen, was bei deutlich jüngeren und auch vom absoluten Alter gesehen jungen Mitarbeitern oft üblich ist), lassen Sie uns mal eben nach nebenan gehen!“ Oder „Lassen Sie uns morgen darüber reden, ich möchte sowieso ganz gerne noch ein paar Dinge mit Ihnen besprechen!“ (Damit es nicht so streng klingt) - Tatsächlich gibt es einige wenige, häufig amerikanische Unternehmen, in denen das Duzen aller Mitarbeiter untereinander üblich ist. Außerdem ist das Duzen der Mitarbeiter untereinander in manchen Unternehmen auch einfach sehr verbreitet. Im Osten - jetzt Neue Bundesländer - duzte sich häufig die gesamte Belegschaft.
In den meisten deutschen Unternehmen indessen, vor allem auch in den Großunternehmen,
erfolgt die Kommunikation der Mitarbeiter untereinander, vor allem derjenigen, die im Büro sitzen, generell per Sie.
Wie Sie das in Ihrem Unternehmen handhaben möchten, ist Ihre Sache. Der Chef gestaltet und verantwortet die Unternehmenskultur seines Hauses. Sie haben es in keiner Weise nötig, sich vor wem auch immer dafür zu rechtfertigen, dass sich bei Ihnen die Mitglieder Ihrer Unternehmensfamilie siezen. Wenn Sie das Siezen für angebracht halten, dann wird sich eben in Ihrem Unternehmen generell gesiezt. Die einzelnen Mitarbeiter mögen untereinander machen, was sie wollen. Mit IHNEN machen sie, was SIE wollen!
Ich würde den jungen Mann zu einem freundschaftlichen „Vier-Augen-Gespräch“ rufen und ihm erklären, dass er Ihre Anerkennung und Wertschätzung hat. Dass er aber respektieren müsse, dass Ihre Auffassung des Umgangs der Mitarbeiter untereinander und vor allem im Verhältnis zu Ihnen auch in der Anrede seinen vernehmbaren Respekt finden solle. Sie respektierten Ihre Mitarbeiter, indem Sie sie ebenso höflich behandeln und ansprechen, wie zum Beispiel auch die Kunden und Lieferanten, und Sie erwarteten dasselbe auch von dem jungen Mann als Repräsentanten, ja geradezu als Botschafter Ihres Unternehmens. Auch der nicht zum Unternehmen gehörende Besucher und Kunde müsse in diesem höflichen Verhalten untereinander den Stil des Hauses erkennen. Und von dieser hohen Kultur solle der Fremde durchaus auf die Qualität Ihrer Produkte oder Dienstleistungen schließen. Gerade diese Symbolkraft vermittele die Solidität und Kultur des Unternehmens, die Sie als Chef nach draußen projizieren möchten.
Das wird der Mitarbeiter einsehen und sich bedanken, dass er wieder etwas von Ihnen lernen konnte. Wenn es passt, verbinden Sie dieses Gespräch noch mit einer Belobigung oder einer Gehaltserhöhung oder einem Versprechen, zum Beispiel dem Mitarbeiter beim Eintritt in irgendeine Gesellschaft (z.B. rotarische Jugend Rotaract o.ä.) zu unterstützen. Dann spätestens merkt der junge Mann, dass die Ablehnung kein Affront gegen ihn persönlich war.
Herzlichst,
Ihr
Uwe Fenner
Institut für Stil & Etikette – Knigge-Seminare
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