Stimme und Sprechen: Der Ton macht die Musik

Stimme und Sprechen: Der Ton macht die Musik

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  • Bettina Sorge
    Bettina Sorge    Group moderator
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    Liebe Stimmexperten hier,

    Ihr habt ja schon so viele tolle Tipps bei Heiserkeit versammelt. Dafür vielen Dank.

    Ich wäre dankbar für ein paar Hinweise zum Thema Lautstärke.

    Ich bin Trauerrednerin, und mir steht oft ein Mikro zur Verfügung, so dass ich meist nicht wirklich laut sprechen muss. Es gibt aber einige Friedhofshallen mit sehr schlechter Akustik. Außerdem die klassische Situation am Grab - 100 Trauergäste um mich rum, vielbefahrene Straße daneben, Wind in den Bäumen etc.

    Hier habe ich oft das Problem, dass ich dann laut spreche und dabei schon merke, wie ich meine Stimme überanstrenge. Ich mache schon manchmal auf dem Weg zum Friedhof im Auto Stimmtraining, aber auch nicht regelmäßig, weil es halt meistens nicht nötig ist.

    Vielen Dank im Voraus für Eure Expertentipps.

    Liebe Grüße

    Bettina
  • Jens Dewers
    Jens Dewers    Premium Member
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    Hallo Bettina,
    ganz kurz, ich muss gleich weg.
    Nicht lauter sprechen, sondern ganz präzise artikulieren. Damit erzeugst Du Frequenzen, die dem Störschall trotzen.
    Heute abend gerne mehr.

    Herzliche Grüße,

    Jens
  • Ilka Mono-Ahrens
    Ilka Mono-Ahrens    Premium Member
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    Liebe Bettina Sorge,

    wie macht sich denn die Überanstrengung der Stimme bemerkbar? Welche hör- und spürbaren Symptome gibt es?
    Im Auto die Stimme aufzuwärmen ist auf alle Fälle schon eine gute Idee - das lohnt sich sicher auch, wenn es wegen der Lautstärke eigentlich nicht nötig wäre, weil es sich positiv auf den Stimmklang auswirkt.

    Ich scheue mich allerdings, hier Übungen zum anstrengungsfreien, lauten Sprechen zu geben, da solche Übungen, wenn sie falsch ausgeführt werden, mehr schaden als nützen.
    Da wären dann ein paar Stunden bei einem Stimm-Profi (Trainer, Coach, Logopäde...) bestimmt sinnvoller. Der/Die könnte dann gezielt zur Arbeit an der Resonanz und Tragfähigkeit der Stimme anleiten.

    Viele Grüße,
    Ilka Mono-Ahrens
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    Norbert Michael
    (not a XING member)
    Hallo Bettina,

    der grosse Trugschluss, dem wir alle immer wieder aufsitzen ist, dass das Wort, der Klang da raus müsste, hin zu denen die es hören sollen. Und so fängt man an zu schreien, wird heiser und erreicht das Gegenteil. Die Physik kann die Verhältnisse erklären: Der Klang entfaltet sich innen, im Körper. Dort entsteht eine stehende Welle angeregt durch die Schwingung der Stimmlippen. Die Luftmoleküle an der Grenze zwischen innen und aussen werden dadurch angeregt und schubsen den Klangimpuls weiter, von einem Luftmolekül zum nächsten, bis zum Ohr der Hörer, 10, 20, 50 m weiter. Beste Veranschaulichung dafür ist der Dominostein-Effekt: fällt der erste um, lässt sich das Umfallen der übrigen garnicht verhindern, der Impuls geht durch bis zum letzten Stein in der Reihe.

    Was heisst das nun für Deine rednerische Praxis:
    Die Sorge um das Gehörtwerden da draussen ist müssig, wenn der Klang optimale Entfaltungsmöglichkeiten in Deinem Inneren vorfindet. Das erreichst Du einerseits durch regelmässige, körperliche Aktivität, auch gerade vor einem "Einsatz." Probiere mal aus, wie Du dich sprechen hörst, wenn Du gerade aus dem Auto gestiegen bist, oder wenn Du mit dem Fahrrad zu Deinem Einsatzort gekommen bist.

    Andererseits verlangt es von Deinem Körper, den Klang wahrnehmen zu lernen. Die stehende Welle, die in Deinem Inneren entsteht, wenn die Stimmlippen beginnen zu schwingen, wirkt auf das umliegende Gewebe. Du kannst spüren, wie es vibriert. Vielleicht bemerkst Du es zuerst am Hals oder am Brustbein, aber je länger und intensiver Du Dich mit den Auswirkungen Deines Klanges beschäftigst, desto mehr Bereiche Deines Körpers werden Lust bekommen, auch mitzuvibrieren. Die Körperzellen mögen das nämlich sehr gern. Sie können nur nicht so wie sie wollen, wenn sie mit Festhalten beschäftigt werden. Gerade wenn wir lauter sprechen wollen, werden gern Muskeln aktiviert, die beispielsweise die Bauchdecke spannen, oder den Kehlkopf hochziehen. Der festgehaltene Bauch und der eingeklemmte Kehlkopf können aber nicht in Resonanz gehen mit den Schwingungen der Stimmlippen, sie können sie nur zurückstossen, wie der Asphalt den Tennisball. Unterstützung, Resonanz fühlt sich anders an.

    Und darum kommen an dieser Stelle Deine Ohren ins Spiel. Denn die können den Unterschied im Klang wahrnehmen, wenn Dein Bauch weich bleibt. Und sie können hören, was passiert, wenn in Folge dessen auch der Kehlkopf frei hängen darf. Am leichtesten wird es Deinen Ohren fallen, den Unterschied zu hören, wenn Du sie mit dem Finger zuhältst und dabei einen Ton brummst. Es ist gut, wenn sich das fremd anhört für Dich. Dann dürfen die Ohren nämlich genauer hinhören.

    Wenn Du Dich auf diese Weise mit dem Klang in Deinem Inneren eine Weile intensiver beschäftigst, kann es schon einmal die eine oder andere Überraschung geben. Vielleicht spürst Du Vibrationen an bisher unbekannten Orten in Deinem Körper, vielleicht melden Deine Ohren ungewöhnliche Klangbeimischungen. Vielleicht bekommst Du auch von Zuhörern ein Kompliment, das Du so nicht erwartet hast.

    Zugegeben, es braucht Disziplin und Geduld, sich mit dem Klang und seiner Wirkung im Inneren zu befassen, aber es ist die nachhaltigste Strategie für jemanden, der Sprechen als Beruf gewählt hat. Denn so wird nicht eine Krücke durch eine oder gar mehrere neue ersetzt, sondern es werden gesunde und verlässliche Grundlagen geschaffen. Mit der Unterstützung durch einen verantwortungsvollen Stimmtrainer Deines Vertrauens, macht dieser Entwicklungsweg auch richtig Freude.

    Wünsche Dir viel Erfolg beim Entwickeln Deiner Stimme!

    Herzlich
    Norbert
  • Bettina Sorge
    Bettina Sorge    Group moderator
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    Vielen, vielen Dank für Eure Beiträge. Gerne noch mehr.
    Ich werde mirs zu Herzen nehmen.
    Ich hatte schonmal ein paar Stunden bei einer Atemtherapeutin, das war ein schöner Einstieg, aber noch nicht wirklich das Richtige für mich.


    Liebe Ilka,
    die Symptome sind Heiserkeit, Krächzen bis zum Wegbleiben der Stimme.

    Ilka Mono-Ahrens schrieb:
    Liebe Bettina Sorge,
    wie macht sich denn die Überanstrengung der Stimme bemerkbar? Welche hör- und spürbaren Symptome gibt es?
  • Manuel Stöbel
    Manuel Stöbel    Premium Member   Group moderator
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    Hi Bettina,

    das Wegbleiben der Stimme ist der Schock schlechthin auf der Bühne.

    Sieh' es mal so: Du hast da drin im Hals jede Menge Muskeln, die zusammen die Stimme bilden. Die Muskeln sind trainierbar.

    Sprich am Anfang nach einer tiefen Einatmung etwas 10 % lauter. Das ist recht wenig, hat aber schon einen guten Effekt auf die Stimme.

    Herzlicher Gruß und viel Erfolg,

    Manuel Stöbel
  • Ilka Mono-Ahrens
    Ilka Mono-Ahrens    Premium Member
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    Liebe Bettina,

    da Du beschreibst, dass Deine Stimme z. T. bis zum Wegbleiben überanstrengt ist, solltest Du Dir tatsächlich einen Stimmtrainer suchen, um die Stimme nicht nachhaltig zu schädigen. Am besten auch mit einer vorherigen ärztlichen Diagnostik der Stimmlippen - günstigerweise bei einem Phoniater.

    Viele Erfolg,
    Ilka Mono-Ahrens
  • Annette Baumeister
    Annette Baumeister    Premium Member
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    Hallo Bettina,

    bei mir geht's gleich weiter, deshalb nur kurz: Die Basis für eine funktionierende Stimme ist für mich die prophylaktische Stimmpflege und damit entsteht auch ein Gespür für die eigene Stimme.
    Zum stimmlichen Aufwärmen oder auch Entspannen finde ich das Lippenflattern ("Kutscher-R") gut und dabei kannst Du gleichzeitig auf Deine Bauchdeckenbewegung achten und die Impulse vom Zwerchfell wahrnehmen. Wohltuend ist auch zum Aufwärmen ein leiser Brummton (eventuell mit Kaubewegung dazu) oder Du klopfst beim Summen auf "m" leicht Dein Brustbein und spürst die Vibrationen.
    Beobachte Dich mal, ob Du beim Lauterwerden auch mit der Tonhöhe ziemlich hochgehst. Das passiert häufig unbewusst und führt schneller zu einem verkrampften Gefühl im Halsbereich. Hast Du bei der Atemtherapeutin die Abspannübungen kennengelernt?
    Ansonsten bin ich auch der Meinung: Deutlich artikulieren spart Stimmkraft! Dehnübungen der Kiefermuskeln und Korkensprechen wären dafür eine Vorbereitung.

    Viel Erfolg beim Ausprobieren
    Annette
  • Bettina Sorge
    Bettina Sorge    Group moderator
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    Vielen Dank Euch allen, vor allem an Norbert für die lange Erklärung. Mit dem Hinweis auf die Auswirkung körperlicher Aktivität hast Du meine Achillesferse getroffen. Manchmal ist der Weg von der Halle zum Grab die einzige Bewegung von meinem Rechner weg, die ich am Tag mache.

    @ Annette:
    Das mit dem Korkensprechen will ich auf jeden Fall auch mal ausprobieren. Bei der Atemtherapeutin hab ich einige Übungen gelernt, aber ob da Abspannübungen dabei waren, weiß ich nicht.

    Das kleine Programm, das ich nach den Sitzungen zusammengestellt habe, beinhaltet:

    1. ein paar Körperübungen (erden, dehnen, springen...)
    2. Ausstreichen des Gesichts und der Ohren
    3. in die Handfläche hauchen
    4. ausatmen auf „f“
    5. mmmh summen (auf einem Ton und wie eine Sirene auf und ab)
    6. Lippenflattern und Zungenflattern
    7. Zwerchfellübungen mit pscht / scht etc.


    Ich hab das Gefühl, wenn man der Stimme oder der Atmung auf einmal Aufmerksamkeit schenkt, dann verkrampft man am Anfang noch mehr. Gibt es so etwas wie eine Anfangsverschlechterung, wenn man anfängt, sich mit der Stimme zu beschäftigen?

    Ich werde wohl auf Euch hören und in der nächsten Zeit mal zu einem Phoniater gehen.

    Herzliche Grüße

    Bettina
 
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