Wissensmanagement
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Franz Zuckriegl Premium MemberThe company name is only visible to registered members.Wissenskommunikation durch Geschichten
FORTSETZUNG der Diskussion aus diesem Thread:
https://www.openbc.com/cgi-bin/forum.fpl?op=showarticles&...
Prof. Dr. Klaus P. Jantke schrieb:
Lieber Herr Zuckriegl,
schön - und dafür vielen Dank - daß wir hier richtig diskutieren, eventuell auch 'mal kontrovers. Das ist allemal besser als das ewige Friede-Freude-Eierkuchen.
Realist wäre ich auch gern ... ;-) ..., aber wie kommt man an die Realität ran? Ich krieg alles immer nur vermittelt, bei meinen Sinnesorganen fängt's ja schon an. Und alles andere, das weiter weg ist, bekomme ich irgendwie reduziert gesagt, gezeigt usw. Was weiß denn ich, wie's wirklich ist?
Niklas Luhmann (sinngemäß): "Was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Massenmedien."
Ich sehe das so: Realist sein kann ich schwerlich in bezug auf die Realität; ich kann versuchen, in bezug auf mich selbst Realist zu sein.
Doch nun zu Ihrem Thema "Erfahrungsgeschichten":
Bei dem Wort - verzeihen Sie bitte - fällt mir sofort das Kinderspiel "Stille Post" ein ... ;-)) ...
Zur eigentlichen Sachdiskussion will ich einfügen: Pragmatisch bin ich ganz auf Ihrer Seite und unterstütze den Ratschlag, den Sie gegeben haben, authentische Geschichten zu benutzen. Das soll so stehenbleiben.
Entgegenhalten möchte ich:
(1) Was Sie authentische Geschichten nennen, wird in der menschlichen Kommunikation zweifelsohne durch den Stille-Post-Effekt beschädigt. Daher kam meine Zuschreibung von Idealismus. So authentisch sind authentische Geschichten gar nicht.
(2) Besser wären richtig gut ausgedachte Geschichten, die es auf den Punkt bingen ...
(3) ... nur denken die meisten Leute sich leider keine guten Geschichten aus.
Können Sie sich in meine Sichtweise hineinversetzen ...?!
Gruß von unterwegs,
kpj
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Franz Zuckriegl schrieb:
Lieber Prof. Jantke,
die Diskussion lebt ja von der Kontroverse und ein wenig Polemik ist für die Lebendigkeit nie schlecht. Lassen Sie uns in diesem Sinne weiterdiskutieren:
Realist wäre ich auch gern ... ;-) ..., aber wie kommt man an die Realität ran? Ich krieg alles immer nur vermittelt, bei meinen Sinnesorganen fängt's ja schon an. Und alles andere, das weiter weg ist, bekomme ich irgendwie reduziert gesagt, gezeigt usw. Was weiß denn ich, wie's wirklich ist?
Ich argumentiere hier weniger radikal-konstruktivistisch, sondern in die Richtung, dass es "intersubjektiv geteilte Annahmen" gibt. In Europa ist es zum Beispiel üblich, dass dem Artefakt Geldschein (100-Euro-Note) ein klar definierter Kaufkraftwert zugeschrieben wird. Den "Wert an sich" (was kann ich mir dafür kaufen?) erleben alle Europäer ungefähr gleich; die Bedeutung freilich ist immer eine andere - der Arbeitslose wird sich in der Regel darüber mehr freuen als der Millionär. Dass Kommunikation grundsätzlich uneindeutig und kontextsensitiv ist, selbst in den einfachsten Modellen (Sender-Codierungssystem/Sender-Botschaft-Medium-Empfänger-Decodierung
ssystem/Empfänger), geschenkt.
Niklas Luhmann (sinngemäß): "Was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Massenmedien."
Wir wissen es meiner Wahrnehmung nach - und auch der vieler anderer - auch über interpersonale Kommunikation (s.o.) und eine damit verbundene intersubjektive Realitätskonstruktion.
Doch nun zu Ihrem Thema "Erfahrungsgeschichten":
Bei dem Wort - verzeihen Sie bitte - fällt mir sofort das Kinderspiel "Stille Post" ein ... ;-)) ...
Das ist ein schönes Beispiel. Natürlich verändern sich die Geschichten durch die Erzähler-Persönlichkeiten. Bei der Erfahrungsgeschichte liegt der Wert genau darin: Ein Erlebnis (z.B. ein abgeschlossenes Projekt) wird aus der Sicht vieler Menschen erzählt. Das ergibt dann mindestens so viele UNTERSCHIEDLICHE Geschichten. Und in diesen UNTERSCHIEDEN werden die kritischen oder spannenden oder fruchtbaren Punkte offensichtlich...
(2) Besser wären richtig gut ausgedachte Geschichten, die es auf den Punkt bingen ...
Das wäre dann die Sorte der "Vorbildgeschichte". Wir können ja mit unterschiedlichen Geschichten-Sorten arbeiten, die mittlerweile nicht nur praktisch, sondern auch wissenschaftlich gut reflektiert sind. Es ist wie in einer Familie:
A) Jeder von uns kennt die typischen Familiengeschichten: Woher sind unsere Groß- und Urgroßeltern gekommen, was haben sie gemacht, wie hat sich die Geschichte über die Generationen entwickelt. Wo war die Schwester diesen Sommer auf Urlaub und was ist dabei alles passiert, in wen ist der junge Neffe gerade wieder verliebt...
All diese Geschichten aus der Vergangenheit und Gegenwart prägen das Bewusstsein und das Verhalten einer Familie.
B) Dann werden in jeder Familie auch Geschichten erzählt, die einen ganz bestimmten Zweck erfüllen: Wir erzählen unseren Kindern zum Beispiel Märchen oder auch selbst Erlebtes über die Gefahren des Feuermachens usw., weil die Kinder daraus etwas lernen sollen.
C) Und dann gibt es noch in beinahe jeder Familie einen Onkel, der ganz einfach ebenso gut und gerne Geschichten erzählt und damit bei den Familienfesten für blendende Unterhaltung sorgt.
Typ A) würde ich als "kulturantropologischen Ansatz" bezeichnen. Dazu passt das Modell von Kleiner und Roth, die mit "Erfahrungsgeschichten" arbeiten.
Typ B) Darunter würde ich einerseits die "Best Practices", "Lessons Learned", "Case Studies" u.ä., aber auch direkte Interventionen zu einer intendierten Verhaltensänderung wie Appreciative Inquiry, die NLP-bezogenen Ansätze u.ä. zählen. Ebenfalls in diesen Sektor fallen die Arbeiten von Stephen Denning, Michael Loebbert und Frenzel/Müller/Sottong.
Typ C) könnte man als "Entertainment-Stories" bezeichnen; also Geschichten als Ereignis und zur Unterhaltung im Unterschied zum Erzählen im (unternehmerischen) Alltag. Wie man "gute Geschichten" zur Unterhaltung erzählt und zur Aufführung bringt, zeigen die Film-Regisseure ebenso wie die Literatinnen und Theatermacher.
(3) ... nur denken die meisten Leute sich leider keine guten Geschichten aus.
Da haben Sie zweifellos mehr als Recht. Wenn ich mit Menschen in Organisationen arbeite, stoße ich immer wieder auf diese Barriere: Erstens muss man für eine Geschichte denken und zweitens muss ich die Geschichte auch noch formulieren können (meist mündlich oder schriftlich). Und das ist schlicht und einfach anstrengend.
Können Sie sich in meine Sichtweise hineinversetzen ...?!
Ja, ich denke das zumindest ;-)
Ein Vorschlag noch: Das ist der Thread von Herrn Plank. Vielleicht sollten wir unsere Diskussion um "Wissenskommunikation durch Geschichten" in einen eigenen Thread verlegen?
Mit besten Grüßen
Franz Zuckriegl
So, und nun kann die Diskussion über "Wissenskommunikation durch Geschichten" im eigenen Forum munter weitergehen :-) ...
- 05 Nov 2006, 7:32 pm
