Porträt von Carmen Müller-Sendler
Auzug erschien in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung vom 31. Mai 2008
Andrea Sachtleben ist Geschäftsfrau mit Leib und Seele, und ihre Selbstständigkeit ist ihr so wichtig wie die Luft zum Atmen. Vor sechs Jahren, aus einer Krise heraus, hat sie beschlossen: "Ich will mein Leben so leben, dass es zu mir passt!" Sie ließ sich coachen, entdeckte ungeahnte Talente, probierte sich aus – "meine Lehr- und Wanderjahre", stellt sie rückblickend fest. Heute arbeitet sie selbst als Unternehmenscoach mit ganz persönlichen Schwerpunkten: Sie hat sich ihre Geschäftsidee buchstäblich selbst auf den Leib geschneidert.
"Ich bin schon immer ein bunter Vogel gewesen", bekennt die diplomierte Wirtschaftsinformatikerin lachend. Im Studium merkte sie schnell: "Das ist nicht meins". Abgeschlossen hat sie trotzdem, um das Diplom in der Tasche zu haben, "und dann bin ich sofort in die Selbstständigkeit. Ich hatte inzwischen nämlich begriffen: Was ich richtig gut kann, ist Partys organisieren." Gemeinsam mit einem Team hatte die Studentin Sachtleben die Paderborner Uni-Parties veranstaltet. Ehrenamtlich, versteht sich. Eine Riesensache, dreimal im Jahr, mit bis zu 10.000 Besuchern aus dem Umland. Nun organisierte sie als Geschäftsfrau und für Geld Tagungen, Hausmessen und Incentives, machte PR und Marketing. Das Diplom erwies sich mehr als hilfreich – sie wusste immerhin, wovon ihre Auftraggeber redeten. "Das war damals die coole Zeit, bevor die Internet-Blase geplatzt ist. Jede Menge Aufträge, Riesen-Budgets... Damals sind mir die Dinge einfach so passiert."
Dann wurden die Budgets kleiner. Aufträge brachen weg. Die Ehe ging in die Brüche. Sachtleben: "Das sollte eine Frau nicht unterschätzen: Den doppelten Boden, die Sicherheit, die man als Ehefrau hat, wenn zu Hause der Kühlschrank immer voll ist." Dass sie PR und Marketing konnte, hat sie gerettet. Aber das allein wurde der temperamentvollen Unternehmerin schnell langweilig.
"In dieser Zeit habe ich einen Coach getroffen, eine Frau, die fragte: ,Was wollen Sie denn eigentlich für Ihr Leben?‘ Da ist mir erstmal die Kinnlade runtergefallen. Bisher hatte ich nach dem Zufallsprinzip gelebt: ,Ach, da ist ein Blümchen, das pflück ich mal!"
Nun machte sie ernst: "Ich habe angefangen mich coachen zu lassen. Es ist eine Illusion, dass man das alleine schafft: ,Ich lebe mein Leben, wie es mir passt – aber wer bin ich denn eigentlich?‘"
Eine turbulente Zeit. "Ich habe alle Informationen, die ich über mich bekommen habe, gleich umgesetzt. Mir bewusst Zeit genommen, alles auszuprobieren, manches auch wieder verworfen. Es kam heraus, dass ich auch ein Coach bin – und eine Rampensau!" Andrea Sachtleben ließ das Marketing sausen und stieg auf die Bühne: "Das Leben und andere Peinlichkeiten" hieß ihre erste Comedy-Show, "Andrea and Friends" eine andere, gemeinsame mit Kollegen aus dem Coaching. Als zwei befreundete Kursteilnehmerinnen eine Live-Version von "Herzblatt" auf die Bühne brachten, brauchten sie sie für die Rolle der "Assistentin Susi" aus dem Off. Sachtleben begnügte sich nicht mit dem Off. Sie kürzte ihren Schwesternkittel aus dem Freiwilligen Sozialen Jahr, stöckelte in High Heels auf die Bühne, verlieh der "Susi" Gesicht und Charakter – und bediente zwischendurch noch die Technik. Sie machte Walk Acts, trat bei Veranstaltungen auf – "ich habe laufend Geld verdient", sagt sie.
In der Coaching-Ausbildung erkannte ein Trainer: "Du hast ein großes Herz, du tust den Menschen gut. Du bist eine Unternehmensmuse!" Das traf es für Sachtleben auf den Punkt: "Eine Muse – das passt zu mir. Ich kann Menschen einfach nur durch mein Sein inspirieren. Dass sie lockerlassen können, entspannen, Spaß haben. Erfolg kommt nämlich aus der Entspannung!" Seit dieser Erkenntnis hat die "Unternehmensmuse" – ein Titel, mit dem sie lieber nicht hausieren geht, weil er doch etwas überspannt klingt – sich auf Coachings und Trainings in großen Unternehmen verlegt. "Man kann doch auch in solche Arbeitsplätze mal Spaß bringen! Gerade die Leute, die große Entscheidungen treffen, sollten sich das leisten." Man kann sich das sehr gut vorstellen, wie diese selbstbewusste Frohnatur eine zugeknöpfte Managertruppe derart aufmöbelt, dass alle schließlich ihre Krawattenknoten lockern, sich bequem in ihre Stühle lümmeln und ungehemmt ihrer Kreativität freien Lauf lassen.
Frauen, so kritisiert die geborene Remscheiderin, die seit vier Jahren Köln als ihre "Homebase" bezeichnet, unterlägen auch heute noch zu sehr dem "Dornröschen-Prinzip": Sitzen und warten, bis etwas passiert. "Es ist eine Illusion zu glauben, dass meine Träume von selbst Wirklichkeit werden", rügt sie, "ich muss schon etwas dafür tun. Mich fragen: Wo will ich in zehn Jahren stehen? Visualisieren, wie es aussehen könnte, überlegen, wie ich dorthin komme. Ich habe da ganz präzise Vorstellungen. Und wenn ich etwas haben möchte, dann sehe ich zu, dass ich es mir ins Leben hole." So würde sie gern jeden Monat ein paar Tage in Paris der New York verbringen. Und nun überlegt sie, mit welchem Auftrag sie das langfristig tatsächlich hinbekommt.
Ihren Job empfindet sie als auch als soziale Aufgabe: "Wir leben nun mal in einer unsicheren Zeit. Ich will dazu beitragen, dass Menschen ohne Ängste und Sorgen in ihre Zukunft gehen." Und mit Erfolg: "Kein Spitzensportler würde ohne seinen Coach so weit kommen!"