Bettina Knierim

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Kreativpart der InNatura Kompetenzteams

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Professional experience (5 years, 10 months)

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    Entrepreneur

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About me

Ich könnte es kurz machen, aber das ist nicht meine Art ;o) Was sagt am meisten über einen Menschen aus? Das, was Freunde über einen sagen, läßt bei anderen ein aufschlussreiches Bild entstehen oder ein Brief an solche. Ich lebe seit August 2010 auf Sardinien, liebe die Natur und bin ein Kämpfer für Kinder und mehr muss man gar nicht wissen bevor man meine Weihnachtsemail 2010 an meine Freunde beginnt zu lesen. Viel Spaß dabei:

Ein Hallo aus dem Süden,

ich habe viele schöne Weihnachtsgrüße erhalten und unter anderem bekam ich gestern von einer lieben ehemaligen Arbeitskollegin folgendes kleines Gedicht:

Wir wünschen Euch in diesem Jahr
Weihnachten, wie es früher war.
Kein Hetzen zur Bescherung hin -
kein Schenken ohne Hast und Sinn.
Wir wünschen eine stille Nacht,
frostklirrend und in weißer Pracht.
Wir wünschen Euch ein kleines Stück
von warmer Menschlichkeit zurück.
Wir wünschen Euch in diesem Jahr
die Weihnacht, wie als Kind sie war.
Es war einmal- - - schon lang ist es her, da war so wenig, sooo viel mehr.

Ich hatte mich so besonders darüber gefreut, weil bevor ich die email öffnete, hatte ich mit Omar beim Frühstück Fernsehen geschaut (die Mehrzahl der Italiener können ohne Fernsehen nicht leben ;o)) und zwar einen Bericht aus der guten alten Zeit in schwarz/weiß. Und Omar meinte zu mir: „Guck mal früher hatten die Leute viel weniger, aber sie sehen zufriedener aus.“ Und dann haben wir uns so über die Vorzüge unterhalten ein Badezimmer mit fließendem und sogar warmem Wasser zu haben und auch eine Waschmaschine, aber wie schön es doch auch wäre, wenn mit all den Annehmlichkeiten nicht der ständige Wunsch und Drang nach immer mehr einhergegangen wäre. Und nach dem Frühstück machte ich meinen Rechner an und die erste email des Tages war eben diese mit dem kleinen Gedicht. So schön!

Ich möchte auch noch ein paar individuelle emails schreiben, vor allem an diejenigen, denen ich noch eine Antwort auf ihre email schulde, habt bitte noch ein bisschen Geduld. Aber diese hier wollte ich doch dann an alle weiterleiten. Wer Lust, Muße und Zeit zum Weiterlesen hat, der macht’s. Was hier auf Sardinien so anders ist und meine Gedanken zum Wahn des immerfort ratternden Hamsterrads das auch dem guten alten Weihnachten Stress und Hektik beschert hat, habe ich angehangen.

An dieser Stelle erstmal wünsche ich uns allen ein frohes und schönes Weihnachtsfest und einen guten Start ins neue Jahr, in dem Träume, Wünsche und Sehnsüchte in Erfüllung gehen verbunden mit der Hoffnung, dass der Weg zu etwas weniger noch möglich ist.

Liebe Grüße

von Tina und Omar


Ein Einblick in das sardische Leben und ein Ausblick auf ein Leben im Hamsterrad

Sardinien, das ist das Land, viel mehr die Insel, in der im August in der Hauptstadt die Straßenbeleuchtung gedämmt wird, damit auch Hauptstadtbewohner den Sternschnuppenregen gut sehen können. Hier ist so vieles anders, was sich aber erst zeigt, wenn man die Geduld aufbringt darauf zu warten bis man es sehen kann. Ich freue mich für mich selber, dass ich nicht als Touri sondern als Einwanderer kam. Wenn man hier aus dem Flugzeug steigt, läuft man auf dem Weg zur Gepäckausgabe vorbei an einem Banner auf dem steht: Sardegna quasi uno continente – Sardinien fast ein Kontinent. Die Natur ist hier überwältigend – und nicht nur das - sie ist auch überwältigend schön. Wunderschöne Bergregionen, schöne Täler, schöne Blumen, wunderschöne Küsten, glasklares Meer mit so vielen Blautönen von denen man gar nicht glaubt, dass es sie gibt. Aber die Natur ist hier längst nicht alles was hier überwältigend ist, aus archäologischer Sicht ist die Insel ein Highlight. Auch wer auf altes Handwerk und gelebte Traditionen steht, ist hier goldrichtig, vom Essen ganz zu schweigen. Und was mich hier - neben all dem - besonders fasziniert, ist die warme Menschlichkeit um die es auch in dem kleinen Gedicht geht. Die Ruhe und Gelassenheit und das die Dinge hier so sein dürfen wie sie sind und nicht nur die Dinge auch die Menschen. Sardegna é il paradiso? – Ist Sardinien das Paradies? Nein, aber für mich nahe dran.

Im Leben ist es ja so, dass alles Vor- und Nachteile hat. Und das oftmals gerade die Vorteile Nachteile nach sich ziehen, die man glaubte gar nicht mitgebucht zu haben. Ein Leben in Deutschland bietet Vor- und Nachteile und ein Leben auf Sardinien ebenso. Mit den Nachteilen die Sardinien mit sich bringt, kann ich besser leben wie mit den Nachteilen in Deutschland. Einer von Euch wünschte mir Tage ohne Seelenschmerz. Ich habe Seelenschmerz, aber vielleicht ganz anderen wie er gemeint war. Obwohl ich ja noch nicht mal sagen kann, dass ich eine schlechte Kindheit in Deutschland gehabt hätte, so macht es mich traurig, dass mein Heimatland mir nie so richtig eine Heimstatt sein konnte. Selbst die vielen lieben Menschen, die ich in Deutschland getroffen habe und die ich auch auf jeden Fall vermisse, reichten nicht um zu bleiben. Ich kann wahrscheinlich nicht so ganz die richtigen Worte finden, warum meine Sehnsucht nach einem Land mit mehr der gerade genannten warmen Menschlichkeit so groß war, aber über die Jahre nahm dies in meinem Herzen immer mehr Platz ein. Ich glaubte ursprünglich meine Sehnsucht bringt mich nach Neuseeland und nun hat mich ein Sarde nach Sardinien gebracht. Ich habe ja nun nicht den Vergleich zu Neuseeland, aber ich habe den Vergleich zu Deutschland. Und kann nur sagen, es ist krass anders. Wer hierhin auswandert, lässt seine Uhr am besten in Deutschland (ich habe mittlerweile keine mehr) und packt schon mal ein bisschen Geduld mit in seinen Rucksack. Durch Omar habe ich ja nun das Glück Teil einer italienischen Großfamilie geworden zu sein. Ich habe mich mit ganz offenen Augen und offenem Herzen hier auf alles eingelassen. Ich kam nicht mit dem Wunsch hier etwas Deutsches zu etablieren, sondern ich wollte Italien, bzw. Sardinien erleben wie es ist. Auch ich esse hier zum Frühstück Kekse oder mein Nutellabrot wie ich es auch schon in Deutschland gemacht habe, ein bisschen Italienerin war wohl schon in mir ;o). Ich gehe mit Pilze sammeln, ich schaue Fernsehen – hauptsächlich natürlich italienisches, man lebt hier in unmittelbarer Nähe der Eltern oder besser noch mit ihnen zusammen und das tue ich auch. Hier im Dorf gibt es viele alte Menschen aber nur ganz wenig alte Menschen die alleine leben. Das bedeutet man muss sich arrangieren, aber hier arrangiert man sich lieber, auch wenn es gelegentlich schwer fällt, als wen alleine zu lassen.

Es gibt hier keine Schulpflicht, was ich durchaus ein bisschen sträflich finde, aber hier werden Kinder nicht sortiert, hier gehen alle auf eine Schule bis zu dem Punkt, wo ein paar sich entscheiden noch weiter zu machen, um eine Art Abitur zu erlangen. Behindert, nicht behindert, schlau, nicht so schlau – alle gehen auf eine Schule. Was man hier von kleinauf lernt ist ein gelebtes Miteinander. Es gibt hier keine Behindertenheime oder Behindertenwerkstätten. Es gibt hier (ich kann immer nur für Sardinien und nicht für ganz Italien sprechen) sogenannte casa di riposo, wenn ich es wörtlich übersetze heißt es ein Haus zum Ausruhen. In diesen Häusern leben alte, kranke oder körperlich wie geistig behinderte Menschen, die nicht in ihrem Familienverbund verbleiben konnten aus welchen Gründen auch immer oder womöglich auch keinen Familienverbund mehr haben. Was man bei uns wahrscheinlich als einen unhaltbaren Zustand empfindet, würde man hier auf gar keinen Fall abschaffen wollen. Es gibt keine Einzelzimmer, man lebt mit mehreren Personen auf einem Zimmer.

Als ich hier im Sommer auf dem Dorffest war, konnte ich etwas sehen, was ich in Deutschland noch nie gesehen hatte. Es gab eine Bühne und davor waren Stühle aufgestellt die ineinander gesteckt waren. Nach und nach kamen die Dorfbewohner zusammen von jung (sprich gerade geboren) bis alt. Die Stühle wurden auseinander gehakt, Kinderwagen dazwischen geschoben oder ein Rollstuhl. Für die älteren brachten die jüngeren ein paar Stühle mit die etwas bequemer waren. Und dann saßen sie alle zusammen und schauten sich das Programm an von jung (sprich gerade geboren) bis alt bis spät in die Nacht. Ein paar Tage drauf gab es eine große Tafel mit Ravioli und da saßen sie dann wieder zusammen von jung bis alt und klar wieder bis spät in die Nacht. Hier in Sardinien ist das ein ganz normales Bild. Wer tiefer blickt, entdeckt auch hier Menschen mit einem falschen Gesicht. Götter leben auch hier nicht und man sollte auch hier von Dorf zu Dorf schauen. Es gibt gute Dorfgemeinschaften und bessere.

Es gibt hier kein Hartz IV und auch sonst nicht viel staatliche Unterstützung. Wer sich hier selbständig macht, der erhält viel Unterstützung und es wird ihm auch leicht gemacht, aber andere Leistungen braucht man nicht erwarten. Arbeitslosengeld wird gezahlt, aber dies bewegt sich hier nicht in den Größenordnungen wie wir es aus Deutschland kennen, es kann gut sein, dass man sich mit 200 bis maximal 400 Euro zufrieden geben muss. Pflegegeld und was es so alles in Deutschland gibt, das gibt es hier nicht – hier gibt es la famiglia – die Familie. Wen man hier nicht zusammen hält, dann ist man sozusagen verratzt. Auf den Staat braucht man hier nicht zählen, hier zählt la famiglia. Das ist wahrscheinlich auch der Grund warum der Zusammenhalt größer und einfach selbstverständlicher ist. Es ist für mich unwahrscheinlich interessant zu hören wie Italiener uns Deutsche wahrnehmen. Ein bisschen ehrfürchtig aber auch verwirrt schauen sie zu uns rüber. Sie finden uns unwahrscheinlich gut organisiert, immer korrekt, so intelligent, alle genialen Sachen die so erfunden wurden kommen für sie aus Deutschland, die Autos vor allem BMW und Mercedes die sind super, sie finden es klasse was man in Deutschland vom Staat so alles haben kann, Deutsche sind unwahrscheinlich fleißig. Aber sie finden uns auch kalt, sie empfinden es so dass man bei uns sehr auf Abstand gehalten wird, wir sind immer so ernst, schon nett, aber eben so kalt nett, bei uns ist famiglia irgendwie anders und wir essen so schlechte Sachen, so viel mit Konservierungsstoffen und Fleisch von schlecht gehaltenen Tieren, wir achten nicht auf unsere Gesundheit, wir machen keine Pausen, wir leben so wenig und vor allem leben wir nicht lange. Die Worte, die hier jeder kennt, der schon in Deutschland gearbeitet hat, sind muss und schnell. Ein Schwager von Omar hat sich schon lange über was gewundert und nun die Chance ergriffen und mich gefragt, was heißt das eigentlich wenn man einen Deutschen fragt, ob es ihm gut geht und er sagt dann „Muss!“ Ich hab’s versucht ihm zu erklären und musste ;o) so an die Worte meiner Oma denken, die immer sagte: „Müssen ist ein Teufelswort.“

Ich hatte ja schon geschrieben die Uhr kann man getrost zuhause lassen. Hier bestimmt die Natur noch zu weiten Teilen den Rhythmus. Der Mensch (der sich hier noch mehr als Teil der Natur empfindet) selber bestimmt ihn natürlich auch. Mal abgesehen von der Hauptstadt gibt es inselweit eine Mittagspause von 13:00 bis 16:30/17:30 Uhr. In der Zeit gibt es halt Mittagessen und am liebsten natürlich mit allen zusammen, ein bisschen angenehme Ruhe wie man hier sagt und auch gerne einen Mittagsschlaf. Und dann geht es noch mal weiter bis 20:00 oder 20:30 Uhr. Sklavisch hält sich hier allerdings keiner an die Öffnungszeiten, wenn es mal drüber hinausgeht, geht es halt drüber hinaus, genauso gut kann man auch schon mal darauf warten, dass ein Laden öffnet. Und warten ist ein gutes Stichwort. Man wartet hier viel, alles dauert hier länger wie man es aus Deutschland gewohnt ist. Im August beantragten wir einen Telefonanschluss inkl. DSL-Internet. Stückchenweise kamen wir dem Ziel näher, seit der letzten Woche funktioniert nun tatsächlich alles: telefonieren, kabelsurfen, wirelesssurfen in fast jedem Raum und das geniale telefonieren und surfen funktioniert jetzt auch zeitgleich. In meiner Internetnot bin ich oft zu Leandro, um manchmal überhaupt mit der Außenwelt in Kontakt bleiben zu können. Er hat mir immer gut zu gesprochen ich sollte pazienza – Geduld haben, es kommt alles. Einmal hat er sich vor Freude auf die Schenkel geklopft, gelacht und gesagt, weißt du was, hier dauert alles lange auch bis man stirbt. Seine Mutter ist 102 Jahre alt geworden. So ein hohes Alters zu erreichen ist respektabel aber hier nicht ungewöhnlich. Die derzeit älteste Frau im Dorf ist 99 Jahre alt und ich habe sie heute kennen gelernt, es war mir eine Ehre und sie lebt wie sollte es anders sein bei ihren Kindern. Jeden Donnerstag werden hier im sardischen Fernsehen Dörfer der Insel vorgestellt. Letztens hatten sie dort eine Frau interviewt die mit 102 Jahren sogar noch ein bißchen im Familienbetrieb mithilft, nicht weil sie muss, sondern weil sie möchte. Im Fernsehen wird hier alle zwei Jahre die tollste alte Frau gesucht, so was schräges habe ich noch nicht gesehen, das kann man auch nicht beschreiben das muss man gesehen haben. Dieses Jahr war es auch mal wieder so weit und eine pfiffige liebe alte Lady von 80 Jahren ist diesmal die tollste alte Frau Italiens geworden.

Apropos Fernsehen auch das ist anders. Es gibt hier im Fernsehen unwahrscheinlich viele Dokumentationen über die Natur, Naturvölker sowie frühgeschichtliche Hintergründe und im Verhältnis zum deutschen Fernsehen auch sehr viele astronomische Berichte. Und nun weiß auch ich, dass wir Erdenbewohner froh über den Jupiter, der 1000-mal größer ist als die Erde, sein können. Er fängt für uns Asteroide ab, die bei ihm ein paar kleine Kratzer verursachen, unsere Erde aber wegpusten würden. Grazie Jupiter! Man lebt hier auf der Insel viel mehr mit der Natur wie ich es aus Deutschland kenne. Und für einen Sarden scheint es viel offensichtlicher als für einen Deutschen, das es Dinge gibt, die man nicht ändern kann. Sei es weil es mit der Natur zusammenhängt oder überhaupt. Wenn hier mal was nicht klappt, hört man oft ein: „Ist nicht so schlimm.“ So nach dem Motto kein Asteroid hat uns getroffen, wir leben alle noch, es ist nichts passiert. Daran musste ich mich wahrhaftig erst mal gewöhnen. Es gibt hier viele Ist-nicht-so-schlimm-Szenen, aus diesem Bergdorf führt zweimal am Tag ein Bus in Richtung Außenwelt. Es kann schon mal sein, dass der Busfahrer ein dringendes Telefonat führen muss, dann finden es alle nicht schlimm, wenn er mal rechts ranfährt und erstmal telefoniert. Diese Woche erlebte ich noch eine schöne Ist-nicht-so-schlimm-Szene in einem Lebensmittelladen. Ein kleines Mädchen nahm ohne dass die Eltern es bemerkten einen Apfel. An der Kasse sahen die Eltern dann, dass ihr Mädchen ein Apfel in Händen hielt, den sie weder gekauft noch ihr gegeben hatten. Die Eltern sind darauf hin zur Verkäuferin, die für den Obststand zuständig ist (in Italien empfindet man es als unhygienisch wenn sich jeder selber sein Obst und Gemüse nimmt) und hatten den Mundraub der Tochter gebeichtet. Und die Verkäuferin sagt: „Ist nicht so schlimm.“ Das Kind konnte den Apfel behalten ohne das er bezahlt werden musste. (Schon wieder muss, ich muss mal die ganzen muss hier im Text zählen)

Zu Bambinis hat man hier sowieso ein unwahrscheinlich liebevolles Verhältnis ebenso zu Menschen mit einem Handicap. Was die Bambinis anbelangt ist es sogar so, dass hier Kinder zur besten Sendezeit eigene Shows haben. Millionen Italiener sitzen dann vorm Fernseher. Kinder stellen Stars Fragen, die sich ein Erwachsener wohl nicht zu stellen traut. Und ihnen wird die Gelegenheit gegeben, Dinge zu sagen, die ihnen auf der Seele brennen. Und so muss eine Mutter und auch ein Vater mal zu hören kriegen, dass ihr Döppel Angst um sie hat, dass sie früh sterben könnten, weil sie soviel rauchen. Die Eltern sind bei diesen Sendungen immer mit dabei und schlucken dann gelegentlich mal, wenn ihre Kinder öffentlich solche Äußerungen von sich geben. Als hier im Oktober ein Mädchen von 15 Jahren tot aufgefunden wurde, haben sie 10.000 Menschen auf ihrem letzten Gang begleitet. Es war ein ganz normales Mädchen, keine Berühmtheit. Frauen wie Männer haben um sie geweint, auch die, die sie gar nicht kannten. Damit wären wir eigentlich schon bei den Emotionen der Italiener und Sarden, aber ich mag auch noch was zum Umgang mit den Menschen mit Handicap sagen. Ein Bruder von Omar betreut einen Mann, der von der geistigen Entwicklung auf dem Stand eines fünfjährigen ist. Das ist jetzt nichts besonders. Das besondere ist, er kennt alle Familienmitglieder von Omars Familie und das sind grad nicht wenige. Der Bruder von Omar nimmt ihn halt ganz selbstverständlich überall mit hin. Neulich war dann ein Teil der Sippe zusammen und Andrea, so heißt der Mann, war mit dabei. Italiener reden viel, laut und durcheinander, aber sobald Andrea einen von ihnen ansprach, hörte derjenige ihm sofort zu. Es gibt ein paar Spiele die Andrea für sein Leben gern macht, wie ganz selbstverständlich nimmt sich jeder immer wieder Zeit für ihn und dann quatscht er wieder mit dem Rest der Sippe weiter.

Nun zu den Emotionen, Italiener, egal ob Mann oder Frau, lachen, weinen, schmollen, fluchen, streiten, zetern, meckern und nehmen sich wieder in die Arme. Obwohl ich ja glaube, dass ich gar nicht so die klassische kalte Deutsche bin, merke ich, dass auch ich immer wieder mal von der italienischen Emotionalität etwas überfordert bin. Im positiven wie im negativen. Streiten können die hier, Mamma mia. Und wenn hier demonstriert wird, hält man sich besser raus. Man ist hier einfach hitziger, einen Carabinieri - Polizist reizt man besser nicht. Die sind hier gut bewaffnet und schussbereiter als ihr deutsches Pendant. Und das fand ich wirklich erschreckend man ist hier bereit in die Menge zu schießen. Das werte ich mehr in der Ecke Nachteil, aber so ist das mit den Emotionen, wenn ein Volk emotionell ist, ist es das in alle Richtungen. Den Sarden reizt zum Glück nicht all zu viel, aber wenn - nicht einmischen. Was hier massiv überwiegt ist die Herzlichkeit und die Gastfreundschaft.

Soviel zum Einblick und jetzt mal zum Ausblick.

Ich tausche mich mehr oder weniger regelmäßig per email mit einigen von Euch aus, die es auch immer extremer wahrnehmen, das ewige Rödeln, malochen bis zum Umfallen, um sich dies und das zu leisten und dann auch gerne immer noch ein bisschen mehr von allem. Eine Rückmeldung hatte ich bekommen, die ich auch sehr treffend fand. Und zwar meinte derjenige, dass wir im westlichen Teil Europas total satt sind, aber mit dem satten Gefühl gar nichts anfangen können und dass wir Angst haben davor mal eine Pause zu machen, weil wir dann nichts mehr mit uns anzufangen wissen und dann kommt man vielleicht nicht drum rum mal auf sich selber zu schauen und die wenigsten können ertragen, was sie dann da zu sehen bekommen.

Ich war immer bereit Stunden zu knüppeln ohne Ende, aber Spaß machte mir das nicht. Den ständigen Leistungsdruck habe ich nie gemocht, immer war ich auf der Suche nach dem Schlupfloch aus dieser leistungsorientierten Gesellschaft, die leistungsschwache Menschen ins Abseits drängt. Hier habe ich jetzt eine gesunde Arbeitsform gefunden. Ich schlafe aus, ich nehme regelmäßige Mahlzeiten zu mir, ich bewege mich an der frischen Luft und fast jeden Tag sitze ich 6 – 7 Stunden am Rechner, manchmal auch für private Sachen, aber hauptsächlich für unsere Firma. Ich brüte über Firmenstrategien wie z. B. dem Franchise-Vertrag der nun endlich fertig ist, Konzepte und alles was uns weiterhelfen kann, es zu schaffen wieder eine gewinnbringende Firma daraus zu machen. Ich kann hier viel konzentrierter und ruhiger arbeiten und wenn es mich mal überkommt das ich ein Nickerchen einlegen muss, dann kann ich das hier machen ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, da man hier so was absolut legitim findet. Hier wird man auch nicht schief angeguckt, wenn man nicht viel hat. Klar auch hier mag man Geld, aber man tut hier für Geld noch lange nicht alles. Ich habe versucht immer für alle alles gut zu machen vor allem in finanzieller Hinsicht. Eine ganze Weile habe ich es geschafft, dann nicht mehr. Und es war egal wie viel ich dafür gestrampelt habe, 10 Stunden, 12 Stunden, 14 Stunden am Tag, es war egal. In Deutschland gibt es so einen Ausspruch: Man muss nur wollen! Ich kann das aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. Man kann wollen bis zum Umfallen und trotzdem kann man seinen Platz in der Gesellschaft nicht finden. In Deutschland ist man so auf Leistung gedrillt, das ja selbst Kinder, wenn sie eben auf eine Förderschule und Hauptschule aussortiert wurden absolut keine Chance haben, egal wie sehr sie sich anstrengen, egal was sie wollen.

Ich kann nur sagen, ich habe es hier mit Sardinien ausprobiert, wie es ist, wenn man weniger hat und ich habe nicht den Eindruck ich habe weniger, sondern ich habe genau den Eindruck gewonnen wie er im Gedicht steht, man hat mehr. Weniger zu haben, bedeutet Verzicht, auch Verzicht auf Annehmlichkeiten. Ich nehme es hier so war, das man zwiegespalten ist. Die Welt in der man alles hat, erscheint verlockend noch erahnt man hier nicht das der Preis, den man dafür zahlen müsste, hoch ist. Es ist keine 30 Jahre her, da hat man hier noch Wäsche am Fluss gewaschen, die Erinnerung daran ist für Omar noch sehr präsent. Die Waage zu halten zwischen Annehmlichkeiten aber nicht zu vielen davon ist eine wahre Herausforderung.

Man sagt auch Sardinien sei die Insel der Vergessenen. Man hat halt viele Jahre nicht zum Kontinent, wie man hier Italien und Europa nennt, geschaut. Auf jeden Fall kann ich sagen, hier ist so viel weniger, noch sooo viel mehr und ich hoffe für mich und die Sarden noch recht lange.

Einen schönen heiligen Abend und frohe Feiertage!

von Tina und Omar
 

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