█ Freiheit
Der Begriff der Freiheit wird in etwa so inflationär verwendet wie “Liebe” oder “Verantwortung”. Es soll ja geistige, politische, ökonomische, soziale, emotionale, künstlerische, [...bitte hier ein beliebiges Adjektiv einsetzen...] sowie die Freiheit der Meinungsäußerung, die Freiheit des Marktes usw. geben.
Wenn das so wäre, würde das bedeuten, das an Freiheit mindestens eine Bedingung geknüpft ist. Das ist hochinteressant, da Freiheit selbst also nicht frei von Bedingungen wäre. Ist es dann noch Freiheit? Oder ist es lediglich der Versuch einer Annäherung? Was bedeutet, mehr Freiheit wagen?
Was bedeutet es, daß Freiheit nur dann Freiheit ist, wenn sie bedingungslos ist?
Warum lässt sich Freiheit scheinbar so schwer erreichen?
Verschiedene geistige oder politische Bewegungen haben sich die Freiheit auf die Fahne geschrieben. Als Vertreter der politischen Freiheit etwa wähnen sich die Liberalen und ihr Liberalismus. Kann das stimmen?
Wenn man sich ansieht, welche Bedingungen der Liberalismus im Namen der Freiheit aufstellen möchte, läßt sich das zumindest in Frage stellen.
Freiheit würde nämlich bedeuten, alle bekannten Denk- und Handlungsmuster, alle Institutionen, Konditionierungen, Ansichten und Meinungen, Religionen, Denkgebäude, Philosophien usw. loszulassen.
Je weniger davon losgelassen wird, desto weniger Freiheit gibt es. Je mehr wir Menschen uns mit bekannten Denk- und Handlungsmuster, Institutionen, Konditionierungen, Ansichten und Meinungen, Religionen, Denkgebäude, Philosophien identifizieren, desto unfreier sind wir, desto unfreier machen wir andere Menschen.
Warum lässt sich Freiheit noch immer nicht umsetzen?
Freiheit würde bedeuten, das Bekannte loszulassen. In jedem Moment zu schauen, was getan werden muss, ohne an Bedingungen aus der Vergangenheit gebunden zu sein. Jede Bedingung ist eine Einschränkung der Freiheit.
Die größte Angst des Menschen besteht aber genau darin: das Bekannte loslassen müssen. Angst vor der Dunkelheit, Angst vor Verlassenwerden, Angst vor dem Tod - immer geht es darum, das Bekannte loszulassen, sich Neuem zu öffnen.
Wieviel Angst uns Freiheit macht.
Der Verstand wird zum König erhoben, er klammert sich an Vorstellungen, bekannte Denk- und Handlungsmuster, Institutionen, Konditionierungen, Ansichten und Meinungen, Religionen, Denkgebäude, Philosophien usw.
Der Verstand kann nicht anders, stets sucht er nach Sicherheit, Kontinuität und Beständigkeit, nach Bekanntem.
In einer Welt, in einem Weltraum, in dem es nichts Beständiges außerhalb des Bewusstseins gibt, kann es keine Sicherheit geben, auch keine innere. Diese Suche nach Sicherheit, nach Bestätigung von aussen, aufgrund alter Verletzungen und Konditionierungen, führt zu Abhängigkeit - die das Gegenteil von Freiheit ist.
Der Verstand, die Ratio, ist wichtig, ein unentbehrliches Werkzeug. Aber eben genau das, ein Werkzeug, nicht der Werkzeugführer. Der Mensch ist mehr als sein Verstand. Das wird in heutigen Zeiten gern ausgeblendet, in denen so gern über die freie Gesellschaft gesprochen wird.
Doch wie frei ist eine Gesellschaft, in der Abweichungen von der Normen (das Loslassen vom Bekannten) mit Angst sanktioniert ist? Wie frei ist ein Mensch, der das Loslassen des Bekannten scheut, der bereit ist, jedeM gelebten Augenblick zu sterben?
Es ist richtig, darauf hinzuweisen, daß es im Zusammenleben von Menschen Grenzen der “Freiheit” geben muss, auch wenn es sich dann lediglich um eine Annäherung an Freiheit handelt. Aber diese Grenzen sind für jeden erfahrbar. Wir alle haben Grundbedürfnisse, die sich nicht einschränken lassen, ohne das unser Leben gefährdet wird. Alles, was darüber hinausgeht ist die Freiheit des Einzelnen. Sie wird geschaffen durch die Bereitschaft, sich selbst und seine eigenen Einstellungen immer wieder zu überprüfen, anstatt an ihnen festzuhalten, weil man es schon immer so getan hat.
█ Wahrheit
Kriterium des Wahren ist nicht seine unmittelbare Kommunizierbarkeit an jedermann.
Zu widerstehen ist der fast universalen Nötigung, die Kommunikation des Erkannten mit diesem zu verwechseln und womöglich höher zu stellen, während gleichzeitig jeder Schritt zur Kommunikation hin die Wahrheit ausverkauft und verfälscht ... Wahrheit ist objektiv und nicht plausibel. (Adorno, Negative Dialektik, S. 51 f.).
Aufgewachsen im real existierenden Sozialismus des Ostberlins der achtziger Jahre glaube ich, mir mindestens einen kritischen Blick erarbeitet zu haben, kritisch gegen die Falschheit, Intoleranz und Heuchelei.
Ich wünsche mir den Gewinn von Erkenntnis von und über Menschen sowie deren Wahrnehmung der stofflichen und geistigen Welt. Ich glaube, daß sechs Milliarden Menschen auch sechs Milliarden unterschiedliche Realitäten (be)deuten. Hier einen gemeinsamen Nenner zu finden, ist die wichtigste Voraussetzung für die gemeinsame Anstrengung vieler Menschen notwendige Veränderungen herbeizuführen, um nicht zuletzt für unsere Kinder ebenso eine positive Umwelt zu schaffen, wie für die Kinder unserer Nachbarn auf dem Planeten Erde.
Es liegt in der Interpretation des Einzelnen, aus der Theorie, den Worten, also der Dokumentation individueller und somit gesellschaftlicher Zustände, einen eigenen Anspruch abzuleiten, Gedanken und Äußerungen zum (gesellschaftlichen) Handeln werden zu lassen.
Mein Anspruch beginnt mit der Erlangung von Klarheit in Wahrnehmung und Äußerung, denn ein klarer Blick ist wie ein Spiegel. Ein klares Wort auch.
█ Autor
• Daniel Reitzig
• geboren 1978 in Berlin
• Vater eines Menschenkindes
• Dipl.-Kommunikationswirt (FH)
• tätig in der Seniorenhilfe und bei einer Kindergartengründung