Mit dem Herzen fördern und helfen
Über das Ethos der LRS-Pädagogen in der heutigen Zeit
Viele Kinder, die in eine LRS-Förderung kommen, haben schon belastende Erfahrungen im Umgang mit der Schriftsprache erlitten. Diese Belastungen resultieren in der Regel aus einem Defizit bei der Entwicklung des Sprechens und Schreibens. Relativ schnell jedoch wächst sich dieses schriftsprachliche Problem zu einer Belastung nicht nur der jeweiligen Unterrichtssituation, sondern darüber hinaus auch der sozialen Beziehungen der Schüler untereinander aus. Diese soziale Ausgrenzung einzelner Schüler ist nicht "natürlich" und auf jeden Fall kontraproduktiv für die weitere schriftsprachliche Entwicklung des betroffenen Kindes.
Herzensbildung über die Sprache
Die Aufgabe des LRS-Förderlehrers ist es zunächst, diese Kinder behutsam an die Hand zu nehmen und in ihnen Schritt für Schritt die Begeisterung beim Umgang mit Sprache wieder anzuregen. Im freien Austausch der Gedanken innerhalb einer harmonischen Gruppe von Schülern kann auch die Herzensbildung gelingen, indem jeder Schüler Rücksicht nimmt auf die Schwächen seines Nachbarn und dessen Gedankengang zur weiteren Vertiefung aufgreift. Zunächst müssen wir jedoch die Bedeutung der Sprache für die sozialen, kulturellen und weltanschaulichen Ideale erkennen, um die Möglichkeiten einer Verständigung und eines gegenseitigen Austauschs dieser Ideale auszuloten.
Die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit wird bestimmt von der Entwicklung seines Denkens und Sprechens. Dieser Entwicklungsprozess verläuft bei jedem Kind anders, meist jedoch ohne besondere Auffälligkeiten und daher von uns nur an besonderen Wendepunkten bemerkt. In der frühen Kindheit stellen das erste Sprechen und der Beginn der Begriffsbildung die markantesten Entwicklungsstufen dar. Während der Schulzeit sind mit der Verbindung von Lauten und Buchstaben, mit dem Verständnis der Regelhaftigkeit unserer Sprache und später mit der Übertragung von Ideen in umfangreiche Sätze und Aufsätze die wichtigsten Wendepunkte erreicht.
Die Entwicklung des kindlichen Denkens und Sprechens erfolgt zunächst an sehr konkreten Formen wie z. B. einzelnen Lauten und Wörtern, um später immer abstraktere Formen wie z. B. Begriffe und Ideen zur Entfaltung zu bringen. Das Verständnis von Begriffen und Ideen ermöglicht erst die Auseinandersetzung mit sozialen und kulturellen Werten, die jeder Mensch für sich und seine Umwelt definieren muss. Unter behutsamer Anleitung empfindet ein Schüler das Ringen um ethische und moralische Werte großer Dichter und Denker nach. In diesem Spannungsfeld entwickelt sich seine Herzensbildung als Quelle seines Mitgefühls und seiner Mitverantwortung.
Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken
Daher stellen die grundlegenden Kulturtechniken des Lesens und Schreibens bei uns einen unverzichtbaren Wert für die Weiterentwicklung des menschlichen Zusammenlebens dar. Erst in der sprachlichen Auseinandersetzung mit geistigen und moralischen Werten entfaltet sich die kindliche Persönlichkeit und entwickelt sich Verständnis und Toleranz für die Vielfalt der sozialen, kulturellen und religiösen Lebensmöglichkeiten. Die LRS-Pädagogen sollten sich in diesem Zusammenhang auch als Kulturträger und Kulturvermittler verstehen. Durch ihr Vorbild vermitteln sie den Kindern ethische und moralische Grundsätze, die ihrer Lebens- und Weltvorstellung entsprechen. Je umfassender diese Lebens- und Weltvorstellung ist, desto annehmbarer ist sie für andere Menschen, die auf dieser gemeinsamen Basis nicht nur eine Verständigungsmöglichkeit finden, sondern darüber hinaus den Austausch ihrer Ideen und Ideale fortführen können.
Eine Lebens- und Weltvorstellung, die aus einer Vielzahl von Kulturen, Religionen und Lebensweisen besteht, ist in der Lage, den unseligen Kampf jedes gegen jeden zu beenden. Erst in der Zusammenschau verschiedener Lebensweisen kann sich die Toleranz entwickeln, die den Menschen die Idee eines friedlichen Zusammenlebens annehmbar macht. Auf dieser Basis wird es möglich, eine Weltgemeinschaft zu bilden, in der der Mensch wieder in das ihm gebührenden Zentrum gestellt wird. Die geistige, wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Menschen stellt den Leitfaden für jede gesellschaftspolitische Entscheidung dar.
Verständnis auch für andere Kulturen
Die kulturellen Unterschiede innerhalb einer religiös oder ethnisch gemischten Gruppe von Schülern stellen eine einzigartige Möglichkeit für das Verständnis Andersdenkender dar. Heutzutage werden Schüler in der Schule und zu Hause ständig mit Angehörigen fremder Kulturen konfrontiert. Hier bietet sich ihnen ein weites Feld des Gedankenaustausches und der Zusammenarbeit. Wir müssen auch nicht mehr einen mühsamen Briefkontakt zu anderen Schulen im Ausland aufnehmen, wie seinerzeit noch in den vergangenen Jahrzehnten weit verbreitet, sondern können ganz bequem innerhalb der Klassengemeinschaft den Austausch der Kulturen auf die Tagesordnung setzen. Innerhalb der relativ kleinen Gemeinschaft einer LRS-Gruppe können wir bereits den Grundstein für Toleranz und Verständnis legen, indem wir die unterschiedlichen Kulturen und Religionen der Kinder nicht nur respektieren, sondern im erforderlichen Umfang auch verständlich machen.
Die Sorgen und Ängste der Kinder ernst nehmen
Bereits beim ersten Gespräch können diese Kinder erstmalig erleben, dass ihre Schwierigkeiten und Probleme nicht als Anlass zur Ausgrenzung dienen, sondern ernst genommen werden. Dabei erleben sie den jeweiligen Förderlehrer als Partner, die ihnen Hilfestellung bei der Überwindung ihrer Schwierigkeiten anbieten. Angst und Hilflosigkeit, die viele Kinder seit Jahren begleiten, werden auf diese Weise im Gespräch allmählich überwunden und durch Vertrauen und Nähe ersetzt.
Auch die Eltern haben sich in der Regel über mehrere Jahre hinweg mit den Defiziten ihrer Kinder beschäftigt, ohne grundlegende Lösungen gefunden zu haben. Deshalb ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen für die Berichte der Eltern über ihre Erfahrungen im Umgang mit den Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten ihres Kindes. Diese menschliche Zuwendung und Zuneigung bilden die Grundlage moderner Fördermöglichkeiten.
Alle in der Förderarbeit engagierten Lehrer sollten bemüht sein, eine harmonische und herzliche Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Kinder wohl fühlen. Dabei verstehen sie sich nicht in erster Linie als Wissensvermittler, sondern sehen in der Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit ihre grundlegende Aufgabe. Die persönlichen Kontakte zu den Kindern bilden die Grundlage der Förderarbeit. Erst wenn sich uns das Herz des Kindes öffnet, kann auch das Verständnis für den Wert sprachlicher Kommunikation wachsen.
Das Selbstwertgefühl steigern
Bereits nach wenigen Wochen kann sich dann ein Kind auf die neue Umgebung einstellen. Es fühlt sich als Persönlichkeit angenommen und geborgen. Darauf baut der soziale Halt innerhalb einer homogenen Kleingruppe von durchschnittlich 5-8 LRS-Schülern auf. Aufgrund der Anregung und des Vorbilds ihrer Förderlehrer unterstützen sich die Kinder gegenseitig. Die in ihnen eingelagerten ethischen Werte werden gestärkt und mobilisiert. In dieser positiven und konstruktiven Atmosphäre widmen die Kinder bereitwillig ihre Aufmerksamkeit dem jeweiligen Thema. Mit Begeisterung und Hingabe lösen sie Probleme, die ihnen vor kurzem noch unüberwindlich erschienen.
Die ersten Erfolge des LRS-Unterrichts zeigen sich daher im gestiegenen Selbstwertgefühl der Kinder. Sie erfahren, dass jeder zum eigenen, aber auch zum Erfolg der anderen beiträgt. Nach kurzer Zeit fühlen sie sich in ihrer Gruppe akzeptiert und gestärkt. Dadurch entwickeln sie Freude beim Umgang mit Sprache und trauen sich auch im Deutschunterricht mehr zu.