Thomas P. Reiter

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Politik-Berater: SPD fehlt der Draht zu jungen Wählern
(Die Welt, 26. Juli 1999)

Bürgermeister Ortwin Runde als "Exponent der Beliebigkeit der SPD", der sich mit seiner Partei auf tradtionellen Parteiveranstaltungen abmüht und so bestenfalls die eigenen Mitglieder erreicht - einer der führenden Hamburger Politik-Berater, Thomas P. Reiter, sieht die Hamburger Sozialdemokraten momentan in schwerer See. Für die WELT hat sich der Geschäftsführer von "POLIS Public Realtions" zu deren Kunden die GAL und die CDU gehörten, Gedanken über die auch parteiintern in Kritik geratene "Kampagnenfähigkeit" der hiesigen SPD gemacht.

"Wie vermarktet sich eine Partei, die dem potentiellen Wähler derzeit nichts weiter anzubieten hat als ein ebenso gelangweiltes wie langweiliges Erscheinungsbild?", war die Ausgangsfrage des Politik-Beraters. Nicht ein neuer Wähler könne mit traditionellen Parteiveranstaltungen wie der "Bunten Welle" im Wandsbeker Eichtalpark gewonnen werden: "So trist wie der alljährliche Veranstaltungsort, eine Hundewiese, kommt die SPD in der anschließenden Berichterstattung daher." Kaum jemand werde mit solchen Aktionen oder den Podiumsdiskussionen hinter dem Ofen hervorgelockt, bei denen sechs Politiker hinter einem langen Tisch mit oft ebenso vielen Besuchern diskutieren, die zumeist längst Mitglieder des eigenen Kreisverbands seien.

"Der Hamburger SPD ist entgangen, daß sich die Gesellschaft dieser Großstadt in den vergangenen 40 Jahren extrem individualisiert hat und demzufolge auch die Ansprache des Wählers eine ganz andere werden muß. Es gibt kaum noch politikinteressierte Jungwähler, die ihre Meinung nicht auch aus dem Internet bilden. Doch das Internetangebot der SPD in der Medienstadt Hamburg ist katastrophal: entsetzlich bunt und leer, außer einigen Zitaten und einer Terminankündigung, die besagt, daß die SPD in der Weltstadt Hamburg zur Zeit keine Termine anzubieten habe, findet der Suchende dort nicht viel."

Wie in anderen Bereichen müsse die Art und der Stil des Dialogs von den politischen Akteuren oftmals neu erlernt werden. Die Stammwählerschaft der SPD habe sich stark diversifiziert, "die Anzüge ihrer Politiker sind aber noch immer die gleichen: es herrscht Grau und das kleine Karo." Es fehle der Mut zur zielgerichteten Ansprache an die einzelnen Gruppen, die noch immer potentielle SPD-Wähler wären: "Es gibt in Hamburg eigentlich keinen Grund, eine konservative Partei zu wählen, da die regierende Partei schon konservativ genug ist. Aber sie werden es nicht tun, wenn ihnen keiner individuell glaubhaft vermittelt, warum sie der SPD ihre Stadt noch immer anvertrauen sollten." Trösten könne dabei nur noch die bittere CDU-Erkenntnis, daß die Zeit manchmal einfach abgelaufen sei. Reiter: "Die auf Helmut Kohl zugeschnittene Wahlwerbung zur Bundestagswahl 1998 war eine der besten Politikkampagnen, die es in Deutschland je gab. Helfen konnte sie ihm jedoch nicht mehr." lau

Die SPD im Internet:

http://www.spd-hamburg.de


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„Wir basteln uns einen Skandal“
(Stefan Niggemeier in "Süddeutsche Zeitung" vom 29.12.1999)

Talkline und die Neujahrsansprache – wie es wirklich war

Elmshorn/Mainz – War es eine Kanzlerparodie? War es ein Werbegag? War es geschmacklos? Oder stand hinter all dem eine ausgeklügelte PR-Maschinerie, die eine außer in diesem Jahr sonst zumeist nachrichtenarme Zeit geschickt für kommerzielle Zwecke zu nutzen verstand? Fest steht: in der Zeit, die manche „die zwischen den Jahren“ nennen, gab es in den deutschen Medien kaum mehr als drei Themen, die mit einer gewissen Leidenschaft diskutiert wurden: die Parteispendenaffäre um Altbundeskanzler Kohl, der Orkan über Frankreich sowie der mit dem Begriff „Millennium“ bedachte bevorstehende Jahreswechsel. Dieser war vor allem wegen des vielfach als magisch empfundenen Ziffernwandels von 1999 auf 2000 und daraus resultierenden möglichen elektronischen Fehlfunktionen interessant geworden. Liebgewonnene Gewohnheiten, wie die, dem jeweiligen deutschen Regierungschef am Silvesterabend vor dem Fernsehschirm an den Lippen zu hängen, erschienen da wie ein Fels in der Brandung. Hätte es da nicht den kühnen Plan des Elmshorner Telekommunikationsanbieters Talkline gegeben, der Neujahrsansprache des Bundeskanzlers Gerhard Schröder im ZDF einen eigenen als Werbebotschaft getarnten Aufruf zur „Bereitschaft zum Dialog“ voranzustellen. Unterschiedlich gewichtete Interessen aus Wirtschaft, Politik, Medien und Gesellschaft verließen urplötzlich einen jahrelang wohlgehüteten Konsens und verdichteten sich dabei zu der drohenden Frage: „Darf das sein?“ (Hamburger Morgenpost, 27.12.1999) Der Werbefilm einer Telefonfirma als „Verballhornung“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.1999) einer politischen Neujahrsansprache im Fernsehen: „Ist das eine Kanzlerbeleidigung?“ (Express, 29.12.1999) Die Meinungen gingen bei den Journalisten quer durch die Republik weit auseinander – sie reichten von „Geschmacklos“ (Kölnische Rundschau, 28.12.1999) bis hin zu „Das fängt ja gut an, das neue Jahrtausend“ (Der Tagesspiegel, 29.12.1999). Aus PR-Sicht ist dem eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, außer den Fakten.

• Im Oktober 1999
Hamburg – Bei der Werbeagentur Heye & Partner entwickeln Stefan Kirchner (Text) und Reinhard Crasemann (Konzept) die Talkline-Werbespots. Hauptdarsteller ist der Kölner Schauspieler Herbert Wandschneider. Eine der Ideen ist inzwischen als „die Talkline-Neujahrsansprache“ bekannt geworden.

• Mittwoch, 3. November 1999
Düsseldorf – Die Düsseldorfer Werbefilmgesellschaft Caspari stellt den Werbespot „Die Neujahrsansprache“ fertig. Unter dem Eindruck des nahenden Jahreswechsels und der Regie von Thomas Caspari wurde naheliegenderweise die Atmosphäre einer silvesterlichen Politikeransprache adaptiert. Die BUNTE (5.1.2000) wird später fragen, ob dabei nun wirklich Bundeskanzler Gerhard Schröder parodiert werden sollte. Ernüchternde Realität ist, dass man sich in der Tat die erste Neujahrsansprache des damals noch recht frischen Bundeskanzlers Schröder aus dem Jahre 1998 angesehen, diese aber als allzu langweilig und nichtssagend empfunden hatte. So griff man zur Vorlage auf ältere Ansprachen von Helmut Kohl zurück. Wenn also schon von einem „Kanzler-Werbespot“ (Berliner Morgenpost, Express, Frankfurter Neue Presse, General-Anzeiger, Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau, 28.-30.12.1999) oder „Kanzler-Stil“ (Associated Press, Amberger Nachrichten, Mittelbayerische Zeitung) die Rede sein könnte, dann allerdings weder von einer „Schröder-Parodie“ (Saarbrücker Zeitung, 29.12.1999), noch von einem „doppelten“ (FOCUS, Der Tagesspiegel, Die Welt, 27.12.1999) oder „falschen“ (Hamburger Abendblatt, Hamburger Morgenpost, 27.-30.12.1999) Kanzler Schröder.

• Mittwoch, 15. Dezember 1999
Elmshorn – PR-Meeting bei Talkline. Mit der zuständigen PR-Agentur Bönig & Yamaoka diskutiert man die Möglichkeiten, der „Neujahrsansprache“ durch gezielte Maßnahmen höhere Aufmerksamkeit zu verschaffen, als Werbebotschaften normalerweise anheim fällt. Denn dieser Spot ist nicht normal. Er ist außergewöhnlich lang (zwei Minuten) und außergewöhnlich gut platziert (31.12.1999, der letzte Silvesterabend der Neunziger Jahre dieses Jahrtausends, im ZDF unmittelbar vor der Neujahrsansprache des Bundeskanzlers Gerhard Schröder). Die Idee, Herbert Wandschneider in Berlin mit einer schwarzen Limousine vor dem Reichstag vorfahren und den Spot im Rahmen einer Pressekonferenz im Restaurant unter der Reichstagskuppel der Öffentlichkeit vorzustellen, wird leider verworfen. Es wird befürchtet, Wandschneider sei zu unbekannt und könnte daher möglicherweise nicht richtig „funktionieren“. Zu Unrecht, wie sich im Nachhinein herausstellt: Wandschneider „funktioniert“, wenn auch anders.

• Mittwoch, 22. Dezember 1999
Wiesbaden - Die Media-Agentur HMS Carat bucht einen ebenso teuren wie prominenten Sendeplatz im ZDF: 31.12., Silvester, in der Werbeinsel zwischen den „heute“-Nachrichten und dem Wetter. Dort soll als einzige Werbung die Neujahrsansprache von Talkline laufen, nach dem Wetter dann die des Bundeskanzlers. An diesem Tag wird auch dem ZDF-Werbefernsehen in Mainz eine Kopie des Spots übergeben.

• Donnerstag, 23. Dezember 1999
Hamburg – 100 VHS-Videokassetten mit dem Talkline-Werbespot werden von der Hamburger PR-Agentur aus an ausgewählte Redaktionen versandt. Sie werden jeweils mit einem Anschreiben einer imaginären „Behörde für Kommunikation“ und der Bitte, in der „Berichterstattung auf diese wichtige Fernsehsendung hinzuweisen“. Die Kassetten befinden sich in einer bürokratisch anmutenden, mausgrauen Umlaufmappe mit dem Hinweis „streng vertraulich – sofort weiterleiten!“

• Freitag, 24. Dezember 1999 – Heiligabend
München – Das Nachrichtenmagazin FOCUS wird in seiner am folgenden Montag erscheinenden Ausgabe darüber berichten, dass Herbert Wandschneider „vor dem Bundeskanzler im TV“ eine Neujahrsrede halten wird und kündigt dies in einer Agenturmeldung vorab an. Neben einem Screen-Shot aus dem Werbefilm wird erläutert, was die Fernsehzuschauer am Silvesterabend erwartet: „Ähnlich wie der Kanzler sitzt der Kölner Kabarettist am Schreibtisch und appelliert mit staatsmännischen Worten an die ´Bereitschaft zum Dialog´. Statt Deutschland-Flagge prangt neben ihm eine Fahne von ´Talkline´. Die Elmshorner Telefonfirma schaltete den zweiminütigen Werbespot im ZDF vor Schröders Ansprache – zum Preis von 250 000 Mark. ´Talkline´-Sprecher Thomas Reiter: ´Wir bereichern das Programm mit einer kurzweiligen Neujahrsrede.´“


• Sonnabend, 25. Dezember 1999 – 1. Weihnachtsfeiertag
Hamburg – DPA greift die FOCUS-Mitteilung auf und spricht dabei erstmals fälschlich von einem „Kanzler-Double“.

• Sonntag, 26. Dezember 1999 – 2. Weihnachtsfeiertag
Elmshorn – Bei der Talkline-Pressestelle laufen erste Rückfragen zum Spot und den sich damit beschäftigenden Meldungen auf. Besonders in Köln, der Heimat Wandschneiders, interessiert man sich plötzlich für die Talkline-PR.

• Montag, 27. Dezember 1999
Berlin – An diesem Tag überschlagen sich die Ereignisse. Der FOCUS erscheint – und viele andere Printtitel mit einem großen Thema auf den TV- und Medienseiten: die Neujahrsansprache von Talkline. Aufgrund des großen Interesses versendet DPA ein aus dem Werbefilm abfotografiertes Agenturbild über die Ticker. Die Hamburger Morgenpost sorgt sich, dass „schon wieder ein ´Doppelgänger´“ Bundeskanzler Gerhard Schröder „durch den Kakao ziehen will – diesmal sogar im öffentlich-rechtlichen ZDF.“ Deren Sprecher Philipp Baum behauptet gar, der Spot liege dem Sender noch gar nicht vor. „Wenn der Inhalt ehrverletzend ist oder gegen den guten Geschmack verstößt, wird er nicht gesendet“, droht er. Im Tagesspiegel aus Berlin gibt er sich etwas milder: „Grundsätzlich fällt das unter die Werbefreiheit, für die das ZDF nicht zuständig ist.“ ZDF-Insider berichten jedoch andererseits, dass sich Intendant Professor Dr. h.c. Dieter Stolte aufgrund der widersprüchlichen Agenturmeldungen bereits eine Kopie des Spots per Kurier in seinen Urlaubsort habe liefern lassen. Ergebnis, so der ZDF-Mitarbeiter: „Stolte tobt!“ Auch die Talkline-Unternehmenskommunikation schickt einen Kurier mit einer weiteren VHS-Kassette mit der Neujahrsansprache an die ZDF-Pressestelle in Mainz, damit auch Philipp Baum sich noch vor Mittag ein Bild von den Inhalten machen kann. Vergebens: der Justitiar des Zweiten Deutschen Fernsehens, Professor Dr. Carl-Eugen Eberle, hat bereits eine juristische Formel für die Ablehnung des Werbespots erarbeitet. Er äußert gegenüber dem Leiter des ZDF-Werbefernsehens, Wolfgang Köhler, „persönlichkeitsrechtliche Bedenken“, da man sich zwar mit der Person des Bundeskanzlers und seiner Politik auch in Form einer Persiflage auseinandersetzen dürfe, „für den rein kommerziellen Bereich“ stehe ihm jedoch selbst als Person der absoluten Zeitgeschichte ein Verbotsrecht zu. So soll also im ZDF „nichts als der wahre Schröder“ (Hamburger Abendblatt, 28.12.1999) laufen, denn, so Stolte wörtlich, seine Anstalt sei „für Geschmacklosigkeiten und PR-Effekte auf Kosten dieses Amtes nicht zu haben“.

• Dienstag, 28. Dezember 1999
Bonn - Auf Anfrage der Tageszeitung DIE WELT (28.12.1999) weist Talkline-Pressesprecher Thomas Philipp Reiter noch einmal nachdrücklich darauf hin, „Wandschneider solle in dem Spot keineswegs den Kanzler imitieren, sondern lediglich ´eine staatsmännische Anmutung bieten´ und ´eine bessere Neujahrsansprache als Schröder halten´. Die Äußerung Reiters, man könne bei Talkline die Rechtsauffassung Eberles, die Werbung verletze die Persönlichkeitsrechte des Bundeskanzlers, nicht teilen, wird in dem Artikel überspitzt zu: „Angesichts der Ablehnung der Ausstrahlung durch das ZDF kündigte Reiter juristische Schritte gegen den Mainzer Sender an.“ Das vermutete Konfliktpotential wiederum wird von DPA begierig aufgegriffen und weiterverbreitet, dabei ist man bei Talkline zu diesem Zeitpunkt längst dabei, einfach einen anderen Sendeplatz im Silvester-Abendprogramm zu buchen – im Privatfernsehen. Dem gebührenfinanzierten ZDF entgehen somit gerade 250.000 DM Werbeeinnahmen.
In Bonn veranstaltet Talkline eine Pressekonferenz mit Schauspieler Herbert Wandschneider und Pressesprecher Thomas P. Reiter. Presseagenturen, Tageszeitungen und Radiosender nutzen die Möglichkeit, erstmals mit dem Hauptakteur zu sprechen. Alle Versuche einzelner Journalisten, ihn wenigstens jetzt zu einer Kanzlerparodie zu überreden, sind zum Scheitern verurteilt. Wandschneider ist beharrlich: „Der Spot ist weder eine Kanzlerparodie, noch versuche ich, Schröder zu imitieren oder aufs Korn zu nehmen“, zitiert ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Ausgabe vom 29.12.1999. Und weiter: „Der Werbefilm benutze vielmehr nur die ´staatstragende´ Form einer Neujahrsansprache, ´das Strenge, Ehrliche und Gute wollende, um die Talkline-Botschaft herüberzubringen´“.

• Mittwoch, 29. Dezember 1999
„Umstrittener Spot im RTL?“ fragt BILD, die sich am 29.12.1999 nun schon am zweiten Tag in Folge auf ihrer Titelseite mit dem Talkline-Spot beschäftigt. Im Laufe des Tages steht fest: RTL und RTL 2 werden den „vom ZDF abgelehnten Kanzler-Werbespot der Telefongesellschaft Talkline zeigen“ (DIE WELT, 30.12.1999). Dort ist man „Bereit zum Dialog“ (Der Tagesspiegel, 30.12.1999). Sie zitiert: „Reiter betonte, man habe mit dem Spot weder der Person noch dem Amt des Bundeskanzlers Schaden zufügen wollen. Dafür sei der Film ´auf sympathische Art viel zu harmlos´. Mit RTL und RTL 2 habe man Privatsender gefunden, in deren Umfeld sich der humorvoll produzierte Werbespot ´hervorragend platzieren´ ließe.“ Die Rhein-Neckar-Zeitung aus Heidelberg ergänzt (wie alle anderen, die eine entsprechende DPA-Meldung aufgreifen, so z.B. die Berliner Zeitung, Bonner General-Anzeiger, Braunschweiger-/Salzgitter-Zeitung/Wolfsburger Nachrichten, Frankfurter Neue Presse, Fränkischer Tag in Bamberg, Hannoversche Allgemeine Zeitung, Neue Westfälische aus Bielefeld, Remscheider General-Anzeiger, Rheinischer Merkur, Ruhr-Nachrichten aus Bottrop, Schwäbische Zeitung aus Ulm, Westdeutsche Zeitung aus Düsseldorf, STERN Online): „Für die Telefonfirma fällt der Umweg über RTL auch preiswerter aus: Zwei Minuten Sendezeit im Silvester-Vorabendprogramm gegen 19.20 Uhr kosten dort 158.000 Mark, bei RTL 2 32.000 Mark.“
In der Süddeutschen Zeitung aus München erscheint eine pointierte Glosse, der die Überschrift entlehnt wurde: „Wir basteln uns einen Skandal – Das ZDF lehnt einen Talkline-Spot ab, und die Firma freut sich“. Stefan Niggemeier schreibt dort: „Thomas Reiter ist total empört. Das gehört zu seinem Job. Reiter arbeitet bei der PR-Agentur Bönig & Yamaoka, und wenn die für die Telefonfirma Talkline nicht genug Empörung produziert, könnten Beobachter alles womöglich für heiße Luft halten.
Was ist passiert? Das ZDF weigert sich, einen Talkline-Spot auszustrahlen. Deren Agentur Heye & Partner hatte die Idee einer Parodie auf die Neujahrsansprache des Kanzlers, ausgestrahlt direkt vor der echten: Zwei Minuten lang sitzt ein Kabarettist vor einer Bücherwand und appelliert an die ´Bereitschaft zum Dialog´. Am Montag, sagt ZDF-Sprecher Philipp Baum, sei das Band eingetroffen und wie üblich geprüft worden. Der Justiziar befand, der Spot dürfe nicht ausgestrahlt werden. Er sei irreführend, weil er sich als Teil des Programmes ausgebe, und verletze die Persönlichkeitsrechte Schröders.
Für Talkline ist die Absage kein Grund zur Trauer, denn Talkline hat ja Thomas Reiter, und der kann jetzt viel mehr Aufmerksamkeit erzeugen, als es der Film geschafft hätte. Er erklärt, die Ablehnung sei ´ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des Werbefernsehens´. Klingt nach Skandal – ist aber falsch. Dass Sender wegen juristischer Bedenken Spots ablehnen, kommt immer wieder vor. Aber nicht aus so läppischen Gründen, sagt Reiter. Und nicht auf Intervention des Intendanten. Auf dem Bescheid des Justiziars, der ihm vorliege, seien Boten-Vermerke, die Druck von ganz oben nahelegten. Seine erste Aussage, die Rechtsabteilung der ZDF-Werbung hätte den Spot schon genehmigt, bevor Intendant Stolte eingriff, nimmt er allerdings zurück. Das Papier scheint auch nicht ganz so brisant zu sein: Das ZDF selbst hat es verschickt.
Reiter will den Spot nun auf einem ´weniger spießigen´ Sender zeigen lassen: Zu 80 Prozent sei sicher, dass er auf RTL und RTL 2 laufen werde. Das können allerdings weder die Sender noch ihr Vermarkter IP bestätigen. Bis Dienstagabend hatte den Spot dort noch niemand gesehen. Talkline habe erst am Morgen angefragt, ob noch Werbezeit frei sei. Nach positivem Bescheid vereinbarte man, den Spot bis 15 Uhr an die Sender zur Prüfung zu schicken. Die war bis Redaktionsschluß noch nicht abgeschlossen. Bei IP hieß es, Heye & Partner müssten wohl nachbessern und wenigstens ´Dauerwerbesendung´ einblenden.
Talkline überlegt nun, trotzdem kurz vor der Schröder-Ansprache im ZDF zu werben und in dem Spot auf RTL zu verweisen. Es ist nicht damit zu rechnen, dass das ZDF das ausstrahlen würde. ZDF-Sprecher Baum bedauert, indirekt den PR-Effekt für Talkline noch gefördert zu haben. Aber es sei wichtig, den Eindruck zu vermeiden, beim ZDF könne man einfach alles ausstrahlen. Übrigens, sagt Baum, habe beim Orkan am Sonntag auch das ZDF Schaden genommen. Durch kaputte Sendeanlagen habe das Programm Marktanteil verloren. Das sei doch ein Thema für die Saure-Gurken-Zeit. Sorry, Herr Baum!“
Schmuckes Beiwerk des Artikels ist ein Foto Herbert Wandschneiders aus dem Werbespot mit der Bildunterschrift „´Bereitschaft zum Dialog´ – von wegen. Das ZDF mag keine Kabarettisten-Werbung auf Kosten des Kanzlers. Schröder sieht ja auch anders aus.“
Der Tagesspiegel aus Berlin referiert am selben Tag ebenfalls in einer Glosse „Über die Möglichkeiten, den Bundeskanzler zu verstimmen“ und bezieht sich dabei auf den Artikel von Raoul Fischer in der gleichen Ausgabe: „So wird man berühmt. Seit seiner Ausbildung an der Berliner Schauspielschule ´Ernst Busch´ hat Herbert Wandschneider an vielen Orten und Bühnen gearbeitet, darunter Magdeburg, die Stuttgarter ´tri-bühne´, das Hessische Landestheater in Marburg und am ´Theater der Keller´ in Köln, wo er auch als Dozent tätig ist. Kleinere Auftritte bei Fernsehsendungen, zuletzt in ´Unter uns´ und ´Verbotene Liebe´, runden das Bild ab. Nun könnte der gebürtige Rostocker mit einem Auftritt einem breiten Fernsehpublikum und zudem vielen Zeitungslesern bekannt werden. Er spielt in einem Werbespot der privaten Telefongesellschaft Talkline einen Redner, der in ´staatstragender Form´ eine Neujahrsansprache hält.
In vielen Medien wurde der Coup als ´Kanzlerspot´ verkauft. Dabei fühlt sich Wandschneider gar nicht als Kabarettist. ´Ich bin Schauspieler und Regisseur´, sagt der 41-jährige. Demzufolge solle der Spot keine Kanzlerparodie sein, sondern nutze lediglich das Setting einer Neujahrsansprache. Den Vorwurf der ´Geschmacklosigkeit´, mit dem ZDF-Intendant Dieter Stolte den bereits eingeplanten Werbespot aus dem Programm gefegt hat, kann er nicht verstehen. ´Ich sitze an einem Schreibtisch und fordere in einer Rede zu Kommunikation auf – das ist alles.´ Er findet den Spot gut.
Auch der Pressesprecher von Talkline, Thomas Philipp Reiter, reagiert erstaunt auf die unwirsche Reaktion Stoltes und die Bedenken der ZDF-Juristen, der TV-Spot verletze die Persönlichkeitsrechte Gerhard Schröders. Wandschneider sitze lediglich an einem Tisch, auf dem eine Fahne steht. Der Spot solle nur ein einziges Mal, nämlich in einem Werbeblock vor der Neujahrsansprache des Bundeskanzlers ausgestrahlt werden. ´Aber wir hatten nie das Ziel, Schröder zu imitieren´, erklärt Reiter. Die Auskunft sei auf eine mangelhafte Recherche der Nachrichtenagentur dpa zurückzuführen. ´Die haben plötzlich von einer ´Kanzler-Parodie´ und einem ´Kanzler-Double´ gesprochen´, sagt der Talkline-Sprecher.
Seitens des Kanzleramtes sei noch keine Reaktion gekommen. ´Wir überlegen, Herrn Schröder den Spot von uns aus zuzuschicken´, sagt Reiter. Dem ZDF geht jedenfalls ein Geschäft verloren. 250.000 Mark hätte der zweiminütige Spot dem öffentlich-rechtlichen Sender gebracht. Die Produktionskosten beliefen sich auf noch einmal 100.000 Mark. Am Dienstag prüfte RTL, ob der Spot im Werbeblock des Privatsenders ausgestrahlt werden kann. Sagt der Sender zu, wird es für Talkline günstiger. Auf RTL kostet die Ausstrahlung 158.000 Mark. Selbst wenn RTL ebenfalls absagen sollte: Reiter ist ´felsenfest davon überzeugt, dass Talkline auf Sendung gehen wird´“.

• Donnerstag, 30. Dezember 1999
Marburg - Die Oberhessische Presse –Tageszeitung für den Kreis Marburg-Biedenkopf- freut sich unter der Überschrift: „Früherer Marburger Schauspieler sorgt mit Werbespot für Wirbel - Den ´falschen Bundeskanzler´, den die Fernsehzuschauer am Silvesterabend auf RTL in einem Werbespot des Telefonunternehmens Talkline sehen können, kennt das heimische Theaterpublikum bestens: Herbert Wandschneider war von 1991 bis 1997 Schauspieler und Regisseur in Marburg. Auch in der aktuellen Spielzeit inszenierte der mittlerweile in Köln lebende Wandschneider in Marburg das Stück ´Play Strindberg´.

• Freitag, 31. Dezember 1999 – Silvester
Freiburg i. Br./Köln – Der Fernsehtip der Badischen Zeitung vom 31.12. enthüllt, welcher Stellenwert dem Talkline-Werbespot mittlerweile beigemessen wird: „Trotz des außergewöhnlichen Jahreswechsels platziert das Fernsehen auch die traditionellen Silvester-Sendungen. Bundeskanzler Gerhard Schröder hält seine Neujahrsansprache zunächst im ZDF (nach der 19-Uhr-´heute´-Ausgabe), dann in der ARD um 20.05 nach der Kurzausgabe der ´Tagesschau´ mit Dagmar Berghoffs letztem Auftritt. Die Konkurrenz-Ansprache, der Talkline-Werbespot mit Herbert Wandschneider, ist bei RTL 2 um 19.20 Uhr und bei RTL fünf Minuten später zu sehen.“
Im Internet kann man den Werbespot unter http://www.talkline.de bereits ab 16.00 Uhr als Video in zwei verschiedenen Dateiformaten herunterladen. Die Besuche („Visits“) im Pressebereich, wo der Download vorgenommen werden kann, verdreifachen sich daraufhin!
Die Ausstrahlung der Talkline-Neujahrsansprache wird ein voller Erfolg: 1,83 Millionen Fernsehzuschauer verfolgen den Werbespot ab 19.29 Uhr auf RTL, dazu noch einmal 600.000 Zuschauer auf RTL 2, wo der Film um 19.17 Uhr startet. Mit der Talkline-Werbung konnte RTL seinen Marktanteil im Vergleich zur vorangegangenen Sendung sogar von 9,2 % um 0,3 % auf 9,5 % steigern, RTL 2 steigerte mit dieser Ausstrahlung seinen Marktanteil sogar von 2,6 % um 0,4 % auf 3,0 %.
2,43 Millionen Menschen verfolgen also den heiß diskutierten Werbespot von Talkline. Bundeskanzler Gerhard Schröder wollen kurz zuvor um 19.16 Uhr 3,88 Millionen Menschen hören und sehen. Das ZDF verliert dabei im Vergleich zur unmittelbar vorangegangenen Sendung, der Wettervorhersage, die mit 4,09 Millionen Zuschauern immerhin noch einen Marktanteil von 20,5 % erreichen konnte, um 0,8 % auf 19,7 %.
Während bei Talkline auf RTL also 120.000 Menschen zusätzlich eingeschaltet haben, verliert das ZDF mit Schröder 210.000 Zuschauer (Quelle: AGF/GfK Fernsehforschung, 3.1.2000).

• Sonnabend, 1.1.2000
Elmshorn – Der „Y 2 K“ ist ausgeblieben – alle Computer funktionieren normal. Und auch die Neujahrsansprache von Talkline hat funktioniert.

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"Ex-Wulff-Sprecher mischt CDU neu auf - Nach der Landtagswahl den Rücken frei für Arbeit im Kreisverband / Wirtschafts-Magazin geplant" (Ulrich Arlt im "Delmenhorster Kreisblatt" vom 01.03.2008)

Der Kreisverband der CDU erhält prominente Unterstützung nach zwei Niederlagen bei der Kommunalwahl und der Landtagswahl. Von Ulrich Arlt

Delmenhorst. „Es war eine krasse Fehlentscheidung, dass ich 2006 nicht gegen Heinz Stoffels angetreten bin um die CDU-Kandidatur für den Oberbürgermeisterposten. So etwas passiert mir nie wieder“. Diesen ernüchternden Rückblick macht kein heuriger Hase im Politikgeschäft auf Landesebene, sondern der CDU-Sprecher, der den Landtagswahlkampf für Ministerpräsident Christian Wulff geleitet hat: Der gebürtige Delmenhorster Thomas Philipp Reiter (39), der gerade auf dem Weg zu neuen Ufern ist.
Was in Hannover geklappt hat, sollte auch in Thüringen möglich sein, meint wohl Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU). Und so bereitet Reiter als Managing-Partner der Kommunikationsgesellschaft Leipziger & Partner das Feld für christdemokratische Wahlparolen, die für immerhin vier Wahlen 2009 im neuen Bundesland benötigt werden. Projekt Nummer zwei wird der Wahlkampf für Unions-Oppositionsführer Christian Baldauf sein, der den SPD-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, 2010 vom Thron stürzen will.
Weit interessanter aus lokaler Sicht ist Projekt Nummer drei: Thomas Philipp Reiter plant das Wirtschafts-Magazin WEWExx (Weser-Ems-Wirtschaftsexpress) für die Metropolregion Bremen-Oldenburg, das ab April in Zusammenarbeit mit einem renommierten Verlag der Region erscheinen soll. Eine erste Null-Nummer (Vorberitunsgheft) steht schon, in der Reiter als Redaktionsleiter im Editorial über die Zukunft im Nordwesten mit Blick auf den Jade-Weser-Port sinniert. Wenn es nach ihm geht, wird die Redaktion künftig ihren Sitz in Delmenhorst haben, das jedoch sei noch nicht in trockenen Tüchern, meint der Unions-Mann aus Stickgras.
1984 ist er in Delmenhorst in die Schüler-Union eingetreten, damals unter der Leitfigur von Otto Jenzok und später von Walter Löwe (beide verstorben). Reiter besucht das Willmsgymnasium. Einmal sei er hängengeblieben, sagt er schmunzelnd, und habe dann Abitur in Hamburg gemacht.
In der Landes-CDU macht der Mann aus Delmenhorst relativ schnell Karriere, wird Sprecher von Wissenschaftsminister Lutz Stratmann und danach von Parteichef Christian Wulff im Landtagswahlkampf. Delmenhorst habe er nie aus den Augen verloren, sagt Reiter, dessen Eltern heute noch hier leben.
Die CDU in Hannover habe große Hoffnung, dass in Delmenhorst ein Neuanfang möglich sei. „Es muss uns in Hannover und Delmenhorst gelingen, jemanden wie Swantje Hartmann (SPD-Landtagsabgeordnete d. Red.) zu „entzaubern“. Gerade weil die Delmenhorster Union nicht mehr im Landtag vertreten sei, schaue man an der Leine, wass sich hier tue. „Der Kreisverbandsvorsitzende Heinz-Gerd Lenssen braucht Unterstützung“, betont Reiter. „Delmenhorst muss wieder auf die landespolitische Landkarte zurückkehren“. Hierfür wolle auch er seine Kraft einsetzen – von Berlin aus, aber auch direkt vor Ort.


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TLZ exklusiv: "Ex-Berater des Ministerpräsidenten gibt Auskunft – Thomas P. Reiter redet Klartext /
Unter Althaus muss Qualität sichtbar werden / Thüringen bräuchte wie zu Goethes Zeiten beste Köpfe aus dem In- und Ausland"

Von Hans Hoffmeister (Thüringer Landeszeitung vom 30.4./1.5.)

Weimar. (tlz) Der Ex-Berater von Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU), Thomas P. Reiter empfiehlt eindringlich mehr Qualität auf unterer Politebene. Im TLZ-Interview redet er Klartext.

TLZ: Herr Reiter, wir treffen uns überraschend im Elephant in Weimar. Sie betreiben eine Agentur, die Politik verkauft. Bevor Sie die Ministerpräsidenten Wulff und Althaus beraten haben, arbeiteten Sie für den Hamburger Bürgermeister Ole von Beust. Politik verkaufen? Kann man das bei dieser Thüringer CDU, die einen Parteitag absolvierte, wo sie sich, ohne den Gesundheitszustand des Kandidaten in Erwägung gezogen zu haben, als Claqueurpartei entpuppte?

Reiter: Der exzellente Politiker unterscheidet sich ja vom Durchschnittspolitiker dadurch, dass er von seinem engen Umfeld nicht Zustimmung, sondern Widerspruch einfordert. Und die erfolgreichen Politiker in Deutschland sind diejenigen, die Beratung nachfragen, insbesondere eben auch sich selbst ständig hinterfragen. Und da setzt unser Dienstleistungsangebot an, von dem ja Thüringer schon Gebrauch gemacht haben.

TLZ: Bei von Beust haben Sie mehr Erfolg mit dem Sich-Selbst-in-Frage-Stellen?

Reiter: Für von Beust arbeiten wir jetzt nicht, ich habe 1997 und 2001 die Wahlkämpfe für ihn mitgemacht, 2003 und 2007 an verantwortlicher Stelle für Christian Wulff. Und Wulff ist jemand...

TLZ: ... der dann über alles gesiegt hat. Und der Nimbus galt dann auch Ihnen!

Reiter: So ein Wahlerfolg ist immer das Ergebnis kollektiver Zusammenarbeit. Aber Christian Wulff ist vor allem deshalb stark, weil er Leute um sich hat, die ihn in Kommunikation intensiv beraten. Und ich glaube, das Hauptproblem in Thüringen ist nach Wahrnehmung von Expertenkreisen...

TLZ: ... lassen Sie mich raten: eine Claqueur-Umgebung des Ministerpräsidenten?

Reiter: Das Problem ist, dass hier gute Politik nicht angemessen gut verkauft wird.

TLZ: Ein Beispiel bitte!

Reiter: Die Fundamentaldaten in Thüringen sind gut. Dieter Althaus genießt einen guten Ruf, insbesondere auch bei der Bundeskanzlerin so weit ich das beurteilen kann. Aber diejenigen, die sich neben den Politikern hauptberuflich mit Politik befassen, nämlich die Journalisten, werden von denjenigen, die dafür verantwortlich
sind, Politik professionell zu kommunizieren, die Politik des Ministerpräsidenten zu verkaufen, offensichtlich
bislang nicht zufrieden gestellt. Den engen Draht zwischen Regierung und Thüringer Medien, der zwingend
notwendig wäre, gibt es kaum. Das konnte man ja auch in der TLZ intensiv nachlesen.

TLZ: Dann stimmen wir in einem Punkt überein: dass der Regierungssprecher nach dem Althaus-Desaster auf dem Boulevard hätte seinen Hut nehmen müssen?

Reiter: Ich hätte geraten, das Interview mit der Bild-Zeitung zu machen. Aber ich hätte gleichzeitig empfohlen, dabei zwei, drei weitere regionale Medien aus Thüringen in gleicher Weise zu berücksichtigen. Man kann nicht bundespolitisch kommunizieren und die Medien zu Hause und auch die Partei zu Hause außen vor lassen.

TLZ: Im MDR hat der Ministerpräsident abends am Tag seiner Wiederkehr erklärt, er würde das mit der Boulevardzeitung nochmal so machen, obwohl etwa wir, die TLZ, viele Leserbriefe vorliegen und auch gedruckt haben von Menschen, die sich so schlecht behandelt gefühlt, das nicht verstanden haben: dass er sich – wie einer schrieb – „im Organ des schlechten Geschmacks“ zurückgemeldet habe.

Reiter: Ich merke einfach immer wieder: Wenn ich allein durch die Lobby des Thüringer Landtags laufe, wo eigentlich die Pressesprecher der Ministerien herumlaufen sollten, fragt man sich, wo die sind. Ich sehe die nicht. Und das ist ein Fehler.

TLZ: Heißt das etwa, die Pressesprecher hocken in ihren Stuben und lassen sich – längst verbürokratisiert – abrichten und reden Chefs nach dem Munde?

Reiter: (lacht) Dass Sie eine solche Beobachtung machen, und Sie sind näher dran als ich, muss auf jeden Fall ein alarmierendes Zeichen sein für die Landesregierung.

TLZ: An Selbstbewusstsein mangelt es dieser Geschäftsstelle nicht. Sagen Sie: Warum haben Sie denn in Sack gehauen in Erfurt? Man munkelt ja, dass ein gewisser Herr M. eine Rolle gespielt habe. Das ist der rustikale Typ, der den CDU-Landesgeschäftsführer spielt, ein Weimarer, der aber das Sektglas nicht in Knopfhöhe halten und den Rock nicht schließen kann...

Reiter: Es gibt großes Selbstbewusstsein in der CDU-Landesgeschäftsstelle, dass man über ausreichend Know-how verfügt, den Wahlkampf zu gewinnen und deshalb auf Beratung von außen nicht in dem Maße angewiesen ist, wie man vielleicht geglaubt hat.

TLZ: Wer irrt da?

Reiter: Das kann man wirklich erst am 30. August beurteilen.

TLZ: Von Herrn Minschke wissen wir doch, dass er Plakate kleben kann und dass er einen Umgangsstil pflegt, hölzern und ordinär auch im Umgang mit Mitarbeitern und – vor allem – Mitarbeiterinnen. Haben Sie sich zerstritten?

Reiter: Nein, nein, überhaupt nicht. Ich habe auch nach wie vor noch einen guten Kontakt in die Landesgeschäftsstelle, auch zu Andreas Minschke. Aber ich glaube, dass natürlich so wie Sie es beschreiben
der rustikale Stil auch ankommt in bestimmten Kreisen.

TLZ: In der so genannten Stahlhelmfraktion des Landtags?

Reiter: (lacht) Es gibt die Kreise, die eine klare deutliche Ansprache vertragen und sie auch brauchen. Es gibt aber ebenso insbesondere in der Thüringer Wirtschaft – und das sind diejenigen, mit denen ich sehr intensiv spreche – den Bedarf, noch sehr viel stärker über den Tellerrand hinaus zu schauen als bislang. Da sehe ich allerdings die größeren Versäumnisse nicht so sehr bei der CDU, sondern eher im Wirtschaftsministerium.

TLZ: Na gut, das ist ja länger schon bekannt, dass die beiden Schwachstellen genau seine beiden Freunde sind – nämlich der Wirtschaftsminister, der schon mal sagt: Ich gehe mit dem Unternehmer mal wieder essen, Klimapflege... eine hoheitliche Geringschätzung. Der zweite ist Herr Müller, den Althaus aus Selbstschutzgründen engagiert hat, nachdem er die Krause-Katastrophe erlebt hatte. Müller hat von Kultur keine Ahnung, lächelt nur. Das kann man jeden Tag besichtigen. Das ist furchtbar. Wir haben geschrieben,
dass Althaus die Kultur selbst übernehmen sollte...

Reiter: Das gibt es ja. Peter Harry Carstensen in Schleswig-Holstein macht das ganz erfolgreich.

TLZ: Der geht auch schon mal ins Theater!

Reiter: Regelmäßig in Kiel und anderswo.

TLZ: Also im „Ring“ in Weimar haben wir Althaus nicht gesehen. In der Erfurter Oper hat ihn der Vorsitzende des
Theatervereins, Karl-Heinz Kindervater, auch vermisst.

Reiter: Ich glaube, dass Dieter Althaus dennoch ein herausragender Politiker ist. Das macht es natürlich für alle anderen politischen Mitstreiter sehr schwer.

TLZ: Danke für die Abschweifung! Wo ragt er heraus? Jetzt mal genauer?

Reiter: Er ist jemand, der als ein sehr glaubwürdiger Partner in der Frage gilt: Wie ist die Befindlichkeit im Osten wirklich? Wie denken die Bürgerlichen in Thüringen und in Mitteldeutschland? Da ist er ein anerkannter
Fachmann und auch ein Sprachrohr in ganz Deutschland. Das Problem ist, dass die Auswahl an Leuten dünn ist, die Althaus’ Politik angemessen vertreten. Thüringen muss noch attraktiver werden für die Wirtschaft, attraktiv bleiben für junge Leute, innovativ sein durch Wissenschaft und Forschung im Freistaat. Das müssen diejenigen, die verantwortlich sind, begreiflich machen...

TLZ: ...und nicht nur Plattitüden vermitteln?

Reiter: Zumindest finden gute Leistungen aus Thüringen nicht an den entscheidenden Stellen die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Das liegt klar in der Verantwortung des Ministerpräsidenten, der sich
natürlich nicht um alles selber kümmern kann, insbesondere vor dem Hintergrund der Vorkommnisse, die wir alle kennen. Er ist der Leuchtturm in Thüringen! Jedoch: Darunter müssen Politiker mit den gleichen Qualitätsansprüchen sichtbar werden..

TLZ: Wir hatten mal im Kommentar vorgeschlagen, er sollte Christine Lieberknecht zur Speerspitze machen.

Reiter: Es gibt schon starke Leute hinter Althaus, neben Lieberknecht: Birgit Diezel, Marion Walsmann. Mike Mohring halte ich auch für einen starken Politiker.

TLZ: Na!

Reiter: Das ist meine Meinung. Man muss abwarten, wie die Wahl am 30. August ausgeht, bevor sich personell wieder etwas bewegt. Althaus muss mit seinen Kräften haushalten.

TLZ: Dann ist es ja zu spät! Wenn wir dann Rot-Rot haben, ist die Kuh in den sprichwörtlichen Eimer getreten. Wir hatten gerade die Schlagzeile drauf: „Die Kuh muss jetzt zum Fliegen gebracht werden“, statt dass sie in den Eimer tritt...

Reiter: Die Entscheidungen sind gefallen: Dieter Althaus ist der unangefochtene Spitzenkandidat als erfolgreicher Ministerpräsident. Wir werden sehen, wie der Wahlkampf verläuft und ob Althaus es versteht, mit seinen Kräften so zu haushalten, dass er bis zum 30. August Angriffe, die kommen werden, und auch Gemeinheiten, erträgt.

TLZ: Bis jetzt sind von den Linken, falls Sie die meinen, keine Gemeinheiten gekommen. Im Gegenteil: Althaus
hat sich sogar bei Herrn Ramelow öffentlich bedankt in einer Runde der Chefredakteure. Nur bei der SPD hat er
den Namen Matschie weggelassen und Carsten Schneider genannt. Die Oppositionshaltung hat er als anständig empfunden. Es kam nicht zu Übergriffen. Die Versuchung war da!

Reiter: Und die wird auch weiter da sein. Ich glaube schon, dass es zu unschönen Situationen kommen kann.

TLZ: Was eigentlich wäre in Thüringen denn die Alternative? Er hat sich doch selber aufs Hochrad begeben, sich auf die Bühne gestellt und gesagt: „Ich bin voll fit!“ – anders als die Ärzte in Allensbach es ihm geraten hatten: nur zwei Reden am Tag zu halten. Da muss er sich auch messen lassen.

Reiter: Aber was wäre in Thüringen denn die Alternative?

TLZ: ... dass er zurückgetreten und Frau Lieberknecht auf ein Schild gehoben hätte.

Reiter: Das wäre keine Alternative gewesen, da Frau Lieberknecht im Wahlkampf nicht die Verantwortung für Ereignisse übernehmen kann, die sie nicht verursacht hat.

TLZ: Aber Lieberknecht steht doch für ein Thema, das Althaus selber so besetzt hat, indem er sie zur Sozialministerin gemacht hat. Und seit sie dies ist, gibt es dort tatsächlich keine Probleme. Im Gegenteil: Sie hat einen Vorschlag der Grünen aufgegriffen, der verblüffte. Da kam mal etwas anderes zur Sprache, nicht immer nur die Linie der CDU, die alles alleine macht. Althaus steht ja für Offenheit und Aufbruch: Wo sind Offenheit und Aufbruch? Haben Sie das in der Rede erlebt nach seiner Rückkehr?

Reiter: Man muss ihm jetzt auch Zeit geben. Und an seinem ersten Arbeitstag ging es fast ausschließlich um die Frage: Wie äußert er sich zum Vorgang an Neujahr? Bekennt er sich schuldig oder nicht? Nur darauf lag ja der Medienfokus.

TLZ: Aber er hat es wieder nicht gesagt! Und der Witwer ist offenbar irritiert und sagt das jetzt öffentlich!

Reiter: Nur darauf wurde geachtet. In einer solchen Situation kann man kaum gewinnen. Dafür hat er sich wie ich finde sehr gut präsentiert, insbesondere in den Einzelinterviews mit Caren Miosga in den Tagesthemen und Steffen Seibert im heute-journal. Je näher man Althaus kommt, desto überzeugender ist er.

TLZ: Meinen Sie?

Reiter: Pressekonferenzen sind nicht sein Ding. Aber jetzt geht es um andere Fragen. Ab jetzt kann man sich der Sacharbeit zuwenden und nur daran wird er sich ab sofort messen lassen müssen. Das ist auch richtig so.

TLZ: Da wir hier in Weimar sitzen: Er hat Peter Krause als Kultusminister erst geholt, dann noch verhindern können. Man könnte auch sagen, TLZ-Leser haben es verhindert. Jetzt hat Krause 100 Prozent CDU hinter sich und ist im Landtag Kulturpapst geworden... Man denkt ja, wird der jetzt der nächste Kultusminister an Althaus
vorbei? Althaus war ja bei der Kür des Mannes in Weimar dabei. Ist das Führungslosigkeit hier?

Reiter: Thüringen ist doch deshalb so erfolgreich, weil es so viele unterschiedliche Facetten hat. Und alle die Politiker – Lieberknecht, Minschke, Krause, Althaus – sind sehr unterschiedliche Typen...

TLZ: Wie bitte? Nannten Sie Minschke einen Politiker?

Reiter: Na gut, aber er ist doch schon ein politischer Kopf. Und er äußert sich auch in den Medien politisch. Er ist für einen Parteigeschäftsführer sehr präsent in den Medien. Für jeden dieser Politiker-Typen gibt es auch eine hinreichende Klientel in Thüringen. Die Ostthüringerin Birgit Diezel ist eine sehr starke Ministerin.

TLZ: Althaus ist in Ostthüringen unbeliebt. Ein Phänomen?

Reiter: Diese politische Kleinteiligkeit gab es ja vor 1989 schon, das ist ja kein neues Phänomen. Dass jemand, der aus Leipzig kommt, an der Ostsee vielleicht nicht immer nur Freunde findet, oder dass die Berliner auch nicht überall in der DDR beliebt waren, ist ja nichts Neues. Dass das katholische Eichsfeld in Ostthüringen kritischer bewertet wird als in West- oder Südthüringen, liegt auf der Hand. Ostthüringen hat doch mit Birgit Diezel eine sehr starke Ministerin.

TLZ: Die gesamtstrategische Lage ist nicht die schlechteste, während ein Arbeitgeberpräsident sagt: Wir reden nicht mehr von Krise, wir kommen bereits wieder hoch, haben den Tiefpunkt durchschritten. Und Wolfgang Zahn ist nicht irgendwer, sondern seit Jahren Chef von Bosch Eisenach. Nun muss man am Umbau der Industrie arbeiten, sagt er. Das muss die Politik begreifen. Vor allem brauchen wir, sagt er, ein neues Landesmarketing. Das fordern wir in der TLZ schon seit Lichtjahren.

Reiter: Greift er denn damit auch Wirtschaftsminister Reinholz direkt an?

TLZ: Direkt nicht. Aber man weiß ja, wo das alte Marketing herkam. Die bescheuerten Teile der Denkfabrik-Kampagne sind nachgebessert worden. Wir hatten einen jahrelangen Streit darüber, damit es weitergeht im Lande! Hinzu kommt: Althaus selbst hat viele Reformvorhaben in den Sand gesetzt. Es bedurfte des Drucks von
Zweihunderttausend zwischen Eisenach und Rudolstadt, um allein die Kulturzerstörung zu verhindern. Konkret: das Niedermachen von neun Theatern und Orchestern. Viele Thüringer fragen: Macht er das wieder? Sie halten Althaus bei diesem Thema für unberechenbar. Das kann ihn die Mehrheit kosten. Wo soll der Koalitionspartner
herkommen? In der FDP ist doch keiner, der das Korrektiv darstellen könnte. Frau Göring-Eckardt von den Grünen wäre eines gewesen – damals, vor fünf Jahren...

Reiter: Dieter Althaus ist nun mal darauf angewiesen, mit dem Personaltableau zu arbeiten, das es in Thüringen gibt.

TLZ: Aber es geht um seine eigenen Fehlleistungen – wie er die verhindert. Wer mit Hochgeschwindigkeit regiert, macht auch Fehler... Ist das der Punkt?

Reiter: Ich würde ihm, wenn er mich fragen würde, raten, sich regelmäßig auch von Persönlichkeiten
außerhalb der CDU und außerhalb Thüringens beraten zu lassen und von denen Kritik einzufordern, sich
hinterfragen zu lassen. Ich gehe aber davon aus, dass sein Unfall – und das hat er ja angedeutet – auch dazu führen wird, dass er vielleicht noch selbstkritischer wird als bisher schon. Das führt ihn zu einem guten Ergebnis.

TLZ: Ist er beratungsresistent?

Reiter: Er hat mit seiner Frau eine sehr starke Beraterin an seiner Seite.

TLZ: Dabei ist sie alles andere als eine Politikerin und das ist auch ihm bewusst. So eine Beraterin sei, so glauben manche spätestens seit Allensbach, ein Problem.

Reiter: Althaus wird froh gewesen sein, in dieser schweren Zeit auf sie bauen zu können.

TLZ: Kann er so weitermachen?

Reiter: Es wäre sicherlich hilfreich, wenn es ein Expertenteam gäbe aus Politik, Kommunikation, Wirtschaft, eine Art Think tank, das ihn jetzt in dieser sehr heiklen Phase und bis zum Wahltag und dann weiter begleitet.

TLZ: Also: Man kann Thüringen nicht aus der eigenen Familie heraus regieren? Das hat auch Frau Schipanski damals als Kulturministerin versucht. Und es ist denn auch misslungen, als ihre Töchter am Wochenende
umwarfen, was die Mutter vorher mühsam vom besten Pressesprecher Stefan Schorn beigebogen gekriegt
hatte...

Reiter: Thüringen verdient die besten aller Köpfe aus dem In- und Ausland. Das wissen wir seit Goethe. Und da müssen wir auch wieder hin. Und deswegen ist ein Ministerpräsident gut beraten, es so zu machen wie andere auch: nämlich sich einen Kreis von klugen Köpfen, Hochschulprofessoren, Finanzexperten zu suchen, die parteilich ungebunden, nicht in Fraktionsdisziplinen eingebunden, kulturvolle Typen sind und die Dieter Althaus regelmäßig widersprechen im inneren Kreis, damit er gestärkt mit großer Ruhe und Selbstsicherheit nach draußen gehen kann.

TLZ: Eine dralle Dame verkörperte in Berlin das Bauhaus. Nennen Sie bitte einmal ein Beispiel, wie Thüringen sich auf der Bundesbühne so verkauft – und zwar konkret.

Reiter: Auf der Internationalen Tourismusbörse ITB in Berlin war ich einigermaßen erschrocken darüber, wie sich dort das Bauhaus präsentiert hat mit einer drallen und zwei weiteren modernen Tänzerinnen in schrillen Kostümen. Das hat mich doch sehr stutzig gemacht.

TLZ: Stutzig gemacht? Vorhin sagten Sie: Da müssen wir wieder hinkommen. Wir müssen gelegentlich stutzig
werden, oder? Danke für das Wir und die Offenheit!

Stutzig bleiben – und innerhalb der eigenen Reihen den Widerspruch fördern: Das empfiehlt
der einstige Althaus-Berater Thomas P. Reiter der Thüringer CDU-Regierung. Foto: tlz/P. Michaelis

ZUR PERSON
Betriebswirt Thomas Philipp Reiter (40) war in Hamburg Journalist. Er berät seit 1995 Unternehmen und Politiker aus Ost und West in Kommunikationsfragen, so als Pressesprecher von Ministerpräsident Christian Wulff zur Landtagswahl 2008. Der Erfolg aus Niedersachsen sollte zunächst nach Thüringen importiert werden bis Dieter Althaus im Frühjahr 2008 überraschend seinen CDU-Geschäftsführer Andreas Minschke zum Wahlkampfmanager ernannte und sich Reiter daraufhin von seiner Aufgabe in Erfurt entbinden ließ. Reiter ist mit einer Nordhäuserin verheiratet, sein Vater stammt aus Ostthüringen. Er bezeichnet sich als „Herzensthüringer“ und pendelt zwischen seinen Büros in Hamburg und Altenburg. Neben dem Leipzig-Altenburg-Airport gehören zu den Kunden der von ihm vertretenen PR-Agentur Raike Kommunikation namhafte öffentliche Institutionen und große Unternehmen etwa aus der maritimen Wirtschaft. Agenturgründer Wolfgang Raike arbeitete unter anderem für die Senate von Berlin und Hamburg.
 

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