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Bernd Späth Willy´s erste Reaktion.
Willy hatte etwas Verstörtes an sich, etwas Immer-irgendwie-Abwesendes, das ihn wie ein verlorenes Kind herumlaufen ließ. Die gürtellange blonde Mähne und die bestickten Jeans mit dem breiten Gürtel, die in weißen Cowboystiefeln steckten, verliehen ihm etwas Schräges. Seine Finger waren gelb vom Zigarettenrauchen, und wenn man ihn ansprach, hüpfte sein Kehlkopf auf und ab, bis er den ersten Satz herausbrachte. Die Arbeitskollegen machten mit ihm, was sie wollten, und er nahm alles demütig hin: Dumme Sprüche, Schikanen, Streiche.
„Isch will mein Leben lang nur n janz kleines Rädchen sein.“ Er nahm einen fahrigen Zug. „Immer janz unten, dat is jenug für misch. Verstehsse?“ Der Vorarbeiter der Farbenfabrik, in der ich einen Studentenjob gefunden hatte, kam auf uns zu, - ein freundlicher Italiener, und er gab Willy eine Anweisung. Mitten im Satz drehte der bei. „Isch will einfach nur immer jesagt kriejen, wat isch zu tun hab!“ Weg war er.
„Isse echte die eine arme Teufel, mama mia!“, sagte Bernardo und ging kopfschüttelnd davon.
Willy war unter einem brutal prügelnden Stiefvater aufgewachsen, der seinen Willen früh mit Tritten gebrochen hatte. Sein Vater war mit fünfunddreißig im Alkoholdelirium krepiert, man hatte seine Leiche erst nach Tagen in einem leerstehenden Gebäude gefunden. Seine trinkfeste Mutter hatte immer neben den Schuhen gestanden, wenn er von der Schule kam, und er hatte um Essen betteln müssen. Der Stiefvater, auch nicht gerade ein Abstinenzler, hatte sie tyrannisiert und Willy früh mit Faustschlägen klargemacht, dass er stillzuhalten hatte. - Willy hatte pariert und stillgehalten: Wenn der Unhold seine Mutter zusammenschlug. Genauso, wenn der Stiefvater ihn aus dem Zimmer schickte, um sich an seiner vierzehnjährigen Schwester zu vergreifen. Danach hielt er die Klappe, „weil misch dat so jesagt worden war.“ Willy tat immer, was man ihm sagte. „Isch weiß, dat isch nix inne Birne hab. Drum brauch isch jemand, der misch wat sagen tut.“
Rolf war ein zusammengesoffener alter SS-Mann, der links ein Glasauge trug. Er hatte im Krieg Mitglieder der französischen Resistance aufgeschlitzt, nachdem er alle Informationen aus ihnen herausgeprügelt hatte. Jetzt stand er an der Schüttwaage und schlitzte Säcke mit Titandioxid auf. Rolf hatte ein weißes Gesicht davon und hustete unentwegt.
Willy hatte er besonders gefressen, weil er damit endlich einen gefunden hatte, bei dem er selber nach unten treten konnte. Sobald Willy an der Schüttwaage vorbeischlich, begann Rolf eine Kaskade wildester Verwünschungen, die er ihm hinschleuderte, während er das Messer in die Papiersäcke rammte, als seien es Menschenkörper. Von Willys „blöder Fresse“ bis zu seinen angeblich stark verkümmerten Reproduktionsorganen war ihm nichts heilig.
Das Erstaunliche war, wie Willy sich verhielt: Sobald die Tirade einsetzte, fixierte Willy seinen Blick auf Rolf, als würde ein Scharnier einrasten. In einem Hagelsturm schlimmster Beleidigungen stakste er auf die Schüttwaage zu und blieb vor ihm stehen, stumm wie ein Kind, das ausgeschimpft wurde. Es sah aus, als würde er das Gesicht in den Sturm halten.
„Warum lässt du dir das gefallen?“, fragte ich ihn während des Mittagessens in der Werkskantine.
„Wat… wat… wat..?“, fragte er verdattert.
„Hau ihn doch einfach um! Dieses alte Wrack geht doch nach dem ersten Schlag zu Boden. Dann kannst du ihn fertig machen.“
Willy schüttelte müde den Kopf. „Kann isch nit.“
„Ach was! Eine Faust zwischen die Zähne, und er sackt weg. Oder du trittst ihm zuerst die Beine weg.“
„Isch war zwei Jahr inne Kiste.“, sagte Willy leise. „Isch bin auf Bewährung.“
„Wat?!“ war es jetzt an mir. „Ja wofür denn?“
„Die Brüche“, sagte der Willy. „Wejen die janzen Brüche han se misch für drei Jahr inne Kiste jeschickt.“
„Du hast eingebrochen?“, fragte ich ungläubig.
„Nä!“, sagte der Willy. „Sowat mach isch nit!“
„Ja, was jetzt?“
Er holte lange Luft.
„Also… der Vater von meine Freundin, der hätt misch rausjeschmissen, mitten inne Nacht. Bin isch nach Bonn auf´n Markt. Wusst ja nit, wohin. Hatt auch nix zu essen.“
„Du lieber Himmel!“
„Kommen drei Typen und frajen misch: Hasse Hunger? Hab isch jesagt: ja. Mehr hab isch da nit jetan.“
Ich kratzte mich ratlos hinterm Kopf.
„Jingen die mit misch die Straß´ lang, und isch denk, die laden misch ein inne Kneipe. Vor ner Fleischerei nehmen die nen Blumenkübel vonne Straße und hauen die Scheibe ein. Haben misch ne Riesensalami inne Hand jedrückt und selber auch wat rausjeholt. - - - Jo, und dann war schon Polizei da. Jing janz schnell, irjendwie. Und dann han die misch jekrallt.“
„Ja, und die anderen drei?“
„Waren auf einmal weg. Und isch hatt die Wurst inne Hand.“
Sie buchteten ihn über Nacht ein. Dann verhörten sie ihn und konfrontierten ihn mit allen ungeklärten Einbrüchen der letzten Zeit. Willy gab alles zu. Neun schwere Einbrüche in Bonn und Bad Godesberg.
„Sag mal, bist du wahnsinnig?“
„Die han jesagt, isch soll jestehen. Hab isch eben jestanden.“
„Ja, aber du warst es doch gar nicht?“
„Nä! Sowas mach isch nit!“
„Ja, und warum gestehst du es dann?“
„Die han mir dat so jesagt. Hab isch et eben jestanden. Isch tu immer dat, wat mir jesagt wird. So hab isch dat jelernt.“
„Aber du musst doch… irgendwie Details oder so…?“
„Isch hab jesagt, dat weiß isch nimmer, isch war da viel zu betrunken. Han die jesagt, dat is in Ordnung so. Hat mir aber nix jeholfen.“
Der Richter nämlich sah es als strafschärfend an, dass Willy die Namen seiner Kumpane nicht preisgeben wollte und nicht sagte, wo die Beute aus den Einbrüchen geblieben war. Also verknackte er ihn „wegen besonderer Uneinsichtigkeit“ zu drei Jahren Jugendstrafe ohne Bewährung. – Merke: Wenn Du erst mal ganz unten bist, geht es komischerweise immer noch weiter nach unten.
„Wenn isch dat jewusst hätt, hätt isch dat ja jesagt, aber isch kannt die ja selber nit! Hat mir aber keiner jeglaubt.“
Zu Recht weist die Fachliteratur darauf hin, Reaktionsbildung sei stets individuell, aber bei Willy war sie schon sehr individuell. Reaktionsbildung nämlich bedeutet: Ein Triebimpuls wird durch unbewusste innere Widerstände so intensiv gehemmt, dass er durch den gegenteiligen Impuls ersetzt wird. Klassisches Beispiel ist ein Mensch, dessen sexueller Triebüberschuss ihn zum wütenden Kämpfer gegen „Pornographie“ werden lässt, - oder zum Geistlichen, der die Heiligkeit des Zölibats lobpreist. Menschen mit homophilen Impulsen bekämpfen Homosexualität. Und zwanghafte Charaktere bekämpfen die eigenen Autonomiewünsche, indem sie für jeden Schwachsinn Regeln aufstellen, die sie mit größter Sturheit verteidigen.
Bei Willy war infolge der Brutalität seiner „Erziehung“ selbst die kleinste Spur einer aggressiven Regung und Selbstbehauptung getilgt worden. Jede Form aggressiven Widerstands hätte für ihn lebensgefährlich werden können, und so hatte er eine Unterwürfigkeit entwickelt, ohne die er vermutlich unter den Tritten des jähzornigen Stiefvaters verendet wäre. Seine ausgeprägte aggressive Hemmung also - ein Ergebnis kindlicher Todesangst - ließ ihn nach einem Schlag auf die linke Wange in jedem Falle die rechte darbieten und möglichst noch einiges mehr. Auf die masochistische Komponente solchen Verhaltens braucht hier nicht näher eingegangen zu werden. Jedenfalls, sobald Willy menschlicher Aggression begegnete, legte er sich wie ein Hund auf den Rücken und bot seine Kehle dar. Damit ist klar, was er in seinen frühen Jahren durchzumachen hatte.
Gefallen, um nicht getötet zu werden, wäre vielleicht der einfachste Nenner.
Es darf nicht übersehen werden, dass dieses bizarre Verhalten zur damaligen Zeit für Willy Sinn machte. Doch – und dieses Problem stellt sich bei praktisch jedem Coaching-Klienten – ein Verhaltensmuster, das in der Kindheit funktionell war, schafft als unbewusste Befehlszeile in der Erwachsenenwelt oft allergrößte Schwierigkeiten. Willys Reaktionsbildung machte ihn zum Spielball für Jeden, ohne dass er jemals Widerstand geleistet hätte.
Nach zwei Monaten verließ ich die Fabrik und widmete mich wieder meinem juristischen Studium. Willy vergaß ich nie ganz, denn sein Schicksal war mir nahe gegangen. Umso erfreuter war ich, als ich ihn anderthalb Jahre später auf dem Bonner Münsterplatz antraf. Ich begrüßte ihn herzlich, doch scheiterte mein Versuch einer Unterhaltung mit ihm daran, dass er so gut wie nichts mehr herausbrachte und mich nur mit hervorquellenden Augen anstarrte.
Drei Jahre später rief Bernardo mich an, unser italienischer Vorarbeiter, mit dem ich weiterhin freundschaftlichen Kontakt gepflegt hatte.
„Advocato“, sagte er, denn er hatte großen Respekt vor meiner juristischen Ausbildung, „hasse du gelesene die mitte Willy?“
Sofort stellten sich meine Ohren auf. „Wieso?“, fragte ich. „Was ist mit dem?“
„Issa wiede in Gefangnis, blöde Hund.“, sagte Bernardo.
„Jetzt sag mir nicht, er hat sich wieder irgendwelche dämlichen Einbrüche anhängen lassen!“
„Nein, mama mia! Hatta eine in Krankenhaus geschlage. Hatta eine Mann so geschlage, dasse liegta inne Koma!“
„Ich glaub´s nicht!“, stöhnte ich und sank auf einen Stuhl.
„Mussu glaube!“, sagte Bernardo. „Erzähl i dir keine Phantasia!“
Irgendein Wildfremder hatte Willy in einer Altstadtkneipe angemacht, wegen einer Nichtigkeit, und Willy war total ausgerastet. Sie hatten ihn gleich am Tatort festgenommen, wo er wie ein Wahnsinniger randaliert hatte. Jetzt ging es um versuchten Totschlag, neben einer ganzen Latte anderer Delikte. Soviel zum Thema Triebdurchbruch, - die andere Seite der Reaktionsbildung, denn nur die wenigsten psychischen Abwehrstrategien funktionieren lebenslang.
„War i sauer, weil nicht kommta zu Arbeit, heute Morgen, und les i in Zeitung. Mussu kaufe die EXPRESS!“ Ich kaufte ihn tatsächlich.
Willy übrigens starb nach einer ausgeprägten Knastkarriere mit einundvierzig. Einfach so, von einem Moment auf den anderen, ohne dass eine Ursache feststellbar war.
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Dominique Dubois
Dominique Dubois
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Besten Gruss Dominique Dubois
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