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Stephan Pust Führung und digitale Transformation - Warum Digitalisierung einen neuen Führungslevel fordert.
Dieser Beitrag ist eine Einaldung zum Dialog
Drei Grundannahmen der Führungsforschung:
(1.) Führung bedeutet, andere Personen zu motivieren oder in die Lage zu versetzen, zum erreichen kollektiver Ziele in Organisationen beizutragen.
(2.) Führungserfolg – gemessen am Verhalten des Geführten und/oder dem Grad der Effizienzsteigerung) ist das Ergebnis des Zusammenwirkens von Personenmerkmalen des Führenden – (Emotionale) Intelligenz, Motive, Kompetenzen – und dem konkreten Führungsverhalten.
(3.) Integrierte Ansätze der Führungsforschung untersuchen neben diese beiden Variablen immer auch den Zusammenhang mit den kontextbezogenen Bedingungen von Führung in einem Unternehmen wie z.B. Größe, Branche, Kultur, Prozesse, Einsatz digitaler Technologien, Merkmale der Geführten, externes Umfeld.
Drei Thesen zu einem „neuen Führungsmodell“
(1.) Die digitale Transformation erfordert ein neues Führungsmodell (horizontale Führung), das der veränderten Produktionsweise und Arbeitsgestaltung sowie neuen Geschäftsmodellen in Unternehmen Rechnung trägt.
(2.) Führungskräften benötigen vor diesem Hintergrund ein neues Kompetenz-Set:
- Megakompetenz Selbst-Bewusstsein
- Umgang mit Komplexität
- Wandel transparent gestalten und kommunizieren
- Intelligente Vernetzung und Kollaboration
- Agilität
- Kreativität
- Entscheidungsprozesse gestalten
(3.) Führungsverhalten muss dabei Vertrauen schaffen durch:
- Macht abgeben und hierarchisches Denken überwinden
- Orientierung geben
- Autonomie schaffen
- Eigenverantwortung stärken
- Transparenz und Austausch fördern
- Lernen ermöglichen
- Fehlerfreundlichkeit und Risiko-akzeptanz leben
Die vorstehenden Grundannahmen und Thesen wurden im Rahmen einer Barcamp Session „Digitalisierung im Mittelstand“ in Oldenburg (Feb. 2018) vorgestellt und diskutiert.
Wenn Sie an einer Weiterentwicklung dieses Ansatzes im Rahmen eines Projektnetzwerkes interessiert sind, schreiben Sie mir bitte eine Nachricht.
Viele Grüße
aus der Übermorgenstadt Oldenburg
Stephan Pust
Bernd Späth Über den Mörder im Menschen.
Nichts genießt der Mensch mehr als geteilte Gemeinheiten. Also befanden wir drei uns in bester Stimmung, als wir nach unserem ersten Klassentreffen nach dreißig Jahren den Rückweg antraten. Oschi leitete jetzt ein deutsches Stahlwerk in Nordchina, Heini war Lehrer für Gehörlose in Köln geworden und wirkte immer noch so zerstreut wie damals, und ich amüsierte mich über Oschis entsetzte Bissigkeiten zu unseren alten Mitschülern genauso wie der vergeistigte Heini. Irgendwie war es das vertraute Sammelsurium seltsam schräger Typen gewesen, und nur wenige von ihnen hatten einen nonkonformen Lebensweg eingeschlagen, während neunzig Prozent so bieder und spießig geblieben waren, wie sich schon zu Abiturzeiten befürchten ließ. – Wir hatten, von München kommend, Stunden Zeit um abzulästern. Zwischendurch lösten wir einander am Steuer meines Wagens ab und rauschten die fünfhundertfünzig Kilometer bis Bonn entspannt durch. Dort würden die Beiden den Zug besteigen und ich nach Hause fahren.
Nachdem wir bei Koblenz den Rhein überquert hatten, rollten wir vergnügt auf der B9 von Süden her nach Remagen hinein und standen plötzlich in einem Stau, wo sonst nie einer war. Vor uns, mitten auf der Hauptstraße, stieg ein Hubschrauber auf. Vor einem Haus mit lindgrüner Fassade lagen ein geflochtener Korb und ein Fernseher auf dem Asphalt, während zwei Polizisten uns daran vorbeiwinkten. Aufgedreht feixten wir, was für eine Wahnsinnsparty hier im Gang gewesen sein musste, dann löste der Stau sich auch schon auf.
Wahnsinn war es tatsächlich gewesen. Im Haus lagen drei frisch Ermordete, nicht weit davon ein vierter. Der Fall hielt die deutsche Öffentlichkeit wochenlang in Atem.
Der Täter, ein Mann mit schwerstkrimineller Vergangenheit und bereits einem Mord und zwei Vergewaltigungen auf dem Gewissen, war ohne jedes Mitgefühl vorgegangen. Er hatte nach seiner Flucht aus der Haft in der im Umbau befindlichen Villa des ersten Opfers heimlich übernachtet. Als der 71jährige Eigentümer, ein geachteter Remagener Unternehmer, ihn dort antraf, stach der Täter ihm in den Hals. Kurz danach klingelte das Handy des Opfers. Der anrufenden Ehefrau erklärte er, ihrem Mann sei etwas zugestoßen, alles weitere werde er ihr besser persönlich mitteilen, und ließ sich die Adresse geben. Dort eingetroffen, erstach er die Ehefrau sowie deren Bruder und dessen Frau. Auf seiner Flucht beging er mehrere Raubüberfälle und versuchte eine 16jährige zu vergewaltigen; er entführte eine 19jährige und beging einen weiteren Raub. Ein unschuldiger Tourist, fälschlich mit dem Täter verwechselt, wurde von der Polizei erschossen. Dann hatten sie ihn endlich.
Der Richter, der ihn zu lebenslanger Sicherungsverwahrung verurteilte, beschrieb ihn als "Intensivstraftäter mit niedriger Hemmschwelle für Gewalttaten", mit einem Verhaltensmuster, dem er seit seiner Kindheit folge: er nehme keine Rücksicht auf seine Opfer, wenn es ihm um die Befriedigung seiner Bedürfnisse gehe. Zum Schluss der Urteilsbegründung sagte der Richter, wenn der Täter darüber nachdenke, sei er "vielleicht selbst froh, nicht mehr frei zu kommen."
Der klassische Schwerkriminelle also. Aber was ist das eigentlich?
Menschen mit solchen Eigenschaften sind seltsam Getriebene. Nichts außer ihnen ist ihnen wichtig, stets fühlen sie sich vernachlässigt, verkannt und zu kurz gekommen, schnell langweilen sie sich, gehen daher alle möglichen und unmöglichen Risiken ein, und wenn sie etwas haben wollen, dann zählen weder Anstand noch Mitgefühl noch Verantwortung. Sie gehen problemlos über Leichen, und notfalls befriedigen sie sich auch noch an denen. Die Diagnose lautet: Antisoziale (oder auch: dissoziale) Persönlichkeitsstörung.
Einer meiner ersten Kindergartengefährten war der kleine Horsti, eine üble Type: Er verdrosch uns, nahm uns das Spielzeug weg, raubte uns das Pausenessen, war freundlich, wenn er etwas wollte, und rücksichtslos, wenn ihm einer von uns im Weg war, und wurde schon bald von den Nonnen aus dem Kindergarten geworfen. Sein Vater war Kriminalbeamter und zuvor schon bei der Gestapo gewesen. Als Teenager verbreitete der Horsti Angst und Schrecken wegen seiner zügellosen Gewalttätigkeit. Während die anderen aus seiner Gruppe sich erst betranken, um eine Schlägerei anzufangen, peilte Horsti immer aus kalten Augen und völlig nüchtern nach einem Opfer, das er dann genussvoll zurichtete. Auch seine Freundin prügelte er gelegentlich rücklings über eine Hecke, was sie nicht hinderte, seine Frau zu werden. Nach einer mehrjährigen Haftstrafe wurde er auf Bewährung entlassen und stieg nachts prompt in das Kinderzimmer einer Zehnjährigen ein, der er erzählte, er habe als Kind niemals Liebe erfahren. Die Polizei fand das unwesentlich und buchtete ihn wieder ein. Als ich ihn zwanzig Jahre später zufällig sah, war er der klassische Hardcore-Kriminelle und hatte schon diverse Jahre gesessen. Seine Frau hatte harte Züge bekommen, doch seltsamerweise strahlte sie auch eine starke Persönlichkeit aus: Gangsterbraut.
„Ja varreck!“, sagte mir der Eisenberger Günther, der seinerzeit Mitglied von Horstis Gang gewesen war. „Treff i den Horsti nach zwanz´g Jahr zufällig wieder, und des Erste, was er mir erzählt, is sein letztes Feuergefecht in Frankfurt! Er mag koane Türken, sagt er.“ – Konsequente Entwicklung nennt man sowas.
Typisch für diese Persönlichkeitsstörung sind Verantwortungslosigkeit und Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen, fehlendes Schuldbewusstsein sowie ein nur geringes Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse, geschweige denn das Leiden anderer. Oft bestehen eine niedrige Schwelle für aggressives oder gewalttätiges Verhalten, eine geringe Frustrationstoleranz sowie mangelnde Lernfähigkeit aufgrund von Erfahrung. Auch Strafen bleiben wirkungslos und werden als besondere Herausforderung durchgestanden. („Drei Jahr´ Bau? Drei-Jahr´-Bau??!! Auf EINER Backe sitz i die ab!“, sagte mir der Eisenberger, als sie ihn wieder einmal einkassiert hatten.) Beziehungen zu anderen Menschen werden eingegangen, sind jedoch nicht stabil und zerbrechen schnell an Nichtigkeiten und Ehrpusseligkeiten. Laut „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders 5“ sind etwa drei Prozent der Männer und ein Prozent der Frauen betroffen. Letztlich heißt das prägende Merkmal: Mangelnde Gewissensbildung. - - Makaber allerdings: eine kleine Untergruppe der Betroffenen ist nicht kriminell geworden, sondern erfolgreich als Unternehmer. Das erklärt einen ganz bestimmten skrupellosen Typus.
Was die Entstehung der Störung betrifft, so vermutet man ein Zusammenwirken von biologischen, psychischen und umweltbezogenen Faktoren. Genetische Ursachen werden vermutet („geborener Berufskrimineller“), auf der anderen Seite kommen die Betroffenen oft aus zerrütteten Elternhäusern und mussten in ihrer Kindheit Gewalt, Vernachlässigung und kaum liebevolle Zuwendung erfahren. Kommen eine schwach aktive Variante des sogenannten MAO-A-Gens und körperliche Misshandlung bzw. Missbrauch in der Kindheit zusammen, ist die Katastrophe vorprogrammiert: Das Enzym Monoaminooxidase-A liegt dann in geringeren Mengen vor. Dies wiederum führt zu einer erhöhten Ausschüttung der Botenstoffe Serotonin, Dopamin und Noradrenalin im Gehirn, die sich auf Aggressivität und Impulsivität auswirken können: Es erklärt die klassische Reizbarkeit und Unbeherrschtheit solcher Typen. Auch finden sich Hinweise auf eine hirnorganische Fehlfunktion im Bereich des Frontallappens. Ein Defizit im limbischen, paralimbischen System sowie in den neokortikalen und frontalen Strukturen des Gehirns ist verantwortlich für ein Defizit in emotionalen, motivationalen, motorischen und auch kognitiven Verarbeitungsprozessen. Beeinträchtigt sind demnach der präfrontale Kortex und der Schläfenlappen, insbesondere die Amygdala, der Hippocampus und eine der drei Hirnwindungen des Temporallappens der Großhirnrinde. Diese sind am Erlernen von Furchtreaktionen sowie der Funktion von Moral- und Mitgefühl beteiligt. Aus psychoanalytischer Sicht hingegen lassen die Aufwuchsbedingungen kein Urvertrauen entstehen. Dadurch können die Betroffenen keine emotionalen Bindungen eingehen und entwickeln nur Beziehungen, in denen sie Macht ausüben können oder sich zerstörerisch verhalten. Die Behandlungschancen werden von der Fachliteratur insgesamt eher skeptisch eingeschätzt.
Aber wenigstens der Eisenberger, dessen bierbedingtes Übergewicht und daraus resultierende Behäbigkeit ihm inzwischen jede Eignung für etwaige eigene Feuergefechte entzogen hatten, heiratete die Geli. Er übernahm von ihrem Vater den Handwerksbetrieb, zog seine beiden Kinder groß und auch die beiden aus Gelis erster Ehe und verbürgerlichte bis zur Unerträglichkeit. Der Remagener Täter sitzt. Und der Horsti auch immer wieder mal.
Mag. Roman Kmenta Gastblogbeitrag: In 9 Stufen zum Erfolg – Level 7 - Erfolgsfaktor Delegieren
Sie haben sich dazu entschlossen, ein Unternehmen zu gründen. Gerade in der ersten Zeit ist es hier wichtig, eine Basis zu schaffen, auf der Sie aufbauen können.
Zeit ist unser wichtigstes Gut.
Arbeiten Sie in einer Branche, in der man Zeit gegen Geld tauscht? Solange Sie diese Zeit zur Verfügung haben, funktioniert es. Doch sobald das Geschäft anfängt zu laufen, merken selbstständige Dienstleister rasch, dass sie an ihre Grenzen stoßen.
Mehr dazu hier >>> http://bit.ly/2DO2heD
Jens Nachtwei Fachartikel: Diskussion des "Berufsbilds" Business-Coach aus Sicht der Persönlichkeitspsychologie
Liebe Gruppenmitglieder,
gerade im Coaching-Magazin erschienen: Eine Betrachtung des "Berufsbilds" Business-Coach aus persönlichkeitspsychologischer Sicht.
Viel Spaß beim Lesen und ein schönes Wochenende, Jens Nachtwei
Bernd Späth Über ein Vier-Stunden-Coaching.
Eigentlich komisch, dass so wenig diskutiert wird, wie lange eine Coachingsitzung dauern sollte: Therapieerfahrene Klienten wissen zwar, dass therapeutische Sitzungen nach fünfundvierzig oder fünfzig Minuten zu Ende sind. Das mag bewährte Praxis sein („Machen wir seit jeher so.“), aber ehrlich gesagt halte ich beim Coaching von Führungspersonal und Selbständigen wenig davon. Auch wenn dieses System sich in bestimmten Konstellationen bewährt hat, sollte man ruhig für Anderes offen sein. Mein Haupteinwand nämlich gegen diese relativ kurze Gesprächsdauer ist, dass das „Eingemachte“ eines Klienten, - also die unbewussten Verhaltensmuster, die ihn/sie steuern, und an die man sich mühsam und unter maximaler Konzentration heranarbeiten muss - oft erst ganz zum Schluss sichtbar wird. Dann allerdings ist die Sitzung fast schon wieder vorbei. Natürlich lässt sich argumentieren, man könne in der nächsten Sitzung ja damit fortfahren. Dass es allerdings Sinn machen soll, ein mühsam eröffnetes Thema erst einmal wieder auf Standby zu schalten, überzeugt mich eher weniger. Auch brauchen Wirtschaftsleute Ergebnisse im überschaubaren zeitlichen Rahmen. – Von der oft aufwendigen An- und Abreise für eine Sitzung mal ganz abgesehen.
Deshalb habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht mit Zwei-Stunden-Sitzungen - also volle 120 Minuten -, die das Resultat meiner praktischen Erfahrungen sind: Den schon von Freud beschriebenen Widerstand des Unbewussten gegen seine Aufdeckung nämlich sollte man niemals unterschätzen. Was ein Leben lang eingedrillt, im Verborgenen abgespeichert und stets aufs Neue reproduziert wurde, das wehrt sich mit aller Verbissenheit dagegen ans Licht zu geraten. Es bedeutet ja den ersten Schritt zu seinem Machtverlust! Ähnlich einem Bürokraten also, der auf seinem Sessel klebt und alles nur verhindert, verhält sich hier auch der unbewusste und damit weitaus größere Teil unserer Psyche. Trefflich hat der Freud-Schüler Carl Gustav Jung einmal formuliert, die Psyche sei eine riesige Nachtlandschaft, und wo gerade ein Scheinwerfer hinleuchte, dort sei kurzfristig das Bewusstsein aktiv. Also folgerte er nüchtern: „Bewusstsein ist der außergewöhnliche Zustand.“
Das sollte man sich ruhig öfter vor Augen halten, denn der Satz gibt einen Hinweis darauf, dass unbewusste psychische Inhalte sich in ihrer Höhle festkrallen wie ein Dachs, den man herauszerren will. – Ruhig mal in den Wald gehen und ausprobieren! Zugleich aber bedeutet Jungs Statement auch, dass eine derartige Aufdeckung nicht ohne kompetente Hilfe von außen möglich ist: Den Freud´schen Widerstand aufzulösen ist erheblicher Teil der gemeinsamen Arbeit. Nach meinen Beobachtungen in nunmehr über sechzehn Jahren Coachingtätigkeit ist es beileibe keine Seltenheit, dass ein/e Klient/in bis zu fünfzig Minuten – in einem Fall sogar fast hundertzwanzig Minuten – dauermonologisiert und nur vordergründiges Material liefert. Als Privatperson wäre man da arg genervt. Doch als Coach entnimmt man genau diesem Geschehen wertvolle Informationen: Ich soll neutralisiert werden, an die Wand geredet werden, hilflos gemacht werden, - natürlich unbewusst und ohne böse Absicht. Je länger der Monolog desto massiver der sichtbar werdende Widerstand und offenbar auch das dahinter verborgene Problem. Hat man dies erkannt, dann kann man in aller Ruhe darauf warten, dass die Munitionsvorräte des Gegenübers sich erschöpfen, so dass man dessen unbewusste Strategie ansprechen und aufdecken kann. Selbstverständlich wird erst einmal empört dementiert, während man sich behutsam und einfühlsam weiterfragt und das Gespräch unversehens kippt und eine große Intensität entwickelt.
Hier eben stellt sich die praktische Frage: Sollen wir genau an diesem Punkt abbrechen, weil die Zeit vorbei ist? No thanks. Die zweite Stunde der Sitzung wird dann unglaublich intensiv und aufdeckend, der Klient erlebt sich plötzlich von einer anderen, bisher unbekannten Seite her und beginnt Zusammenhänge zu erkennen: zwischen unbewussten Verarbeitungsmustern und unbewusstem Verhalten, das zu seinen aktuellen Problemen führt. Hier also liegt der überzeugende Vorteil einer Zwei-Stunden-Sitzung: Man hat noch reichlich Zeit, das Aufgedeckte gemeinsam zu bereden, und last not least: Es muss auch erst einmal verdaut werden, was für die Betroffenen meist kein Honiglecken ist. Irritierte und Orientierung suchende Fragen an den Coach sind da keine Seltenheit, umso wichtiger, dass noch Zeit dafür ist. Doch auch langes Schweigen als Hinweis auf einen ablaufenden inneren Prozess ist eine Botschaft eigener Art und kann produktiv gedeutet werden. Ich habe also noch keine einzige Zwei-Stunden-Sitzung erlebt, bei der man leer ausgegangen wäre.
Aber was mache ich, wenn jemand von auswärts anreist? Aus Köln, Berlin oder Flensburg, aus Salzburg oder Zürich? Hier muss man vom Interesse des Klienten her denken und in Betracht ziehen, dass für eine Anreise nach München zwei Stunden die eher suboptimale Lösung darstellen. (Dies, obwohl ich auch Klienten habe, die zum Teil seit Jahren über 200 km Anfahrt in Kauf nehmen für genau diese zwei Stunden.) Also sollte man hier klare Absprachen treffen: Was ist der Wunsch des Klienten? Was sind seine/ihre Möglichkeiten? Die Lösung, die ich anbiete, ist eine, bei der beide Parteien schon vorher wissen, dass sie am Ende ordentlich geschlaucht sein werden: Eine Vier-Stunden-Sitzung.
Mache sich niemand die Vorstellung, dass das ein Spaziergang wird, obwohl das äußere Setting durchaus entspannt und zwanglos ist: Wohnzimmeratmosphäre mit Kaffee, Tee, Kuchen. Häufige Frage vorab: „Muss ich irgendwas mitbringen?“ – Auch hier soll ja die Performance bitteschön stimmen, gell?
„Nur sich selber!“ Wer seit zwanzig Jahren im Betrieb um den High-Performer-Status kämpft, der wird da schon unsicher. Kann ja nix werden, wenn der nicht mal ne Präsentation verlangt, klaro.
Der innere Druck ist vielen Klienten anzusehen: Was macht der jetzt gleich mit mir? – Nun ja, er hört erst mal zu. Und verzichtet auf „Gesprächsoptimierung“ und ähnliches Geschwurbel. Hier zählt nur Eine/r, nämlich der/die Klient/in in seiner/ihrer Notsituation und hat dafür alle Zeit der Welt.
Eine Sitzung dieser Dauer hat einen gravierenden Vorteil: Niemand schafft es, einen Widerstand vier Stunden lang aufrecht zu erhalten, - mit Ausnahme ganz weniger Hochverkopfter. In aller Regel vergehen die ersten 60-70 Minuten damit, die Situation und Problematik des Klienten umfassend und subjektiv darzustellen. Aufgabe des Coaches ist es dabei, genauestens darauf zu achten, welche unbewussten Strukturen zur Problementstehung beitragen. Nicht minder wichtig ist eine Frage, mit der der Klient sich praktisch nie befasst: Ist das geschilderte Problem wirklich das Problem oder ist es Symptom mit Appellcharakteristik? Nach meiner Erfahrung gilt die Erkenntnis: Das Eingangsproblem ist niemals das wirkliche Problem. – Und schon ist man mitten drin. Empfehlenswert ist eine Pause nach zwei Stunden, - nicht nur um den Raum zu lüften, sondern auch die Köpfe. Die ein oder andere Lunge giert dann auch nach Nikotin.
Die zweite Hälfte der Sitzung erinnert an das Bild mit der Perlenschnur: Ist der Anfang gefunden, werden unbewusste Fühl- und Verhaltens-Muster wahrgenommen, die zur kritischen Selbstreflexion motivieren. Dann tauchen weitere Muster auf, die sich – konzentrierte Fragetechnik vorausgesetzt – verknüpfen lassen mit Bildern, Gefühlen, Erinnerungen aus frühen bis sehr frühen Lebensjahren. Oft sind es nur kurze flashes, doch jetzt wird sichtbar, warum ich mich in bestimmten Situationen immer klein mache; warum ich Konfliktsituationen durch stille Unterwerfung umgehe; warum ich diese starke Sperre verspüre, autoritärer Anmaßung entgegenzutreten; warum ich schon ein ganzes Leben lang diese Traurigkeit mit mir schleppe, die mich so wahnsinnig viel Kraft kostet. – Denn eines ist klar: Über vier Stunden hält sich kein Widerstand, irgendwann löst er sich auf, und die Informationen fließen. Bisweilen auch die Tränen.
„Tatsächlich verschwenden viele Menschen unnötige Energien in einem Kampf mit äußeren Problemen, die in Wirklichkeit nur Abspiegelungen ihrer inneren Wirklichkeit darstellen. Sie stellen unbewusst um sich herum immer wieder Umstände her, die ihnen dazu dienen, ihre alten Konfliktthemen mit den dazugehörigen Phantasien und Gefühlen wiederzubeleben.“ (Horst Eberhard Richter, Flüchten oder Standhalten). – Schon mit den ersten vier Stunden kann es möglich werden, diesen Kreis zu durchbrechen.
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Ich habe die Erfahrung gemacht, dass 4 Stunden optimal sind, um ins Arbeiten zu kommen. Zum Kennenlernen sind in der Regel 1 1/2 Stunden ausreichend. Der Coachee kommt erstmal an, schildert sein Anliegen und aktuelle Situation und stellt dann Fragen über mich als Coach und wie sich unsere Zusammenarbeit gestalten wird.
An- und Abfahrtswege inkl. -zeit ist ein großes Thema. Die wenigsten Coachees wollen für die "unproduktiven" Zeiten etwas berappen, erwarten jedoch die Anreise von mir.
Insgesamt möchte ich an dieser Stelle zwischen persönlichem Privat-Coaching und Business-Coaching für Unternehmer unterscheiden. Dabei fühle ich mich selbst nicht ausgeglichen. Ist die Arbeitsweise doch ähnlich und meine Person wird ja darum auch nicht eine andere. Bei Unternehmen wird zumindest von mir die Tagewerkabrechnung abgefordert und setzt dann min. 6 Stunden aktive Zusammenarbeit voraus. Dann sind allerdings auch beide Seiten "durch", wenn es dem Ende des Tages zugeht.

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