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Bernd Späth Über Job und Tic.
Es gibt Feedback-Schleifen, die sind richtig menschenfeindlich. Lars, der junge Mann vor mir, ist Anfang dreißig und sehr konservativ gekleidet. Insgesamt wirkt er recht unsicher, was sich unter anderem daran zeigt, dass er mich nach jedem Satz fragend anblickt, offenbar Bestätigung suchend: Stimmst du mir zu oder weist du mich (wieder einmal) zurecht? Auffallend sind die unentwegt in Bewegung befindlichen Finger, die fortwährend aneinander reiben, an den Oberschenkeln, auf der Innenseite der Unterarme oder auch einmal an der Kehle. Immer in Bewegung, immer auf Wanderung, immer auf Suche. Das kann ein Hinweis auf eine frühkindliche Traumatisierung sein.
Überhaupt ist Wachsamkeit angebracht bei Menschen, die stets so seltsam verhalten wirken, - in Mimik, Stimme, Körper und Sprache. Sie haben unbewusst und meist schon sehr früh eine Art Haltegerüst gegen heftige innere Bewegungen aufgebaut, die ins Unbewusste weggedrückt wurden und dort nach Kräften randalieren. Man kann es sich ruhig so vorstellen, als würde man den stetigen Ausfluss einer Quelle in eine Art dehnbaren Weinschlauch umleiten. Je mehr Zufluss desto mehr steigt der Druck. Bis das Gefäß irgendwann und irgendwo beginnt sich auszubeulen: als kleines Bläschen, als große Blase, als plötzlich überall sickernde Gewebedurchlässigkeit oder mit Explosionsknall. – Vielleicht kann man so den Mechanismus der Symptombildung erklären, wenn Unverarbeitetes zum Überdruck führt und der psychische Apparat beginnt an seinen schwächsten Stellen nachzugeben.
„Ich fühle mich so richtig hilflos.“, sagt Lars. Gekommen ist er übrigens wegen eines Problems mit den Kollegen.
„Und ich kann einfach nicht noch mehr einstecken. Ich kann nicht. Ich bin am Ende.“
Das sagt er ruhig und ausdruckslos. - Wäre da nicht das heftige, krampfartige Augenzwinkern beidseitig. So heftig, dass selbst noch die obere Nasenregion ruckartig nach oben schießt. Drei-vier-fünf-mal. Und das macht ihn im Job zum Faktotum, an dem Jeder sich abreagieren darf.
Kollegen sind ja nicht immer die Blüte des menschlichen Charakters. Manchmal suchen sie sich einen aus und picken ihn fast zu Tode. Meist sind es dann Menschen mit einer nicht verstandenen Verhaltensauffälligkeit, die zum Opfer werden, indem man sich gnadenlos über sie lustig macht, sie dumm anmacht, ihnen dreiste Streiche spielt und ihnen jede Schwäche und jeden Fehler als „mal wieder typisch“ doppelt anrechnet. Ein uralter Totbeiß-Reflex aus dem Stammhirn: Was nicht die gleichen Merkmale trägt wie wir, gehört nicht zum Schwarm und muss vertrieben werden. Die Betroffenen sind meist besonders sensibel und sehr verzweifelt, da sie um ihre Auffälligkeit wissen, aber keine Ahnung haben, wie sie herauskommen sollen. Vorgesetzte schauen weg anstatt ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Ein Teufelskreis, der immer wieder einmal zu massiven Aggressionsdurchbrüchen führt, wenn der/die Betroffene es einfach nicht mehr aushält. – Nur nebenbei bemerkt: Das Entsetzen über jugendliche Amokläufer ist groß. Die Frage, was einen jungen Menschen in einen derart mörderischen Hass getrieben hat, wurde bisher nicht gestellt.
In meiner Volksschulklasse hatten wir einen Lehrer, der ebenfalls eine derartige „Macke“ aufwies: Jedes Mal, wenn er uns Kinder zusammenstauchte, geriet er in eine anwachsende Rage, und ab dem Mittelteil seiner Predigt warf er immer wieder den Kopf ruckartig nach rechts oben, wobei er die Lippen so krampfhaft verzerrte, dass ihnen ein bizarr-grunzendes „Horrrrf-quarrrr!“ entfuhr, an dessen Ende sein Kinn kurz nach links zuckte und dann in Normalposition zurückkehrte. Außerhalb der Schule hatten wir große Freude ihn nachzumachen. Tatsache war aber auch, dass nach der Nazidiktatur und dem Weltkrieg jede Menge Leute mit solchen Störungen herumliefen. Kein Wunder, nach den Kriegswirren, den alliierten Bombenteppichen und allen anderen Atrozitäten der braunen Periode.
Um was also handelt es sich? Andere Diagnosen vorsorglich ausgeschlossen, werden diese Störungen in der Fachliteratur leicht verniedlichend als „Tics“ bezeichnet, definiert als „unwillkürliche, nicht zweckgebundene Bewegungen und/oder Lautäußerungen von Menschen.“ Auf Deutsch: unvorhergesehen, spontan, sinnlos. Man unterscheidet zwischen motorischen und vokalen Tics. Motorische Tics sind abrupt einsetzende und mitunter sehr heftige Bewegungen, die unwillkürlich ablaufen und nicht zweckgebunden sind. Die Bewegungen verlaufen ritualhaft in immer gleicher Weise, sind dabei aber nicht rhythmisch. Sie können einzeln oder in Serie auftreten: Stirnrunzeln, Augenblinzeln, ruckartige Kopfbewegungen, Hochziehen der Augenbrauen, abruptes Schulterzucken, Nase hochziehen und Grimassieren sind die Hauptvertreter dieser für die Betroffenen oft unerträglichen Störung, die ihnen das Leben zur Hölle macht. Als vokale Tics hingegen bezeichnet man Äußerungen von Lauten und Geräuschen, z.B. Räuspern, Schniefen, Grunzen, Quieken, Zungenschnalzen, bisweilen auch lautes Schreien. Eine besonders extreme Form sind die sogenannte „Koprolalie“ (Hervorstoßen ordinärer und obszöner Worte) und die „Echolalie“ (Nachsprechen oder Nachäffen gehörter Worte oder Laute).
Interessant ist, dass es eine überzeugende Ursachenerklärung bis heute noch nicht gibt: Man vermutet zwar eine ererbte Störung in den Basalganglien, doch – so sagt der Bayer – „Nix G´wiss woaß ma´ net.“ Fakt ist allerdings auch, dass die Psychoanalytiker eine starke psychische Komponente sehen und teilweise erfolgreich therapieren: Der „Tic“ also als Problem der psychischen Selbstorganisation? Wichtig ist, dass man Tic-Persönlichkeiten nicht als isoliertes medizinisches – und damit vorwiegend mechanisches - Problem betrachten darf. Die Persönlichkeit der Träger zeigt meist starke Beschränkungs-, Hemmungs- oder Verängstigungszüge. Hilft man ihnen, aus ihrem inneren Gefängnis herauszukommen, wird die Symptomatik in vielen Fällen rückläufig. Und am Ende hat Recht, wer hilft.
Not tut jedenfalls ein realistischer Blick auf die Gesamtsituation: Für Lars konnte das nur bedeuten, dass er an seinem Problem arbeiten musste, um die Zusammenhänge aufzudecken, und dass er seine Arbeitsumgebung vergessen konnte, um sich lieber etwas Neues zu suchen, wo er ohne – oder mit wenigstens deutlich verminderter – Symptomatik neu anfangen konnte. Bisweilen allerdings fragt man sich auch, wie Eltern eigentlich Liebe definieren: Lars´ Eltern jedenfalls schienen stark geprägt von eigenen Schuldängsten und einer nur schwer nachvollziehbaren, vorwiegend religiös motivierten Verzichtsethik, mittels derer sie offenbar eigene Kindheitserfahrungen weitergaben: Wann immer der kleine Lars einen Wunsch geäußert hatte, führte die Bigotterie der Eltern dazu, dass das von ihm Begehrte als „Werk des Teufels“ diskreditiert wurde. Damit konnten ihm die Eltern die Wunscherfüllung verweigern, scheinbar ohne sich selbst zu belasten, denn gegen den Teufel zu sein ist bekanntlich gottgefällig. Dass einem kleinen Jungen damit fortwährend die Nähe zum Teufel und seelische Verderbtheit attestiert wurden, schien vor der selbstgerechten Fassade der beiden Frömmler nicht zu interessieren. Lars, den die spitzzüngigen Verurteilungen und Verächtlichmachungen tief verunsichert hatten, hatte sich schon als Kind eng zusammengeschnürt: Funktionieren ohne auffällig zu werden und keinesfalls etwas fordern. Nur funktionierte es nicht. Seine Seele signalisierte über das Mittel der Symptombildung, wie elend sie sich fühlte. Und so ergab sich schrittweise der Zusammenhang: Immer wenn Lars etwas haben wollte, wurde der eingehämmerte innere Zensor so massiv, dass Lars wie wild zwinkerte. – Eine Blasenbildung unter massivstem innerem Druck.
Das Symptom als Konfliktentlastung: Lars hatte nie gelernt, gegen die autoritäre Anmaßung der Eltern aufzustehen und sich selbst als eigenständige Persönlichkeit zu definieren statt als Annex des elterlichen Angst- und Schuldszenarios. Es bedurfte, da er die Beiden für sich streng tabuisiert hatte, einiger Arbeit, diese Zusammenhänge aufzudecken. Doch es gelang, und Lars fand erstmalig Zugang zu einem freieren Leben, in dem er und seine Bedürfnisse etwas zählten, und so konnte er auf die Symptombildung verzichten. „Unspezifische, chronisch emotionale Belastungen (gekoppelt mit Unterdrückung aggressiver Strebungen)… werden ätiologisch für das Entstehen der Tic-Krankheiten verantwortlich gemacht.“ (Bürgin und Rost)
Der Mensch ist mehr als nur Maschine. Viel mehr. Unendlich mehr.
Bernd Späth Über Führung und Größen-Selbst.
Über Führung und Größen-Selbst.
Die Grandseigneurs sterben aus: die honorigen Chefs mittelständischer oder auch größerer Familienunternehmen, die sich zu allererst einmal in der Pflicht sahen, Ihren Mitarbeitern in persönlicher Haltung und Integrität als authentisches Vorbild voranzugehen. Was sie wohltuend unterschied von den Selbstdarstellern, die in ihrer Karriereplanung über Leichen gehen, Unternehmensinteressen vortäuschen und doch nur die eigenen im Sinn haben, und die sich dazu bemühen, ihre menschlichen Defizite zu kaschieren, indem sie sich „soft skills“ als angelernte Techniken zueignen. Denn auch diese dienen nicht der Entwicklung persönlicher Statur, sondern im Zweifel der taktischen Überwältigung des Gesprächsteilnehmers. Die Hoffnung der Mitarbeiter auf eine bessere Zukunft besteht meist darin, dass diese „guns for hire“ niemals allzu lange im Unternehmen bleiben und unentwegt die Finger spielen lassen, um nur ja keine Karrierechance zu verpassen.
Dr. Konrad Henkel hingegen war für mich eine positive Identifikationsfigur, der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Henkel KGaA in Düsseldorf. Ein eher wortkarger Mann mit einem großen Herzen, dessen kurze Statements hochpräzise waren, stets auf die Sache fokussiert und frei von jeglicher Eitelkeit. Ich hatte viele, sehr persönliche Gespräche mit ihm und halte ihn bis heute für die beeindruckendste Unternehmerpersönlichkeit, der ich begegnet bin. – Vielleicht neben John Dillingham, einem Rinderbaron in Kansas City, dessen Vater Jay seinen Viehhandel zu einem Multimillionen-Unternehmen aufgebaut hatte: Von seinem Büro im neunten Stock wies er voller Stolz auf die uralten corrals, in denen sich früher die Rinderherden sammelten, nachdem die Cowboys sie von der west coast herübergetrieben hatten. Bis zu siebzig Prozent der Wirtschaftsleistung von Kansas City wurden damals hier erbracht. Und natürlich denke ich auch an Helmut Sihler, der Konrad Henkel 1980 als Vorstandsvorsitzender folgte: ein Urgestein von Manager, der 2002 die Deutsche Telekom aus der Kacke ziehen musste, in die der grandiose Ron Sommer sie gefahren hatte.
Nicht, dass solche Menschen über keinen Machtinstinkt verfügten und nicht notfalls brutale Entscheidungen treffen und durchsetzen würden: Gerade einem Sihler hätte ich nicht unbedingt in die Quere kommen wollen. Doch taten sie es für das Unternehmen und nicht für sich selbst, und unter wohltuendem Verzicht auf die Inszenierung eigener Machtfülle. – Nun ja, Macht hat man nicht zu haben, sondern zu handhaben. Genau das grenzt den guten Manager ab vom chicen Manager. Oder anders gesagt: Der Eine dient, der Andere inszeniert sein „Größen-Selbst“.
Der Ausdruck entstammt der Lehre zu den Persönlichkeitsstörungen und bezeichnet die prägenden Merkmale der narzisstischen Störung: Phantasien eigener Grandiosität und Überlegenheit; Erfolgsräusche, die mit der Realität nichts zu tun haben; permanente Suche nach Bestätigung, die nicht selten zu Freund-Feind-Denken degeneriert; unablässiges Klein-Machen anderer, um die eigene Grandiositätsvision nicht zu gefährden; schnelle Kränkbarkeit, verbunden mit heftigen Abstürzen und Leere-Gefühlen; und ganz generell die Überzeugung, dass die gesamte Welt einem zu dienen habe, da man ihr ohnehin weit überlegen sei und sie nichts anderes verdiene. Nicht selten kommen dann ganze Serien von Ungeheuerlichkeiten ans Licht, sobald die Betreffenden die Firma verlassen haben. - Dass solch krankhafte Visionen von sich selbst gerade im letzten Lebensdrittel „verheerende Auswirkungen“ zeigen (so der US-Psychoanalytiker Otto Kernberg), lässt sich an Persönlichkeiten der Geschichte leicht demonstrieren: Von Napoleon bis Gaddafi, von Louis XIV. bis Saddam Hussein, von Wilhelm II. über einen Herrn mit Schnauzbart bis zu Helmut Kohl. – Die Liste ist endlos, dazugelernt wird so gut wie nie.
Ich entsinne mich an einen Grandseigneur alter Schule, dessen mittelständische Metallwarenfabrik ich als Agenturchef Jahre lang sehr erfolgreich betreute. Ein Mann großer Integrität, auf dessen Wort unbedingt Verlass war, und der sich Vertrauen sicherte, indem er Vertrauen schenkte. Als führender Vertreter seines Berufsverbandes genoss er hohes Ansehen aufgrund seines bescheidenen, ehrlichen Auftretens. Und wenn er sein Unternehmen auf einer Messe vertrat, dann trug er ganz altmodisch einen Cut. Das war nicht nur Marotte, sondern auch Botschaft: So wollte er verstanden werden.
Altersbedingt schied er aus der Geschäftsführung aus und übergab diese, wenn auch ohne viel Zuversicht, an seinen Neffen, da der Gesellschaftsvertrag dies so verlangte. – Eine seltsam quallige kleine Figur mit zynisch verkniffenem Mund, peilenden Augen und lauerndem Auftreten. Der Mann war mir früher kaum aufgefallen, ein unscheinbarer Typ, eher ein Wasserträger als ein Chef über fünfhundert Mitarbeiter. Er hatte sehr unsicher auf mich gewirkt. Umso frappierender die Veränderung, die sich nun mit ihm vollzog.
Als erstes begann er, obwohl Familienvater, eine Affäre mit einer Mitarbeiterin, was seinen Onkel zu einer Reihe bissigster Kommentare mir gegenüber motivierte. Als nächstes stellte er den von seinem Vorgänger begonnen Bau der neuen Firmenzentrale fertig, allerdings mit einer wesentlichen Veränderung: Das Obergeschoss, gut zweihundert Quadratmeter, sollte nicht für Firmenzwecke verwendet werden, sondern für wechselnde Kunstausstellungen, wobei uns zur Aufgabe gemacht wurde, ihn selbst PR-mäßig als großen lokalen Kunstmäzen aufzubauen. Ich fragte mich, wie hier die betriebliche Kalkulation für den Millionenbau aussah. Die erste Künstlerin, die der Neffe dann an Land gezogen hatte, erwies sich als peinlich schwafelnder Missgriff. Zusätzlich stellte er eine Marketingleiterin ein, deren Geschäftsgebaren mich nach wenigen Monaten veranlasste, die langjährige Zusammenarbeit zu beenden. Zu deren Abschluss organisierten wir auf Wunsch des Neffen noch eine Kundenumfrage, als deren Ergebnis unsere Werbekampagne bei den Kunden deutlich besser dastand als das Unternehmen selbst. – Das gefiel ihm gar nicht, spiegelte aber die Realität wider.
Unübersehbar erlag hier ein von seinen Anlagen her eher mittelmäßiger Typus stetig mehr seinen Macht- und Größenphantasien, und auch aus anderen Quellen vernahm ich Klagen, dass statt der bisherigen fairen Partnerschaft nunmehr die Geschäftspartner nach allen Regeln der Kunst auf die Knie gezwungen und zu weisungsgebundenen „Zulieferern“ denaturiert werden sollten. Es sah aus, als würde das Unternehmensinteresse zum Vehikel persönlicher Macht- und Rachebedürfnisse, die rational nicht mehr erklärbar waren: „Jetzt endlich zeige ich es euch!“ Da schien jemand früher sehr unter Missachtung gelitten zu haben. – Um es kurz zu machen: Wie nicht anders zu erwarten stürzte der Laden ab und ging ein paar Jahre später in eine Millionen-Insolvenz. Sie blieb dem Vorgänger erspart, da dieser inzwischen verstorben war.
Wie also geht man mit solchen Menschen um? Nach meiner Überzeugung am besten gar nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Ich erinnere mich an den Marketingleiter eines Pharma-Unternehmens, für das wir tätig waren. Obwohl unsere Anzeigenmotive im Pretest Aufmerksamkeits- und Glaubwürdigkeitswerte von 90-100% erbracht hatten – also Traumwerte -, versäumte er keine Möglichkeit, uns ordentlich einzuseifen und uns viel kleiner zu machen, als er selbst sich vorkam. Als meine Mitarbeiter mich fragten, was wir denn falsch machten, und was wir besser machen könnten, um ihn endlich zufrieden zu stellen, war meine Antwort klar: Gar nichts, denn der Herr ist Narziss, der braucht sowas. Ein Jahr später wurde er unter Bestechungsvorwürfen festgenommen, der ganze Laden durchsucht und dann von den Headquarters der Firma aufgegeben und an einem anderen Ort neu aufgebaut, mit neuen Leuten selbstredend.
„Die Ursache dieser narzisstischen Verhaltensweisen wird in einer frühen Störung der Selbst-Entwicklung gesehen.“, schreibt H.H. Studt von der Medizinischen Klinik und Poliklinik in Berlin. „Dadurch bleibt das infantile Selbstbild erhalten und verwandelt sich zum pathologischen Größen-Selbst.“ Und wer so groß ist, der fällt auch tief.
Bernd Späth Über Coaching und Manipulation.
„Okay, ich komm vorbei“, sage ich der Fürther Personalberaterin, „wir haben damals ja gut zusammengearbeitet.“
Damals ging es um einen Manager der „E2“, also zweite Führungsebene, der nicht mehr mit sich klar kam und sich restlos aufarbeitete. Er saß mir gegenüber wie ein Gespenst, und da er sich gegen jede Einsicht wehrte, half nur die brutale Methode: Ich machte ihm klar, dass er nur noch vier bis sechs Wochen hatte bis zum Überlastungskollaps. Da wurde er sehr still, bat mich, ihn zehn Minuten alleine zu lassen und entschloss sich dann zur Zusammenarbeit. Ab da fuhr ich einmal pro Woche die zweihundert Kilometer zu ihm, um mit ihm einen Nachmittag lang zu arbeiten, bis ich ihn wieder auf den Beinen hatte. Das Ergebnis freut mich heute noch.
Überhaupt ist das Wunderbare am Coaching-Beruf, dass man mithilfe analytischer Deutungen massiv positiv in ein fremdes Leben hineinwirken kann, das andernfalls höchstwahrscheinlich an die Wand fahren würde. – Coaching ist nun mal eine Investition, bei der der „revenue“ nicht in Prozent gemessen wird, sondern in Vielfachen.
„Ich möchte Ihnen nämlich einen neuen Klienten vorstellen. Mit mir kommt er angeblich nicht klar.“
„Ah so“, sage ich diskret. Schon der vorige Klient hatte mir anvertraut, dass sie ihn erst selber „gecoacht“ hatte und er sich nach der zweiten Sitzung geweigert hatte, mit ihr weiter zu arbeiten.
„Das versteh ich überhaupt nicht!“, hatte sie mir gesagt. „Dabei hab ich ihn echt gechallenged!“
Der Gentleman schweigt bei sowas. Aber ich transplantiere ja auch keine Leber, weil ich weiß, dass man sowas nicht in drei Wochenendseminaren erlernen kann. Ebenso wenig, wie man „Empathie“ als Technik erlernen kann. Sie ist Ausdruck einer reflektierten menschlichen Haltung und nicht Ergebnis eines Abendkurses.
Nun gut, ich fahre hin und bin wie stets sehr interessiert, wen ich da treffen werde.
Da staune ich aber nicht schlecht: der Klient ist gar nicht da. Vielmehr begegne ich der Personalberaterin und dem Geschäftsführer eines Unternehmens. Der geht ans Flipchart und hält mir ein Kurzreferat, in dem er mir einen Mitarbeiter seines Hauses schildert sowie dessen Stärken und - leider, leider - auch Schwächen. Und dann kommt es: Der fachlich überragende Mitarbeiter soll in die Geschäftsführung aufgenommen werden. Und damit er dort auch besteht, sind ihm folgende Eigenschaften anzucoachen: Flexibilität (er ist auf seinem Gebiet nicht zu schlagen, aber leider etwas schwerfällig in der Reaktion gegenüber Mitmenschen); Durchsetzungsvermögen (er ist ein sehr akademischer Mensch, der lieber prüft als anzuordnen und Mitarbeiter zur Schnecke zu machen); und letztlich noch etwas mehr Rückgrat gegen seine äußerst ehrgeizige Freundin, die ebenfalls in der Firma aktiv ist und, wie die Geschäftsführung weiß, ihn leider sehr unterm Pantoffel hat („Da sehen wir ein Problem.“). Die Personalberaterin diskutiert engagiert mit.
Unübersehbar ein guter Kunde, den sie bei Laune halten will.
„Ich hab gesagt, wenn einer das kann, dann Sie!“
Da sitzt man dann ja erst mal, so als Coach. „Sehr freundlich.“, sage ich schließlich.
„Wir wollen natürlich nichts über seinen Kopf hinweg entscheiden.“, sagt die Personalberaterin und der Geschäftsführer nickt.
„Natürlich nicht.“, sage ich. „Wer käme auf so eine Idee.“
„Aber wir brauchen Ergebnisse. Und möglichst zügig.“
„Bei der Gelegenheit könnt´ ich ihm ja auch noch ne andere Haarfarbe ancoachen. Falls die Sie stört.“
Irritiertes Schweigen. Man grübelt offenbar, ob ich das auch kann. Nach einigen weiteren Minuten verlasse ich das Gespräch. Mit einem Hals wie ein Pelikan.
Der Vorstellung, ein Coach habe im Auftrag der Geschäftsführung einen Mitarbeiter nach den Maßgaben des Unternehmens so zu modellieren, dass er für die Firma noch nützlicher wird, bin ich mehr als einmal begegnet. Sie basiert – neben einem beträchtlichen Maß an Naivität und Anmaßung – auf der Annahme, dass der Coach dem Klienten „etwas sagt“, was ihn/sie in die vom Auftraggeber gewünschte Richtung bugsiert, egal ob er/sie das will oder nicht. („Sie können doch Hypnose, können Sie uns da nicht….etc.?“).
Da wird nur nix draus. Denn ein Coach wird seinen Klienten als solchen annehmen und ihm helfen, die Eigenschaften zu entwickeln, die a) in ihm sind, und die er b) selber entwickeln will. Am Ende des Coachingprozesses steht nicht ein williger Zombie, der nun noch besser funktioniert, sondern ein Mensch, der sich aus den eigenen Ressourcen heraus weiterentwickelt hat. Und zwar gemäß seiner inneren Anlagen. - Also Klartext: Über die Coachingziele entscheidet der Klient und sonst gar niemand. Und das setzt voraus, dass er/sie auch selbst entscheidet, welche Probleme als belastend empfunden werden und bearbeitet werden sollen. – Es gab aber auch schon einen Fall, wo die Unternehmer-Ehefrau einen Klienten zu mir sandte, damit er sich gefälligst in ihrem Sinne weiterentwickelte. Schon nach wenigen Sitzungen entschloss der Klient sich zur Abschaffung der Ehefrau und blühte anschließend so auf, dass das Coaching abgeschlossen werden konnte.
Ein Coach also ist Partei: Er steht immer auf der Seite seines Klienten, den er zu verstehen versucht, den er hält, und den er gegebenenfalls auch schützt. Dies mit gebotener professioneller Distanz: Konstant, positiv, zugewandt, doch ohne dabei zum Kumpel oder gar zum Komplizen zu werden. Denn das wichtigste Kapital, das der Coach erwerben kann, ist Vertrauen. Würde er sich dieses erschleichen, um „hinten herum“ fremde Vorgaben zu erfüllen, wäre dies nichts anderes als ein Parteiverrat, wie er bei Anwälten zu Recht unter massive Strafdrohung gestellt ist.
Damit erledigt sich dann auch ein weiteres Problem: Manche Unternehmen wünschen nach Ende des Coachings einen „Abschlussbericht“, für welche Akte auch immer. Ich habe noch keinen Klienten erlebt, der dem zugestimmt hätte. Dann gibt´s eben auch keinen.
Denn ein/e Klient/in wird nicht manipuliert, sondern verändert. Zum eigenen Besten. Und sonst zu gar nichts.
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