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Nur für XING Mitglieder sichtbar March for Science - ist das alles?
Morgen findet weltweit der "March for science" (https://www.marchforscience.com/) statt. Dazu ein paar Gedanken, denn irgendwie stellt sich bei mir nicht nur Begeisterung ein...
Ich bin Physiker, arbeite seit meiner Promotion 2009 an verschiedenen wissenschaftlichen Instituten in Heidelberg und Stuttgart sowie selbstständig als Programmierer und Berater. Ich werde am Samstag auch an der hiesigen Demonstration teilnehmen, da die Ziele und Standpunkte richtig und wichtig sind.
Dennoch: Diese Ziele gehen am eigentlichen Problem vorbei. Kurz gesagt: Es gibt nicht zu wenig Geld für kritische Forschung, sondern: Es gibt zu wenig Geld für Forschung. Und das Geld, das es gibt, wird so eingesetzt, das wenige davon profitieren, während viele sich in der Mitte Ihres Lebens fragen müssen, "was mache ich jetzt mit meiner Karriere und warum habe ich eigentlich noch keine (so wenige) Rentenansprüche erworben?"
Und: Ob Trump und vergleichbare den Klimawandel, die Evolution oder den Holocaust leugnen, ist für die Wissenschaft einigermaßen unerheblich. Natürlich ist es unter vielen Gesichtspunkten schlecht, wenn Kinder in der Schule und/oder Medien Unsinn erzählt bekommen. Aber das verhindert keine gute Forschung. Dummköpfe, wie auch ehrlichen Gesellschaftlichen Diskurs, sowie eine gewisse gesellschaftliche und individuelle Trägheit, was neue Erkenntnisse angeht, gab es immer und wird es immer geben. Daran wächst die Wissenschaft, denn sie steht auf stabileren Beinen (Reproduzierbarkeit, Falsifizierbarkeit, nicht zuletzt Mathematik).
Auch die Einreiseverbote schaden der Wissenschaft nicht wirklich (im Gegensatz zur Wirtschaft), denn ganz ehrlich: so wichtig sind Konferenzen nicht. Individuell ist es natürlich schlimm, als syrischer Doktorand nicht zurück zu seinem Institut und Familie gelassen zu werden, das soll nicht bagatellisiert werden. Aber der Einfluss auf die Wissenschaft ist nahe Null.
Wo liegt also das Problem? An vielen kleinen und großen Teilaspekten.
1: Die Finanzierung: Die Universitäten können von Ihren eigenen (Landes-)mitteln salopp gesagt lediglich Strom, Wasser, Heizung, Miete, Instandhaltung und verwaltung bezahlen. Für wissenschaftliche Stellen bleibt (fast) nichts übrig. An einem Institut, an dem ich gearbeitet habe, gab es zu der Zeit ca. 30 wissenschaftlich Mitarbeiter, davon drei (!) feste Stellen. An anderen Institutionen sieht es nicht besser aus: an einem Max-Planck-Institut, das ich ganz gut kenne, arbeiten ca. 200 Wissenschaftler, davon weniger als zehn mit festen Stellen.
Die wissenschaftlichen Kosten werden über Drittmittel beglichen. Die nahezu komplette Finanzierung über Drittmittel war eine politische Entscheidung der 90er Jahre, vergleichbar mit der Privatisierungswelle. Und hier wie dort wurde vieles verschlimmbessert, und versucht Probleme zu beheben, die es gar nicht gab. So können "faule" Wissenschaftler weiterhin mit 3-Jahres-Verträgen faul sein, und gute Wissenschaftler hören nicht auf zu forschen, weil Sie eine feste Stelle haben.
Nun sind Drittmittel auch zu einem Großteil öffentliche Mittel, aus DFG und anderen Stiftungen, dem BmBF, der Europäischen Kommission und anderen. Mit dem wesentlichen Unterschied, dass persönlich wie auch organisatorisch keine Sicherheit herrscht. In der Praxis sieht das so aus: Man ist promoviert, bewirbt sich auf eine Stelle als Postdoc, bekommt sie (hoffentlich, siehe unten) für z.B. zwei Jahre, zieht um (WissZeitVG), richtet sich in der neuen Stadt/Land ein, arbeitet sich ein, gewöhnt sich an neue Mitarbeiter, Vorgesetzte, Projekte, arbeitet nach einem (halben) Jahr produktiv (veröffentlicht in Fachzeitschriften) und muss dann anfangen, sich nach einer neuen Stelle umzusehen und Anträge/Bewerbungen zu schreiben.
Wenn man auf einem Projekt der EC arbeitet hat man nach einem Jahr an drei bis vier Berichten mitgeschrieben. Als Gruppenleiter kann man Bewerbern keine Aussicht auf eine gesicherte langfristige Anstellung bieten.
Nochmal langsam: Man bewirbt sich um die nächste Finanzierung während man für etwas anderes, nämlich ein wissenschaftliches Projekt, bezahlt wird. In Berichten versucht man dann zu begründen, warum man seine Ziele nicht erreicht hat vor lauter (zig) Bewerbungen schreiben und Berichten.
Das alles passiert im Alter zwischen 25 und 45, was mich zum nächsten Punkt bringt.
2: Der Mittelbau: Das Problem am wissenschaftlichen Mittelbau ist, dass es ihn in Deutschland nicht gibt. Die wissenschaftliche Karriere sieht vor, dass man entweder Professor und/oder Institutsleiter wird, oder irgendwann den Absprung schafft. Solche, die einfach gute Forscher sind und ebendas machen wollen, haben in Deutschland keine Perspektive.
Man kann nach der Promotion einigermaßen gut eine erste und zweite PostDoc-Stelle bekommen. Schon alleine, weil nicht alle Doktoranden in der Wissenschaft bleiben wollen und zudem die jungen PostDocs billige, produktive Arbeitskräfte sind. Sie machen die eigentliche wissenschaftliche Arbeit, auf den Publikationen stehen die Vorgesetzten mit drauf. Manche zu Recht, andere nicht.
Danach wird es schwer. Man ist Mitte dreißig, möchte eigentlich Kinder und ein Haus haben und kann sich zwischen China, Emiraten, Mini-Uni in Texas oder Arbeitslosigkeit entscheiden. Viele, gefühlt die Hälfte) meiner Bekannten aus dem akademischen Bereich waren eine Zeit lang arbeitslos oder haben beim Supermarkt im Lager gearbeitet, weil es keine Stelle für sie gab. Nicht wenige sind als Programmierer o.ä. danach in die Wirtschaft gegangen. An sich keine schlechter Beruf, aber wenn man eigentlich mithelfen könnte, Hepatitis zu besiegen, doch irgendwie suboptimal...
3: Anzahl und Behandlung der Studenten: Auch dieses Problem hängt mit den ersten beiden zusammen. Es gibt immer mehr Studenten pro Lehrkraft, immer mehr Doktoranden, die sich auf die wenigen PostDoc-Stellen bewerben. Das sorgt *nicht* für Wettbewerb und bessere PostDocs! Die exzellenten jungen Wissenschaftler haben schon immer eine exzellente wissenschaftliche Laufbahn absolviert. Es sorgt zum einen für Frust bei Studierenden, promovierenden und nicht zuletzt bei den Dozenten. Zudem führt es zu schlechterer Ausbildung, da die gleichen Räume/Geräte/Computer nun von mehr Studenten genutzt werden müssen.
Warum ist das so? Weil ein wesentlicher Punkt in der Selbstrechtfertigung von Instituten in Form von Jahresberichten in der Anzahl (!) der Promotionen besteht. Außerdem sind Doktoranden billige Wissenschaftler. Nicht vergessen, das sind hoch motivierte, ungebundene junge Menschen mit Master-Abschlüssen! Und damit sie noch billiger sind, hat sich seit einigen Jahren an Unis und MPIs (andere Forschungseinrichtungen kenne ich nicht gut genug) durchgesetzt, dass Promovierende keine Angestelltenverträge mehr bekommen, sondern Stipendien. Das ist für den Doktoranden zunächst mal das selbe: ca. 2000 € monatlich auf dem Konto. Aber: Stipendien beinhalten keine Sozial-/Kranken-/Rentenversicherungen! Das bedeutet, dass diese Menschen erst mit dreißig Jahren anfangen, in die Rentenkasse einzuzahlen. Die ca 100 € für die private Krankenversicherung sind das geringere Problem.
Das was und warum habe ich aus meiner Sicht erklärt. Bleibt die Frage, warum es so bleibt. Weil die Verantwortlichen, also die, die etwas daran ändern könnten, auf festen Stellen sitzen und nur ein kleiner Teil diese Probleme überhaupt sieht oder als solche wahrnimmt.
2014 kam es fast zum Eklat, als die neun Hochschulrektoren Baden-Württembergs der Landesregierung ein Ultimatum stellen mussten, damit sich dort etwas bewegt. Seitdem ist wieder Ruhe eingekehrt.
Die selben Direktoren und Vorgesetzten rufen nun zum Protest gegen Wissenschaftsleugnung auf. Wo waren diese Aufrufe, als die DFG Ihre Mittel gekürzt (bekommen?) hat. Wo, als gerade erst die Landeskassen auf Kosten ausländische Studenten aufgebessert werden sollen? Wo, wenn in jedem Semester mehr Studenten auf dem Boden oder den Tischen sitzen müssen und sich hochqualifizierte Forscher Computer teilen müssen? Wo, wenn die eigenen gerade promovierten Doktoranden regelmäßig bei der Arbeitsagentur vorstellig werden???
Wir habe in Deutschland nicht viele Ressourcen. Wind, Holz, Kohle, einige Metalle... Aber die wirklich große, ja, unendliche Ressource, die Motivation, das Wissen, das Können der Wissenschaftler, wird fahrlässig mindestens durch Unterlassung zu Grunde gerichtet. Ich habe ein bisschen das Gefühl, als ruhe sich Deutschland auf seinen "Lorbeeren" (Dichter und Denker, deutsche Ingenieurskunst, etc.) aus. Das kann nicht gut gehen!
Aus diesen Gründen gehe ich am Samstag mit gemischten Gefühlen auf die Demonstration. Ja, die dort angesprochenen Themen sind wichtig. Aber: die Probleme liegen woanders!
Was meint Ihr?
Tanja Banavas
Danke für die kritischen Gedanken! Da trommeln genau jene, die Neoliberalisierung, Prekarisierung und Entsolidarisierung zu verantworten haben (Exzellenz?), die Schäfchen zur organisierten Groß-"Demo" raus. Määh. Worum geht es hier? Um viel kritischen Verstand jedenfalls nicht... Und was zu tun bleibt?
1. solche Veranstaltungen meiden
2. sich zu echtem Widerstand entschließen und diesen selbst organisieren
3. bis dahin andere Karrierewege erwägen, oder besser noch: die Karriereverweigerung
Und für alle Fälle ganz unerlässlich: der Systemverdummung keinen Fußbreit! Im Dienst der Wissenschaft

Moderatoren

Infos zu den Moderatoren

Über die Gruppe "Alumni der Universität Heidelberg"

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