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Marc-André Huß Zeitumstellung - Chronobiologie vs. Politik
Müde bin ich, gehe nicht zur Ruh
Deutschland ist jetzt schon eine übermüdete Nation. Aktuellen Daten der DGSM (Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin) zufolge leiden über 4,8 Millionen Menschen hierzulande an chronischen Schlafstörungen. Die Techniker Krankenkasse gibt nach eigenen Untersuchungen an, dass 40% der Berufstätigen Schlecht-Schläfer sind. Diejenigen mit flexiblen Arbeitszeiten schlafen im Schnitt sogar nur weniger als 5 Stunden pro Nacht. Bei allen Befragten stand es bei jedem 3. In puncto Schlaf mittelmäßig, schlecht oder sogar sehr schlecht. Ein Fünftel schaffte es nie auf 6 oder mehr Stunden pro Nacht. 200.000 Fehltage pro Jahr wegen Schlafstörungen. Das sind immerhin 68 Milliarden Euro, die dadurch gekillt werden. Satt.
Brüssel und Berlin
Brüssel hat entschieden, die zwei Mal jährlich stattfindende Zeitumstellung EU-weit abzuschaffen. Jedes Land soll nun selbst entscheiden, welche Zeit es als Standard setzen will. Und was hört und liest man über die Medien? Berlin tendiert zur Sommerzeit. Mag es auch evtl. mal wieder eine lobbygesteuerte Idee sein, es ist für die Gesundheit der Bevölkerung, um die es ja jetzt schon nicht gut steht, eine Idiotie sondergleichen. Und selbst aus Teilen des Volkes hört man: „Toll, dann kann man abends länger im hellen wach bleiben.” Merken Sie was? Leider scheinen keine Schlafforscher oder Chronobiologen in den politischen Beraterteams zu hocken, denn sonst käme man nur mit einer verqueren Interessenlage zu solch einer Idee. Oder mit einer schlafmangelbedingten Hypothalamusentzündung? Wenn ich mir das Gros der Politiker so anschaue, …
Sommerzeit vs. MEZ
Auch Deutschland verfügt über Wissenschaftler von Weltrang in diesen Gebieten. Bspw. Prof. Zulley (Regensburg) und Prof. Roenneberg (München). Und der Wissenschaft ist es nicht erst seit heute oder gestern bekannt, dass die MEZ (Winterzeit) und nicht die Sommerzeit die Zeit ist, die sich deutlich besser mit dem cirkadianen Rhythmus (Der inneren Uhr/Biorhythmus) der meisten Menschen in diesen Breiten deckt. Dieser Rhythmus ist weitestgehend festgelegt und nur in geringen Grenzen trainierbar. Jede Ihrer Zellen hat eine innere Uhr. Und diese inneren Uhren werden von einem zentralen Taktgeber in ihrem Hirn, dem Nucleus Suprachiasmaticus, gesteuert. Dieses System sorgt dafür, dass bspw. biochemische Prozesse, die sich generell „beißen“ würden, optimal getaktet ablaufen. Schon jetzt schlafen die Menschen während der Sommerzeit weniger. Aber dauerhafte Abweichungen vom cirkadianen Rhythmus, der beim Menschen hauptsächlich durch das Tageslicht bzw. Sonnenauf- und -untergang gesteuert wird, bspw. durch eine Verschiebung des Schlaf-Wach-Rhythmus, wie wir es von Schichtarbeitern als bekanntestes Beispiel kennen, haben deutliche Folgen für die physische und psychische Gesundheit.
Dicker, kranker, dümmer
Wussten Sie, dass Sie nach einer schlechten Nacht mit zu wenig Schlaf am Folgetag Ihren Grundumsatz um bis zu 160 Kalorien absenken? D. h., dass Sie dann weniger Energie verbrennen. Und was Sie nicht verbrennen, bleibt im Körper i. d. R. im Fettgewebe hängen. So ist es nicht verwunderlich, dass Menschen mit Schlafmangel und dem oft gesellschaftlich erzwungenen Ankämpfen gegen die innere Uhr, meist mehr mit Übergewicht zu kämpfen haben.
Bei unseren lieben Kindern konnte von der Lernforschung schon oft gezeigt werden, dass der Schulstart gegen den cirkadianen Rhythmus läuft. Bei Erwachsenen sieht es nicht viel besser aus. In den ersten 1-2 Schulstunden liegt die kognitive Leistungsfähigkeit deutlich unter der tatsächlichen, die bei den meisten Kids erst ab ca. der 3. Schulstunde ihren Peak erreicht. Auch konnte gezeigt werden, dass Kinder, die bspw. weite Anfahrten zur Schule haben und aufgrund dessen noch im Stockfinsteren aus dem Haus müssen, schlechtere Lernchancen und damit schlechtere Chancen in diesem aus dem militärischen Preussen, das funktionierende Arbeiter und Soldaten erziehen sollte, stammenden System haben. Hauptsache Schulverwaltung und Lehrerschaft können ihre Hintern früh nach Haus bewegen. Leider sind auch die Eltern wegen flächendeckend unflexibler Arbeitszeiten auf die frühen Schulbeginnzeiten angewiesen. Ein Dilemma, das entweder mit einer starken politischen Hand oder mit einer starken Volksbewegung abgeschafft werden sollte.
Ein Kompromissvorschlag: Warum nicht grundsätzlich bundesweit an allen Schulen in den ersten 1-2 Stunden Sport? Zu wenig Lehrer! 40.000 fehlen. Dank Politikchaoten! Na, ich melde mich freiwillig. Sicher fänden sich genug Trainer, die – natürlich auch gegen entsprechende Bezahlung – das Versagen der Politik wett machen würden. Nebst der kognitiven Leistung würden wir dann auch gleich ordentlich gegen den zunehmenden Bewegungsmangel intervenieren. Wie? Mehr Bewegungsmangel? Nichts davon gehört? Dann lesen Sie mal den aktuellen DKV-Bericht. Katastrophe!
In den ersten drei Tagen nach der Zeitumstellung steigt die Anzahl der Verkehrsunfälle sowie auch von depressiven Phasen und auch Herzinfarkte und Schlaganfälle. Aber glücklicherweise bleibt uns ja wohl in Zukunft zumindest die Umstellung erspart.
Krankheitsbilder, die mit einem gestörten Rhythmus in Zusammenhang gebracht werden, sind nebst Übergewicht und Adipositas, Depressionen, Arteriosklerose und seine Folgen Herzinfarkt und Schlaganfall, Krebs, Diabetes, neurologischen Störungen/Erkrankungen sowie Esstörungen u. v. w.
Gegen diese sich oft chronifizierenden Beschwerden nimmt man dann, sofern man gem. Onkel Doktor muss, Medikamente. Nun ist aber bekannt, dass von den 100 meist verkauften Medikamenten in den USA (Das Verkaufsranking sieht hier ähnlich aus) über 50% störenden Einfluss auf Prozesse der cirkadianen Rhythmik haben. Ein profitabler Teufelskreis tut sich auf! Und je länger der sich dreht, desto schwerer wird es, aus ihm auszubrechen.
MEZ – Die Gesellschaft sollte sich umorganisieren
Die MEZ war früher unsere Normalzeit. Es ging also schon mal. Zwischen 1950 und 1980, quasi ein wirtschaftlich goldenes Zeitalter (Wirtschaftswunder BRD), hatten wir keine Sommerzeit. Die Menschen kamen sehr gut damit aus. Sicher ist das nicht der einzige Grund dafür, aber schauen Sie sich doch mal Fernsehshows aus dieser Zeit an und achten Sie auf die Menschen, die dort im Publikum sitzen. Sehen Sie dort die 64% Übergewichtigen, die wir heute in Deutschland haben? Nein! Nochmal, es sind andere Zeiten gewesen und gesundheitliche Probleme entstehen durch mehrere Faktoren. Doch unser Umgang mit der Erdrotation bzw. den Lichtverhältnissen und das häufige Ankämpfen gegen unsere innere Uhr, ist ein gewichtiger dieser Faktoren. Die Sommerzeit wird diesen Umstand noch verschlimmern. Klar, wird es dann früher hell aber auch früher dunkel. Aber warum denn nicht zwischen Mai und August noch vor Arbeits- oder Schulbeginn, wenn´s kühl ist, die Hausarbeiten erledigen und dann nach Arbeit und Schule die Füße hochlegen oder die Freizeit gestalten? Warum nicht mehr Flexibilität für Eltern zum Wohle der Kinder? Warum an überalterten Standards festhalten? Die Gesellschaft hat sich gewandelt, aber die generellen Konstrukte leider NOCH nicht wirklich.
Ich wünsche Ihnen einen stets guten, erholsamen Schlaf
Ihr Personal Trainer und PNI Berater
Marc-André Huß
Guido Hunke Unternehmer-Tag Bodensee - Frühbuchertickets
Für den Unternehmer-Tag Bodensee haben sich über die verschiedenen Anmeldewege bis jetzt bereits über 50 Personen angemeldet - hiervon knapp 20 XING-Bodensee Mitglieder.
Sind Sie auch mit dabei? Aktuell gibt es noch ein paar Frühbuchertickets: https://www.xing.com/events/unternehmer-bodensee-ehrmann-vfb-stuttgart-referieren-1976473
Guido Hunke
Bernd Späth Über Job und Tennis.
Als es Kahlenborn nach allen Regeln der Kunst zusammenhaute, hatte niemand im Betrieb damit gerechnet. Sie kriegten ihn reanimiert, und nach zwei Wochen Intensivstation und drei Wochen auf Station schickten sie ihn erst nach Hause und dann in die Reha. Insgesamt war er ein halbes Jahr außer Gefecht, und er rechnete es seiner Firma hoch an, dass sie ihm nicht gekündigt hatte. Sie hielten ihm den Job frei, und als er den ersten Tag wieder antrat, gab es sogar ein kleines Fest für ihn, bei dem er vor Rührung Rotz und Wasser heulte. - Niemand kannte die Hintergründe, und so konnten sie nicht ahnen, wie sehr sie mit dieser Geste ins Schwarze getroffen hatten.
Der Chefarzt der pfälzischen Reha-Klinik, für den ich schon einige Vorträge gehalten hatte, hatte ihm meine Kontaktdaten gegeben und ihn mir per Mail avisiert. Es erschien ein Berg von Mittfünfziger, der physisch stabil wirkte, bei dem ich aber den Eindruck hatte, dass er sich psychisch irgendwie nur mit Mühe aufrecht hielt und dies durch ein betont „professionelles“ Auftreten zu überspielen suchte. Er komme, sagte er mir, um die „strategischen Defizite“ seines Zusammenbruchs aufzuarbeiten und „Lösungsstrategien zu erarbeiten“, damit ihm so etwas nicht nochmals passierte. Denn ein zweites Mal, so meinte er, würde die Firma ihm nicht den Job freihalten. – Eine Formulierung, die mich aufmerken ließ, es schien mir eine unbewusste Äußerung über sich selbst zu sein: Es ging demnach nicht um Veränderung, sondern um die Wiederherstellung reibungsloser Funktionsfähigkeit.
„Was treibt Sie an, so rücksichtslos mit sich umzugehen?“
„In der Wirtschaft muss man eben Leistung bringen.“
„Bis zum Defibrillator.“ Immer wieder erstaunlich, wie Menschen sich selbst betrügen können. Leistung als Daseinslegitimation. Ohne Leistung bin ich nichts. Nur durch Leistung kann ich meine Existenz rechtfertigen und mir Wert verschaffen. Denn ich bin weniger wert als meine Arbeit. – So viel zum Thema Selbstwert. Man glaubt es gar nicht, wie viel innerlich zutiefst verunsicherte Menschen auf Führungssesseln sitzen, angstgetrieben, mit perfekter Fassade.
Die nächsten fünfundvierzig Minuten wurden zu einem Referat über die Prinzipien der Marktwirtschaft. – Beginnt jemand allerdings sich in der Darstellung eines ich-fremden Themas festzubeißen, so ist höchste Wachsamkeit geboten: In der Regel deutet dies auf einen unbewussten Widerstand sich zu öffnen. – Ein Ablenkungsmanöver also, das auf Unsicherheit schließen lässt und auf die Angst, ein – noch – unbewusstes Thema anzugehen. Ich hörte erst mal zu.
„Ich muss gut sein. Ich darf nicht enttäuschen. Denn sonst verliere ich meinen Wert.“, sagte ich schließlich.
„Wie bitte?“ Mit einem Schlag war Kahlenberg rot angelaufen. „Was… was... meinen Sie?“
„Es sieht so aus, als hänge Ihr gesamtes Selbstwertgefühl daran, die Erwartungen Anderer zu erfüllen: Siehst du, ich bin doch etwas wert!“
Seltsamerweise kam er ins Stottern.
Oft muss man Verhaltensweisen vorsichtig anstupsen, die der Klient / die Klientin als selbstverständlichen Persönlichkeitsbestandteil betrachtet: „So bin ich, das hab ich noch nie anders gemacht.“ Nun sind wir ja alle – frei nach Wilhelm Reich – die „Summe unserer Reaktionsbildungen“. Fragwürdig wird es halt, wenn es zu massiver Selbstschädigung führt. In den weiteren Sitzungen kostete es einiges an behutsamer Frage- und Deutungskunst, bis Kahlenborn so weit war, seine Glaubenssätze in Frage zu stellen. Immer bedrückender jedenfalls wurde erkennbar: Da hatte jemand einen eisernen Zuchtmeister im Nacken, den nichts interessierte außer Disziplin/Leistung/Funktionieren/Ergebnisse.
Zusammenbruch? Nebensache! „Am Ende zählt die Punktzahl.“
Irgendwie ja verwirrend, dass ein intelligenter und gebildeter Mann an dieser Stelle einen weißen Fleck hatte. Noch verwirrender, dass er eine Überzeugung, die ihn fast das Leben gekostet hätte, mit äußerster Verbissenheit verteidigte: Er selbst war sozusagen der statistische Ausreißer, der durch sein „Versagen“ den allgültigen Glaubenssatz diskreditiert hatte. Das machte es nur noch schlimmer für ihn.
So etwas ist ein gutes Beispiel für die Richtigkeit der Aussage meines Hypnose-Ausbilders Richard Clarke: „Everybody is right. In everything he does. IN HIS OWN WORLD.“ – Bedeutet: Jeder ist subjektiv von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt, weil seine innere Welt sich nun mal so gebildet hat, einschließlich seiner Zwänge. Zu fragen ist nun allerdings: Wer oder was hat dazu geführt? – Kahlenborn meinte erst mal, darüber brauche man nicht zu reden, denn es sei alles in Ordnung. Allerdings wurde er zusehends fahriger.
„Wen dürfen Sie nicht enttäuschen?“ Es arbeitete in ihm. „Wer hat Sie so entwertet?“
Plötzlich legte er das Gesicht in die Hände.
Er blieb minutenlang still. Bis sein ganzer massiger Oberkörper sich zu schütteln begann und er bitterlich schluchzte.
„Entschuldigung!“, flüsterte er schließlich, als er sein Gesicht aus den Händen hob. Es war das Gesicht eines kleinen Jungen: unsicher, bittend, verstört.
„Also, was ist wirklich los?“, fragte ich leise.
„Kann ich nen Espresso haben?“
„Klaro.“
„Papa war Vereinsmeister.“, sagte er schließlich. „Tennisverein.“
„Mhm.“
„Er hatte da einen unmenschlichen Ehrgeiz.“
„Im Hinblick auf Sie?“
„Yip. Er bildete sich ein, ich müsste genauso gut werden wie er und später ein echter Tenniscrack. Profi. Das war sein Ziel. Dem hat er alles untergeordnet.“
„Es war SEIN Ziel. Dem hat er SIE untergeordnet.“
„Meine gesamte Kindheit. Nur Drill. Nur Schleiferei.“ Er rang nach Atem. „Nur Runter-gemacht-werden: ‚Ich bin sehr enttäuscht von dir! Du strengst dich nicht genug an!‘ Jeden Tag. - - Jeden Tag!“
„Und Ihnen war nie nach Tennis?“
Stumm schüttelte er den Kopf. Unsere Gespräche hatten einen Mann mit sensiblen und musischen Seiten gezeigt. Mit einer gewissen Zartheit sogar, die man bei diesem Riesenmannsbild erst einmal nicht vermutet hätte.
„Je-den Tag Training. Je-den Tag Anschiss. Je-den Tag Vorwürfe, dass mir die richtige Einstellung fehlt. - - Meine ganze Kindheit lang. Ich kam kaum dazu Kind zu sein.“
„Sie hatten seine Ansprüche zu erfüllen, sonst wandte er sich ‚enttäuscht‘ von Ihnen ab. Es ging nur um ihn. Ein reines Erpressungssystem.“
„Wir hatten eine Theatertruppe an unserer Schule. Als ich elf war, hätte ich da sooo gerne mitgemacht. Für ihn war das ‚Killefitz‘. Mein Vater machte seine Zustimmung davon abhängig, dass ich irgendein Vereinsturnier gewann. Ich hab´ nur den vierten Platz belegt, da war das Thema wieder mal gegessen. ‚Zur Strafe für dein Versagen!‘ Verstehen Sie? Ich hab ihn GEHASST dafür!“ Der ganze Mann bebte.
„Er hat Sie als Geisel genommen für sein eigenes Geltungsbedürfnis.“
Es gibt Väter, die aus lauter Egozentrik und Verbohrtheit die wertvollsten Seiten ihrer Kinder auszulöschen versuchen. Die Kinder werden zu Gefangenen der väterlichen Entwertungsängste.
„Als ich vierzehn war, hab ich wieder so´n wichtiges Match verloren. Da hat er erst eine volle Stunde mit mir herumgebrüllt, dann hat er mich hochoffiziell ‚aufgegeben‘ und mich aus seinem Training verstoßen und mir gesagt, dass ich seine ganze Mühe nicht wert war. Danach hat er zwei Wochen lang nicht mit mir geredet.“
Er weinte wie ein Kind. Ich weiß nicht, wie viele Klienten ich schon hatte, die vom Ehrgeiz oder den Ängsten ihrer Eltern buchstäblich zertrampelt worden waren. Kahlenbergs Schluchzen rüttelte den ganzen Mann durch. – Erinnerungen, so dachte man früher, seien im Gehirn gespeichert. Seit Bruce Lipton wissen wir, dass sie in jeder einzelnen Körperzelle abgespeichert sind: als Bilder mit den zugehörigen Gefühlen. Mir schien, als wollten Milliarden an Körperzellen sich nun gleichzeitig entladen.
„Noch´ n Espresso?“ Bittend hielt er mir die Tasse hin.
„Klaro.“
Es war ein Vulkanausbruch. Nun endlich begann er zu reden und zu reden und zu reden. Sportgeile Väter, die ihre Kinder missbrauchen, um sich selbst damit zu dekorieren. Stur, uneinsichtig, wichtigtuerisch, kalt. Und auch noch stolz darauf. Schon einmal hatte ich solch einen Fall gehabt, wo ein Manager die väterliche Kälte auf seine Mitarbeiter übertrug und das gesamte Betriebsklima ruinierte. Alles, was sich in über fünfzig Jahren in Kahlenberg aufgestaut hatte, brach sich nun Bahn. Das Wechselspiel zwischen fortwährender Demütigung, Angst zu enttäuschen und panischem Erfolgszwang, es zeigte sich wie unter Laborbedingungen. Und eine misshandelte Kinderseele forderte endlich ihr Recht.
Als die zwei Stunden zu Ende gingen, bat Kahlenberg darum, die Sitzung zu verlängern. Da es mir zeitlich möglich war, willigte ich ein. Für Kahlenberg war es das erste Mal, dass er über seine innersten Nöte reden konnte, und dass jemand sie annahm, ohne ihn dafür herunterzumachen. Es stellte sich heraus, dass auch seine eheliche Beziehung auf der Kippe stand, weil seine Frau sich darüber beklagte, sie komme nicht an ihn heran. Seine dritte Ehe.
„Sie wissen ja, wie das ist. Mit dem Schwäche-zeigen.“
„Ich vermute, Ihre Frau wäre glücklich, Sie zu sehen, wie Sie wirklich sind.“
Nach vier Stunden Sitzung, vier Espresso für ihn und zwei Cappuccino für mich waren wir beide wie ausgewrungen. Kahlenberg hatte viel geweint. Er wirkte befreit.
„Jetzt fahr ich nach Haus und red´ mit ihr. Das hat sie verdient.“
Es war Kahlenbergs Turning-Point. Zwischendrin schickt er immer wieder mal eine Mail.