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Andreas Reinhardt "Moby Dick" – Wo der Wahnsinn regiert …
Der Roman „Moby Dick“ von Herman Melville erschien erstmals 1851 und avancierte zu einem der bedeutendsten Prosawerke des 19. Jahrhunderts. Bis heute hat er nicht an Relevanz verloren, selbst wenn der Walfang seine zentrale Bedeutung längst eingebüßt hat und die mystische Verklärung der Wale wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen gewichen ist.
Ein Schlüssel des Erfolgs ist zweifellos die Erzählkunst, die, sich aus einer bestechenden Authentizität ableitend, geradezu alle Sinne des Lesers anspricht. Melville wurde 1819 in die Blütezeit des Walfangs und der Faszination für ferne Länder hineingeboren. Es kann somit nicht überraschen, dass er sein ungeschönt realistisches Weltbild ab dem siebzehnten Lebensjahr auf einem Frachter zwischen New York und Liverpool inklusive den Liverpooler Hafen-Slums sowie an Bord eines Walfängers schärfte.
Doch um der zeitlosen Faszination für diesen Roman konsequent auf den Grund gehen zu können, muss man sich fünf Leitmotiven zuwenden, die der Schriftsteller darin verarbeitet:
Zunächst einmal stehen die Weltmeere im Zentrum der Betrachtung, die sowohl die bekannteren Küsten Amerikas und Europas, als auch die entlegensten und noch unberührten Gestade Asiens und der Südsee miteinander verbinden. Das Meer als eigenständiger und geheimnisvoller Organismus, trotz grenzenloser Schönheit immer auch vom Geruch der Gefahr und des Todes umweht. Hier offenbart sich die Natur mit ihren Urkräften. Melville verengt das Motiv zunehmend auf die ungleiche Auseinandersetzung Mensch gegen Natur, die Jagd des Kapitän Ahab auf den weißen Wal – ein Kampf, den er am Ende mit der Vernichtung seines Schiffes „Pequod“, dem Tod seiner Mannschaft und mit seinem eigenen unrühmlichen Ende bezahlt.
Alles beginnt mit dem Ausspruch 'Nennt mich Ismael', womit bereits ein weiteres Leitmotiv eingeführt wird. Der biblische Name „Ismael“, der in der Genesis als zentrale Symbolfigur für arabische Nomaden und nomadisch lebende Einzelgänger fungiert, markiert im Roman eine ureigene Wesensart des amerikanischen Walfangs. Die Mannschaften rekrutierten sich aus Einzelgängern aller Länder, Religionen und Völker, die lediglich Abenteuer und Gewinnerwartung einte. Es waren solche, die den harten und entbehrungsreichen Jahren auf See standhalten konnten. Bezeichnenderweise macht Melville seinen Ismael zum unmittelbaren Beobachter und Erzähler seiner Geschichte. Und er offenbart uns eine weitere Wesensart. Auf amerikanischen Walfängern des 19. Jahrhunderts waren die Besatzungsmitglieder vom Indianer über den Europäer bis hin zum Schwarzafrikaner gleichgestellt. Lediglich Harpuniere und Steuermänner genossen neben dem Kapitän gesonderte Privilegien – jedoch ausschließlich aufgrund ihrer Position. Es zählten Disziplin, Fleiß und Geschick, nicht Hautfarbe oder Religion. Somit war ein solcher Walfänger Schmelztiegel der Welt und seiner Zeit weit voraus.
So macht Melville den am ganzen Körper tätowierten Südseeinsulaner Quiqueg zu einem ganz eigenen Hauptmotiv seiner Erzählung. Trotz oder gerade wegen dessen kulturellen Eigenheiten und der sich gleich zu Beginn ergebenden innigen Freundschaft zu Ismael, wird der vermeintliche Kannibale zum Sympathieträger, der die Handlung immer wieder bestimmt. Er wird Harpunier auf der Pequod, rettet selbstlos das Leben von Kameraden und offenbart durchweg einen ebenso ehrbaren wie naturnahen Charakter. Der offenkundige Kosmopolit Melville wischt damit etliche Klischees vom blutrünstigen unzivilisierten Wilden beiseite. Als Hauptgrund dafür darf man die persönliche Biografie des Schriftstellers vermuten, der tatsächlich von einem Walfangschiff inmitten der Südsee floh und in der Folge von Eingeborenen mit Respekt und Gastfreundschaft aufgenommen wurde.
Doch der eigentliche Protagonist des Romans ist der von Moby Dick eines Beines beraubte Kapitän Ahab. Verletzter Stolz und maßlose Rachsucht treiben ihn an. Er sieht seinen einzigen Daseinszweck nunmehr in der Vernichtung des weißen Wals, wobei er im Laufe der Handlung immer mehr dem Wahnsinn verfällt. Diese Entwicklung gipfelt in der Härtung seiner persönlichen Harpune mit Blut sowie der Aussage 'Ego non baptizo te in nomine patris, sed in nomine diaboli!' (Ich taufe dich nicht im Namen des Vaters, sondern des Teufels!). Das Leitmotiv Ahab entlehnte Herman Melville dem Kapitän eines Walfängers, dem er 1841 im Südpazifik begegnete. Dieser bärbeißig-hünenhafte Mann war nicht nur eine optische Steilvorlage, sondern er war auch Maat auf dem 1820 untergegangenen Walfangschiff „Essex“ gewesen – versenkt von dem berüchtigten weißen Potwal „Mocha Dick“.
Was nun das fünfte Leitmotiv betrifft, so ist dieses wohl das nachhaltigste für unsere derzeitige Welt. Auf den ersten Blick geht es um den Alltag auf einem Walfangschiff vergangener Tage, der geprägt ist von blindem selbstzerstörerischen Gehorsam. Sowohl bedingungslose Disziplin als auch dumpfe Obrigkeitshörigkeit sind jedoch auch Antriebsfedern unserer Tage. Und ein Kapitän, der seinen wahnhaften Allmachtsanspruch und seine Machtfülle rücksichtslos Untergebenen aufbürdet, ist ebenso auf Politik, Wirtschaft und Militär übertragbar.
Wie viele Ahabs herrschen derzeit wohl als Wirtschaftskapitäne, Generäle oder gar Staatenlenker? In diesem Sinne darf das eigene selbständige Denken niemals anderen überlassen werden, darf die Bereitschaft zum Widerstand und Aufbegehren niemals erlahmen.
So verstehe ich „Moby Dick“, so schöpfe ich aus diesem Meisterwerk.
Ihr / Euer
Andreas Reinhardt
Autor
http://www.verstand-ante-portas.de
Andreas Reinhardt
+16 weitere Kommentare
Letzter Kommentar:
Walter Haselsteiner
Ich habe jetzt das Buch gelesen und war phasenweise bzgl. der Langatmigkeit und des wie mir schien auch schwachen Stils enttäuscht. Rückwirkend betachtet muss ich Asche auf mein Haupt streuen. Mir scheint nun, dass mit den teils detaillierten Schilderungen des Wals bzw. Walfang das Thema eingekreist und immer mehr in den zentralen Strudel kommt, der dann ins furiose und auch sprachgewaltige Finale führt. Spätestens so um Seite 700 (meiner ca. 860 seitigen Ausgabe) war ich begeistert.
Ein Bild - wie ich es in der Skizze unten versucht habe stümperhaft zu zeigen, hat sich hinsichtlich der Erzählstruktur vor meinem geistigen Auge gebildet: das Orange ist der durchaus lebhafte, auch ironische Weg, bis Ismail und das Boot absegeln, dann die lange Fahrt mit immer wieder neuen Themen, aber der Leser spürt, das es einen immer näher an den Strudel heran führt. Und dann wird es intensiv, die Monologe verdichten sich immer mehr, bis es zum finalen Showdown kommt. Für mich war es wohl das wunderschöne, bildreiche, wortgewaltige Kapitel mit der Beschreibung des Zimmermanns, das mein literarisches Herz dann endgültige eroberte.
P.S. gekauft hat sich das Buch meine bald 15 jährige, lesebegeisterte Tochter, ich hatte es aber schon länger auf meiner Longlist, und mir nun reingezogen.... ;-)
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