Coaching: Jobprobleme und TiefenpsychologieCoaching: Jobprobleme und Tiefenpsychologie

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Bernd Späth
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Psychologische Hintergründe von Konflikten und Problemen im Job, zu finden im Forum "Essays von Bernd Späth"

Verleugnung ist eine der psychischen Abwehrstrategien. Sie blockiert unbewusst die Kenntnisnahme Unlust erregender Realität: Man wendet sozusagen den Blick ab, um eine Kränkung der Selbstwahrnehmung zu vermeiden, einen Bruch im eigenen Weltbild oder diverses anderes. Sie unterläuft Jedem*r von uns.

Mein Beitrag hierzu, humorig verfasst, hat Überlänge und passt nicht in den von Xing vorgegebenen Rahmen. Wer ihn also lesen will, sei herzlich eingeladen auf meinen Blog!

https://in-deep-coaching.de/2020/09/17/ueber-das-schwere-dasein-des-opernsaengers/

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ach, bald ist weihnacht, glaubt es mir,

mit glöckchen und schalmeien!

mit butterkeks und kerzelein,

das wird uns alle freuen!

oh, weihnachtsmann, komm bald zu uns,

und lass uns jublilieren.

ach, komm herein in uns´re stub´,

dann brauchst du nicht zu frieren!

und sternlein leuchten hell und klar,

wenn ich zum himmel schau.

nur heut, des sag i euch ganz frei:

Heut schwitz i wie a Sau!

(Spontangedicht bei 30°C)

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Bisweilen mag Donald Trump wie eine Slapstickfigur wirken, doch in Wirklichkeit ist er ein hochgefährlicher Krimineller: Analysiert man die Kontinuität seines Verhaltens seit 2016, so muss man zur bitteren Erkenntnis gelangen, dass er nicht ausschließlich von spontanen Impulsen gesteuert wird, sondern dass er mit verbrecherischer Kälte und Skrupellosigkeit einen langfristigen Plan verfolgt: Es geht ihm um nichts weniger als um die Implementierung einer Erbdynastie, mit der er seinen kriminellen „Vorbildern“ Putin, Kim Jong-Un, Erdogan und anderen folgen würde. Demokratische Institutionen werden so lange öffentlich diskreditiert, bis man sie im Handstreich beseitigen kann. Wahlen werden im Vorfeld als Betrug diffamiert, womit gängiger Praxis in Ein-Mann-Diktaturen entsprochen wird, siehe Lukaschenko und andere. – Verräterisch daher seine jüngste Äußerung, nach der nicht Kamala Harris Präsidentin werden solle, sondern Töchterchen Ivanka. So folgt er seinem urkriminellen Verhaltensmuster, sich anzueignen, was er besitzen möchte, um es nie wieder herzugeben, nicht anders als ein Fahrraddieb. Und so auch erklärt sich seine hündische Anbiederei an Despoten, Diktatoren und Massenmörder: Sie haben verwirklicht, was er selber erst noch „leisten“ muss.

Anfang der 90er Jahre las ich William Salisbury´s Roman „The American Emperor“. Darin beschreibt Salisbury schon 1913 mit seherischer Qualität, wie ein ehrgeiziger und skrupelloser Armeekommandeur sich Schritt für Schritt die gesamten USA unter den Nagel reißt. Es ist genau das, was wir heute erleben.

https://www.amazon.de/American-Emperor-Novel-Classic-Reprint/dp/1330197577/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&dchild=1&keywords=william+salisbury&qid=1599393352&sr=8-1

Donaldo Trumpolini also ist nicht gekommen, um dem amerikanischen Volk eine Wahlperiode lang zu dienen, sondern um zu bleiben und das Land zu seinem und dem seines Clans zu machen. Bürgerkrieg ist ihm keine Horrorvorstellung, sondern erwünschtes Mittel, sich an der Macht zu halten und politische Gegner zu reduzieren. Wir werden aufregende und gefährliche Wochen erleben, – nicht vor der Wahl, sondern erst hinterher.

Nur glaube ich, wenn EIN Volk sich überhaupt nicht eignet für Diktatur, dann ist es das amerikanische. Sein Freiheitswille mag bisweilen bizarre Wege gehen, am Ende jedoch ist er niemals zu brechen. Noch weniger wird die US-Armee sich für seine Verbrechen hergeben, dafür ist sie zu stolz. Ob es am Ende aber ohne Blutvergießen abgehen wird, bleibt offen. Trump traue ich zu, dass er sich mit einer Handvoll seiner blinden Lakaien im Oval Office bewaffnet verschanzt.

Die Demokratie als Verfassungsprinzip geht ihrer härtesten Prüfung seit Hitler und Stalin entgegen. Am Ende wird sie sich behaupten, wenn auch mit Blessuren.

....."ich war noch niemals in new york" ( musical )......haben das die "führenden Herren" , zumindestens die in New York, nicht alle so an sich gehabt...?

Es war kein einfacher Gang, als ich Ende Juni dieses Jahres die Trauerrede für meinen langjährigen Freund Claus Biederstaedt halten musste. Zehn Tage vor seinem 92. Geburtstag war er gestorben, und schon kurz vor seinem 90. Geburtstag hatte er mich gebeten: „Bernd, wenn ich mal gehe, würdest du ein paar Worte für mich sprechen?“ Mir wurde klamm, doch selbstverständlich sagte ich zu, denn ich mochte ihn wie selten einen.

Claus Biederstaedt war eine Legende des deutschen Nachkriegsfilms und -theaters. Die 16jährige Romy Schneider erhielt ihren ersten Filmkuss von ihm, stürzte danach aufgelöst weinend in ihren Wohnwagen, und nur Claus durfte bzw. sollte zu ihr. In deutschen Filmproduktionen war er, besonders zu Anfang, auf dämliche „Mamas Liebling“-Rollen festgelegt, die er später ziemlich ätzend kommentierte. Als er einem Filmproduzenten, der ihn für die nächste Sunnyboy-Rolle unter Vertrag nehmen wollte, auf einem gemeinsamen Flug nach Hamburg absagte, rastete der lautstark aus: „Ich mach dich fertig! Ich sorg´ dafür, dass du nie wieder eine Rolle kriegst! Wer bist du denn schon?!“ Da kam von rechts eine Faust und stoppte erst kurz vor der Produzentennase: „Hier! Willst du die kennen lernen?“ – Die Faust gehörte Hans Albers, der den jungen Kollegen schon früh ins Herz geschlossen hatte.

Umso mehr zeigte Claus seine schauspielerische Potenz in zahlreichen anspruchsvollen Fernsehrollen, und in seinem letzten Theaterstück stand er über 1400 (!) mal auf der Bühne. Seine Regiearbeiten fanden großen Beifall, und schließlich reüssierte er als Synchronsprecher: Inspektor Columbo genauso wie Marlon Brando in „Der letzte Tango in Paris“, eine Meisterleistung! Von Loriot bis zu Joopi Heesters reichte sein Freundeskreis. Heesters hätte seine Simone Rethel nicht gefunden, wenn Claus sie ihm nicht vorgestellt hätte.

Er war ein Mensch, der eine*n sofort berührte, denn mit seiner Wärme gewann er eine*n ebenso schnell wie mit seiner Aufrichtigkeit. Nicht zuletzt aber beeindruckten mich seine unglaubliche Willensstärke und Zähigkeit: Als man ihm nach einer Krebserkrankung zwei Drittel der Zunge amputierte, war es sehr schwierig, ihn zu verstehen. Ihn hinderte das nicht, noch jahrelang Schauspielunterricht zu geben. Ein paar Jahre später verlief die Unterhaltung mit ihm wieder fast normal. „Ich hab jeden Tag trainiert. Wär´ ja jelacht!“ Preußische Disziplin schimmerte hindurch. Zu seinem 90. Geburtstag informierte ich die Medien, denn ich wollte, dass er nochmals richtig gefeiert würde. Eine Redakteurin der BILD meinte anlässlich zu ihm: „Im Gesicht sehen Sie einfach blendend aus!“ „Im Jesicht fehlt mir ja nischt!“ - Sturschädel bis zum Schluss. Stets blickte er voller Dankbarkeit zurück: Will Quadflieg, ein Titan des Nachkriegstheaters, hatte sein Talent erkannt und ihn nach Kräften gefördert. Nicht anders Josef Offenbach und Josef Dahmen. Als „Charleys Tante“ in Berlin Premiere hatte, war der Kudamm gesperrt und schwarz vor Leuten, die ihn, Heinz Rühmann und Walter Giller im offenen Kabrio bejubelten.

Kann man sagen, dass er den Deutschen half, nach ihren ganzen Kriegsgräueln seelisch wieder Tritt zu fassen? Er jedenfalls verkörperte die positive Seite der Sache, und das hieß: Frauenschwarm. Auch bei mir zu Hause lief es so ab: Sobald er auf dem Schwarzweiß-Bildschirm auftauchte, stöhnte meine Stiefmutter brünstig auf. „Aaaaach, daaaassss ist ein Mannnnn!“ – Worauf mein Vater wütend bellte: „Dann gehst halt hin zu ihm, wenn er gar so schön is!“ Hinterher war jedes Mal eisiges Schweigen im Raum.

Ein von den Göttern Geküsster also? Einer, der stets auf der Sonnenseite des Lebens wandelte?

Zumindest bei seinen ersten Jahren im Pommerschen Stargard wird man von einer behüteten Kindheit sprechen dürfen. Ein Musikerhaushalt, die Mutter liebevoll, Vater und Großeltern nicht minder. Illustre Gäste, darunter das Flieger-As Ernst Udet, der den Kleinen sogar einmal mit sich hoch in die Luft hinauf nahm. – Nur, der Krebs, den die Nazis ins Leben der Deutschen gestreut hatten, breitete sich mit Windgeschwindigkeit aus, und als Claus fünfzehn (!) war, erwischte es ihn: Sie machten ihn zum Flakhelfer. Dabei jedoch blieb es nicht, denn da die Wehrmacht ein ums andere Mal „siegreich unsere Stellungen geräumt“ hatte – Originalton damals -, rückte die sowjetische Armee immer näher. Claus Biederstaedt und seine neun Klassenkameraden wurden, gerade mal sechzehnjährig, an die Ostfront geschickt, als letzte Reserve des „Führers“, der sein Volk nach besten Kräften in Verbrechen und Untergang führte. – Schon in den ersten Tagen musste er zusehen, wie seine neun Freunde ihm links und rechts weggeschossen wurden. Nach einer Woche Fronteinsatz war er der einzige Überlebende des kleinen Trupps. In einem der riesigen Flüchtlingstrecks, die vor den herandrängenden Russen um ihr Leben liefen, versuchte er nach Westen zu kommen.

Als wäre dies nicht längst genug für ein sechzehnjähriges Bürschchen, traf ihn schon die nächste Tragödie: Seine Mutter schloss sich einem anderen pommerschen Flüchtlingstreck an. Unterwegs hörte sie, die Truppe um Claus sei aufgerieben worden, und so glaubte sie, auch ihr Sohn sei unter den Toten. Sie ertrug den Schmerz nicht und vergiftete sich mit Zyankali. So landete sie anonym irgendwo in einem Massengrab.

Nach endloser Odyssee fand der junge Claus seinen Vater in Norddeutschland wieder.

Ich erlaube mir einen Exkurs: zu den düsteren Erinnerungen meiner Kindheit gehören die zerbrochenen Männer an den Biertischen, die uns Vier- bis Sechsjährigen immer und immer wieder erzählten, wie „der Russ´“ ihre Kameraden massakriert habe, mit Gewehrkolben erschlagen, mit dem Flammenwerfer lebendig verbrannt; wie einer der Ihren, „e jung´s Bürschle“ mit einem Bauchschuss draußen lag und zwölf Stunden brüllte, bis er stumm wurde, „ond mir hent net rauskönnet ihm helfe, weil d´r Russ´ soofort mit´m MG, tack-tack-tack-tack-tack!“ Und, und, und… - - Auf diese Weise kamen die Kriegsgräuel zu uns Kindern. Oft erschauderte ich nicht nur vor den beschriebenen Grausamkeiten, sondern auch vor dem ungeheuren Schmerz und Hass zugleich, die in diesen Männern wüteten, - die im Trauma gefangen seelisch längst vor die Hunde gegangen waren.

Claus ging einen anderen Weg, er griff sich das Leben mit beiden Händen und entschloss sich nicht nur, etwas daraus zu machen, sondern den Menschen zu geben, so viel er nur konnte. Tatsächlich hatte er am Ende seines Lebens vollbracht, was damals nur Wenigen gelang: den Schrecken eines Blutbads umzuformen in eine positive Kraft. Aus dem Leben alles herauszuholen, was es ihm zu geben bereit war. Das so Erworbene aber nicht für sich zu behalten, sondern es weiterzugeben an sein Publikum, das er so sehr liebte wie es ihn.

„Die Triebsublimierung ist ein besonders hervorstechender Zug der Kulturentwicklung, sie macht es möglich, dass höhere psychische Tätigkeiten, wissenschaftliche, künstlerische, ideologische, eine so bedeutende Rolle im Kulturleben spielen. Wenn man dem ersten Eindruck nachgibt, ist man versucht zu sagen, die Sublimierung sei überhaupt ein von der Kultur erzwungenes Triebschicksal. Aber man tut besser, sich das noch länger zu überlegen.“ So schreibt es Freud, und er meint letztlich damit, dass „niedere“ Instinkte und Regungen umgeformt – also erhöht – werden können zu gesellschaftlich anerkannten. Das mag so sein. Noch bewundernswerter allerdings ist ein Mensch, der schwerste Traumatisierungen aus seiner Jugend hinter sich lässt, ohne sie zu vergessen, und der den Beweis dafür liefert, dass man tatsächlich aus Dreck einen Tempel bauen kann.

„Peter Levine konnte zeigen, dass die traumabedingte Notfallreaktion des „Einfrierens“ (die letzte Überlebenschance, wenn Kampf und Flucht unmöglich sind) den Zustand der Handlungsunfähigkeit festschreibt, wenn nicht nach der Bedrohung eine abschließende Handlung möglich ist und damit die Wiedergewinnung der Handlungsfähigkeit (Motion). Hirnphysiologisch ist nunmehr die Einordnung des Geschehens auf der Zeitachse als vergangen möglich. Nun stehen auch wieder hirnphysiologisch jüngere Fähigkeiten zur Verfügung.“ (Ärztezeitung vom Oktober 2015).

Bei Claus Biederstaedt war nichts mehr eingefroren. Er hatte seine Handlungsfähigkeit ohne externe Hilfe zurückgewonnen, seine traumatischen Erfahrungen buchstäblich zu etwas Großem veredelt und eine tiefe, warme Heiterkeit zurückgewonnen. Ich vermutete, dass er diese Stärke in der Geborgenheit seiner frühen Jahre gefunden hatte. Und so führte ich diese Gedanken in meiner Ansprache zu seinem 90. Geburtstag aus und leitete gerade aus der Verarbeitung des Unverarbeitbaren seine Fähigkeit ab, sich der Buntheit des Lebens ohne jede Gier zuzuwenden und Menschen in wenig mehr als einem Atemzug für sich zu gewinnen. Offensichtlich funktioniert es dann, wenn zur Bewältigung noch Dankbarkeit kommt.

Als ich endete, blickte ich auf Claus, der neben mir saß, die Ellenbogen auf dem Tisch, sein Gesicht in den Händen, und er weinte wie ein Kind. Kaum hatte ich geendet, flog er mir tränenüberströmt in die Arme, und mir war, als würden all die Hilflosigkeit, die Verlassenheit, die Verzweiflung der damaligen Situation nun plötzlich in ihm lebendig. „So hat mich noch nie jemand beschrieben!“, schluchzte er, während er sein Gesicht an meiner Hemdbrust barg. Auch meine Stimme wurde ziemlich schwammig, und nicht zum ersten Mal spürte ich tiefe Dankbarkeit für diese Freundschaft.

Große Menschen erwachsen aus großen Belastungen und großen psychischen Leistungen. Vielleicht sind es gerade die emotionale Verflachung und die Vordergründigkeit unserer Zeit, die uns von Kultur bis Politik reichlich Mittelmaß bescheren und und uns nur ganz selten noch Persönlichkeiten von überragender menschlicher Statur erwachsen lassen. Eine Gesellschaft von Bestandsverwaltern sind wir geworden.

Ich vermisse meinen Claus.

Sehr berührend und informativ ihr Beitrag Herr Späth. Es sind wenige Menschen, die nicht nur Freund, Mentor sondern wirkliche Lebensgefährten sind. Und ja, sie fehlen schmerzlich wenn sie gehen. Jedoch klingen sie in uns und sind spürbar anwesend in unseren Gedanken und Handlungen.
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Als ich 2002 meinen Roman „Trümmerkind“ veröffentlichte, bekam ich begeisterte Pressekritiken. Angefangen hatte es mit einer Hymne des ehemaligen SPD-Generalsekretärs Dr. Peter Glotz im Zürcher Tagesanzeiger, - eines der brillantesten Intellektuellen, die diese Partei jemals hatte. Es folgten Rundfunk- und TV-Interviews, und Europas größte jüdische Website „hagalil“ feierte das Buch ebenfalls begeistert. In meiner Heimatstadt Fürstenfeldbruck allerdings war man nicht so angetan: Nach 30 Jahren Bonn frisch zugezogen, wurde ich mit einer Hetzkampagne der Lokalmedien begrüßt. Türschilder wurden abgerissen, der Zaun angekokelt, Flaschen aufs Grundstück geworfen; dann folgten anonyme Briefe und Telefonanrufe. Da sich auch eine externe Nazi-Truppe draufsetzte, die sich durch den hagalil-Artikel „als deutsche Väter und Mütter beleidigt“ gefühlt hatte und mir androhte, ich würde demnächst „vom Baume hangen“, schaltete sich der Staatsschutz ein, und ich bekam einen Waffenschein. Jahrelang ging ich nur mit durchgeladener Beretta aus dem Haus, nachts schlief ich mit der entsicherten Waffe auf dem Nachttisch. – Man kann mich schon mal verletzen, aber auf die Knie kriegt man mich so nicht.

Kernelement des Romans war, dass ich als kleiner Junge von einem jüdischen Viehhändler in der Wirtschaft gegenüber hörte, den die SA abgeholt hatte. „Mei, den haben damals auch die Nazi mitg´nommen, da hat ma´ dann nix mehr g´hört. Des war halt so die Zeit.“ - Es war ja eh bloß „a Jud´“. – Tatsächlich kostete es mich enorme Mühe, herauszufinden, was mit ihm geschehen war, ich beschrieb es am Schluss meines Romans: Der Arme, der niemandem etwas zuleide getan hatte, hieß Picard. Er wurde von acht SA-Leuten unter Führung des SA-Hauptsturmführers Ertl festgenommen. Ein örtlicher Kohlenhändler, beschrieben als primitiv, dumm und extrem gewalttätig, - also bestens geeignet für die SA. Er hatte die Gunst der NSdAP erworben, indem er an den Eingang seiner Kohlenhandlung ein Schild gehängt hatte: „Für Juden verboten!“ – In Fürstenfeldbruck gab es damals ganze drei (!) Juden.

Einer war der Viehhändler Picard. Die SA schleppte ihn in Ertls Kohlenhandlung, dort schlugen ihn die acht Mann neun Stunden lang mit Gewehrkolben zusammen, bis er ein wimmernder Fleischbrei war. Dann warfen sie ihn auf Ertls Lastwagen und fuhren die Hauptstraße hinauf zum örtlichen Gefängnis, wo sie ihn über Nacht einsperrten. - Ärztliche Hilfe erhielt er keine. Nächsten Morgen verfrachteten sie ihn ins KZ Dachau, wo die SS ihn ermordete.

„Ja mei, so wie ma´ in den Wald hineinruft, so kommt´s auch wieder raus, ned wahr!“, erklärte mir ein alter Parteigenosse später einmal. „Wenn der Jud´ bloß amal mit´m Hetzen aufhört, dann tut ihm keiner was! Aber er hört ja net auf mit´m Hetzen, da braucht er sich net wundern, dass der Hitler irgendwann narrisch worden is!“

Jedenfalls hatte ich in Fürstenfeldbruck eine gefeierte Lesung, zu der man anfangs fünfzig bis siebzig Zuhörer erwartet hatte. Tatsächlich wurden es über zweihundertfünfzig. Die Kleinbürger und Ewiggestrigen waren wütend, die anderen dafür umso begeisterter. Als man dem örtlichen Theaterchef aus höchsten lokalpolitischen Kreisen mitteilte, „Mir macha dir dein Theater kabutt, wennst du ein Stück von dem spielst!“, verließ ich die Stadt wieder.

Als kleinen Jungen hatte es mich unglaublich beschäftigt: Da holt man einen einfach so aus der Wohnung und macht ihn tot? Nur weil er „a Jud´“ war? Einer von dreien? Was soll an denen so schlimm gewesen sein? Oder war´s einfach „nur so“ gewesen, quasi zum Spaß? Es wollte mir nicht in den Kopf. Auch fünfzig Jahre später noch nicht. Ich versuchte mehr herauszufinden, doch niemand hatte den Picard je gekannt.

Im westlichen Landkreis lebte eine Großtante von mir, die ich innigst ins Herz geschlossen hatte. Eine herzensgute Bauersfrau, die ein schlichtes und gottgefälliges Leben geführt und mit ihrem Mann fünf Kinder zu grundanständigen Menschen erzogen hatte. Sie strahlte eine solche Güte aus und nahm das Leben und auch den späteren Tod ihres Ehemannes mit solcher Demut, dass ich sie für die einzige Heilige hielt, der ich in meinem Leben begegnet war. So oft ich aus Bonn herunterkam, besuchte ich sie, und nach meiner Rückkehr sahen wir uns jede Woche. Die inzwischen Siebenundachtzigjährige war fit wie ein Turnschuh, auch wenn der neunzigjährige Gatte sich kurz vor seinem Tod bei mir bitterlich beschwert hatte: In einem Moment der Unachtsamkeit habe sie zusammen mit einer Ladung Kartoffelschalen „meine Zähn´ ins Feuer einig´schmissen!“ Da wäre ich ja auch narrisch geworden.

Als ich wieder einmal bei ihr saß, kam mir plötzlich ein Gedanke. Konnte es sein, dass sie als junge Bauersfrau den Picard noch gekannt hatte? Bauern und Viehhändler, das war doch nicht ausgeschlossen? Ich gab mir einen Ruck und fragte sie.

„Ja mei, der Picard! Ja freilich hab i den ´kennt!“, lächelte sie selig. „Der hat ja als Einziger ein Auto g´habt!“ (In Fürstenfeldbruck gab es damals nur drei Autos.) „Da haben mir als Kinder immer mitfahren dürfen, - meiii, des war schööön!“ Selten hatte ich sie so strahlen gesehen. „‘Geh weiter, G´vatter!‘, hat er immer g´sagt! ‚Geh weiter, G´vatter!‘ Wenn er halt einen Handel machen wollt´. - - Mei, mir sind ihm als Kinder immer schon entgegeng´laufen, und dann hat er uns einsteigen lassen, und dann is er mit uns a bissl g´fahren. Da haben mir uns jed´s Mal soooo g´freut!“ - - Für mich war es ein tief ergreifender Moment: meine bisher nur auf Papier existierende Romanfigur war plötzlich zu einem richtigen Menschen geworden, und noch dazu zu einem richtig netten! Obwohl er ein Jud´ war, gell?

Da also saß die alte Tante Ernie mit ihrem zerfurchten Gesicht, gabelte ihren Aprikosenkuchen und erzählte und erzählte und erzählte. Ich mühte mich um Beherrschung, denn der Picard wurde lebendiger und lebendiger, und es war, als stünde er mitten bei uns im Raum. – Tat er aber nicht. In Dachau hatten sie anfangs kein Krematorium. Ich vermutete, sie hatten ihn mit anderen Ermordeten auf einen Haufen geworfen, Benzin drüber und angezündet. Ich schalt mich einen Dummkopf, dass ich nicht früher darauf gekommen war, die alte Ernie zu fragen.

Die Ernie saß, und an ihrem Gesicht sah ich, dass glückliche Erinnerungen sie überfluteten. „Ja mei… des Auto vom Picard…“ seufzte sie verklärt. „Sooo schön war´s…!“

Mir steckte ein Kloß im Hals. „Weißt du, was die mit dem gemacht haben?“

Sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Warum?“

„Dass der von der SA abgeholt wurde?“

„Ja mei… da hat ma´ schon amal g´redet… Aber nix G´naues hat ma´ ja nie g´hört…“

„Du weißt nicht, was mit dem passiert ist?“

„Hinaus´tan werden sie s´halt haben.“ Sie machte eine unbeholfene Handbewegung nach draußen. Irgendwo dort draußen, wo der Rauch vom Picard sich in der Luft verteilt hatte.

„Wo… hinaus, meinst?“

„Ja, ´naus halt! Da! ´naus!“ Wieder wedelte die Hand zum Fenster.

Ihre Züge hatten sich verändert, wirkten überfordert. Als hätte ich an etwas gerührt, das unbedingt in Ruhe gelassen werden sollte.

„I versteh dich net.“

„Ja… naus halt! Naus… da, wo s´her´kommen sind!“

„Her´kommen ist er aus Fürstenfeldbruck. Aber da ist er nicht mehr.“

„Naaa…“, wand sie sich unbeholfen. „Da ´naus halt! Da wo s´halt her´kommen sind! Halt ´naus!“ Ihr Gesicht war aschfahl.

„Ach so, du meinst nach Israel?“

„Jaaa, freilich! Da sind s´doch her´kommen!“

„Damals gab´s noch kein Israel.“

Sie schaute mich verzweifelt an.

„Also!“, sagte ich und erzählte alles, was ich wusste.

Als ich endete, war sie auf dem Stuhl zusammengesunken und bewegte mit verzerrten Zügen den Kopf hin und her. Dann sank ihr Kinn auf die Brust, und in ihrem Gesicht gingen Sturzbäche zu Boden, es schien überhaupt nicht mehr aufzuhören.

„O mei!“, seufzte sie schließlich. „O mei o mei o mei o mei!“

„Abwehr“, so beschreibt es der Berliner Psychosomatiker Prof. H.H. Studt, „ist die Gesamtheit der unbewussten psychischen Vorgänge, die vor gefürchteten oder verpönten Triebimpulsen oder Affekten schützen sollen. Grundsätzlich kann jeder psychische Vorgang und jedes Verhalten zu Abwehrzwecken benutzt werden. Außerdem verfügt das Ich über besondere unbewusste Verhaltensweisen, die sogenannten Abwehrmechanismen.“ Einer davon ist die Verdrängung, die sich auf die Zurückweisung von innen kommender Impulse richtet: Scham, Schuld, Schmerz zum Beispiel. Die Verdrängung konstituiere eine anfängliche Spaltung des Seelenlebens in die Bereiche des Bewusstseins und des Unbewussten, postuliert es Freud, so dass im psychoanalytischen Sinne das „Nichtwissen“ der Tante ein „Nichtwissenwollen“ darstellt. Nicht anders wird man wohl Ernies hilfloses und immer hektischeres Arme-Rudern deuten können: Der innere Druck wurde so stark, dass die zugrundeliegenden Erinnerungen und Gefühle förmlich „mit Händen zum Fenster hinausgeschoben“ werden sollten. – Denn Ernie wollte nur die positiven Erinnerungen an den Picard durchleben. Die anderen, - und offensichtlich hatte sie mehr gewusst, als ihr selber bewusst gewesen war, - hatte sie weggesperrt.

Alexander und Margarete Mitscherlichs Diktum von der „Unfähigkeit zu trauern“ reichte weit über die alte Ernie hinaus. Eine ganze Tätergeneration lebte nach dem Krieg das Motto „Tue Recht und scheue niemand!“. Wobei Recht tun bedeutete: Sich in das System kollektiver Verdrängung einzufügen und die psychischen Verheerungen kollektiver Täterschaft und kollektiver Bestürzung - über das Tatausmaß und über die Zerstörung des eigenen Landes als Brutstätte all dieser Perversionen - gemeinsam zu kompensieren. So entstand das Credo der deutschen Nachkriegszeit: Leistung!

In Fürstenfeldbruck gab es eine Lettow-Vorbeck-Straße, die erst 2009 umbenannt wurde, als man sich endlich damit auseinandersetzte, wie dieses Monstrum eines deutschen Militärs in Afrika gewütet hatte. Sie heißt jetzt „Zum Krebsenbach“. – Eine Picardstraße gibt es immer noch nicht. Die Mörder sind seit jeher attraktiver als die Opfer.

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