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Filmkritiker

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Alexander Kiensch Jurassic World 2
Eine der berühmtesten und einträglichsten Blockbuster-Reihen des modernen Hollywood-Kinos geht in die nächste Runde: Der insgesamt fünfte „Jurassic“-Film über die Folgen künstlich erschaffener Dinosaurier und ihres Aufeinandertreffens mit den Menschen dürfte erneut für volle Kinosäle und Kassen sorgen. Inhaltlich setzt er jedenfalls punktgenau am Ende des Vorgängers an: Die verwilderte Dinosaurier-Insel droht von einem Vulkanausbruch zerstört – und damit die geklonten, einzigartigen Tiere erneut ausgerottet – zu werden. Während Politik und Wissenschaft noch darüber debattieren, ob man hier für viel Geld eingreifen oder der Natur ihren Lauf lassen sollte, macht sich ein Team aus Forschern, Abenteurern und Söldnern auf den Weg, um so viele Spezies wie möglich zu evakuieren. Aber natürlich sind zum einen die Dinosaurier selbst eine nicht zu unterschätzende Gefahr und zum anderen nicht jedes Motiv, die Tiere zu retten, so edelmütig, wie es scheint.
Mit einem für Blockbuster dieses Formats durchaus erwartbaren, gewaltigen Aufwand an Settings, Technik und Spezialeffekten erzeugt auch „Jurassic World 2“ ein temporeiches Überwältigungs-Feeling, das mit zahllosen Riesen-Dinos, krachender Action und rasanter Handlungsentwicklung für Unterhaltung sorgt. Im Gegensatz zu anderen Action-Reißern dieser Größenordnung – man denke etwa an die „Transformers“-Reihe – bleibt hier aber durchaus genug Zeit für eine kluge Einbettung der Oberflächen-Aktion in eine faszinierende Hintergrund-Story. Schon die ethische Diskussion um die Verantwortung des Menschen für seine Schöpfung fällt spannend und vielseitig aus – darf man hier wirklich der Natur ihren Lauf lassen oder sollte man mehr Aufwand betreiben, um den Tod von Lebewesen zu verhindern, die ohne den Menschen gar nicht mehr existieren würden? In diesem Rahmen fällt auch der viel diskutierte Gastauftritt des „Jurassic“-Urgesteins Jeff Goldblum aus, wenn auch leider viel zu kurz und irgendwie unpassend eingezwängt.
Auch bleibt sich die Reihe in ihrem sarkastischen Hinweis auf die moralischen Unzulänglichkeiten der Spezies Mensch treu. Gier, Egozentrismus und Machtwahn sind seit dem legendären Erstling von Steven Spielberg die immer wieder alten Gründe für das krachende Scheitern der Agierenden ihren eigenen Kreationen gegenüber. Auch hier wird eine so spannende wie clevere Parabel auf Artenschutz und durch Menschen verursachtes Tierleid erzählt – wobei den beiden „Jurassic World“-Filmen eine gewisse Akzentverschiebung im Vergleich zu den „alten“ Teilen zu attestieren ist: Die Sympathie der Erzählung wird immer eindeutiger auf Seiten der Dinosaurier gelegt, die Menschen, die einst als ums Überleben kämpfende Helden inszeniert wurden, werden immer mehr zu vorrangig böswilligen Antagonisten. Ein interessanter Schwerpunkt, der immer wieder Raum für kritische Reflexionen und Metaphern öffnet.
Aber natürlich gibt es auch hier heldenhafte menschliche Akteure – wie könnte es in einem Hollywood-Blockbuster auch anders sein? Chris Pratt etwa, der nicht nur noch dramatischere Stunts zu überstehen hat – etwa den Sturz von einer Klippe, halb gelähmte Flucht vor heranfließender Lava oder gar den Sprung durch ein aufgerissenes T-Rex-Maul – sondern einmal mehr den charismatischen, im altmodischen Sinn männlichen Draufgänger geben darf. Im Zusammenspiel mit Bryce Dallas Howard als tougher Managerin und Saurier-Retterin sorgen sie für die richtige Prise Romantik und Sexappeal und geben ein wirklich tolles Leinwandpaar ab.
Dramaturgisch fällt besonders im direkten Vergleich mit dem Vorgänger auf, dass der Action-Anteil erstaunlicherweise etwas zurückgefahren und auf beinahe punktuelle Szenen verschoben wurde. Zwar klotzt diese Action dann ganz besonders – vor allem beim spektakulären Vulkanausbruch – dennoch wird sich hier wirklich viel Zeit für Charaktere und Entwicklung der Handlung genommen. Und für das Finden großartiger Bilder: Ob ein verzweifelter Brachiosaurus, dessen Silhouette sich im Vulkanrauch auflöst, der Ritt auf einem fixierten Tyrannosaurus oder das mitunter an Horrorfilme erinnernde Finale mit dem wieder mal kreuz und quer gezüchteten Indoraptor – mehrmals dürfte hier für Gänsehaut und intensive Emotionen, von Trauer bis Angst, gesorgt sein.
Auch wenn „Jurassic World 2“ also ein wenig zu glatt poliert vom Fließband rollt, nicht jeder Handlungssprung dramaturgisch gelungen erscheint und einige arg unrealistische Details auftauchen, ist auch der fünfte Film der Reihe ein enorm unterhaltsames Stück Popcorn-Kino, das mit brillanten Effekten, einer vergleichsweise tiefgründigen Story, sympathischen Figuren und auflockerndem Humor zu überzeugen weiß. Und auch wenn sich manche Klischees hartnäckig halten – die Bösen werden am Ende halt gefressen – werden andere Erwartungen dafür mit ironischen Brechungen gekonnt unterlaufen. Das alles mit immer wieder faszinierenden Bildern und Kamerafahrten, einem grandiosen Soundtrack und einer Unmenge an genial getricksten Dinosauriern – fertig ist der Sommer-Hit für alle großen und kleinen Urzeit-Fans.
Martin Rudolph Auguste Rodin: Missglücktes Porträt
Biografisches über bildende KünstlerInnen hat Konjunktur im Kino: Turner, Schiele, Cezanne, Klimt, Lou Andreas-Salome, Paula Becker und Giacometti waren unter den zuletzt Dargestellten. Filme über Bildhauer sind eher selten, umso spannender der Versuch, sich einem der bedeutendsten Bildhauer filmisch zu nähern.
Rodin, 1880 als Künstler mit 40 Jahren arriviert, hat seinen ersten öffentlichen Auftrag erhalten – die Bebilderung von Dante’s Inferno. Der Film konzentriert sich in der ersten Hälfte auf die Schaffung des „Höllentors“. Dieses Werk wird ihn über Jahrzehnte beschäftigen, es wird neben unzähligen anderen Darstellungen seine berühmtesten Skulpturen enthalten, den Denker, der Kuss – und es wird bis zu seinem Tod 1917 unvollendet bleiben.
In der ersten Hälfte bleibt der Film bei Rodins besessener Arbeit am Höllentor mit Camille Claudel (Izia Higelin). Zunächst seine Assistentin, dann Geliebte und Muse und später seine mindestens ebenbürtige Kollegin (und Rivalin?). Aber Rodin anerkennt sie nie als gleichwertig, verweigert ihr diesen Status. Es wirkt, als sähe er in ihr nur die Geliebte…
Die Welt draußen findet fast nicht statt. Der Film konzentriert sich sehr stark auf das Atelier oder die Wohnräume. Auch die Reaktion auf seine Werke findet nur innen und nur in Gesprächen statt. Das ist auch konsequent – er verschanzt sich hinter seinen Skulpturen. Es betont immer, es ginge ihm nur um Wahrhaftigkeit, egal, was andere davon denken. Da er kein großer Redner ist, bittet er andere, ihn bei Kontroversen öffentlich zu verteidigen.
Aber Rodins Unsicherheit, sein Streben nach Perfektion bleiben beiläufig und wirken fast selbstverständlich, nie als ständiger Teil seines inneren Kampfes. Der Künstler wirkt irgendwie weichgespült. Die einzige heftige Begegnung findet bezeichnenderweise zwischen Camille und Rodins Frau (Séverine Caneele) statt.
Vincent Lindon spielt Rodin nahezu perfekt. Aber er kann nur so gut sein, wie man ihn fordert und so wirkt er bei aller Hingabe oft auch seltsam unbeteiligt. Dieser lebenswütige, zweifelnde, geniale, perfektionistische Titan, der Rodin wohl war – nein, zu dem wird Lindon nur selten und das liegt nicht an ihm.
Bildgestaltung, Kamera, Licht sind bemerkenswert. Einzelne Einstellungen sind in ihrer Komposition großartig. Atelier und Wohnräume wirken absolut authentisch, die Ausstattung ist perfekt. Zum Teil konnte an Originalstätten gedreht werden und durch den gleichzeitigen Einsatz mehrerer Kameras werden fließende, harmonische Szenen möglich.
Aber dann, mitten im Film, zerbricht die Beziehung von Auguste und Camille - ob aufgrund seiner Dominanz oder ihrer fragilen Lebensgeschichte lässt der Film offen.
Und damit, in der zweiten Hälfte, verliert der Film seine Spannung und sein Thema, das ihn bis jetzt noch ganz passabel getragen hat. Es wirkt, als wisse Doillon nicht, was er jetzt noch alles erzählen solle – und wie. Es folgen nur noch viele episodenhafte Szenen, die zur Charakterisierung Rodins wenig beitragen, es gibt Zwischenblenden und zu viele Abblenden, als hätte er nicht gewusst, wie er manche Szenen hätte auflösen sollen. Das verstärkt den dann nur noch sprunghaften Charakter des Films und lässt durch diese Brüche keinen Fluss mehr aufkommen.
Rodin sagt in einer Szene des Films sinngemäß, dass auch unvollständige Skulpturen vollkommen sein könnten, denn wenn sie gut wären, würde ihnen nichts fehlen.
Das gilt leider nicht für diesen Film.
Martin Rudolph "Nach einer wahren Geschichte“ - Polanskis Film bleibt unter seinen Möglichkeiten
Die Pariser Schriftstellerin Delphine (Emmanuelle Seigner) hat mit einem sehr persönlichen Buch über ihre Mutter einen Bestseller gelandet. Aber diese schmerzhaften Erinnerungen sowie der Literaturbetrieb, die Lesetouren, PR-Termine und Autogrammstunden, belasten sie stark. Mit dem inneren Zwang, sofort wieder schreiben zu müssen, setzt sie sich zusätzlich unter Druck. Außerdem erhält sie immer wieder anonyme Drohbriefe, in denen ihr vorgeworfen wird, ihre Familie verraten zu haben.
In dieser Situation lernt sie die verständnisvolle und einfühlsame Elle (Eva Green) kennen, die sich als großer und kenntnisreicher Fan erweist. Sie fasst schnell Vertrauen und öffnet sich der neuen Freundin mehr und mehr. Elle, als Ghostwriterin auch schreibend tätig, unterstützt die überforderte Autorin, organisiert ihren Tagesablauf und beantwortet ihre Mails. Sie macht auch schon sehr konkrete Vorschläge für das nächste Buch der Autorin.
Als Delphines Partner, ein erfolgreicher Journalist, für einige Wochen in den USA arbeitet, zieht Elle sogar bei ihr ein. Sie imitiert ihren Stil, kleidet sich wie sie. Sogar einen Lesetermin an einer Schule nimmt sie als „Delphine“ wahr. Und als die Schriftstellerin ohne ihr Wissen ein Interview in ihrer Wohnung arrangiert, reagiert Elle (kurz für Elisabeth, aber auch „sie“ im Französischen) rasend eifersüchtig. Aus der obsessiven Bewunderung wird Bevormundung und Dominanz.
Als Delphine, schwer beladen mit Einkäufen, sich bei einem Sturz im Treppenhaus ein Bein bricht, überredet Elle sie, zusammen in das ebenerdige und abgelegene Landhaus der Schriftstellerin zu ziehen. Dort könne sie doch ungestört an ihrem neuen Buch arbeiten, für das Elle immer konkretere Vorstellungen hat.
Das Drehbuch von Roman Polanski und Olivier Assayas basiert auf dem gleichnamigen Roman von Delphine de Vigan, der 2015 erschien. De Vigan thematisiert in dem Roman die Beziehung zu ihrer Mutter, mit der Veröffentlichung gelang ihr ein Bestseller.
Spätestens jetzt wird der Titel „Nach einer wahren Geschichte“ gewollt ad absurdum geführt, denn das Spiel der Ebenen und der wechselnden Realitäten ist ja gerade Thema des Films. Aber Polanski gelingt es nicht, dieses Spiel dem Zuschauer zu vermitteln. Zu konventionell sind Kamera und Schnitt, nur beschreibend, ohne viel Überraschung. Polanski, der gern betont, dass er Literaturverfilmungen möglichst werkgetreu gestalte, hat sich hier dadurch
selbst in seinen Möglichkeiten begrenzt. Es gibt keine neuen Sichtweisen, weder auf die schriftstellerische Blockade noch auf die Wechsel der Identitäten. Das ist alles ganz nett anzuschauen, aber doch nicht spannend. Zu oft bleibt man dabei unbeteiligt.
„Nach einer wahren Geschichte“ ist inzwischen Polanskis fünfte Zusammenarbeit mit Emmanuelle Seigner, mit der er seit 1989 verheiratet ist. Sie holt das Mögliche raus, das Buch und Kamera ihr lassen. Eva Green ist gut, aber im Verlauf des Film zu durchsichtig. Sie schaut eindimensional böse oder wirft mal eine Tasse an die Wand, was für eine dämonisch sich steigernde Rolle etwas wenig ist.
Als intellektuell-spielerische Übung zwischen Wahrheit und Fiktion und über sich wandelnde Identitäten kann der Film dank seiner Vorlage noch interessieren. Als Thriller ist er zu langatmig und nicht spannend genug.
Alexander Kiensch A beautiful day
Beim diesjährigen Fantasy Film Fest lief das neue Werk der „We need to talk about Kevin“-Regisseurin Lynne Ramsay in der Sparte Gewalt & Thriller. Und tatsächlich gehört „A beautiful day“ mit Joaquin Phoenix als traumatisierter Auftragsmörder zu den böseren und brutaleren Vertretern des – weitläufig gefassten – Gangster-Genres. Allerdings liegt hier der Fokus nicht so sehr auf dem gewalttätigen Kampf Gut gegen Böse, sondern auf einer vielschichtigen, formal immer wieder spektakulär eingefangenen Psychostudie der Hauptfigur.
Diese Hauptfigur, Kriegsveteran Joe, gehört für mich zu den faszinierendsten Antihelden der letzten Kino-Zeit. Paranoid, von Neurosen und Angstvorstellungen gebeutelt, erledigt er seine Aufträge mit kalter Präzision, reagiert auf die Forderung, die Opfer sollten leiden, vollkommen gleichgültig und führt diese zusätzliche Brutalität dann mit der Leidenschafts-, aber auch Gnadenlosigkeit eines programmierten Roboters aus. Zwischen den Aufträgen pflegt er seine dement werdende Mutter und kämpft mit den immer wieder aufblitzenden Erinnerungen an die schrecklichen Erlebnisse seines Lebens, von Kindheit bis ins Erwachsenenalter.
Joaquin Phoenix verkörpert diesen gebrochenen Menschen mit der ihm eigenen emotionalen Wucht. Unter seiner meist starren Mimik blitzen immer wieder Angst und Schmerz, Leiden und Hilflosigkeit hervor; mit kleinen Gesten erweckt er seinen Charakter so glaubwürdig zum Leben, dass sich schon nach kurzer Zeit kaum noch eine Distanzierungsmöglichkeit für den Zuschauer ergibt. Selbst die wenigen Dialoge, die das Drehbuch ihm gewährt, sprechen auch in ihrer Nichtigkeit Bände über den psychischen Zustand des Protagonisten. Alles in allem ist dieser Charakter ein Musterbeispiel für subtile Psychogrammzeichnung.
Zu diesem Stil passt auch die formale Inszenierung des Films. Ramsay zeigt sich hier als Meisterin der Andeutungen und Auslassungen: Von Beginn an durchziehen „A beautiful day“ Szenen, die sich nicht eindeutig zuordnen oder interpretieren lassen. Einige davon erweisen sich im Verlauf der Handlung als Rückblenden, deren Zusammenhang sich der aufmerksame Zuschauer durchaus erschließen kann – etwa die Öffnung eines Transporters voller Frauenleichen (auch hier dient das Gezeigte hauptsächlich der Charakterisierung der Hauptfigur). Manche Szenen bleiben auch konsequent irritierend, wenn etwa Joe nach einem erfolgreichen Auftrag in einer dunklen Gasse angegriffen wird. Ein Helfer des Opfers? Ein zufälliger Überfallversuch? Die Offenheit der Darstellung lässt hier verschiedene Interpretationsmöglichkeiten zu.
Diese Vieldeutigkeit wird zum Leitmotiv des Films erhoben. Die Rückblenden sind gut einzuordnen, werden aber nicht weiter erklärt oder in konkrete Zusammenhänge gebracht; die Dialoge bleiben durchgehend situationsbezogen und glaubhaft, es gibt keine „erklärenden Gespräche“, die hauptsächlich der Orientierung des Zuschauers dienen würden; selbst die teils krassen Handlungen der Agierenden und ihre Reaktionen auf unerwartete Situationen bleiben in ihrer inhaltlichen und figurenpsychologischen Bedeutung der Interpretation des Zuschauers überlassen.
Angesichts der dargestellten Brutalitäten und Grausamkeiten aller Akteure ist so eine Offenheit durchaus diskussionswürdig, denn auch was die moralische Situierung des Geschehens angeht, verzichtet Ramsay auf allzu eindeutige Statements. Dennoch bezieht der Film moralisch Stellung, wenn auch indirekt und mithilfe seiner Bilder: So sagt etwa die phänomenale, tief berührende Sterbeszene eines Auftragskillers mehr über das Spiel von Leben und Tod, Gegnerschaft und Menschenwürde, als es jeder belehrende Dialog könnte.
„A beautiful day“ ist ein formvollendetes Werk über das Leiden am Leben und die Grausamkeiten, die Menschen einander antun. Der Film schwelgt in elegischen Bildkompositionen von tiefer Traurigkeit und Poesie (die Szene am und im See), verbindet Brutalität mit Emotionalität, wodurch er einen wesentlich gewalttätigeren Eindruck macht, als er an der reinen Bildoberfläche tatsächlich bietet – die eigentlichen Gewaltakte werden fast immer ausgeblendet. Angesichts dieser ästhetischen, psychologisch dichten und metaphorisch aufgeladenen Bildsprache kann man über die inhaltlich dünne Story bereitwillig hinwegsehen, ebenso wie über die eine oder andere dramaturgische Stolperstelle, die Freunde geradliniger Gangsterfilme wohl eher enttäuschen wird.
Mit einem grandiosen Hauptdarsteller, melancholischer Musik und wunderschönen Bildern gelingt Lynne Ramsay ein weiterer Film, der sich dem Zuschauer tief einbrennt und lange nachhallt. Diesmal nicht unbedingt mit einer solch extremen Schockwirkung wie bei „We need to talk about Kevin“, sondern vielmehr mit einer so berührenden wie im Kern humanistischen Botschaft, die sich jeder einzelne Zuschauer über die Bilder selbst erschließen kann. Das ist anspruchsvolle, packende und bewegende Filmkunst.
Hans-Carsten Stenzel Schwarzeneggers Vendetta
Es amüsiert mich immer wieder, wie deutsche Verleiher versuchen Publikum zu gewinnen. In diesem wunderbaren Film dreht sich die Handlung um das Nachspiel eines fürchterlichen Flugzeugabsturzes ( Aftermath ist der eigentliche Titel und hat mit Vendetta-Rache nicht viel zu tun). Arnolds Charakter verliert seine Frau und seine schwangere Tochter. Er ist gebrochen und ihm widerfährt keine Gerechtigkeit. Die Anwälte der beteiligten Firmen wollen ihn mit Geld abspeisen. Er jedoch will nur eine Entschuldigung, dass man ihm seine Frau nebst der schwangeren Tochter geraubt hat. Niemand fühlt sich zuständig und die Anwälte scheinen nicht einmal zu kapieren, dass jemand Geld nicht als das Wichtigste im Leben erachtet.
Die zweite Hauptfigur des Filmes ist der Fluglotse, der, überarbeitet und alleine im Tower, verantwortlich dafür ist, dass es zur Katastrophe gekommen ist. Er ist ebenfalls ein gebrochener Mann. In Folge seines angeschlagenen, geistigen Zustands verliert der Mann seine Frau und seinen kleinen Sohn. Er zieht in eine fremde Stadt, wo er unter einem neuen Namen in einem Reisebüro arbeitet. Kurz vor einem Neuanfang mit Frau und Sohn trifft Arnolds Figur ein und will eine Entschuldigung vom Lotsen, dass dieser ihm Frau und Tochter genommen hat. Dabei schlägt der Lotse Arnold ein Foto aus der Hand, dass Arnie nebst Frau und Tochter zeigt. Dies führt zu einer Eskalation in deren Verlauf Arnold den Fluglotsen tötet.
Nach 10 Jahren Gefängnis wird Arnie entlassen. Bei einem Besuch auf dem Friedhof, auf dem seine Frau und seine Tochter liegen, trifft er auf einen, ihm unbekannten, jungen Mann. Dieser stellt sich als der Sohn des Fluglotsen heraus, der scheinbar Rache für die Ermordung seines Vaters zu suchen scheint.
Mit der Waffe am Kopf entschuldigt sich Arnie bei dem Jungen für seine Tat. Der Junge zögert und lässt von seinem Vorhaben ab. Mit den Worten:
"So bin ich nicht erzogen worden" lässt er Arnolds Charakter gebrochen gehen.
Aftermath, ein düsterer, langsam fließender Film, zeigt die Wege gebrochener Protagonisten. Eine unglückliche Verkettung der Umstände reißt Menschen in den Tot und hinterlässt die Hinterbliebenen gebrochen.
Vendetta... nun, nur mit viel Wohlwollen könnte man den Titel als Treffend hinnehmen. Ich denke allerdings, dass der Verleih einfach nur auf Arnolds Image als Actionheld alter Schule aufbauen wollte.
Fazit: Aftermath zeigt, nach dem Film Maggie, einmal mehr, dass Schwarzenegger in reiferen Jahren auch das Thema Drama beherrscht. Die Entscheidung sich in diesem Bereich zu versuchen, empfinde ich als recht Schlau. Mit Siebzig Jahren einen Actionhelden zu verkörpern misslingt recht schnell. Könnte zwar klappen, sprich man sehe sich Sly Stallone an, aber Arnold besticht durch echte Schauspielkunst. Ich bin beeindruckt.