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Falk Mieschendahl Kraft aus dem Nichts (FlowLetter März 2013)
1. Kraft aus dem Nichts
Der Mann trug ein weißes Hemd und eine dunkle Bundfaltenhose. Von Beruf war er Rechtsanwalt. Nun saß er auf der Couch vor mir und wiederholte mit seinen Händen gestikulierend den gleichen Satz bereits zum 3. Mal: » Kraft entsteht aus dem Nichts?!« Er war dabei freudig aufgeregt, wie ein junges Kind. Er hatte in sich ein Naturgesetz entdeckt, einen wunderbaren Zusammenhang, der für ihn eine praktische Veränderung bedeutete. Was war passiert?
Es war die 4. gemeinsame Coachingstunde und er hatte einige Tage damit experimentiert in seinem Alltag achtsam zu sein. Er wusste, was er zu tun hatte und war aktiv damit beschäftigt über den Tag verteilt Impulse zu geben. Immer wieder. Wahrnehmen, pures Fühlen, Loslassen, Handeln, ohne Gedanken. Immer wieder Inseln. Etwas Grundlegendes war dadurch in ihm in den letzten Tagen zur Ruhe gekommen. Etwas Echtes war passiert. Er hatte etwas erfahren und verstanden, auch wenn er es noch nicht richtig in Worte fassen konnte. Sein Schlaf hatte sich bereits verbessert und er begann tagsüber wieder Phasen zu spüren von grundloser, lebendiger Lebenskraft. Und das nach so kurzer Zeit. Die Lebenskraft kam aus ihm, aus dem »Nichts«, aus dem nicht-Denken. Er konnte diesen Zusammenhang intellektuell kaum greifen, erfuhr aber immer klarer die unbestreitbare Wirkung.
Für ihn war das besonders. Für mich als Therapeut auch, obwohl ich es schon hunderte Male erlebt hatte. Veränderung entsteht aus Wissen, Einsicht, Praxis und Perspektive.
Das Wissen natürlich kann nicht irgendein Wissen, sondern muss wesentliches Wissen sein: Wissen über sich selbst. Es handelt sich auch nicht um theoretisches Wissen, zumindest nicht nur. Es ist grundlegendes Wissen über die Kunst bei sich zu sein, weniger Kraft zu vergeuden, weniger in Gedanken verloren zu sein, sondern still verweilend im Hier und Jetzt zu sein. Es ist Wissen über das Wesen, den Kern. Wir wissen so viel über so viele Dinge, weiß ich aber wer ich bin? Das ist eine grundlegende Prüfung, die nur ich selbst in mir machen kann. Bei genauer und ernsthafter Prüfung entfaltet sich eine neue Perspektive, anders als die, die mir meine Mutter, mein Vater, die Gesellschaft, mein Partner und Freunde mitgegeben haben. Es kann unendlich befreiend wirken einmal selbst auf diese bedeutsame Reise zu gehen und sich kennenzulernen. Ich, ohne meine Geschichte. Was ist wesentlich, was nicht? Diese Prüfung ist die Basis der Erfahrung von tatsächlichem Selbstwert, denn wie könnte ich meinen Selbstwert wissen, ohne mich wirklich zu kennen?
Das wesentliche Wissen geht jedoch noch weiter, denn wenn es Wissen über den heilen Kern gibt, dann gibt es auch Wissen über das, was das Wesen überlagert: die Missverständnisse, der Nebel, der zur Störung führt.
Das biographische Verstehen ist hierbei sekundär. Wichtig ist vielmehr das einfache Grundsystem zu verstehen. Um was dreht sich die Störung und die chronische Erschöpfung wirklich? In der Regel ist das Angst, Urangst, die bereit das ganze Leben in latenter Form hintergründig vorhanden war und im Alltag aktiviert werden kann. Es kann sich dabei, zum Beispiel, um die Angst vor Wertlosigkeit oder vor Hilflosigkeit handeln. Entscheidend in der Arbeit mit Störung ist die aktive Begegnung, das Herauskommen aus der unbewussten Vermeidung. Aber wie begegne ich dem Schatten? Wie fühle ich wirklich? Das ist die eigentliche Herausforderung. Der Körper und seine Reaktion auf die innere Bedrohung ist hierbei der Schlüssel. Ich kann der Bedrohung im eigenen Körper begegnen, still sein, beobachten und schauen wovor ich renne, bzw. gegen was ich ankämpfe. Die Realität ist anders als die Vorstellung.
Es gibt natürlich noch weiteres Wissen, das wesentlich ist und in kurzer Zeit in befreiende Veränderungsprozesse führen kann. Insgesamt ist es aber nicht viel. Durch die neue Perspektive, den oft zu beobachtenden Paradigmenwechsel, plus das praktische Wissen und seine präzise Anwendung entsteht bei den meisten Menschen in relativ kurzer Zeit ein innerer Wandel. Anfangs ist natürlich alles meist noch fragil, aber einmal richtig erkannt, ist es bereits unumkehrbar. Die Person weiß bereits zu viel, um sich wie zuvor ganz im alten Muster zu verlieren. Ein Potenzial hat sich offenbart, das weit über das gängige Verständnismodel von Regeneration und Heilung hinausgeht.
Wissen vom Wesentlichen ist ein kraftvoller Schubs mit neuen Perzeptiven und Werkzeugen. Nicht kompliziert, sondern ein-Fach. Das Schöne daran: man muss nicht einmal daran glauben, damit es funktioniert. Einfach nur machen, beobachten, forschen und aktive Impulse setzen. Der kleine Einsatz von nur ein paar Tagen praktische Impulse setzen würde genügen, um den Hebel umzulegen. Oft habe ich diesen Wandel in der Therapie erlebt.
So wie der sonst eher zurückhaltende Rechtsanwalt von der praktischen Wirkung des Wissens fasziniert war, wusste ich bereits vor 7 Jahren von Anfang meiner Tätigkeit als Coach und Therapeut an, dass aus der Anwendung der aktiven Achtsamkeit im Alltag Wunder geschehen würden, die eigentlich bei genauer Hinsicht gar keine sind, sondern nur ganz normale Nebeneffekte, die aus dem Kontakt mit dem natürlichen Grundzustand eines Menschen entstehen. Die Inseln des bewussten Seins würden der Person helfen, dass Schafstörungen, Angststörungen, Unruhe, depressive Stimmungen, Bluthochdruck und fehlender Selbstwert beginnen, wie von Geisterhand abzunehmen.
Viele Male habe ich dies jetzt erfahren dürfen. Und das selbst bei Menschen, denen ihre Therapeuten aus Hilflosigkeit attestierten, dass sie austherapiert seien oder die unter einer festgefahrenen Störung litten. Grundlegendes, wesentliches Wissen führt zu einer inneren Reinigung und Neuordnung. Diese Chance sollte immer genutzt werden, bevor man aufgibt, sich vom Leiden tragen lässt oder sich der Passivität oder leeren Hoffnung verschreibt.
Und so freute ich mich mit dem glücklich angeregten Rechtsanwalt und stimmte ihm zu: » Ja, Kraft aus dem Nichts, einfach so aus mir selbst heraus. Was für ein Geschenk!«
Dieser FlowLetter ist die Einführung in einer Reihe über das Wissen, das heilt und befreit, der Kern der HumanFlow Methode. Der nächste FlowLetter wird über das Wissen über die aktive Achtsamkeit im Alltag sein.
Einen kraftvollen Tag und gute Zeit bis zum nächsten Mal, Falk
2. Das Geheimnis des Lebens
Einmal kam ein sehr ungeduldiger und ungestümer Schüler zum Meister. Er bedrängte den Weisen mit der Frage: “Meister, so verratet mir doch, was das Geheimnis des Lebens ist!”
Der Meister fragte den Schüler: “Kannst du denn ein Geheimnis für dich behalten?”
Voller Erwartung nickte der Schüler eifrig: “Ja, natürlich kann ich das. Meister – selbstverständlich.”
Der Meister schickte sich an, den Raum zu verlassen. Er drehte sich an der Tür noch einmal um und sagte: “Siehst du, ich auch.”
Falk Mieschendahl Die Heldenreise (FlowLetter Juli 2012)
1. Die Heldenreise
Im Chinesischen setzt sich das Wort Krise aus 2 Schriftzeichen zusammen. Das eine bedeutet Gefahr und das andere Gelegenheit. Burnout, Depression und chronische Angststörungen sind solche Gefahren, aber auch Gelegenheiten, die es nicht gilt zu unterdrücken, sondern zu meistern. Die Gefahren der Krise sind allgemeinhin bekannt. Die Gelegenheit jedoch bleibt der oberflächlichen Betrachtung verborgen, zumindest während der Krise. Sie zeigt sich erst nach der Bewältigung in der Veränderung.
Des Öfteren haben mir ehemalige Betroffene berichtet, wie wichtig die damalige Krise für ihr Leben und die Veränderungen war, auch wenn sie so etwas nicht noch einmal erleben wollen und es keinem anderen wünschen. Im Wachstumspotenzial liegt der eigentliche Sinn einer Krise.
Viele Menschen, die in einer tiefen inneren Krise steckten und erfolgreich aus ihr herausgefunden haben, sind typischerweise durch einen Prozess gegangen, der in der Nachbetrachtung einer archetypischen Heldenreise, wie die klassische Odyssee des Odysseus, ähnelt. Auf dieser Reise durch die Krise geht der Protagonist durch 6 verschiedene Phasen. Manchmal passieren im individuellen Verlauf der Krise alle Phasen auf einmal und manchmal fehlt auch eine der Phasen (vor allem die Phase der Nacht). Wenn man den Phasenverlauf aber kennt, kann man das Vertrauen entwickeln, dass die Krise für einen und nicht gegen einen ist.
Am Anfang der Reise steht immer ein Wachruf. Die Person weiß, dass sie feststeckt und etwas verändern muss. Dies ist der erste große Impuls für Handlung und Veränderung, der bei vielen bereits eine erleichternde Wirkung haben kann, nach dem Motto: Ich mache jetzt etwas für mich.
Danach folgt der Fremdenführer, das Finden eines geeigneten Führers oder Mentors für Unterstützung in dem Gefahrenbereich. Der Fremdenführer sollte sich in der Fremde auskennen (Kompetenz) und zwischen den beiden sollte eine Atmosphäre des Vertrauens herrschen. Man sollte sich gut mit der Person fühlen, sei es eine professionelle Therapeutin, Coach oder Freund. Bei Odysseus kam die Unterstützung, unter anderem, in Form der Göttin Athene und des Götterboten Hermes. Auch trägt der Fremdenführer nicht die andere Person, zumindest nicht lange, sondern führt sie in die Selbstständigkeit, sodass der Held oder die Heldin selbstständig und kompetent in der Fremde handeln kann.
Die 3. Phase ist der Fluss. Die Person begibt sich in den Fluss, schwimmt mit, anstatt sich gegen die Fluten zu stemmen. Sie lernt sich zu stellen und die eigenen Potenziale und Möglichkeiten in der Krise zu entfalten und nutzen. Hier zeigt sich der Wert oder nicht-Wert der Hinweise des Fremdenführers, der praktische Nutzen der neuen Perspektiven, Methoden und Strategien. Dieser Teil ist die Praxisarbeit, der tatsächliche Umgang des Helden/der Heldin mit Gefahr und das Entzünden von Lichtern, damit man in der Dunkelheit wieder sehen kann. Bei Odysseus war es die List im Kampf gegen den Zyklopen und das Überwinden der Zauberin Kirke mit Hilfe des heiligen Moly Krauts.
Die Nacht ist eine Phase, die nicht jede Person in einer Krise erlebt. Nur in einer äußerst schweren Krise kommt sie zum Vorschein. Dies ist eine Zeit der absoluten Hoffnungslosigkeit und Unlösbarkeit der Situation, wie sie bei einer schweren Depression vorkommt. In dieser Zeit ist der Fremdenführer besonders wichtig und wertvoll, bietet er oder sie doch Komfort, Perspektive und Sicherheit, dass der Morgen wieder kommt, auch wenn es im Moment nicht so scheint.
Danach kommt die Phase der Illumination. Ein Licht erscheint unerwarteterweise in der Dunkelheit. Eine grundlegende innere Veränderung tritt ein, ein Loslassen und die Verbindung mit einer höheren Kraft. Dies entsteht nicht unbedingt durch mein Machen, Tun und Wissen, sondern aus dem Abgeben und aus dem vom Leben-getragen-sein heraus. Akzeptanz ist ein anderer Begriff für diese Phase. Die resultierende Erfahrung ist wesentlich stärker als eine vage Hoffnung. Sie ist die stille Sicherheit, dass alles gut ist und gut gehen wird. Der innere Fremdenführer oder Spirit ist erwacht Mit der Akzeptanz entsteht der Zugang zum Wesentlichen.
Die 6. Phase ist die Rückkehr der Heldin oder des Helden in die Heimat, aber nicht mehr als die selbe Person, sondern gereifter, weiser, unabhängiger und vielleicht sogar emphatischer und liebevoller. Die Bedrohungen auf der Reise schienen zuzeiten überirdisch und manchmal viel zu lange, aber der Lohn der Mühe kommt ebenfalls von oben, tief in einem drin: ein mehr an Liebe, Stille und Freiheit.
Und so tragen Krise und Verlust, obwohl wir stets versuchen sie zu vermeiden, in ihrem Zentrum auch das Potenzial für Wachstum, das weit über die Oberfläche der Krisensituation hinausgeht. Krisen sollten nicht erfunden, heraufbeschworen oder idealisiert werden. Wenn sie aber da sind, dann sollte man mit ihnen arbeiten und bei einer schweren Krise, am besten mit einem Fremdenführer. Möglicherweise findet man dabei einen Diamanten in der eigenen Tasche.
In diesem Sinne, einen lieben Gruß und gutes Gelingen, Falk
2. Autobiographie im 5 Kapiteln (Portia Nelson)
1.
Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren, ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.
2.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.
3.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein, aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen. Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.
4.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.
5.
Ich gehe eine andere Straße.
Portia Nelson
Falk Mieschendahl Und wer trägt mich? (Flow Newsletter)
1. Und wer trägt mich?
Ein Macher oder eine Macherin zu sein, ist ein soziales oder berufliches Prädikat, eine Auszeichnung. Der Begriff steht für jemanden mit Visionen, jemanden der umsetzt, leistet und trägt, sei es in der Firma, der Familie, dem Verein, bei Freunden, etc. Ohne diese Macher würde nicht viel entstehen, setzten sie doch ihre Energie, die ihnen oft im Übermaß geschenkt ist, ein, um Dinge und Projekte zu erschaffen und wachsen zu lassen.
Im gesunden Maß ist die Macherenergie wunderbar, denn sie ist ein elementarer Aspekt des Lebens. Jeder Mensch trägt etwas von ihr in sich, manche mehr und manche weniger. Durch das ständige Machen, dem daraus entstehenden Erfolg und dem Zuspruch von außen, kann sich so in einer Person eine immer stärkere Macher-Haltung entwickeln. Es ist ein Kreislauf. Man kann immer mehr, weiß immer mehr, trägt immer mehr und macht immer mehr. Aus dem unschuldigen Machen, entsteht so ein ernsthaftes, unaufhörliches Machen. Der Übergang zum Zu-viel-machen ist unsichtbar und so haben Macher-Typen, auch wenn sie im Allgemeinen mehr an Energie zur Verfügung haben, im mittleren Alter ein besonders hohes Burnout-Risiko.
Die Haltung, die aus dem unaufhörlichen Machen jedoch unbewusst entstehen kann, ist folgende: Nicht das Leben trägt mich, sondern ich muss das Leben tragen. Ich muss alles können, muss alles wissen und muss alles lösen, oft auch für andere, ohne Pause. Auch wenn aus dieser Haltung förderliche Aspekte entstehen können, wie mehr Selbst- und Eigenständigkeit oder besondere Fähigkeiten, ist sie auf Dauer nicht nachhaltig, denn sie basiert auf einem "Missverständnis". In Wirklichkeit nämlich trägt das Leben mich! Im inneren Getrieben-sein existiert mit der Zeit kein Ort mehr, wo ich mein Haupt noch in Ruhe betten und Kraft sammeln kann. Ich muss machen und funktionieren. Ich fühle mich alleine, getrennt von allen andern, muss unaufhörlich leisten und tragen, sonst bricht alles zusammen. Wer aber trägt mal mich, den Macher, bzw. die Macherin?
Die Eltern können auf Dauer nicht tragend sein, auch wenn es in den ersten Lebensjahren anders gewesen ist und so leicht eine idealisierte Hoffnung oder auch eine Enttäuschung für den Rest des Lebens entsteht. Es ist auf Dauer auch nicht der Partner, der Chef oder die Freunde, die einen tragen können, auch wenn sie es in Worten anders sagen und es sich im Herzen vielleicht anders wünschen. Jeder hat genug mit sich selbst zu tun. Aber wenn nicht sie und nicht ich, wer trägt mich dann?
Der erste Schritt zum Abgeben ist sich des Einzelkämpfer-Musters bewusst zu werden und ehrlich mit sich zu sein. Ehrlichkeit ist keine Schwäche. Ja, ich trage das Leben schon sehr lange und vertraue nicht, dass es mich trägt. Im Innersten bin ich alleine, getrennt von allen anderen. Dieser Kampf hat mich erschöpft. Diese Erkenntnis kann schmerzvoll sein, aber auch befreiend, da sie eine Türe zu mehr Wahrheit öffnet.
Der zweite Schritt ist zu erkennen und sich zu erlauben, dass ich auf Dauer Unterstützung brauche. Dieser zweite Schritt bringt ein neues Element ins Spiel: Abgeben (Hingabe) und Loslassen. Das ist das, was auch mit Glaube eigentlich gemeint ist. Das Abgeben ist eine Ausrichtung auf eine höhere Kraft oder Macht, die tatsächlich trägt und tragen kann. Damit dies jedoch kein leerer Glaube und kein kraftloses spirituelles Konzept wird, muss es praktiziert werden. Ich aktiviere es. Nur so kann in kurzer Zeit eine erfahrbare Veränderung feststellen, innerlich und äußerlich. Und das ist der dritte Schritt: die Praxis.
Prinzipiell gibt es eine Natur, ein Leben, eine Intelligenz und ein Absolutes, das sich jedoch in unendlichen Formen ausdrückt. Dieses Eine trägt alles, was existiert, einschließlich den Menschen selbst. Es ist DAS tragende Prinzip. Für dieses Eine kann man auch die Worte höhere Macht, Mutter Natur, Gott, Allah, Tao oder Brahman benutzen. Für das praktische Abgeben, wählt man einen konkreten, symbolischen Ausdruck des Einen.
Für manche kann dies Mutter Maria sein und für andere Gaia, Jesus, Mohammed, Krishna, ein Schutzengel, Ama oder eben Gott. Am besten nutzt man die Form, die einen am meisten anzieht oder schon positiv vorgeprägt ist. Wenn es da noch nichts oder nichts mehr gibt, beginnt man einfach neu. Abgeben kann jederzeit neu beginnen. Es gibt keine Schuld, keine Verurteilung. Entscheidend ist nur, ob es funktioniert.
Für mir war es die Grüne Tara, die weibliche Buddha, die mich anzog. Ein befreundeter Arzt erzählte mir von ihr. Sie bietet Halt und Wärme für alle, die sich ihr zuwenden, auch für die Heimat- oder Traditionslosen, wie so viele von uns. Sie stellt das aktive Mitgefühl aller Buddhas dar. Sie handelt , befreit und nimmt Angst. Sie steht für die göttliche Mutter und trägt, denn das ist ihre Aufgabe und Fähigkeit. Darin ist sie unendlich liebevoll, kraftvoll, weise und schnell.
Und so begann ich ein kleines Ritual der Hingabe zu entwickeln. Ich nahm das Tara Mantra «om tare, tutare, ture, soha» und begann es zu rezitieren. Auf Youtube finden sich einige Beispiele dafür. Ich sprach es, ich sang, laut, leise, nur in Gedanken, morgens, tagsüber, abends und nachts. Ich gab bewusst ab an sie. Das musste ich über mehrere Tage erst wieder erlernen. Ich lud sie ein für mich zu machen und durch mich zu wirken. Dies hat übrigens nichts mit Passivität zu tun, ganz im Gegenteil. Es war eine Möglichkeit durch sie wieder Kraft zu gewinnen und zurück in Aktivität zu finden, aber auf eine nachhaltige Art und Weise.
Durch die Ausrichtung auf das Tragende, begann das Getragen-sein in mir zu wachsen und der Macher begann in den Hintergrund zu wandern. Es war eine Wohltat abzugeben. Man merkt das wachsende Abgeben daran, dass es innerlich friedlicher und ruhiger wird. Erst im Abgeben fällt einem auf, wie viel man vorher tatsächlich getragen hat und wie einsam man im Grunde war.
Anstatt ein Mantra zu nutzen, kann man auch ein Gebet, ein Halleluja, ein Inschallah, eine Danksagung oder einen anderen kraftvollen Spruch nehmen. Umso einfacher, desto besser. Es geht hierbei aber nicht um eine ich-wünsch-mir-was-von-Gott-Haltung, sondern um komplette Hingabe, ohne Widerstand, gerade wenn die Umstände schwierig sind und man sich alleine in absoluter Dunkelheit wähnt. Eine andere, nicht-lineare Dimension beginnt in der Person zu erwachsen. Diese stille Dimension beinhaltet Akzeptanz. Ein Fürchte-dich-nicht, denn du bist niemals alleine, beginnt in einem zu erwachsen.
Einmal Praxis reicht nicht. Jeden Tag, morgens und abends, etwa 8 Minuten lang (traditionell sind 108 Wiederholungen), egal ob ich mich dabei anfangs gut oder nicht so gut fühle. Und nach 21 Tagen schaue ich nach, was in mir und um mich herum passiert ist. Die Praxis des Abgebens ist kraftvoll, meist magisch. Diese Praxis ist die Einladung dieses FlowLetters. Es ist wie ein wissenschaftliches Experiment mit sich selbst, das jedoch nur in der Praxis Früchte tragen wird. Wenn es mir gut tut, praktiziere ich es weiter, ein Leben lang. Ein festgefahrenes Dogma oder spezielle Glaubensrichtung sind hierbei nicht notwendig, denn der Garten des Loslassens ist privat und er ist frei.
In der HumanFlow® Methode ist das Abgeben das 6. Prinzip. Für diejenigen, die den Impuls aufgreifen, würden wir uns freuen über Feedback aus der Praxis.
2. Bewusstseins-Erheiterung
Vier Meister üben schweigend Zazen. Nach 3 Stunden räuspert sich der eine. Nach weiteren 2 Stunden zuckt der zweite mit seinem Nasenflügel. Nach nochmals 3 Stunden schluckt der dritte Meister.
Der vierte steht auf und sagt beim Verlassen des Dojos: "Bei der Hektik hier kann man ja nicht mal in Ruhe sitzen".
Wenn Sie den FlowLetter abonnieren möchten, melden Sie sich gerne auf der HumanFlow Webseite an unter http://www.humanflow.de/kopfmenue/newsletter.html. Es tut gut sich zu verbinden und im hektischen Alltag immer mal wieder an Wesentliches erinnert zu werden.
Falk Mieschendahl Die Momentaufnahme und Wie man ein Künstler ist (Beuys)
Die Momentaufnahme
Horst* war über 25 Jahre am Theater als Fotograf tätig. Er sah seine Aufgabe darin, die Stimmungen der Stücke, Schauspieler und Szenerien einzufangen. Er war gerne in seiner Arbeit, präzise im Klick und zufrieden mit seinem Gesamtwerk. Er war kein Mann der vielen Worte. Er war vom alten Schlag, nur schwarz-weiß Fotos, geschossen mit seinen alten Leica Kameras. Die digitale Revolution kam ihm verdächtig vor, zu schnell, zu künstlich, sei sie. Aber irgendwann kam auch für Horst, das Urgestein, die Zeit der wohlverdienten Rente und eigentlich auch endlich, nach all den Jahren vor und neben der großen Bühne, einen Abschied in den Ruhestand. Und so freute er sich auf den neuen Lebensabschnitt mit mehr Zeit zum Reisen, Lesen und Kultur.
Die feierliche Verabschiedung lag mittlerweile bereits etwas mehr als 3 Jahre zurück. Aber für Horst war es nicht mehr feierlich. Ihm ging es nämlich in letzter Zeit immer schlechter. Er fühlte oft keine Kraft mehr, hatte viele Ängste, war ohne Ziel und Antrieb, selbst wenn die Kinder auf einen kurzen Besuch vorbei kamen. Die innere Schwere plagte ihn immer öfters und tiefer. Und sie kam nicht vom Altern.
Gebückt und allein, so lernte ich ihn kennen. Seine Frau hatte ihn in unser Zentrum geschickt. Er wäre selbst wohl nicht zu uns gekommen, ohne ihr gutes, aber ständiges Zureden. Er war zurückhaltend, höflich und vorsichtig, auch nach unseren ersten beiden Gesprächen noch. Meditation war nicht sein Welt, aber nun gut, auch das ging, denn er musste ja etwas für sich tun. Das war ihm klar.
Als wir uns zum ersten Mal für eine Übung der Stille (Meditation) hinsetzen, wies er mich anfangs etwas unsicher darauf hin, dass er so etwas noch nie gemacht habe. Ich antwortete ihm: «Umso besser.» Danach schlossen wir die Augen und ich führte ihn für ein paar Minuten ins Entspannen, Hiersein und in die Zwischenräume in sich selbst. Dann war auch ich still. So verbrachten wir dann die nächsten 20 Minuten zusammen, jeder nah mit und in sich selbst, mal mit Gedanken und mal ohne.
Als die Übung beendet war, schaute er mich mit weiten, offenen Augen an und sagte so aufgeregt und lebhaft, wie ich ihn bis dahin noch nicht erlebt hatte: «Ich hatte keine Ahnung, aber ich habe schon tausende Male meditiert! Wenn ich Form und Raum fotografiere, werde ich still. Ich glaube, ich bin schon viel zu lange nicht mehr still gewesen, nicht mehr hier und jetzt. Ich muss wieder anfangen zu meditieren. Ich möchte wieder Momentaufnahmen machen - für mich.» Dann grinste er verschmitzt wie ein Schelm, wie ein Kind.
Dies war der Moment als Horst wieder aufwachte, wieder begann zu atmen. Es war der Anfang eines Prozesses, der Anfang der Entdeckung von innerem Freiraum. Nach dieser Stunde, in der Horst seine ganz eigene Meditation wieder entdeckte, wurde vieles leichter und klarer in ihm. Auch heute, soviel ich weiß, geht es Horst gut, mit all den Hochs und Tiefs eben, die das Leben im Alter (und in der Jugend) so mit sich bringen kann.
In meiner Erfahrung kann theoretisch alles Meditation sein und zur Meditation werden - es kommt nur auf das wie an. Man müsste dafür aber selbstständig und offen experimentieren, forschen und schauen, auch wenn man den ersten Einstieg durch einen "Experten" findet. Was macht mich still? Was hilft mir in die Gegenwart? Was macht mich nah und mühelos? Es kann sein, dass die eigene Übung einer konkreten Form und erprobten Tradition folgt, wie einem Gebet, Tai Chi oder Zazen (eine Art der Zen-Meditation). Sie kann aber auch formlos sein, wie der achtsame Spaziergang im Wald, ein freier Tanz oder Motorrad fahren.
Der Wald- und Feldspaziergang war über viele Jahre hinweg übrigens meine Art der Meditation, mal nur 20 Minuten und oft viel länger, jeden Tag, bei Wind und Wetter. Mein Ziel hierbei war nicht zu gehen und zu grübeln, sondern einfach zu gehen und zu gehen. Das tat mir gut. Irgendwann änderte sich meine persönliche Form der Meditation und heutzutage sitze ich meist um 5 Uhr morgens bei mir im Bett, still.
Den HumanFlow Gästen, nachdem wir im Verlaufe der Kur einige Möglichkeiten zusammen praktiziert haben, empfehlen wir solch eine persönliche Meditation für sich zu entdecken und täglich, ohne dabei starr und mechanisch zu werden, für wenigstens 20 Minuten zu praktizieren. Die beste Zeit für diese Makropraktiken (Meditation) ist meist morgens. Ein paar Anregungen zu Meditationsmöglichkeiten haben wir in der HumanFlow Mediathek auf unserer Webseite gepostet.
Zusätzlich empfehlen wir aber auch Mikropraktiken (Mini-Meditation;-), meist Sekunden- und manchmal Minuten-lange Phasen der Achtsamkeit, des Loslassens und der Präsens mitten im Alltag. Beim Essen, beim Duschen, nach einem anstrengenden Treffen, kurz bevor ich den Telefonhörer abnehme, beim Zähneputzen, usw. Es gibt keine Grenzen. Keiner sieht sie mir an. Ich bin innerlich für einige Momente in Pause, immer wieder, manchmal 3 Mal am Tag und manchmal 100 Mal. Bald passiert es von alleine.
Gedankliche Freiräume werden somit von mir wieder aktiv belebt - ein Nährboden für Lebenskraft und Lebensfreude entsteht. Ich warte nicht auf bessere Umstände oder bis meine Lebenskraft erst am Ende ist. In einem Kollektiv und zu einer Zeit, in der Dinge, die zwar möglicherweise wichtig, aber nicht wirklich wesentlich sind, im Zentrum des Strebens stehen, wird die Kunst der persönlichen Balance immer wichtiger werden. Jede Person steht für sich selbst in der Verantwortung.
Was ist Deine Meditation?
(* Name geändert)
2. Wie man ein Künstler ist (von Joseph Beuys)
How to be an artist
Lasse dich fallen. Lerne Schlangen zu beobachten
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die <<ja>> sagen und
Verteile sie überall in deinem Haus.
Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue dich auf Träume. Weine bei Kinofilmen.
Schaukel so hoch du kannst
mit einer Schaukel bei Mondlicht.
Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere dich <<verantwortlich>> zu sein.
Tue es aus Liebe.
Mache eine Menge Nickerchen.
Gib weiter Geld aus. Mache es jetzt. Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei. Lache eine Menge.
Bade im Mondlicht.
Träume wilde, phantastische Träume.
Zeichne auf die Wände. Lies jeden Tag.
Stell dir vor, du wärst verzaubert. Kichere mit Kindern.
Höre alten Leuten zu. Öffne dich. Tauche ein.
Sei frei. Preise dich selbst.
Lass die Angst fallen.
Spiele mit allem.
Unterhalte das Kinde in dir.
Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken.
Werde nass.
Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe.
… und ich sage: Tanze so viel wie möglich.
Joseph Beuys: How to be an Artist

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Über die Gruppe "Flow Manager: Arbeiten, ohne Auszubrennen"

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