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Heiner Weigand Verantwortung - Weisheit oder Macht
Humane Marktwirtschaft hat neben der makro- natürlich auch eine hohe mikroökonomische Relevanz. Ein humanistisches Menschenbild ist gleichermaßen im ordnungspolitischen Rahmen wie auch in der konkreten Unternehmensrealität zu verankern.
Damit einher geht die (Rück-)Besinnung auf ein durch Tugenden geprägtes Menschenbild. Eine dieser Tugenden ist Verantwortung.
Anbei ein Artikel zum Thema Verantwortung aus meinem Blog:
Nur für XING Mitglieder sichtbar Empfehlenswerte Veranstaltung des Forum Humanum
Liebes Netzwerk,
Folgende Veranstaltung unter dem Thema "Nachhaltigkeit professionalisieren - neue Rollen, neue Chancen"
am 26./27. Februar 2010 kann ich empfehlen. Das Forum Humanum ist ein Aktionsbündnis. Das Motto ist: Neubelebung von Kreativität und Gestaltungskraft in menschengerechten Organisationen, u.a. initiiert von Bernd Schmidt, den vielleicht einige von euch kennen, als Leiter des bekannten Instituts für systemische Beratung in Wiesloch. Ich war auf der ersten Jahresveranstaltung dort 2007 und war recht angetan.
Peter Gräser
Sieht spannend aus!
Vielen Dank für den Tip
Beste Grüße
Peter Gräser
Peter Gräser Spaßfaktor Arbeit I - Frohes Schaffen
Arbeit darf keinen Spaß machen - um keinen Preis. Sonst ist es ja keine Arbeit, sondern Vergnügen, und dafür werde ich nicht bezahlt, dafür müsste ich eigentlich Vergnügungssteuer bezahlen. Oder Eintritt. Oder was Ähnliches. Außerdem - wissen wir nicht seit Marx bzw. spätestens seit Marcuse (Herbert), dass Arbeit unter den inhumanen Bedingungen des (Spät-) Kapitalistischen Wirtschafts- und Unterdrückungssystem per se „entfremdet” ist, dass wir somit alle, vom einfachsten Lohnsklaven bis zum Vorstandsvorsitzenden, unserer Wesensbestimmung beraubt werden zugunsten des Profits einiger Weniger? Deshalb müssen wir uns mindestens auch „entfremdet” fühlen. Also schlecht, um das ganz klar zu stellen.
Arbeit muss weh tun und teuer sein
Als ich vor ein paar Jahren noch regelmäßig zwischen Freiburg und Bonn hin und her pendelte, hörte ich auf einer dieser elend langweiligen Autobahnquälereien plötzlich eine wohlklingende weibliche Radio-Stimme, die über „Frohes Schaffen” sprach - eine angeblich unter den Schwaben weit verbreitete Grußformel. Was das für eine Sendung war und worum es im Einzelnen ging, habe ich vergessen. Aber seitdem spukt mir das „Frohe Schaffen” im Kopf herum.
Lange Zeit habe ich für mich selbst Arbeit ungefähr so definiert: Arbeit ist, wenn's weh tut. Alles unterhalb dieser Schwelle reicht bestenfalls von Vergnügen bis Zeitvertreib. Während jener Lebensphase, die wir gerne beschönigend Adoleszenz nennen, startete ich konsequenterweise verschiedene Versuche, mich der Arbeit in jeder Hinsicht zu entziehen. Sie konnten jedoch bald samt und sonders als gescheitert angesehen werden. Also unterwarf ich mein Selbstbild einem kleinen Refinement und versuchte mich danach mit durchaus vorzeigbarem Erfolg als „Held der Arbeit” im besten calvinistisch-preußisch-spätkapitalistischen Sinne. Das war natürlich meiner Karriere in einiger Hinsicht förderlich, weniger aber der Gesundheit und dem Familienleben und ganz gewiss nicht meinem Lebensgefühl. Narzisstische Befriedigung ist eben eine reichlich zweischneidige Angelegenheit...
„Frohes Schaffen” - vielleicht können wir von den Schwaben doch mehr lernen als nur wie man Häuser und die besten Autos der Welt baut, ohne Hochdeutsch zu können. Dass ausgerechnet sie diese Formel entwickelt haben, deren Leben vor der industriellen Revolution besonders durch Armut und Not, durch all jene Mühsal und Quälerei geprägt war, die uns jene völlig überflüssige Vertreibung aus dem Paradies eingebracht hat, ist schon bemerkenswert. Und vielleicht geht es den Schwaben dabei um mehr, als nur eine euphemistische Übertünchung der hässlichen, freudlosen Wirklichkeit. Damit hätten sie den berüchtigten gesellschaftlich relevanten Gruppen schon einmal einiges voraus.
Nehmen wir zum Beispiel mal die Gewerkschaften. Ich habe mich immer - gelinde gesagt - gewundert, warum sich die Gewerkschaften in der BR Deutschland so vorrangig nur mit einer einzigen Frage beschäftigt haben: Wie viel Geld gibt's für welche Arbeit? Zugegeben, in meiner Jugend war ich sehr naiv und - ja ich gestehe: überdies auch ein begeisterter Leser der Schriften von Hegel und Marx. Warum sich die „Vertreter des Proletariats” nicht mit der Frage beschäftigten, was die breite Masse der Bevölkerung mit einem ziemlich wesentlichen Teil ihrer Lebenszeit anstellt, ob das, was die Menschen gezwungenermaßen zwischen 7 und 16 Stunden am Tag treiben, sie in irgendeiner Weise befriedigen oder gar mit Sinn erfüllen kann, war mir nicht nachvollziehbar.
Geht es denn gar nicht um die Frage, wie nervtötend, stupide und empfunden sinnlos die Arbeit ist, sondern nur darum, wie viel dafür gezahlt wird?
Doch - die Frage ist allerdings: Wem geht es darum?
Werfen wir einen Blick auf INQA - Initiative Neue Qualität der Arbeit - getragen von allen Organisationen, die sich in Deutschland als stakeholder der Arbeitsprozesse ansehen. Da werden viele wichtige Themen behandelt, Initiativkreise erarbeiten mit hochkarätiger Besetzung wichtige Positionspapiere und Leitfäden, die „Gute Praxis” ist auch dabei - aber von „Frohem Schaffen” ist nirgendwo die Rede. Neue Qualität der Arbeit?
Also sind Faktoren wie Erfüllung, Zufriedenheit, die Erfahrung, zu etwas sinnvollem einen Beitrag zu leisten, gar „Spaß” völlig überflüssig? (Die These, dass wir davon nicht reden müssen, weil jeder von uns an seinem Arbeitsplatz tagtäglich eine ausreichende Menge davon abbekommt, lasse ich aus empirischen Gründen mal außer Betracht.)
Spaß als Produktivitätsfaktor
Dass die genannten Faktoren in der Organisationslehre der angewandten Wirtschaftswissenschaften schon längst als wichtige Produktivitätsfaktoren identifiziert sind, ist bekannt. Dass dieses Wissen in den meisten Organisationen weder in der Unternehmenskultur noch in der Führungspraxis angemessen umgesetzt wird, leider auch. Prominente Gegenbeispiele, die „Datenkrake” Google z. B., entstammen fast ausschließlich dem Sektor der Kreativwirtschaft. Das ist kein Wunder, denn dort, wo permanente Innovation gefordert ist, ist menschliche Kreativität der entscheidende Erfolgsfaktor. Und die hat nun ihrerseits die bekannten genannten Bedingungen zur Voraussetzung.
Unternehmen der klassischen Industrie- und Dienstleistungssektoren wären allerdings gut beraten, sich daran ein Beispiel zu nehmen. Denn es ist abzusehen, dass in 20 Jahren in den meisten Branchen und Märkten kein Stein und keine Mauer noch dort stehen, wo wir sie jetzt vorfinden. Wir stehen dabei nicht nur vor technischen Innovationsherausforderungen. Hier geht's ans Eingemachte der Geschäfts- und Branchenmodelle und der Neuformung von ganzen Märkten (vgl. z. B. die beiden IBM-Studien „Making Change Work” von 2007 und 2008). Wer das kreative Potential und das Engagement seiner Mit-Arbeiter nicht mobilisieren kann, bekommt damit ein Problem. Maybe we can! Schaun mer mal...
Humane Marktwirtschaft – eine neue Qualität der Arbeit
Soviel zur Top Down-Perspektive. Aber wie sieht es denn bottom up aus? Anders gefragt: Wollen wir tatsächlich eine Humane Marktwirtschaft, und das heißt auch eine wirklich neue Qualität der Arbeit? Kreativität verlangt bekanntermaßen die entsprechenden Freiräume - und deren Nutzung wiederum bedingt ein weitaus höheres Maß an Eigenverantwortung als bisher. Der Wunsch nach mehr Partizipation und Verantwortung der Mitarbeiter geht, wenn auch nicht unbedingt als machtvoll schallender Ruf, so doch als relativ konstantes Raunen durch die Flure vieler Organisationen. Aber er ist meiner Erfahrung nach zumindest bei der Generation 40+ unter den Fach- und Führungskräften nur eine Seite der Medaille. Die andere ist Seite ist eine weit verbreitete „Cover your ass”-Haltung: Lehn Dich nur nicht zu weit aus dem Fenster, sonst hängst du drin - resp. draußen, falls was schief geht. Und überhaupt, so vieles würden wir ja gerne machen, aber es geht leider nicht, weil...
Vielleicht gehören weite Teile unserer Generation zu denen, die zwar laut von Freiheit, Selbstverwirklichung und Partizipation reden (hören), aber vor dem entsprechenden Handeln doch mehr oder weniger zurückschrecken. Zumindest deuten die Ergebnisse der Studien des rheingold Instituts (http://www.rheingold-online.de/) deutlich in diese Richtung.
Aber zum Glück geht das Leben auf der Erde mit uns (voraussichtlich - man kann ja nie wissen) doch nicht zu Ende.
N@[x]t Generation?
Eine neue Generation ist herangewachsen, und das macht mir Hoffnung. Wenn meine eigene Generation X/Golf/Saab et al. wenig zum Thema „Frohes Schaffen” zu sagen hat(te), so spricht vieles dafür, dass sich mit den Zeiten wieder einmal auch die Sitten - und Haltungen - geändert haben. Aber zum Besseren? Was könnte denn eine Generation, die im Leben nur eine Dauerparty sieht, die permanent an der Nabelschnur irgendwelcher technischer Spielzeuge hängt, die nichts anderes kennt und will als Wohlstand und Konsum, eine derartige unpolitische, degenerierte Spaßgeneration wohl beitragen zu einer neuen Arbeitshaltung: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.” Kann schon sein, aber mal ganz ehrlich: Wir waren sicher nicht anders (wenn wir uns getraut haben). Nicht umsonst soll der zitierte Spruch von Sokrates stammen, und der publiziert schon eine ganze Weile nicht mehr. Und es ist doch auch ganz praktisch, wenn es immer wieder eine Jugend gibt, in die die Älteren ihre eigenen mühevoll verdrängte narzisstischen Neigungen hineinprojizieren kann, nicht war?
Allerdings kann man die Attitüden und Rituale der „Spaßgeneration” auch so deuten: Sie hat ein erheblich unverkrampfteres Verhältnis hat zum eigenen Anspruch auf Lebensfreude als so manche vorhergehende Generation. Und da sie in dieser Hinsicht nicht auf besonders gute Vorbilder zurückgreifen kann, muss sie vieles ausprobieren - um irgendwann die ihr angemessen erscheinenden Grenzen selbst zu finden.
Auch wenn Erlebnishunger ein Charakteristikum jeder Jugend war und sein wird, so kann man doch wenigstens versuchsweise der Generation Y, wie sie vor allem in den USA genannt wird, unterstellen, dass sie nicht nur ein spezifisch anderes Verhältnis hat zur Lebensfreude hat als die zwei Generationen vor ihr, sondern außerdem ihr eigenes Konzept eines gelungenen Lebens entwickelt. Und dazu gehört möglicherweise auch ein „Frohe Schaffen”.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird jede neue Generation in eine neue Welt hineingeboren - vor allem in eine neue Arbeitswelt. Als ich Kind war, rauchten an Ruhr und Saar noch die Schlote. Kohle und Stahl gehörten - gerade noch - zu den Schlüsselindustrien. Fordismus und straffe Hierarchien waren das lebendige Paradigma der großen produzierenden Unternehmen, in der die Mehrzahl der Menschen arbeitete. Das ist 40 Jahre her. Wenn man damals ein Werk mit 15.000 Mitarbeitern brauchte, so kann man heute die mindestens die gleiche Wertschöpfung mit ein paar vernetzten Computern zustand bringen. Als Einzelner konnte man sich selbst vor der Strukturkrise der Montanindustrie nicht mit einem Stahlwerk selbständig machen. Das ist heute grundsätzlich anders. Als Programmierer brauche ich ein Laptop und einen Breitband-Internetzugang. Ab 500 € Einstandskosten bin ich dabei. Was ich sonst noch brauche, habe ich im Kopf und im Herzen: fachliche und vor allem soziale Kompetenzen. Denn die extreme Kostensenkung bei den materiellen Produktionsmittel in der Kreativ- und Wissensökonomie ist nur ein, wenn auch wesentlicher Aspekt. In der Wissens- und Kreativitätsökonomie zählen neben den Fachkenntnissen - die sowieso dauernd veralten - vor allem Kreativität, Flexibilität, Neugier und soziale Fähigkeiten. Diese Form der Ökonomie ist hoch kollaborativ bei einem Minimum an fixer hierarchischer Organisation.
Generation Y
Das ist die neue Arbeits- und Wirtschaftswelt, in die die Generation Y - auch Generation Internet genannt, hineingeboren wurde. Sie sind „digital natives”. Das bedeutet viel mehr als die Allverfügbarkeit und Dauernutzung digitaler Spielzeuge und Gadgets. Das bedeutet vor allem grundsätzliche andere Organisationsformen von Arbeit, andere Arbeitsmethoden und andere, erfolgsnotwendige Arbeits(-frei-)räume.
Die Generation Y ist in vielerlei Hinsicht gut auf diese neue Welt vorbereitet worden. Der hohe Wert, der seit den 70er Jahren in Erziehung und Ausbildung auf soziale Kompetenz und konstruktives Konfliktmanagement, auf die Achtung und Wertschätzung des Einzelnen, auf Selbstverwirklichung und Teamarbeit gelegt wurde und wird, hat bei allen möglichen negativen Auswüchsen durchaus positive Früchte getragen. (Vielleicht sollte man den Einfluss der elterlichen und schulischen Erziehung auch nicht zu hoch bewerten. Schließlich ist aus den meisten von uns ja auch noch irgendwie was geworden.)
„Generation Y (14 to 27 years old) is often tagged as a self-entitled group raised during prosperous economic times, placed on pedestals by their doting Baby Boomer parents. In the context of the workplace, they've been described as overly ambitious dreamers who don't want to pay their dues and are only concerned about higher pay and more time off. Deloitte's latest snapshot on the Gen Yers who are already in our workforce finds that these characterizations miss the story: Gen Yers are a hidden powerhouse of employee potential, critical for global business in tough times.” (Deloitte Snapshot: Generation Y: powerhouse of the global economy. Link)
Diejenigen, die die Ursache für den Untergang des Abendlandes in der Verkommenheit der gegenwärtigen Jugend suchen, müssen also offensichtlich umdenken, wie diese Kurz-Studie der US-Amerikanischen Unternehmensberatung Deloitte LLP zeigt.
Wie sehr sich die Generation Y, die „Spaßgeneration” von ihren Vorgängern unterscheidet, wird aus der Studie ebenfalls deutlich:
„"You are a lost generation." - Gertrude Stein to Ernest Hemingway of the post-WWI generation of the 1920s.
- In contrast, Gen Yers are future oriented, confident, and optimistic.
"[We are a] generation of crazy, illuminated hipsters suddenly rising and roaming America, serious, bumming and hitchhiking everywhere... staring out the dead wall window of our civilization." - Jack Kerouac on the 1950s Beat Generation.
- In contrast, Gen Y is highly collaborative; they are high achievers, eagerly engaged in society.
"Tune in, turn on, drop out." - Timothy Leary's slogan, adopted by the Baby Boom Generation in the 1960s.
- In contrast, Gen Y trusts and respects authority figures - so long as they are competent, ethical, and authentic."
„Spaßgeneration” - vielleicht. Aber ist der Spaß ein Problem? Oder sind nicht vielmehr wir das Problem, weil wir uns schlichtweg nicht vorstellen können, dass „Spaß”, also z. B. Lebensfreude, Zukunftsoptimismus, Gestaltungswille und Gestaltungskraft, Leidenschaft und Sinnsuche in der Arbeitswelt - dem „Ernst des Lebens” - irgendetwas verloren haben könnten?
An anderer Stelle spezifiziert Deloitte genauer, welche Erwartungen die Generation Y an ihr Arbeitsumfeld und an ihre Arbeitgeber hat:
•To work with positive people (Gen Y responds poorly to those who act in an authoritarian manner and/or who expect to be respected due to higher rank alone)
•To be challenged (Gen Y believes it can learn quickly, take on significant responsibility and make major contributions far sooner than Baby Boomers think)
•To be treated respectfully (Gen Y has been raised to feel valu­able and very positive about themselves; they see as a sign of disrespect any requirement to do things just because this is the way it has always been done or to pay one's dues)
•To learn new knowledge and skills (Gen Y sees repeating tasks as a poor use of their energy and time and an example of not being taken seriously)
•To work in friendly environments (Gen Y responds poorly to inflexible hierarchical organizations and responds best to more networked, less hierarchical organizations)
•To have flexible schedules ("the technology permits it, so why not? - evaluate me on output not input- on the work product itself, not where or when or how I do the work")
•To be paid well (Gen Y does not want to be taken advantage of; does not have sufficient trust in businesses to make good on promises of lots of money someday in the distant future)
(Deloitte Talent Market Series Volume I: Connecting Across the Generations in the Workplace. What Business Leaders Need to Know to Benefit from Generational Differences. Link).
Wenn ich mir diesen Katalog anschaue, dann kann ich mir sehr gut vorstellen, unter solchen Bedingungen sogar sehr viel Spaß an der Arbeit zu haben.
Vielleicht hat die eine oder der andere unter ihnen jetzt begonnen, meinen Eindruck zu teilen, dass wir von der Generation Y eine ganze Menge lernen können. Dann schauen Sie sich doch einfach mal zwei konkrete Projekte an. Und dabei blicken wir zur Abwechslung mal auf unsere Seite des Atlantiks. Zuweilen gibt es vor unserer eigenen Haustüre nicht nur etwas weg zu kehren, sondern Wertvolles aufzunehmen.
Kapuzenpullis und Anzugträger – DNAdigital
„Wenn Kapuzenpullis auf Anzugträger treffen” - ist eines dieser Projekte, in denen zwei Generationen und zwei Kulturen versuchen, voneinander zu lernen und miteinander an der Zukunft zu arbeiten. Den Anstoß dazu gaben im Jahre 2008 Sören Stamer (http://twitter.com/SoerenStamer) und Wilms Buhse (http://twitter.com/Ahoibrause). Beide damals Vorstände von CoreMedia und ausgewiesene Experten der zukünftigen Arbeitswelt - neudeutsch „Enterprise 2.0” - schafften sie es nicht nur, die Deutsche Telekom AG, sondern auch Alcatel-Lucent, Cisco, CoreMedia, und Nokia Siemens Networks für Ihre Projektidee DNAdigital (http://www.dnadigtal.de) zu begeistern. In der ursprünglichen Konzeption ging es den Initiatoren primär darum, die mit den neuen Netz-Technologien entstandenen Kommunikations- und Arbeitsformen in die mehrheitlich adynamischen (und spaßfreien) Organisationsformen großer Unternehmen einzuführen. Aber bereits die „Vision” von DNAdigital zeigt, welches Veränderungspotenzial darin steckt:
„Die zentrale Vision der Initiative DNAdigital ist es, die Auswirkungen des gesellschaftlichen und technologischen Wandels für Unternehmen und Mitarbeiter zu formulieren und in eine produktive, gemeinsame Verantwortung zu überführen.
Dazu gehört das Verständnis der Zäsur zwischen den Generationen am Arbeitsmarkt ebenso wie Fragen nach Kollaboration, Transparenz und Kontrolle in Unternehmen. Der notwendige Wandel dieser Strukturen erfordert Mut und Offenheit, von der Führung wie von den Mitarbeitern wie aktuelle Beispiele illustrieren.
In gemeinsamer Verantwortung von Einflussnehmern aus der Wirtschaft und aus der digitalen Kultur sollen Ideen, Projekte und praktische Konzepte für die Gestaltung der zukünftigen Arbeitswelt entstehen (Enterprise 2.0).” (http://www.dnadigital.de/networks/wiki/index.vision)
Mit den Jahren ist DNAdigital gewissermaßen selbst über sich hinausgewachsen - zu einer gemeinsamen Arbeitsplattform für ,Anzugträger und Kapuzenpullis' die gemeinsam an der Gestaltung der Zukunft arbeiten. Es gibt mittlerweile zwei Buch-Publikationen, die man als Kapuzenpulli im Netz umsonst herunterladen oder als Anzugträger auch als Buch kaufen kann. Sie handeln vom guten Leben und Arbeiten in der gegenwärtigen und zukünftigen real-digitalen Zivilisation. Konsequenterweise auch von Politik und Demokratie - darum geht es im neuen Titel „Reboot_D. Digitale Demokratie - alles auf Anfang”.
Einiges, was in den Büchern, im Manifest der digital natives (http://www.dnadigital.de/networks/wiki/index.manifesto) und in den Blogs gedacht und veröffentlicht ist, mag dem ungeneigten Leser übertrieben oder gar unsinnig erscheinen. Aber: Was ist daran so schlimm? Auch die besten Philosophen und Wissenschaftler haben manches Mal über das Ziel hinaus- oder auch völlig daneben geschossen. Vor allem aber: Bei allem Engagement ist DNAdigital kein Dogma, sondern ein offen-diskursiver Prozess im besten zivilgesellschaftlichen Sinne, der zwar vielleicht auch manchen Unsinn produziert, aber trotzdem eine Menge Sinn schafft. Und das nicht nur für die unmittelbar Beteiligten. Alles andere als nebenbei zeigt DNAdigital auch, wie harte engagierte Arbeit und Spaß kontinuierlich vereinbar sind. Und es deutet vieles darauf hin, dass für diesen Spaß vor allem zwei Faktoren verantwortlich sind: die respektvolle Zusammenarbeit, also die intensive Kommunikation bei der Arbeit, und das Wissen darum, dass das, war ich hier treibe, Sinn macht. Und zwar nicht nur für mich, sondern für die Gemeinschaft. Wer der Auffassung ist, dass „unsere heutige Jugend” keinen Gemeinsinn mehr hätte, dem lege ich einen ausgiebigen Besuch auf DNAdigital ans Herz. Wer dieser Meinung nicht ist, dem kann der Besuch auf der gemeinsamen Plattform von Kapuzenpullis und Anzugträgern auch nicht schaden.
palomar5 - „try to make the world a better place”!
Viel Arbeit mit viel Spaß hatten 30 Menschen unter 30 aus aller Welt im „Think- & Do-Tank” des Projekts palomar5 (http://palomar5.org). Vom 9. Oktober 2009 an lebten und arbeiteten sie sechs Wochen gemeinsam in der einer alten Malzfabrik in Berlin-Schöneberg. Gemeinsam suchten sie eine Antwort auf die „große Frage: Wie werden wir in Zukunft arbeiten.” Dabei unterschieden sie sich von all den anderen Organisationen, Initiativen und Think Tanks, die sich diesem Problem verschrieben haben, in einem wesentlichen Punkt. „What makes the innovation format of Palomar5 special is, that in order to work out questions, a creative space is created in which a multidisciplinary network actually lives and validates the solutions it's working on - like in an ongoing field trial.” Nach dem Ende dieses „Feldversuchs” präsentierten die Vertreter der Generation Y die Ergebnisse auch einem „Summit” vor 300 geladenen hochkarätigen Gästen aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Politik und Medien. Wie haben die Aktiven diese sechs Wochen wahrgenommen? Laurent schreibt dazu in seinem Blog: „2009 was a great year, hell yes it was. We dreamt and we planned, we laughed and we cried, we failed and we succeeded... but after all we moved things. We could feel change happening. Not by proxy, but in the palms of our very hands. The buzzing in our fingertips, it was called joy. And be sure, it felt so good... almost addicting.” (http://palomar5.org/2010/01/06/palomar5-in-2009-%e2%80%93-the-movie/) - no comment needed.
„Palomar5 2009 - der Film” kann die Intensität der Atmosphäre, den Optimismus und das Engagement der Teilnehmer besser wiedergeben als ich mit meinen trockenen Worten. Und ich gebe es zu, wenn ich diese Bilder sehe, kann ich mich eines kleinen Neidgefühls nicht erwehren. Wenn ich doch noch einmal unter 30 sein könnte. Bloß ein kleines Bisschen. Wenigstens für sechs Wochen...
So könnte „Frohes Schaffen aussehen”: Ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Selbstverantwortung, das ehrliche Gefühl, einen sinnvollen Beitrag zu leisten, Raum für Kreativität und intensiven Austausch, eine inspirierende Arbeitsatmosphäre und eine gute Führung, Flexibilität bei der Wahl der Arbeitszeiten und -orte, eine Kultur getragen von gegenseitigem Respekt und Achtung, Herausforderung und - ja, ich gebe es zu, in Deutschland wohl etwas unmögliches: Zukunftsoptimismus. Eigentlich sind das keine besonders neuen Gedanken. Aber offensichtlich braucht es eine neue Generation, die uns wieder an sie erinnert, eine Generation, die mit dem Begriff „Arbeit” nicht sofort an Arbeitszeitverkürzung und Gehaltserhöhung denkt.
Wer da noch behauptet, die „Jugend von heute” sei unpolitisch, narzisstisch, asozial und mehr oder weniger imbezil, weil digitalen oder anderen Drogen verfallen, hat wohl das eine oder andere einfach nicht mitbekommen. Die „Jugend von heute” ist mal wieder dabei, die Welt zu verändern. Sie kann ja auch gar nicht anders - das ist schlichtweg ihr Job. Wir sollten sie dabei nach bestem Vermögen unterstützen. Das ist unser Job. Nicht nur, aber ganz besonders bei der Gestaltung unserer Arbeits- und Wirtschaftswelt. Vielleicht müssen wir die Arbeit ganz abschaffen, wenn wir ins Paradies (sorry: Reich der Freiheit) kommen wollen. Aber wollen Sie da wirklich leben? Ich nicht. Da gehe ich lieber sechs Wochen in eine Arbeits- und Lebenswelt à la palomar5. Oder am besten gleich für immer.
In diesem Sinne: Frohes Schaffen!

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